Donnerstag, 24.09.2020
 
Seit 18:10 Uhr Informationen am Abend
StartseiteHintergrundLeises Summen und lauter Protest04.01.2020

InsektensterbenLeises Summen und lauter Protest

Die Anzahl der Fluginsekten ist in Deutschland drastisch eingebrochen und längst ist klar: Das Insektensterben bedroht auch den Menschen. Nicht nur die Bundespolitik, sondern auch Städte und Gemeinden versuchen gegenzusteuern. Doch ihr Kampf ist zäh, ihre Schritte sind klein und ihre Gegner laut. 

Von Jantje Hannover

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Eine tote Bienenkönigin mit einer roten Markierung auf dem Rücken liegt am Boden auf einem Blatt Papier. (picture alliance / Karl-Josef Hildenbrand)
Eine tote Bienenkönigin: Wildbienen sind deutlich gefährdeter als Honigbienen (picture alliance / Karl-Josef Hildenbrand)
Mehr zum Thema

Zukunft der Bioökonomie Zwischen Chance und Irrweg

Artensterben Rückzug der Allerweltspflanzen

Proteste bei Agrarministerkonferenz Bauern befürchten zu viel Insektenschutz

Es ist erst zwei Jahre her, dass eine Studie von ehrenamtlichen Insektenkundlern Alarm schlug: innerhalb von 30 Jahren sei die Anzahl der Fluginsekten an zahlreichen Untersuchungspunkten in Deutschland um dreiviertel eingebrochen. Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe, löste aber auch Zweifel aus, ob wissenschaftlich korrekt gearbeitet wurde. Im Oktober vergangenen Jahres aber hat die Technische Universität München den Insektenschwund mit einer Studie offiziell bestätigt. Seither fragen sich nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Städte und Gemeinden: Was tun gegen das Insektensterben?

Im Labor beim Pflanzenschutzamt Berlin. Auch in der Großstadt müssen die Verantwortlichen für Parks, Botanische Gärten oder Straßenbäume reagieren. Denn auch hier leben Insekten. Die Fachgebietsleiterin Stadtgrün, Barbara Jäckel, stellt eine hohe orangefarbene Plastikdose auf den Tisch - sie erinnert an eine altertümliche Straßenlaterne. Tatsächlich aber handelt es sich um eine Insektenfalle:

"Mit diesen Fallen überwachen wir die Populationsdynamik von Schaderregern in der Stadt, zum Beispiel den Eichenprozessionsspinner, die Kastanienminiermotte, aber auch Borkenkäfer, die besonders für junge Straßenbäume gefährlich werden können."

Am Deckel ist eine Schlaufe befestigt, damit lässt sich die Falle in Büschen und Bäumen in Parks oder am Straßenrand gut befestigen. Durch kleine, eingestanzte Öffnungen fliegen die Insekten in die Dose.

"Die werden hier angelockt, in dieses Körbchen kommt der Sexualduft der Weibchen, und dieser Duft wird mit dem Wind verteilt und dieses Pheromon lockt die Männchen an und diese Männchen fliegen hier rein und werden dann abgefangen und dann werden die wöchentlich ausgezählt."

Je nachdem, wie viele Tiere die Inspektoren vom Pflanzenschutzamt dann in der Falle finden, muss Barbara Jäckel entscheiden:

"Ist die Population stark, ist sie nicht stark, müssen wir Maßnahmen ergreifen? Wir haben ja in der Stadt sehr wertvolle Pflanzenbestände, und im Rahmen des Klimawandels ist es ganz wichtig auch gesunde Straßenbäume zu haben, auch ältere Straßenbäume, die hier frische Luft und solche Funktionen erfüllen. Und Bäume und Pflanzen sind Lebewesen, die auch krank werden können und zu bestimmten Zeiten besonders gestresst sind. Und da müssen teilweise Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden."

Pflanzenschutz zulasten der Insekten

Wenn Pflanzen gestresst sind, zum Beispiel durch Abgase in der Stadt, werden sie leichter zum Opfer von Schaderregern. Insekten wie der Borkenkäfer, aber auch Milben und Pilze, vermehren sich dann explosionsartig. Um Bäume oder Blumenrabatten zu retten, bekämpft sie das Pflanzenschutzamt jetzt notfalls auch mit Pestiziden. Das Problem dabei: die Mittel sind auch für die meisten anderen Insekten giftig. Zum Beispiel für solche, die die Schaderreger fressen und daher als Nützlinge gelten. Chemische Pestizide gelten daher als eine der Ursachen für das weltweite Insektensterben:

"Grundsätzlich kann man sagen, dass die Insekten enorm in der Menge und der Artenvielfalt abgenommen haben die letzten 20, 30 Jahre", sagt der Sprecher der Berliner Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, zu der auch das Pflanzenschutzamt gehört, Derk Ehlert: "In manchen Gebieten ist die Masse aller Insekten über 80 Prozent zurückgegangen. Das ist tatsächlich alarmierend und spätestens seit vorletztem Jahr als die Studie rauskam, ist auch klar, dass was passieren muss."

Mit dieser Falle beobachten und erfassen die UFZ-Forscher, wie sich Artenvielfalt und Bestand der Insekten in der Region entwickeln (© Birgit Thiemann)Mit solchen und ähnlichen Fallen erfassen Forscher den Bestand der Insekten (© Birgit Thiemann)

In der Hauptstadt versucht man daher zunehmend mit biologischen Pflanzenschutzmitteln zu arbeiten, sagt Barbara Jäckel: "Es hat sich in den letzten Jahren natürlich sehr viel verändert. Die Gesellschaft fordert eine pestizidfreie Umgebung und so haben wir vor vielen Jahren schon angefangen biologische Methoden dort einzuführen, wo man früher mit sehr vielen chemischen Pflanzenschutzmitteln arbeiten musste." 

Für die Mitarbeiter des Pflanzenschutzamtes heißt das: Experimentieren und herausfinden, was am besten wirkt. Dabei müssen sie flexibel bleiben, denn mit dem Klimawandel wandern ständig neue Schädlinge aus wärmeren Gegenden ein.

Barbara Jäckel öffnet einen Klimakasten aus Glas, drinnen steht eine recht mitgenommen aussehende Zimmerpflanze: "Wir haben hier Maulbeeren, das sind Bäume, die einen neuen Schädling haben, die Maulbeerschildlaus, die in der Stadt zur Zeit an verschiedenen Laubbäumen vorkommt. Und die breitet sich immens aus, und da haben wir jetzt in den letzten drei Jahren versucht mit kleinen Käfern, die nicht mal knapp einen Millimeter groß sind, die einzusetzen, dass sie diese Läuse fressen." 

Auch Käfer zählen zu den Insekten – für das Überleben des Ökosystems Erde sind diese geflügelten Tierchen unentbehrlich: "Insekten sind eine der größten Gruppen, die wir auf dem Planeten haben. Man schätzt, dass es ungefähr 30 Millionen Insektenarten gibt", sagt Christine Tölle-Nolting, Referentin für Agrarpolitik beim Naturschutzbund Deutschland NABU: "Sie erfüllen ganz viele Ökosystem-Dienstleistungen. Am bekanntesten ist die Bestäuberleistung, da viele Pflanzen auf ein einzelnes Insekt angewiesen sind, auf eine Biene, einen Schmetterling."

Und sie sind nicht nur ein ökologischer, sondern auch ein Wirtschaftsfaktor: Auf 2,5 Milliarden Euro schätzt die Universität Hohenheim den ökonomischen Wert der Bestäubung in Deutschland pro Jahr. Insekten befruchten Obstbäume, Beeren, Gemüse, Kartoffeln und Raps. Noch emsiger als die Honigbiene sammeln Wildbienen Nektar und Pollen. Wildbienen gelten tatsächlich als die besseren Bestäuber, und ihre Populationen sind weit stärker gefährdet als die der Honigbiene. Schließlich haben Wildbienen keine Imker, die sie im Notfall pflegen und füttern.

