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StartseiteUmwelt und VerbraucherGegen den giftigen Feinstaub zu Silvester 06.12.2019

Initiativen für ein BöllerverbotGegen den giftigen Feinstaub zu Silvester

Das Silvesterfeuerwerk sorgt für ähnlich viel Feinstaub wie der Straßenverkehr in zwei Monaten. Und auch die Auswirkung auf die Tierwelt ist verheerend. Initiativen setzen sich deshalb dafür ein, die Böllerei zu verbieten - mit dem aktuellen Recht ist dies aber nur begrenzt durchsetzbar.

Von Anja Nehls

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Menschen schießen vor dem Denkmal am Deutschen Eck in der Nacht Raketen in die Luft. (Thomas Frey / dpa)
Die Böllerei zu Silvester ist in der Kritik (Thomas Frey / dpa)
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Auf den Nordseeinseln Sylt und Amrum sind Silvesterfeuerwerke seit über 30 Jahren verboten. Jetzt ziehen immer mehr Städte nach, die die Böllerei zu Silvester ganz oder in Teilen der Innenstädte untersagen. Betroffen sind unter anderem Köln, Stuttgart, Dortmund, Düsseldorf und Hannover. In München gibt es ein komplettes Feuerwerksverbot in der Altstadt und erstmals auch in Teilen von Berlin, wie am Brandenburger Tor, auf dem nördlichen Alexanderplatz oder einer Straße in Schöneberg. Die zufällig befragten Menschen am Berliner Hauptbahnhof befürworten solche Böllerverbote ausnahmslos:

"Brandgefahr, laut, teuer."

"Und zu großes zentrales Feuerwerk fände ich total in Ordnung, jeder selber muss nicht mehr sein."

"Viele Besoffene, die mit dem Zeug sowieso nicht mehr umgehen können nach Mitternacht."

"Ich brauche dieses Geknalle nicht, weil ich das Geknalle überhaupt nicht abkann."

"Meistens sieht es schön aus, aber ob der ganze Müll sein muss, weiß ich nicht. Und es wird ziemlich viel Geld rausgeschmissen. Also ich böllere selber nicht, weil ich das Geld spare."

"Zu gefährlich, also wir kommen aus einer kleineren Stadt, da sind so viel alte Gebäude, das macht keinen Sinn, dass da geböllert wird."

Feinstaubbelastung durch das Silvesterfeuerwerk ist enorm

In einer repräsentativen Befragung hätten sich 60 Prozent der Bevölkerung für Böllerverbote ausgesprochen, sagt Jürgen Resch von der Deutschen Umwelthilfe. Neben Lärm und Verletzungsgefahr spiele dabei auch die enorme Feinstaubbelastung eine Rolle:

"Wenige Stunden Knallerei mit eben diesen Schwarzpulverraketen und Böllern verursacht so viel giftigen Feinstaub wie zwei Monate Straßenverkehr in ganz Deutschland."

Die Deutsche Umwelthilfe hat sich deshalb an knapp 100 Städte in Deutschland gewandt, die die Feinstaubgrenzwerte der Weltgesundheitsorganisation ohnehin schon überschreiten, und einen Antrag auf ein Verbot der Knallerei gestellt. Ungefähr die Hälfte der Angeschriebenen haben bereits entsprechend reagiert. In einem Dutzend Städte sind außerdem Unterpetitionen für ein Böllerverbot gestartet worden, in denen sich die Initiatoren mit Unterschriftensammlungen für ein Ende der Knallerei einsetzen.

Der Verband der pyrotechnischen Industrie  kritisiert die Bemühungen vieler Gemeinden, die Knallerei zu verbieten. Das Sprengstoffgesetz würde die Verwendung von Raketen zu Silvester gestatten.

Luftreinheit taugt nicht als Argument für ein Verbot

Aufgrund dieses Gesetzes spielt die  Luftreinheit für die meisten Städte deshalb bei der Planung von Verboten auch nur eine untergeordnete Rolle. Der häufigste von den Städten genannte Grund für Verbote und Verbotszonen sind Sicherheitsbedenken. Das Sprengstoffrecht erlaubt nämlich Einschränkungen des Silvesterfeuerwerks nur unter ganz bestimmten Bedingungen, beklagt Jürgen Resch von der DUH:

"Ein starkes Argument ist der Schutz von brandempfindlichen Gebäuden, deshalb greifen viele Gemeinden zum Argument Brandschutz. Was machen sie aber, wenn sie keine historische Altstadt haben, wie in Berlin. Dann können sie eigentlich nur das Sicherheitsargument gebrauchen. Und da ist es dann erst mal so, dass es erst mal Verletzungen oder andere Vorkommnisse benötigen, wie wir sie zum Beispiel in Köln an der Domplatte hatten, um ein Verbot aussprechen zu können."

Das Sprengstoffrecht so zu ändern, dass Städte und Gemeinden Verbote leichter erlassen können, hat Bundesminister Horst Seehofer bereits zugesagt, allerdings erst für Ende 2021. Fünf Schwerverletzte, beschossene Polizisten, kaputte Einsatzwagen, verletzte Feuerwehrleute, über 400 Brände und tonnenweise Müll waren die Bilanz der vergangenen Silvesternacht in Berlin. Von den verheerenden Auswirkungen auf die Tiere gar nicht zu reden, sagt Derk Ehlert, Wildtierexperte bei der Berliner Umweltverwaltung. Der Waldkauz brütet im Berliner Tiergarten zum Beispiel schon lange nicht mehr:

"Generell ist Silvesterknallerei nicht nur Stress, sondern bringt hunderten Tieren den Tod. Wir wissen über die Beobachtung, was die Tiere nachts machen, sie fliegen nach oben, viele kriegen auch einen Herzinfarkt, hunderte und tausende Tiere sterben jede Silvesternacht. Wenn wir uns erfreuen, müssen viele Tiere sterben."

Tiere geraten in Panik

Hunde, Katzen und Pferde haben Angst oder geraten in Panik. Die Sorge ihrer Kunden um ihre Tiere war für Simone Berger vom Hagebaumarkt Langenfeld im Rheinland Argument genug, einfach kein Feuerwerk mehr zu verkaufen. Und das habe man bereits im vergangenen Jahr so gemacht:

"Dass wir da auf Umsatz verzichten, das war uns bei unserer Entscheidung klar. Wir haben gesagt, darauf verzichten wir dann gerne. Wir haben über sämtliche Medien Danksagungen von Kunden bekommen. Das ging über einen Facebookeintrag, über Mails, über Telefonate, Kunden, die hier vor Ort waren, bis hin dazu, dass wir Briefe bekommen haben mit Bildern von den Tieren der Leute."

Einige Städte wie zum Beispiel Landshut verhängten ein Böllerverbot und veranstalten dafür eine zentrale Licht- und Lasershow mit musikalischer Untermalung – auch in Turin, Paris, Graz oder Brüssel wird mit Licht und Laser statt mit Lärm und Feinstaub gefeiert. In Australien und Griechenland gibt es ein komplettes Verbot von privaten Feuerwerken. In Dänemark ist sogar jede Art von Feuerwerk verboten. In Irland sind nur Wunderkerzen und Tischfeuerwerk erlaubt.

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