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StartseiteUmwelt und VerbraucherInklusion im Naturschutzpark30.08.2013

Inklusion im Naturschutzpark

Deutscher Naturschutzpreis für Projekt mit behinderten und nicht behinderten Menschen

Der Deutsche Naturschutzpreis geht in diesem Jahr an eine Kooperation vom Dachverband der der deutschen Naturparke und Nationalparks EUROPARC, der Lebenshilfe und den Bodelschwinghschen Stiftungen. Das Projekt will Menschen mit geistiger Behinderung befähigen, sich ehrenamtlich im Naturschutz zu engagieren.

Anne Schierenberg im Gespräch mit Jule Reimer

Im dem Projekt soll sich vor allem um die Europäische Sumpfschildkröte gekümmert werden (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)
Im dem Projekt soll sich vor allem um die Europäische Sumpfschildkröte gekümmert werden (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Jule Reimer: Inklusion bedeutet Wertschätzung und Anerkennung von Vielfalt, zum Beispiel in der Erziehung. Inklusive Schulen nehmen behinderte und nicht behinderte Kinder gleichermaßen auf. Sie betrachten gerade diese Unterschiedlichkeit als das eigentlich Normale. Inklusiv ist auch ein Projekt angelegt, das heute, neben anderen, den deutschen Naturschutzpreis erhält: "Ungehindert engagiert" lautet das Motto des Projektträgers EUROPARC, dem Dachverband der deutschen Naturparke und Nationalparks, und am Telefon begrüße ich jetzt die zuständige Projektleiterin Anne Schierenberg mitten in der Natur in Mecklenburg-Vorpommern, mit Blick auf den Schweriner See, haben Sie mir gesagt. Frau Schierenberg, wie funktioniert ihr preisgekröntes Projekt?

Anne Schierenberg: Ja, guten Tag! Ja, unser preisgekröntes Projekt - wir freuen uns riesig über diese Auszeichnung - ist ein Gemeinschaftsprojekt von EUROPARC Deutschland, dem Dachverband der Nationalparks, Naturparks und Biosphärenreservate, mit Organisationen, die sich für die Belange von behinderten Menschen einsetzen. Und gemeinsam wollen wir, also ich sage mal ganz platt, Naturschützer und Förderer von Menschen mit geistiger Behinderung, wollen wir Menschen mit geistiger Behinderung befähigen, sich ehrenamtlich im Naturschutz zu engagieren.

Reimer: Sie sagten bereits, Sie haben Partner, das ist einmal die Lebenshilfe und die Bodelschwinghschen Stiftungen. Welche Art von Behinderung haben denn dann genauer die Beteiligten?

Schierenberg: Ja, in vielen Fällen ist es das Down-Syndrom, das betrifft vor allen Dingen die Lebenshilfe, bei den Bodelschwinghschen Stiftungen ist das Spektrum noch etwas weiter gefasst, da sind auch Menschen beteiligt, die zum Beispiel mit psychischen Beeinträchtigungen zu tun haben, es sind aber Menschen, die nichtsdestotrotz in der Lage sind, sich ehrenamtlich für wichtige Arbeiten im Naturschutz zu engagieren.

Reimer: Und was sind das genau für Arbeiten?

Schierenberg: Unser Thema ist der Lebensraum Wasser. Unsere Freiwilligen werden sich an Bächen, Teichen und an der Küste engagieren. Ich nenne mal ein Beispiel: Im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin in Brandenburg wird es um den Lebensraum der europäischen Sumpfschildkröte gehen, die ist vom Aussterben bedroht, und die Ehrenamtlichen dort von der Lebenshilfe werden zum einen die Schildkröten im Winter ins Winterquartier nehmen, das heißt, in ihren gut temperierten Keller zum Überwintern nehmen, und im Sommer kümmern die sich um den Teich, in dem die Sumpfschildkröten leben, und entnehmen zum Beispiel aufwachsenden Bewuchs an den Teichrändern, den die Schildkröten unbedingt als sonnige Eiablagefläche brauchen.

Reimer: Sie haben noch andere Ziele: Sie wollen auch Materialien entwickeln. Was ist da das Besondere?

Schierenberg: Wir werden Themenhefte erstellen in leichter Sprache, also speziell für Menschen mit geistiger Behinderung, die, ich sage mal, mit ganz regulären Infomaterialien ihre Schwierigkeiten hätten. Wir wollen ein Themenheft zum Thema Teich und See, eins zum Thema Bach und Fluss und eins zum Thema Meer und Küste erstellen und darin gut verständlich darstellen, was das Ökosystem für Besonderheiten hat, was es da für besondere Tiere und Pflanzen gibt, so, dass sich die Menschen mit geistiger Behinderung auch außerhalb ihrer praktischen Einsätze noch weiter informieren können und auch die Materialien in ihre Einrichtung mitnehmen können.

Reimer: Wer ist denn dann noch mal so von der, in Anführungszeichen, nicht behinderten Seite beteiligt? Denn Sie sagen ja, es ist ein inklusives Projekt.

Schierenberg: Genau. Die Schutzgebiete, die sich an diesem Projekt beteiligen, arbeiten jetzt schon sehr intensiv mit Freiwilligen zusammen, die keine Behinderungen haben, und unser Ziel ist es, diese Menschen mit geistiger Behinderung und Freiwillige ohne Behinderungen zusammenzubringen bei diesen praktischen Einsätzen, um zu zeigen: Gemeinsam geht es genau so gut.

Reimer: Das Besondere an dem Deutschen Naturschutzpreis ist ja, dass er in diesen Fällen zukünftige Projekte fördert. Haben Sie denn schon mal Erfahrungen mit ähnlicher Form von Inklusion gemacht?

Schierenberg: Mit der Lebenshilfe kooperieren wir bereits seit circa fünf Jahren. Das ist aber bisher rein zugeschnitten gewesen auf praktische Arbeitseinsätze, wo auch die Freiwilligen in der Regel, die Freiwilligen mit geistiger Behinderung eher unter sich sind. Und genau das möchten wir jetzt ausweiten. Wir möchten sie zusammenbringen mit Menschen ohne geistige Behinderung und eben aufsatteln auf diese rein praktischen Arbeitseinsätze mit den Lernmaterialien in leichter Sprache und auch mit gezielten Trainings in leichter Sprache, sodass wir den Freiwilligen mit geistiger Behinderung die Möglichkeit geben, sich auch fortzubilden, zusätzlich zu ihrem praktischen Einsatz.

Reimer: Anne Schierenberg war das vom Dachverband der nationalen Naturlandschaften in Deutschland, EUROPARC, über ihr Projekt "Ungehindert engagiert", das heute den Deutschen Naturschutzpreis erhält. Danke für das Gespräch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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