Aber auch weniger beliebte Insekten bestäuben Blüten, nämlich Fliegen, Käfer, Motten, Wespen und sogar Ameisen. Wissenschaftliche Untersuchungen rechnen ihnen sogar die Hälfte der Bestäubungsleistung insgesamt zu, sagt Christine Tölle-Nolting vom NABU: 

"Es kommt hinzu, dass viele Insekten auch zum Beispiel im Wasser für die Wasserreinigung mit zuständig sind oder Insekten wie Ameisen oder ähnliches säubern im Prinzip unsere Umwelt von toten Tieren, von Kadavern. Es gibt dann auch noch kleinere Insekten, zum Beispiel Springschwänze, die dafür sorgen, dass Laub oder ähnliches zersetzt wird."

Eine tote Biene liegt auf einer Blüte (imago/blickwinkel) (imago/blickwinkel)Josef Tumbrinck (NABU): "Insektensterben führt zu Einbrüchen in der ganzen Nahrungskette"
Nicht das Aussterben der einzelnen Art, sei das Dramatische, sagte Josef Tumbrinck, Vorstand des Naturschutzbund Deutschland, im Dlf. Sondern die Masse, die wegbricht.

Weil wir unser Essen im Supermarkt kaufen und in gut ausgestatteten Wohnungen leben, ist vielen kaum bewusst, dass auch unser Leben im 21ten Jahrhundert von den Umweltleistungen der Insekten abhängt. Zum Beispiel damit wir sauberes Wasser trinken, Nahrungsmittel ernten und frische Luft atmen können.

"Insekten dienen außerdem als Nahrung für Vögel, Frösche und Eidechsen, Fische und andere Tiere. Sterben sie, bedroht das auch diese Tierarten. Aus diesem Grund müssen wir zu einer Trendwende kommen, wir wollen den Rückgang der Insekten und ihrer Artenvielfalt stoppen", sagt Staatssekretär Hermann Onko Aeikens aus dem CDU-geführten Bundeslandwirtschaftsministerium: "Deshalb hat das Bundeskabinett ein Aktionsprogramm Insektenschutz verabschiedet und damit einen ersten wichtigen Schritt getan. Die Umsetzung dieses Aktionsprogramms wird in einem engen Dialogprozess erfolgen mit runden Tischen auch speziell zu Agrarfragen."

Landwirtschaft bedroht die Insekten

Der Beschluss zum Aktionsprogramm fiel Anfang September 2019, federführend bei der Vorbereitung war das SPD-geführte Umweltministerium. Dabei stellte sich erneut heraus: Die Agrarwirtschaft gilt als der wichtigste Treiber für das Artensterben – in Deutschland auch deshalb, weil sie etwas mehr als die Hälfte der gesamten Landesfläche bewirtschaftet. Auch im weltweiten Maßstab sieht es ähnlich aus. Vor knapp einem Jahr hat ein Forscherteam 73 internationale Studien zum Insektensterben  zusammengefasst: Sie schreiben der Landwirtschaft mit ihrer intensiven Düngung, Pestiziden und Monokulturen fast die Hälfte des Insektenschwunds zu. Schließlich ist die Produktion in den letzten Jahrzehnten immer intensiver geworden, sagt Christine Tölle-Nolting vom NABU:

"Das fing im Grunde in den Sechzigern an mit der Flurbereinigung, seitdem gibt es immer weniger Hecken, es gibt immer weniger Randstrukturen wie Feldraine, und auch die Felder an sich sind immer größer geworden. Und dadurch geht einerseits schon mal Lebensraum verloren für die Insekten."

Diese Entwicklung hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten weiter intensiviert. Die Landwirte stehen wegen niedriger Weltmarktpreise für Agrarprodukte enorm unter Druck. Sie versuchen aus den Äckern rauszuholen, was möglich ist und gleichzeitig den Aufwand gering zu halten. Dafür haben sie Feldraine umgepflügt, Flächen zusammengelegt und Monokulturen angepflanzt. Insekten brauchen aber eine vielfältige, eher kleinstrukturierte Landschaft mit wechselnden Ackerfrüchten, Hecken und Ackerrändern. Dort finden die geflügelten Tierchen Nahrung und Rückzugsflächen. Sind die Felder zu groß, gelingt es ihnen auch nicht mehr, die anderen ihrer Art zu finden, sich zu paaren und Nachkommen zu zeugen. Das Agrarministerium hat das Problem erkannt. Hermann Onko Aeikens:

"Wir wissen, dass die Vielfalt der Insekten dort besonders hoch ist und wir wissen, dass diese Lebensräume für die Insektenpopulationen wichtig sind. Vielfältige Fruchtfolgen sind ebenfalls wichtig, um sowohl Bodenfruchtbarkeit zu erhalten aber auch resiliente Pflanzenbestände zu erreichen. Und vielfältige Fruchtfolgen helfen der Biodiversität."

Ein Bauer bringt mit einem Traktor Gülle auf ein Feld. (picture alliance / Bildagentur-online / McPhoto) (picture alliance / Bildagentur-online / McPhoto)Insektensterben - "Unsere Landschaft wurde total vergiftet"
Die Zahl der Insekten in Deutschland habe in den letzten Jahrzehnten dramatisch abgenommen, sagte Günter Mitlacher vom World Wide Fund For Nature im Dlf. Das läge vor allem an der Landwirtschaft, beispielsweise am Pestizideinsatz.

Auf einem Maisfeld sollte im nächsten Jahr nicht wieder Mais wachsen, sondern zum Beispiel Kartoffeln, Raps oder Weizen. Dann spricht man von einer vielfältigen Fruchtfolge. Sie bewirkt, dass der Landwirt weniger spritzen und düngen muss. Und das hilft den Insekten. Mit Mais können die Bauern allerdings mehr Geld verdienen als mit Kartoffeln.

Nebenbei ging noch ein weiterer wichtiger Lebensraum verloren, über den bisher kaum jemand spricht: Fliegen, Käfer und kleines Getier umschwirrten früher mit Vorliebe die Kuhfladen auf der Weide. Heute leben die meisten Kühe aber in hygienischen Ställen ohne direkten Kontakt zur Außenluft. Misthaufen sind per Gesetz von den Höfen verschwunden, stattdessen landet die Gülle in der Biogasanlage. Manches wird wohl auch in Zukunft so bleiben. Zumindest die Feldrandstreifen will das Aktionsprogramm Insektenschutz aber wieder fördern.

Umweltverbände drängen auf konkrete Maßnahmen

"Mit diesem Insektenaktionsprogramm wird es nicht gelingen, das Insektensterben aufzuhalten, also die Insekten umfassend zu schützen", sagt Corinna Hölzel vom BUND: "Es ist vage bei der Agrarpolitik, es sind ein paar Einzelmaßnahmen drin, aber es ist auch ziemlich unkonkret. Und wir wünschen uns auch bei vielen Punkten eine schnellere und zügigere Umsetzung von Maßnahmen, wie zum Beispiel Glyphosat-Ausstieg. Da kann man zumindest ein Verbot für die Haus- und Kleingärten schneller beschließen, und sowas fehlt eben, solche konkreten Ansätze."

Die Umweltverbände mahnen konkrete Termine statt wohlklingende Absichtserklärungen an. Und das mit einem guten Argument: Im Koalitionsvertrag wurde der Glyphosat – Ausstieg verbindlich versprochen, passiert ist bisher rein gar nichts:

"Der Glyphosat Ausstieg ist doch von der Groko längst abgeblasen. Die Union und die SPD haben ihn zwar im Koalitionsvertrag versprochen, aber dann immer weiter verschoben. Im Insektenschutzprogramm ist jetzt vom 31.12.2023 die Rede, also ab 2024", empört sich der agrarpolitische Sprecher der Grünen, Harald Ebner. "Erstens gibt es da die Groko schon längst nicht mehr. Und die Begründung dafür ist, dass erst dann die aktuelle EU-Zulassung für Glyphosat endet. Man will also erst dann aussteigen, wenn es ohnehin schon verboten ist. Das ist natürlich echt eine mutige Leistung. Frau Klöckner verschiebt damit die Verantwortung einfach komplett an die EU."

Glyphosat ist ein Totalherbizid, also ein Unkrautvernichter. Aber es rottet auch jede andere Pflanze aus, mit der es in Kontakt kommt und entzieht damit Insekten die Nahrungsgrundlage. Landwirte wenden Glyphosat gerne zur Feldbereinigung vor der Aussaat an. Es zählt zu den weltweit meisteingesetzten Pestiziden und sichert seinen Herstellern gute Geschäfte Das ist inzwischen der deutsche Agrarchemiekonzern Bayer. Kurz vor Weihnachten hat Bayer die Zulassungsverlängerung für die EU über Ende 2023 hinaus beantragt.

