Die Golanhöhen, 50 km südwestlich von Damaskus, sind der einzige Ort, an dem sich Syrer und Israelis in die Augen sehen. Zumindest mit dem Fernglas. Die Soldaten beiderseits der Waffenstillstandslinie beäugen sich misstrauisch, denn seit 40 Jahren herrscht zwischen ihren Ländern Krieg. Friedensverhandlungen scheiterten zuletzt im Januar 2000 und scheinen heute unwahrscheinlicher denn je, sagt Sami Moubayad, ein syrischer Politikwissenschaftler.
"Frieden mit Israel hat für die Syrer gerade keine Priorität. Sie sind mit vielen anderen Themen beschäftigt, mit den Hariri-Ermittlungen und mit Russland und anderen potentiellen Verbündeten, nachdem die Beziehungen zu Europa und den USA in einer Sackgasse gelandet sind."
Seit dem Krieg im Irak steckt das syrische Regime in der Krise. Washington wirft Damaskus vor, Aufständische im Irak zu unterstützen, den Libanon zu destabilisieren und anti-israelische Gruppen wie Hisbollah und Hamas zu fördern. Dankbar für jede Gemeinsamkeit schließen sich die Europäer den Amerikanern in Sachen Syrien gerne an. Das Ergebnis: Syriens Präsident Baschar Al Assad wurde zur kollektiven persona non grata. Während Europa noch vor wenigen Jahren den roten Teppich für ihn ausrollte, will sich heute kein Regierungschef mehr mit Assad treffen. Politologe Moubayad.
"Nicht Baschar Al Assad hat den Westen verlassen, der Westen hat Baschar Al Assad verlassen. Der Konflikt mit den USA, der Mordfall Hariri, der Irakkrieg – all das hat dazu geführt, dass der Westen das syrische Regime fallengelassen hat."
Baschar Al Assad hat sich deshalb an alte Freunde erinnert. Russland, China und der Iran sind erneut zu Syriens Verbündeten geworden, daneben islamistische Parteien wie Hamas und Hisbollah. Washington selbst habe diese Fraktion zusammengeschweisst, meint Samir Al Taqi, ein syrischer Politikberater. Die amerikanische Nahostpolitik habe säkulare Kommunisten, Nationalisten und Islamisten gegen die USA geeint. Mit seiner panarabischen und panislamischen Rhetorik ist Baschar Al Assad zum Liebling der Islamisten-Szene aufgestiegen, so Al Taqi.
"Ist es nur den Amerikanern erlaubt, pragmatisch zu sein? Wenn sich Washington mit den syrischen Muslimbrüdern verbündet, warum sollte sich das säkulare Regime in Damaskus dann nicht mit anti-amerikanischen Islamisten verbünden? Jeder wird pragmatisch."
Die Irakinvasion, Folterskandale und das Einfrieren von Finanzhilfen für Palästina haben die USA zum erklärten Feind der meisten Araber gemacht, sagt Al Taqi. Anti-Amerikanismus sei zum stärksten politischen Bindeglied im Nahen Osten geworden. Das syrische Regime hat davon innenpolitisch profitiert, erklärt der Politikexperte.
"Auf die Gefühle der Bevölkerung zu setzen, erweist sich als wichtiger als den Plänen der Amerikaner zu folgen. Vor allem solange Washington mit seiner Politik den Anti-Amerikanismus schürt. Baschar Al Assad hört auf die Syrer, nicht auf die Amerikaner. Dadurch sitzt er fester im Sattel als König Abdallah in Jordanien, Musharraf in Pakistan oder Mubarak in Ägypten."
Der zwischen Orient und Okzident ausgetragene Konflikt hat Baschar Al Assad, dem Gralshüter arabischer und islamischer Interessen, genützt. Amar Qurabi hat er geschadet. Der Sprecher der arabischen Menschenrechtsorganisation in Syrien trifft sich regelmäßig mit westlichen Diplomaten und Exilsyrern in Europa und den USA. Aus Sicht des Regimes ist Qurabi ein "Agent des Westens". Als er vergangene Woche von einer Konferenz in Paris zurückkehrte, nahm ihn der syrische Geheimdienst fest. Vier Tage lang wurde er verhört, erzählt der 36jährige.
"Sie haben mich mit Respekt behandelt und mich nicht angefasst. So nett sind sie natürlich nur zu Leuten, die bekannt sind und gute Kontakte zu den Medien und ins Ausland haben. Sie wollen schließlich keinen Skandal."
