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StartseiteCampus & Karriere"Debatte erreicht Mehrheit der Eltern nicht"01.10.2015

Inklusions-Studie"Debatte erreicht Mehrheit der Eltern nicht"

Eine Schule für alle Kinder, egal ob mit oder ohne Behinderung. Das ist das Ziel der Inklusion. Und in Deutschland wird auch daran gearbeitet, dieses Ziel zu erreichen. Allerdings: Viele Lehrer fühlen sich davon überfordert. Jetzt gibt es eine neue Studie über Wünsche und Sorgen der Eltern.

Von Christiane Habermalz

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Kaum ein Thema in der Bildungspolitik ist so aufgeladen wie das der Inklusion, also die Eingliederung behinderter Kinder in allgemeinbildende Schulen.  Bei der Frage Regelschulen oder Förderschulen prallen die Positionen aufeinander.  Progressiven Bildungspolitikern geht es um gesellschaftliche Veränderung, um mehr Teilhabe von Benachteiligten. Konservativen eher um die bestmögliche individuelle Förderung des Einzelnen – des Leistungsstarken wie des Leistungsschwachen, gerne und wenn nötig auch getrennt.

Dass es jetzt die konservative Konrad-Adenauer-Stiftung ist, die mit einer neuen Studie die individuellen Wünsche und Sorgen der Eltern in den Vordergrund stellt, überrascht da zunächst wenig. Dennoch ist genau das in der Vergangenheit wenig getan worden. Eltern waren oft eher Objekte als Subjekte der Debatte. Erstes Ergebnis der Studie ist denn auch: Die ganze Debatte um Inklusion geht an den Betroffenen zum größten Teil vorbei.

"Wenn wir über Inklusion reden, ist es, dass die Inklusionsdebatte, wie wir sie vom Fernsehen kennen, die Mehrheit der Eltern überhaupt nicht erreicht. Das heißt, die Eltern sagen mehrheitlich, dass sie von dem Begriff Inklusion überhaupt noch nicht gehört haben", erklärt Christine Henry-Huthmacher, Autorin der Studie.

Viele Eltern verstehen Begriff "Inklusion" nicht

Mit dem Begriff "gemeinsames Lernen" können Eltern schon mehr anfangen.  Die Politik müsse sich in ihrer Sprache mehr an den Betroffenen orientieren, so die Forderung der Autorin. Ein weiteres Ergebnis der Studie: Die meisten Eltern wünschen sich Wahlfreiheit. Allerdings ist die nicht immer gegeben: Oft ist eine angemessene Beschulung in der Regelschule nicht möglich, oder die Förderschule nicht vorhanden oder zu weit weg. Und: Viele Eltern fühlen sich im Vorfeld bei der Suche nach der richtigen Schule allein gelassen und überfordert.

"Also die Frage, was ist die richtige Schule für mein Kind, ist für diese Eltern noch mal viel schwieriger... Informationen bekommen, wo inkludierte Schulen sind, wo Förderschulen sind."

Die Wahl der Schulform, das ergibt sich aus den Befragungen, hängt stark vom Grad der Behinderung und den persönlichen Lebensumständen ab. Eltern deren Kinder eine leichte soziale oder nur körperliche Beeinträchtigung haben, wünschen sich gemeinsames Lernen für ihr Kind. Ist das Ausmaß der Beeinträchtigung größer, ziehen die Eltern eine Förderschule vor. Ihnen ist es wichtig, dass ihr Kind nicht das Gefühl des Scheiterns erlebt, dass es nicht sozial ausgegrenzt wird, und dass es gezielt gefördert wird.  Ihre Tochter sei in der Schule eher weniger mit normalen Kindern zusammen, erzählt eine Mutter. "Weil die schlauer sind, und das gefällt ihr irgendwie nicht." Wie sie sich denn da fühle? Antwort: "Denke mal erniedrigend. Bisschen traurig, weil die alles besser können und sie hinterher hinkt."

Einblick und Sorgen und Nöte der Familien

Dennoch erhoffen sich die meisten dieser Eltern einen Schulabschluss für ihr Kind. Dies geht jedoch an der Realität vorbei: Drei Viertel der Förderschulkinder verlässt die Schule ohne Abschluss - und hat größte Schwierigkeiten, auf dem Arbeitsmarkt einen Job zu finden.

Auch wenn die Studie mit etwas mehr als 300 Befragten nicht repräsentativ ist, ermöglicht sie einen erhellenden Einblick in die Wünsche, und auch in die Sorgen und Nöte der Familien. Annegret Kamp-Karrenbauer, CDU-Politikerin und Ministerpräsidentin des Saarlandes, die die Studie heute vorgestellt hat, sieht sich durch die Umfrage bestätigt in ihrem Ansatz, beides zu tun: Inklusion in Regelschulen vorantreiben und dennoch die Förderschulen erhalten. Das sei jedoch eine Frage der Mittel, räumt sie ein. Sie verweist darauf, dass die Debatte derzeit eine aktuelle Erweiterung erfahre - durch die Flüchtlingsthematik.

"Weil die gleiche Diskussion, wie gehen wir eigentlich mit den Flüchtlingskindern um, sollen die zuerst in homogenen eigenen Klassen unterrichtet werden, bis alle zumindest einen gleichen Sprachstand haben, oder soll man sie lieber sofort in die Regelklassen integrieren, im Moment auch eine pädagogische Diskussion ist, die sicherlich mit genauso viel Verve auch geführt werden wird."

Keine Frage: Inklusion wird die Gemüter noch lange beschäftigen.

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