Harald Ebner ärgert sich über die Agrarministerin Julia Klöckner: "Aber was mindestens genauso fatal ist wie das Nichthandeln auf der einen Seite von Frau Klöckner: Sie lässt nämlich die Bauern komplett im Stich. Denn irgendwann wird der Ausstieg kommen, und der muss sinnvollerweise Schritt für Schrift erfolgen und die Bauern brauchen dann Alternativen."

"Eine vollständige Ablehnung von Pflanzenschutzmittel in Schutzgebieten wurde im Insektenschutzprogramm nicht vereinbart", erklärt Staatssekretär Hermann Onko Aiekens. Das Agrarministerium hält einen nationalen Alleingang beim Glyphosat für nicht mit EU-Recht vereinbar. Immerhin soll das Mittel, genau wie andere Unkrautvernichter, künftig in Naturschutzgebieten verboten sein. Insektizide bleiben jedoch grundsätzlich erlaubt:

"Was die Motivation der Landwirte angeht setzen wir auf Freiwilligkeit. Wir haben vor, dass über 80 Millionen von Bund und Ländern jährlich zusammengestellt werden um Maßnahmen im Rahmen des Insekten Schutzes zu fördern", sagt Onko Aiekens.

Die Landwirte sperren sich

Denn das Ministerium weiß: Strengere Regeln zum Insektenschutz müssten am Ende vor allem die Landwirte umsetzen. Und von ihnen sind viele ohnehin schon auf den Barrikaden. Selbst die zaghaften Versuche des Ministeriums, das Spritzen von Giften auf dem Acker zu begrenzen, finden viele von ihnen zu radikal.

Ende November in Berlin. Mit einer Sternfahrt fluten mehr als 8.000 Traktoren die wichtigen Verkehrsachsen der Hauptstadt, "Fakten statt Unwahrheiten" – und: "Hier fahren Arbeitsplätze – noch!" steht auf den Schildern, die sie vorne auf die Kühlerhaube montiert haben. Ziel der Landwirte ist der Kundgebungsplatz am Brandenburger Tor. Ein Bauer aus Schleswig-Holstein steht am Mikrofon, er spricht den Kollegen aus den Herzen:

"Wir alle sind heute hier, weil vielen Betrieben das Wasser bis zum Halse steht. Das Ganze wird noch grotesker, wenn man sich anguckt, dass wir Hightechland sind, aber was die Lebensmittelpreise angeht Dumping Land. Ein Schweizer Landwirt hat mal zu mir gesagt: eine Volkswirtschaft, die weniger als zehn Prozent zum Essen ausgibt vom Sozialprodukt, ernährt sich wie Schweine. Und das ist eine bittere Realität."

Hans-Heinrich Thieß hält ein grünes Holzkreuz in der Hand und hört zu. Mit dem Kreuz protestiert er gegen das Höfesterben. Er selbst bewirtschaftet einen konventionellen 200 Hektar Ackerbaubetrieb in Niedersachsen. Schon mitten in der Nacht hat sich Thieß aus Celle mit seinem Traktor auf den Weg gemacht:

"Um einfach dafür zu demonstrieren, dass wir die Möglichkeit haben bei politischen Entscheidungen, die getroffen werden, mitzubestimmen. Indem auch wieder Fachmeinungen und Leute, die das gelernt haben, zurate gezogen werden und nicht einfach nur Mainstream aufgerufen wird."

Julia Klöckner (CDU) (dpa / Fabian Sommer) (dpa / Fabian Sommer)Bauernproteste - Klöckner: "Die Landwirte decken uns den Tisch"
Es gebe hohe gesellschaftliche Erwartungen an Landwirte in Europa, sagte Agrarministerin Julia Klöckner im Dlf. Sie arbeite daran, dass deren Mehrbelastungen künftig stärker honoriert würden.

