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StartseiteTag für TagNach dem Tsunami kamen die Islamisten30.12.2014

IndonesienNach dem Tsunami kamen die Islamisten

Die westindonesische Provinz Aceh war 2004 am stärksten vom Tsunami betroffen. Dort starben mehr als 130.000 Menschen. Seit dieser Katastrophe, die als göttliche Strafe verstanden wird, bestimmen in Aceh die Islamisten das gesellschaftliche Leben. Eine Scharia-Polizei ahndet geringste Vergehen gegen die islamische Ordnung, die Prügelstrafe wird öffentlich vollzogen.

Von Thomas Kruchem

(imago)
Gebet zum Gedenken an die Tsunami-Opfer vor zehn Jahren. (imago)
Weiterführende Information

Zehnter Jahrestag - Südostasien gedenkt der Opfer der Tsunami-Katastrophe
(Deutschlandfunk, Informationen am Mittag, 26.12.2014)

Zwei Jahre nach dem Tsunami: Hoffnung für Aceh
(Deutschlandfunk, Hintergrund, 26.12.2006)

Zwischen Frust und Hoffnung
(Deutschlandfunk, Eine Welt, 17.12.2005)

Konfliktherd Aceh
(Deutschlandfunk, Hintergrund, 18.01.2005)

"Ich klammerte mich an eine vorbei schwimmende Matratze und hatte panische Angst, im Wasser herumtorkelnde Trümmer würden mich zerschmettern. Mit einem Brett paddelte ich landeinwärts und rettete mich schließlich auf das Dach eines zweistöckigen Hauses, das schon voll war mit Menschen, die meisten verwundet. Einer Frau hing ein Augapfel aus der Höhle, eine andere hatte eine riesige Wunde am Bauch, die stark blutete. Kinder schrien; und einen verwirrten Mann mussten wir festhalten, weil er wieder ins Wasser springen wollte."

Ulee Lheu, ein Dorf nahe der Stadt Banda Aceh im Norden der indonesischen Insel Sumatra. Kyamat, das Jüngste Gericht, sei gekommen, glaubte Nilawati Ta an jenem 26. Dezember 2004, als der Tsunami über die Provinz Aceh hereinbrach. Mit Tränen in den Augen sitzt die 45-Jährige auf einer Bastmatte.

"Wir Menschen hier in Aceh hatten die Geduld Allahs überstrapaziert", meint nachdenklich ihr Cousin Fatalan. "Wir hatten zu viel gesündigt in den Jahren vor dem Tsunami."

"Allah hat uns aufgerüttelt mit dieser Katastrophe. Wir sollten aufhören mit dem Bürgerkrieg, der so viele unschuldige Menschen das Leben gekostet hatte. Und wir sollten aufhören, herumzuhuren in den Bordellen unserer Städte. Und die Lektion haben wir zum Glück gelernt."

Lange muslimische Tradition in Aceh

Das vom Schicksal so unfassbar getroffene Aceh blickt auf eine lange muslimische Tradition zurück. Ab dem siebten Jahrhundert siedelten hier arabische Gewürzhändler, die mit Madrassas, Koranschulen, den Islam verbreiteten – in Indonesien und Teilen der Philippinen; in Singapur und Südthailand.

Im 17. Jahrhundert war das Sultanat von Aceh die stärkste Macht der Region. Jahrzehntelang kämpften die Acehnesen gegen niederländische Kolonialherren für ihre Selbstbestimmung, später 30 Jahre lang gegen Indonesiens Zentralregierung.

Nach dem Tsunami fand überraschend schnell der Bürgerkrieg ein Ende - und der Islam gewann eine noch größere Bedeutung im Alltag der Menschen, als er sie ohnehin schon hatte – im Vergleich zum restlichen Indonesien. Acehs frühere Rebellen und heutige Herrscher nutzten den verbreiteten Glauben, der Tsunami sei eine Strafe Allahs gewesen, als Wasser auf ihre Mühlen. Und sie begannen, ein öffentliches Leben strikt nach den Regeln des Korans durchzusetzen – die Scharia.

Dies, obwohl Indonesien ein säkulares Staatswesen ist und der Islam keine Staatsreligion.
Systematisch hat sich die Regierung der autonomen Provinz das Recht ertrotzt, immer neue Bereiche auch des privatesten Lebens den Vorschriften des Koran zu unterwerfen. Frauen müssen Körper und Gesicht verhüllen, unverheiratete Paare dürfen sich nicht allein treffen, Homosexualität gilt als Verbrechen.

