Samstag, 20.04.2019
 
Seit 22:05 Uhr Atelier neuer Musik
StartseiteDeutschland heuteBarrierefreie Ferienhäuser am Edersee26.03.2019

InklusionBarrierefreie Ferienhäuser am Edersee

Seit zehn Jahren gilt die UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland. Menschen mit Behinderung sollen umfassend und gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Am Edersee in Nordhessen gibt es Ferienhäuser, in denen Gäste barrierefrei Urlaub machen können.

Von Ludger Fittkau

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
(Ludger Fittkau (Deutschlandradio))
Barrierefreies Ferienhaus am Edersee (Ludger Fittkau (Deutschlandradio))
Mehr zum Thema

Zehn Jahre UN-Behindertenrechtskonvention Berufliche Teilhabe behinderter Menschen bleibt schwierig

Behinderten-Aktivist Krauthausen "Inklusion wird es nicht zum Nulltarif geben"

Mit Behinderung unterwegs "Wo will der Rollstuhl denn aussteigen?"

Ein freundlicher Frühlingsmorgen im nordhessischen Dorf Hemfurth – gleich unterhalb der Staumauer des Edersees gelegen. Das strahlende Sonnenlicht setzt das ohnehin mit gold-gelber Farbe gestrichene Ferienhaus "Birk" noch einmal zusätzlich in Szene. Denise und Daniel Stöcklein haben das Holzhaus in skandinavischem Stil hier mit einigen anderen bunt bemalten Ferienhäusern nebenan errichtet. Es ist komplett barrierefrei und behindertengerecht gestaltet. Schon die farblich auffällige Außenfassade ist Teil des Gesamtkonzeptes, erklärt Denise Stöcklein:

Barrierefrei im Skandinavien-Stil

"So dass auch wirklich jemand, der schlecht sehen kann, dass wenn er weiß, er sucht ein gelbes Haus oder das steht in der Beschreibung halt drin, der kann dann sagen: Das was hell ist, das kann es sein, oder was grün oder blau oder rot ist. Und das steht auch auf jeder Buchung, auf jeder Rechnung ist jedes Haus oben mit einem kleinen Kopf abgebildet, so dass man wirklich eine Wiedererkennung hat, welches hat kann jetzt tatsächlich hat."

Vom Parkplatz direkt vor dem Haus können Rollstuhlfahrerinnen und Fahrer selbstständig über eine sanft ansteigende Rampe vor den Eingang gelangen und die Tür mit einen Code über eine niedrig angebrachte Tastatur öffnen. Gleich neben der Tür ist ein kleiner hölzerner Hirsch angebracht, der ertastet werden kann:

Für Menschen mit körperlichen und kognitiven Behinderungen

"Dann haben wir für die kognitiven Behinderungen, also Leute, die vielleicht nicht lesen können – jedes Haus hat ein eigenes Tier. So dass auch derjenige weiß, in welches Haus er hin muss. Ob er jetzt zur 5a muss, das kann er vielleicht nicht lesen oder es kann es nicht sehen. Aber er kann erfühlen, dass hier der Hirsch ist, oder beim Haus Elsa haben wir die Eule, dann haben wir die Igel."

Die Holz-Ferienhäuser sind als Bausätze aus Skandinavien angeliefert worden. Dann hat der gelernte Zimmermann Daniel Stöcklein jedes Haus mit einigen Freunden binnen weniger Tage errichtet. Auch Verbesserungen an den Holzhäusern nimmt er selbst vor:

"Das ist ganz einfach. Wenn man halt mal den Mut hat, eine Motorsäge in die Hand zu nehmen und es fällt auf, es braucht auch Fenster, dann wird es eben reingeschnitten."

(Ludger Fittkau (Deutschlandradio))Denise und Daniel Stöcklein in ihrem barrierefreien Ferienhaus (Ludger Fittkau (Deutschlandradio))

Das großzügige Bad mit höhenverstellbarer Toilette befindet sich gleich links hinter dem Eingang in das Holzhaus. Mit dem Rollstuhl kann man bequem unter das Waschbecken fahren, in der Dusche ist ein Klappsitz montiert. Die Steckdosen sind für Sehbehinderte mit leuchtenden Farben umrandet. Von der flachen Türschwelle bis zu einem Rauchmelder, der unter dem Kopfkissen vibriert statt einen Warnton abzugeben, um auch Gehörlose zu wecken, sind viele Details des Hauses so behindertengerecht gestaltet, dass die Stöckleins die EU-Förderung für das Haus bekommen haben. Leicht sei das Antragsverfahren nicht gewesen, erinnert sich Daniel Stöcklein:

"Problematik war ja auch, dass man das alles vorher wissen musste. Man konnte nicht das Haus bauen und im Nachhinein schauen, wie man alles einrichtet, sondern man musste alles vorher wissen. Es musste alles vorher festgelegt sein, für den Antrag mussten für alle Sachen vorher zwei oder drei Vergleichsangebote eingeholt werden. Das Konzept musste stimmen, und das war eben der Aufwand. Da konnte man nichts spontan machen, da musste alles vorher klar sein."

EU-Förderung

Doch nach rund einem Jahr hatten die Stöckleins das grüne Licht aus Brüssel, der Bau konnte 2016 beginnen. Schon ein Jahr später wurde das Paar mit seinem Projekt zum Hessischen Tourismuspreis eingeladen, berichtet Denise Stöcklein:

"Dort sind wir angesprochen worden, ob wir mit unseren barrierefreien Häusern daran teilnehmen wollen, und in der Kategorie `barrierefrei´ haben wir dann den ersten Platz gemacht. Mit im Rennen war das Schloss Eberbach, die haben ein Modell gebaut, das man mit den Fingern abtasten kann für Blinde. Und das andere war ein barrierefreier Bus, wo er Rollifahrer mit einer Hebebühne hochheben konnte."

Die Stöckleins freuen sich heute darüber, dass gerade körperbehinderte Gäste oftmals auch ein paar Tage länger bleiben als Nicht-Behinderte, die gerne nur noch ein- oder zwei Nächte buchen. In Sachen Barrierefreiheit habe die Edersee-Region noch einiges aufzuholen, glaubt Daniel Stöcklein:

"Die Region hat so ein bisschen verschlafen, neue Projekte zu machen."

Die barrierefreien Ferienholzhäuser unterhalb der Staumauer sind ein solches neues Projekt. Doch die Politik müsse nun auch dafür sorgen, dass der Stausee in den Sommermonaten nicht zu viel Wasser an die Weser abgeben muss, um dort die Schifffahrt zu ermöglichen, wünscht sich Denise Stöcklein:

"Na ja, es gibt Gäste, die hierher kommen, weil sie Schwimmen wollen, weil sie am See Urlaub machen wollen. Und wenn sie eben keinen See vorfinden, sind die schon traurig und enttäuscht und überlegen sich, ob sie das nächste Jahr wiederkommen."

Doch genau zehn Jahre nach Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland ist auch das barrierefreie Holzhaus unterhalb der Staumauer gerade für Menschen mit Handicap ein starkes Argument, wiederzukommen. Auch die EU hat ihren Teil dazu beigetragen, dass Teilhabe Behinderter auch im Tourismus in Nordhessen ein bisschen leichter geworden ist.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk