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Innovation ist kein Privileg der Jugend

Alle Aufrufe eine neue Baby-Boomer Generation zu bilden, werden nichts daran ändern: Die westlichen Industrienationen werden älter, die Zahl der nachrückenden jungen Arbeitskräfte nimmt ab. Wie kann aber bei diesem Zukunftsszenario die Wirtschaftskraft einer Nation erhalten bleiben? Einige Politiker und Wissenschaftler fordern, die Menschen länger arbeiten zu lassen. Dadurch würden die Anforderungen an ältere Arbeitnehmer steigen und die Arbeits- und Ausbildungssysteme müssten entsprechend umgebaut werden.

    Ein Beitrag von Patrick Honecker

    Paul Baltes, Altersforscher des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung hatte vor einigen Monaten noch für Erheiterung gesorgt, als er feststellte: Unsere Bundestagspolitiker sind zu jung. Was auf den ersten Blick wie ein Witz wirkt, war wohlüberlegte Provokation. Schließlich erreichen die Deutschen inzwischen ein Durchschnittsalter von 80 Jahren, wenn da nur ein einziger über 70-jähriger Politiker, Innenminister Otto Schily, als potentieller Lobbyist in der Volksvertretung sitzt, ist das wenig. Baltes fordert deshalb einen schnellen Perspektivwechsel:

    Das entscheidende Problem, das wir heute haben ist, dass wir in einer Gesellschaft leben, die von der Struktur des Lebenslaufs her für eine jüngere Bevölkerung gemacht wurde.

    Das bedeutet, dass die klassische Vorstellung, junge Mitarbeiter sorgen für Bewegung im Betrieb, ältere bereiten sich nur noch auf den Ruhestand vor, über Bord geworfen werden muss. Auch in der Politik scheint sich immer stärker ein neues Tätigkeitsmodell durchzusetzen. Der sächsische Ministerpräsident Georg Milbradt sagt:

    Die Innovationsfähigkeit, die normalerweise von jungen Leuten in eine Gesellschaft hineingebracht wird, muss jetzt stärker von älteren wahrgenommen werden. Wir müssen die älteren, wenn schon nicht biologisch so zumindest geistig jünger machen, um auf diese Art und Weise ein Teil dieses Problems zu lösen.

    Den Weg dorthin sieht der CDU-Politiker deutlich und greift auf ein beliebtes Schlagwort der Bildungspolitiker zurück: Lebenslang müsse gelernt werden, und zwar nicht als Umschulungsmaßnahme, sondern um die eigenen Kenntnisse immer wieder den Erfordernissen der Arbeitswelt anzugleichen.

    Die Hochschulen werden eine andere Rolle haben, sie werden nicht nur junge Studenten ausbilden, sondern werden die Absolventen nach einigen Jahren wieder nachschulen. Sie werden neue wissenschaftliche Erkenntnisse auch an Ältere vermitteln. Dieses bedeutet natürlich auch einen Umbau unseres ganzen Bildungssystem in Richtung unserer älteren Mitbürger.

    Ungelöste Probleme gibt es viele, zum Beispiel die Frage: Wer finanziert diese Fortbildung? Die finanzschwachen Hochschulen fallen erst einmal aus. Alle Kosten dem Lernenden als Kunden zu überlassen, kann auch nicht der Königsweg sein. Eher wird sich ein sogenanntes 'Ko-finanziertes Lebenslanges Lernen’ etablieren. Hinter den Kulissen arbeitet die internationale Bildungsbürokratie schon eifrig daran.

    Anfang Oktober findet auf dem Petersberg in Bonn ein Veranstaltung der Weltwirtschaftsorganisation OECD statt. Geprüft werden soll von Vertretern der Privatwirtschaft und der Politik unter anderem die Einrichtung sogenannter Lernkonten. Einer Art von Ausbildungsguthaben, welches möglicherweise verpflichtend für Arbeitnehmer sein könnten.

    Stärker auf die Firmen ausgerichtet ist ein anderes Alters-Arbeits-Projekt. Sechs wissenschaftliche Institute und Großunternehmen aus verschiedenen europäischen Ländern sind an 'Respect’ beteiligt. Erstes Ergebnis der Arbeitswissenschaftler: Im länderübergreifenden Vergleich macht wieder einmal Finnland einen guten Schnitt. Hier werden mit sogenannten 'age awareness’-Programmen, also Programmen, die sich des Problems der Mitarbeiter-Alterung annehmen, neue Konzepte ausprobiert. In den anderen Ländern, inklusive Deutschland, ist das Bewusstsein weder in den Firmen noch in der Gesellschaft genügend ausgeprägt. Noch, meint der Berliner Altersforscher Paul Baltes:

    Es ist im Moment doch so, dass, obwohl man länger arbeiten kann, die meisten älteren Menschen nicht arbeiten, sondern aussteigen wollen. Warum? Weil es keine Kultur der Arbeit im Alter gibt. Das heißt wir haben ein System des Lebens, das für eine jüngere Bevölkerungsstruktur geschaffen wurde.