Scharia-Polizei setzt Vorschriften des Koran durch

Durchgesetzt werden diese Gebote von einer Scharia-Polizei, die in feldgrünen Uniformen patrouilliert. Ein Scharia-Gericht verurteilt überführte Delinquenten zu Prügelstrafen, die im Rahmen eines öffentlichen Spektakels verabreicht werden. Der Tarif für, zum Beispiel, Sex außerhalb der Ehe liegt bei 100 Stockhieben.

Chairul Fahmi, ein Soziologe, erforscht am international geförderten Aceh Institute das Verhältnis zwischen Politik und Zivilgesellschaft in der Provinz. Die auffällig starke Regulierung des sexuellen Lebens durch die Scharia erklärt Fahmi damit, dass die Ehre des Einzelnen und seiner Familie geschützt werden müsse. Die Scharia-Strafen hält der Wissenschaftler für nicht ganz so schlimm, wie sie aussehen:

"Diese Strafen verfolgen in erster Linie das Ziel, den Delinquenten öffentlich bloßzustellen, damit er bereut und andere abgeschreckt werden. Vor der Bestrafung zieht der Verurteilte eine dicke Jacke an und der die Strafe ausführende Scharia-Polizist darf nicht zu stark ausholen. Sicher, Striemen auf dem Rücken haben die Geschlagenen anschließend, aber noch keiner musste meines Wissens wegen solcher Verletzungen ärztlich behandelt werden. Nur einmal wurde eine Frau ins Krankenhaus eingeliefert – dies aber nicht wegen ihrer Verletzungen, sondern weil sie infolge der öffentlichen Bloßstellung und Schande ohnmächtig geworden war."

Die Theorie von der Scharia-Strafe als bloßer Lektion für Übeltäter, die auch viele Politiker in Aceh verbreiten, erweist sich in der Realität als nicht stichhaltig. Augenzeugen wie die alte Bäuerin Ani in Ulee Lheu berichten:

"Ich habe einmal mit angeschaut, wie sie auf dem Hof einer Moschee Ehebrecher bestraft haben. Der Mann wurde von einem Mann geschlagen, die Frau von einer Frau. Beide haben furchtbar geschrien, weil das wohl sehr wehtat."

Außerdem: 2009 verabschiedete das Parlament von Aceh ein Gesetz, dass die Steinigung von Ehebrechern vorsieht. Dies Gesetz trat nur deshalb nicht in Kraft, weil sich der damalige Gouverneur weigerte, es zu unterschreiben.

Muslimischer Fundamentalismus bedroht Christen und Buddhisten

In der methodistischen Kirche von Banda Aceh, einem schlichten Zweckbau, feiert die Gemeinde ihren Sonntagsgottesdienst. Auch diese Kirche wurde vom Tsunami zerstört. Mit Hilfe vor allem aus den USA haben die 300 Gemeindemitglieder das Gotteshaus wieder aufgebaut. "Leider nicht so groß, wie wir es wollten", klagt Johann, der Pfarrer der Gemeinde. Die Stadtverwaltung stellte sich quer.

Insgesamt 90.000 Christen leben in Aceh, knapp zwei Prozent der Bevölkerung. Viele gehören der chinesisch-stämmigen Minderheit an. In einer bis heute noch subtilen Art und Weise bedrohe wachsender muslimischer Fundamentalismus diese Christen und auch die Buddhisten Acehs, meint der Pfarrer:

"Im Distrikt Bireuen betreiben wir Methodisten einen Kindergarten. Dorthin haben früher auch viele Muslime ihre Kinder geschickt. Vor einigen Jahren jedoch wurden sie von radikalen Kräften bedroht: 'Wagt es nicht, eure Kinder weiter von Christen indoktrinieren zu lassen.' Und uns ließ die Stadtverwaltung inoffiziell wissen, es sei besser für uns, keine Muslime mehr aufzunehmen."

Drei protestantische Kirchen und eine katholische gibt es in Banda Aceh. Viele Christen aber, berichtet der methodistische Pfarrer, feiern ihre Gottesdienste nicht in traditionellen Kirchen, sondern in einem halb privaten Rahmen.

