Samstag, 02. Juli 2022

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Infektiöser Krebs

Medizin. – Krebs an sich ist nicht ansteckend – zumindest nicht beim Menschen. In der aktuellen "Cell" berichten Forscher allerdings über einen Krebs bei Hunden, der sich nur über Infektion fortpflanzt. Ähnliches wurde auch vom Tasmanischen Teufel berichtet.

von Volkart Wildermuth | 17.08.2006

Vor 130 Jahren beschäftigte sich ein russischer Tierarzt mit einem Hundetumor namens Sticker’s Sarkom. Krebs bei Hunden ist nicht ungewöhnlich, aber diese Wucherungen an den Geschlechtsorganen verhielten sich nicht wie normale Tumore: sie schienen von Rüde zu Hündin und von Hündin zu Rüde weitergegeben zu werden. Schließlich kratzte der Forscher einige Krebszellen ab und übertrug sie auf einen gesunden Hund. Mit der Zeit entwickelte sich ein Tumor. Damit war klar, dieser Hundekrebs ist wirklich ansteckend. Seitdem streiten sich die Geister: verläuft die Infektion direkt über die Krebszellen, oder ist irgendein unbekanntes Virus verantwortlich? Um das Problem zu klären nutzte die Arbeitsgruppe um Robin Weiss vom University College London ein Werkzeug der Gerichtsmediziner: den genetischen Fingerabdruck. Damit verglichen sie Tumor- und Blutproben von kranken Hunden.

"”Bei jedem der untersuchten Hunde unterschied sich das Erbgut des Tumor von der Blutprobe. Der Krebs kommt also von außen. Als wir Hunde von fünf Kontinenten verglichen zeigte sich, alle Tumore sind eng verwandt. Sie müssen von dem Tumor eines einzigen Tieres abstammen und dieser Tumor breitete sich seitdem von Tier zu Tier aus, ähnlich wie ein Parasit. Der erste Hund, der diesen Tumor entwickelte, lebte wohl vor einigen hundert Jahren. Das ist die älteste Krebszelllinie, die wir kennen.""

Ursprünglich entwickelte sich der Tumor-Parasit wahrscheinlich in einem Grauwolf oder in einer asiatischen Hunderasse. Normalerweise entsteht Krebs, wenn körpereigene Zellen bösartig werden. Deshalb gleichen sich die genetischen Fingerabdrücke der Krebszellen und der gesunden Gewebe. Dieser Tumor dagegen hat genetisch mit den Hunden nichts zu tun, sie dienen ihm nur als Nährboden, auf dem er wuchern kann. Beim Sex, bei Bissen oder auch gelegentlich beim bloßen Lecken an den Wucherungen, werden die Krebszellen weitergereicht und infizieren den nächsten Hund. Das ist sehr ungewöhnlich, normalerweise zerstört das Immunsystem alle fremden Zellen auf der Stelle, doch dieser Tumor-Parasit entkommt den Abwehrzellen. Weiss:

"”Diese Flucht ist nicht dauerhaft. Etwa zwei Drittel der Hunde besiegen den Tumor nach einigen Monaten, ihr Immunsystem erkennt ihn doch noch. Wir haben uns die Moleküle an der Außenseite der Krebszellen angesehen, an denen da Immunsystem normalerweise fremde Zellen erkennt. In diesem Tumor sind sie anfangs abgeschaltet.""

Der Tumor verbirgt sozusagen seine Herkunft und bleibt deshalb zunächst unerkannt. Zusätzlich bildet er Hemmstoffe, die die Abwehrzellen behindern. Dieser einzigartigen Kombination von Eigenschaften hat es der Ursprungstumor wohl zu verdanken, dass er nicht mit seinem ersten Opfer sterben musste, sondern als Parasit weiterleben konnte. Neben den Hunden hat nur der Tasmanische Beutelwolf unter ansteckenden Tumoren zu leiden. Die aggressiven Tiere beißen sich häufig und übertragen dabei einen tödlichen Krebs, der rund ums Maul wuchert. Die Art ist vom Aussterben bedroht, die wenigen verbliebenen Tiere sind sich genetisch sehr ähnlich. Aus Sicht des Tumors vereinfacht das die Dinge. Wenn sich alle gleichen, ist die Aktivität des Abwehrsystems gegen fremdes Gewebe nicht so hoch. Unter Menschen dagegen funktioniert die Abstoßung sehr gut, das zeigen schon die Probleme bei der Organtransplantation. Robin Weiss glaubt deshalb nicht, dass man sich jetzt Sorgen über ansteckende Krebsformen beim Menschen machen muss:

"”Beim Menschen kennen wir keine infektiösen Tumore. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass Menschen Krebs bekommen haben, weil sie Krebspatienten pflegten oder intimen Kontakt mit ihnen hatten. Völlig unmöglich ist es aber nicht, schließlich kommt es bei den Hunden vor.""

Die einzigen bekannten Fälle einer direkten Übertragung von Tumoren finden sich im Umfeld der Organtransplantation. Etwa 100 Patienten, ein winziger Bruchteil aller Organempfänger, hatten das Pech, dass sich im gespendeten Organ unerkannt Krebszellen befanden. Weil ihr Immunsystem mit Medikamenten unterdrückt wurde, konnten sich diese Zellen zu Tumoren weiterentwickeln. Aber das sind seltene Einzelfälle. Der Tumor-Parasit der Hunde ist biologisch höchst interessant, aber er ist kein Warnsignal für medizinische Probleme beim Menschen.