Da die Medien über Qurabis Festnahme berichteten und internationale Menschenrechtsorganisationen seine Freilassung forderten, ließen die Sicherheitsbehörden ihn laufen. Die westlichen Kontakte, die Qurabi ins Gefängnis brachten, halfen ihm am Ende wieder heraus. Der Menschenrechtler wirkt keineswegs eingeschüchtert, er will wissen, was seine Landsleute im Exil denken.
"Diese Leute können nicht nach Syrien zurückkehren, also müssen wir zu ihnen fahren, um sie zu treffen. Es gibt keine interne und externe Opposition, es gibt nur eine syrische Opposition. Wir brauchen Freiheit und Demokratie und Syrien gehört allen Syrern, denen innerhalb und außerhalb des Landes."
Genau diesen Schulterschluss zwischen Aktivisten im Ausland und im Inland fürchtet das Regime. Die wenigen bekannten Oppositionellen, die in Syrien leben, hat Damaskus bislang unter Kontrolle. Sie werden mal zum Dialog aufgefordert, mal vom Geheimdienst bedrängt. Für das Regime stellen sie keine wirkliche Gefahr dar, meint Politologe Sami Moubayad.
"Unter den Oppositionellen in Syrien finden sich sehr respektable Personen, die Großartiges geleistet haben. Aber sie haben keinen Draht zur Bevölkerung. Die ist jung, dynamisch und interessiert sich nicht für politischen Pluralismus oder Artikel 8 der Verfassung. Syriens 18 Millionen wollen besseres Essen, höhere Löhne, bessere Schulen und Krankenhäuser und das ist etwas, was die Opposition nie angeboten hat."
Fast täglich werden in Syrien Oppositionelle festgenommen, Regimekritiker müssen sich regelmäßig beim Geheimdienst melden, Menschenrechtler dürfen das Land nicht verlassen. Amar Qurabi sieht darin eine offizielle Antwort auf das gesellschaftliche Engagement der letzten Monate.
"Das Regime hat gesehen, wie offen die Syrer inzwischen Kritik üben, wie aktiv und furchtlos sie sind. Jeden Tag gibt es politische Erklärungen und Treffen, die Leute schreiben in Zeitungen und im Internet, was sie denken. All das hat diese Reaktion der Geheimdienste provoziert."
Qurabi ist sich sicher: Schon ein kleiner Riss im Machtgefüge könnte das Regime zum Einsturz bringen. Das zu verhindern, scheinen Syriens Machthaber fest entschlossen, so Politikwissenschaftler Moubayad.
"Geht nicht zu weit, ist ihre Botschaft. Wir sind immer noch da, wir sind stark und bekämpfen jeden, der uns stürzen will. Warum macht das Regime das? Weil viele Leute ihre Macht nicht teilen wollen, ganz einfach."
"Frieden mit Israel hat für die Syrer gerade keine Priorität. Sie sind mit vielen anderen Themen beschäftigt, mit den Hariri-Ermittlungen und mit Russland und anderen potentiellen Verbündeten, nachdem die Beziehungen zu Europa und den USA in einer Sackgasse gelandet sind."
Seit dem Krieg im Irak steckt das syrische Regime in der Krise. Washington wirft Damaskus vor, Aufständische im Irak zu unterstützen, den Libanon zu destabilisieren und anti-israelische Gruppen wie Hisbollah und Hamas zu fördern. Dankbar für jede Gemeinsamkeit schließen sich die Europäer den Amerikanern in Sachen Syrien gerne an. Das Ergebnis: Syriens Präsident Baschar Al Assad wurde zur kollektiven persona non grata. Während Europa noch vor wenigen Jahren den roten Teppich für ihn ausrollte, will sich heute kein Regierungschef mehr mit Assad treffen. Politologe Moubayad.
"Nicht Baschar Al Assad hat den Westen verlassen, der Westen hat Baschar Al Assad verlassen. Der Konflikt mit den USA, der Mordfall Hariri, der Irakkrieg – all das hat dazu geführt, dass der Westen das syrische Regime fallengelassen hat."
Baschar Al Assad hat sich deshalb an alte Freunde erinnert. Russland, China und der Iran sind erneut zu Syriens Verbündeten geworden, daneben islamistische Parteien wie Hamas und Hisbollah. Washington selbst habe diese Fraktion zusammengeschweisst, meint Samir Al Taqi, ein syrischer Politikberater. Die amerikanische Nahostpolitik habe säkulare Kommunisten, Nationalisten und Islamisten gegen die USA geeint. Mit seiner panarabischen und panislamischen Rhetorik ist Baschar Al Assad zum Liebling der Islamisten-Szene aufgestiegen, so Al Taqi.
"Ist es nur den Amerikanern erlaubt, pragmatisch zu sein? Wenn sich Washington mit den syrischen Muslimbrüdern verbündet, warum sollte sich das säkulare Regime in Damaskus dann nicht mit anti-amerikanischen Islamisten verbünden? Jeder wird pragmatisch."
Die Irakinvasion, Folterskandale und das Einfrieren von Finanzhilfen für Palästina haben die USA zum erklärten Feind der meisten Araber gemacht, sagt Al Taqi. Anti-Amerikanismus sei zum stärksten politischen Bindeglied im Nahen Osten geworden. Das syrische Regime hat davon innenpolitisch profitiert, erklärt der Politikexperte.
"Auf die Gefühle der Bevölkerung zu setzen, erweist sich als wichtiger als den Plänen der Amerikaner zu folgen. Vor allem solange Washington mit seiner Politik den Anti-Amerikanismus schürt. Baschar Al Assad hört auf die Syrer, nicht auf die Amerikaner. Dadurch sitzt er fester im Sattel als König Abdallah in Jordanien, Musharraf in Pakistan oder Mubarak in Ägypten."
Der zwischen Orient und Okzident ausgetragene Konflikt hat Baschar Al Assad, dem Gralshüter arabischer und islamischer Interessen, genützt. Amar Qurabi hat er geschadet. Der Sprecher der arabischen Menschenrechtsorganisation in Syrien trifft sich regelmäßig mit westlichen Diplomaten und Exilsyrern in Europa und den USA. Aus Sicht des Regimes ist Qurabi ein "Agent des Westens". Als er vergangene Woche von einer Konferenz in Paris zurückkehrte, nahm ihn der syrische Geheimdienst fest. Vier Tage lang wurde er verhört, erzählt der 36jährige.
"Sie haben mich mit Respekt behandelt und mich nicht angefasst. So nett sind sie natürlich nur zu Leuten, die bekannt sind und gute Kontakte zu den Medien und ins Ausland haben. Sie wollen schließlich keinen Skandal."
Da die Medien über Qurabis Festnahme berichteten und internationale Menschenrechtsorganisationen seine Freilassung forderten, ließen die Sicherheitsbehörden ihn laufen. Die westlichen Kontakte, die Qurabi ins Gefängnis brachten, halfen ihm am Ende wieder heraus. Der Menschenrechtler wirkt keineswegs eingeschüchtert, er will wissen, was seine Landsleute im Exil denken.
"Diese Leute können nicht nach Syrien zurückkehren, also müssen wir zu ihnen fahren, um sie zu treffen. Es gibt keine interne und externe Opposition, es gibt nur eine syrische Opposition. Wir brauchen Freiheit und Demokratie und Syrien gehört allen Syrern, denen innerhalb und außerhalb des Landes."
Genau diesen Schulterschluss zwischen Aktivisten im Ausland und im Inland fürchtet das Regime. Die wenigen bekannten Oppositionellen, die in Syrien leben, hat Damaskus bislang unter Kontrolle. Sie werden mal zum Dialog aufgefordert, mal vom Geheimdienst bedrängt. Für das Regime stellen sie keine wirkliche Gefahr dar, meint Politologe Sami Moubayad.
"Unter den Oppositionellen in Syrien finden sich sehr respektable Personen, die Großartiges geleistet haben. Aber sie haben keinen Draht zur Bevölkerung. Die ist jung, dynamisch und interessiert sich nicht für politischen Pluralismus oder Artikel 8 der Verfassung. Syriens 18 Millionen wollen besseres Essen, höhere Löhne, bessere Schulen und Krankenhäuser und das ist etwas, was die Opposition nie angeboten hat."
Fast täglich werden in Syrien Oppositionelle festgenommen, Regimekritiker müssen sich regelmäßig beim Geheimdienst melden, Menschenrechtler dürfen das Land nicht verlassen. Amar Qurabi sieht darin eine offizielle Antwort auf das gesellschaftliche Engagement der letzten Monate.
"Das Regime hat gesehen, wie offen die Syrer inzwischen Kritik üben, wie aktiv und furchtlos sie sind. Jeden Tag gibt es politische Erklärungen und Treffen, die Leute schreiben in Zeitungen und im Internet, was sie denken. All das hat diese Reaktion der Geheimdienste provoziert."
Qurabi ist sich sicher: Schon ein kleiner Riss im Machtgefüge könnte das Regime zum Einsturz bringen. Das zu verhindern, scheinen Syriens Machthaber fest entschlossen, so Politikwissenschaftler Moubayad.
"Geht nicht zu weit, ist ihre Botschaft. Wir sind immer noch da, wir sind stark und bekämpfen jeden, der uns stürzen will. Warum macht das Regime das? Weil viele Leute ihre Macht nicht teilen wollen, ganz einfach."