"Es gibt hier, wissen Sie, eine weitverbreitete Hausbauweise, die wir Romatako nennen: Im Erdgeschoss ist ein Laden untergebracht und im Obergeschoss eine Wohnung. Solche Wohnungen nutzen wir Christen seit Langem auch als Kirchen. Plötzlich aber kam die Regierung und schloss viele solcher Kirchen – mit der Begründung, wir hätten gegen die Bauvorschriften verstoßen und Wohnraum zweckentfremdet."

Ausdehnung der Scharia auf Nicht-Muslime?

Von bürokratischer Schikane und Anfeindungen im Alltag sei es oft nur ein kleiner Schritt zu offener Diskriminierung oder gar Pogromen, sorgt sich Pfarrer Johann. Hinzu kommt: Im Dezember 2013 unterzeichnete Gouverneur Zaini Abdullah eine Verordnung, nach der auch Nicht-Muslime in Aceh die Regeln der Scharia befolgen müssen. Ein Veto der Zentralregierung in Jakarta verhindert vorläufig die Umsetzung der Verordnung.

"Wirklich Angst, dass uns die Scharia aufgezwungen wird, haben wir noch nicht. Denn das öffentliche Leben Indonesiens beruht immer noch auf der Pancasila, unserer offiziellen Staatsphilosophie, in der religiöse Freiheit und Toleranz eine große Rolle spielen. Trotzdem sind wir beunruhigt; denn zumindest die neue Bürgermeisterin von Banda Aceh will allen Bürgern der Stadt die Scharia aufzwingen."

Diskriminierung von Christen, Ausdehnung der Scharia auf Nicht-Muslime? "Alles Unsinn", sagt in seinem Büro Suleiman Abda, Vizepräsident des Parlaments von Aceh. Abda gilt als engagierter Befürworter der Scharia in Aceh, wirft zugleich aber Christen wie ausländischen Kritikern Paranoia vor:

"Das hier Christen ausgegrenzt und Vorschriften der Scharia auf Nicht-Muslime angewandt werden, ist nichts als ein Gerücht. Und bei offiziellen Anlässen feiern Angehörige aller Religionen gemeinsam. Überhaupt: Dort drüben, auf der anderen Straßenseite, steht eine Kirche. Muss die bewacht werden? Wird die mit Steinen beworfen? Nein. Und ich kann Ihnen nur empfehlen, bösartig in die Welt gesetzten Gerüchten keinen Glauben zu schenken. Damit wollen gewisse Kräfte nur Investoren von Aceh fernhalten."

Frauen besonders betroffen

Zu den wenigen Kritikern der Scharia-Diktatur in Aceh zählt eine kleine Frauenorganisation mit dem Namen APIK. Die Organisation gewährt Frauen juristische Hilfe gegenüber religiös motivierter Willkür und veranstaltet Seminare – zur Poesie acehnesischer Freiheitskämpferinnen zum Beispiel.

Gegründet wurde APIK von der Rechtsanwältin Azriana Rambemanalu. Eine in schwarz gekleidete, schon etwas ältere Frau von sanfter, aber energischer und anklagender Gestik. Die Einführung der Scharia in Aceh verkörpere vor allem eine Diskriminierung von Frauen, sagt sie. Die Scharia-Vorschriften regelten das Leben von Frauen weit stärker als das von Männern; und eine Prügelstrafe sei fast gleichbedeutend mit der Todesstrafe für die betroffene Frau.

"Die Folgen solcher Bestrafungen treffen Frauen ganz anders als Männer. Nach außen hin ist die Strafe zwar die gleiche: Die Namen werden veröffentlicht, die Eltern und die genaue Anschrift werden genannt. Der Unterschied liegt darin, wie die Gesellschaft hier die sogenannten Vergehen bewertet. Wenn ein Mann trinkt, spielt oder herumhurt, sagt man: Naja, das haben Männer schon immer getan. Trinkt dagegen eine Frau oder hat sie Sex außerhalb der Ehe, dann reagiert die Gesellschaft extrem heftig. Und an jene Resozialisierung, von der die Regierung und die islamische Geistlichkeit so gern schwafeln, ist gar nicht zu denken. Im Gegenteil: Der Mann lässt sich scheiden; die Frau verliert ihre Kinder und ihren Arbeitsplatz; sie muss fortziehen und ein völlig neues Leben beginnen. Dazu aber fehlt vielen Frauen schlicht und einfach die Kraft."

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