Der Zorn der Landwirte entzündet sich vor allem an der Düngeverordnung: Sie verlangt von den Bauern, dass sie weniger Gülle auf dem Acker ausbringen. Hier kann das Ministerium allerdings kaum einlenken. Denn die EU hat empfindliche Strafzahlungen angedroht, wenn weiterhin soviel Nitrat im Grundwasser landet. Auch Insekten leiden unter zu viel Düngung. Denn auf fetten Böden wachsen kaum noch Wildkräuter. Bauer Hans-Heinrich Thieß will aber trotzdem nicht weniger düngen – genau wie die meisten seiner Kollegen. Denn dann wachse das Getreide nicht richtig, sagt er. Er sieht keinen Widerspruch darin, sich gleichzeitig für den Insektenschutz zu begeistern:

"Das ist absolut in unserem Sinne, das machen schon viele seit fünf oder sechs Jahren oder noch länger gibt es Blühstreifenprogramme, die werden gefördert. Das machen wir auch um die Biodiversität zu erhalten, weil die Insekten für uns auch wichtig sind."

Viele Kollegen von Thieß sind wütend, dass man ausgerechnet sie für das Insektensterben verantwortlich macht. Und sie protestieren daher auch gegen weitere Auflagen beim Spritzen von Pestiziden. Tatsächlich haben die Landwirte mit ihrer Demo erreicht, dass das zuständige Ministerium sie jetzt regelmäßig zu runden Tischen einladen und zuhören will:

Ich finde es schon sehr wichtig, dass man miteinander redet", kommentiert das Harald Ebner von den Grünen. "Aber es ist ja nicht so, dass die Landwirtschaft und ihre Interessenvertreter bisher nicht einbezogen gewesen wären in politischen Prozessen. Ganz im Gegenteil. Die Vertreter der Landwirtschaft, der Deutsche Bauernverband – zum Teil sitzen sie in Personalunion im deutschen Agrarausschuss. Sie sind an jedem Gesetzgebungsverfahren zur Landwirtschaft beteiligt, und sie haben mit dafür gesorgt, dass die Situation so ist wie sie ist. Und Ursache für das Höfesterben ist doch vor allem die Wachse-oder-Weiche-Politik."

Auch die Bürger können etwas tun

Weit mehr als jeder dritte Bauernhof hat seit der Jahrtausendwende aufgegeben, gleichzeitig sind die übrigen Höfe größer geworden. Die Produktion wurde intensiviert, die Kosten pro Kilogramm Getreide oder Fleisch spürbar gesenkt. Das hat den Export gestärkt. Für zusätzliche Kosten beim Insektenschutz blieb da einfach kein Platz, so Ebner. Trotzdem reiche es nicht aus, mit dem Finger auf die Landwirtschaft zu zeigen, wenn es um die Insekten geht:

"Das Insektensterben hat viele Ursachen, das ist klar. Die chemisch-synthetischen Pestizide sind eine Ursache", sagt Corinna Hölzel vom BUND "Aber wir haben natürlich auch die Flächenversiegelung, das sind so 60 Hektar pro Tag, die neu dann auch für Verkehrsflächen und Siedlungsflächen zur Verfügung gestellt werden. Da geht natürlich auch viel Lebensraum für die Insekten verloren. Lichtverschmutzung ist auch noch so ein Thema. Da machen auch viele Kommunen schon was, die ihre Außenbeleuchtung eben umstellen auf insektenfreundliches Licht, oder eben einfach auch mal Licht abschalten, also Strom damit auch sparen, ist auch ökonomisch und ökologisch sinnvoll."

Flugspuren von Insekten, die völlig orientierungslos und unter massiven Stress von grellen LED Scheinwerfern angelockt werden. (www.imago-images.de)Grelles Licht ist für nachtaktive Insekten eine tödliche Falle (www.imago-images.de)
Viele Fluginsekten sind nachtaktiv. Sie orientieren sich am sanften Leuchten von Mond und Sternen. Das grelle Licht von Straßenlaternen umschwirren sie hilflos geblendet, bis sie vor Erschöpfung sterben oder gefressen werden. Letztlich sei Insektenschutz eine Gemeinschaftsaufgabe. Wenn Menschen ihre Vorgärten mit Steinen zupflastern oder ihren Rasen akkurat stutzen und keine Wildkräuter wachsen lassen, verhungern auch hier die Insekten. Die deutsche Ordnungsliebe ist einfach nicht förderlich für die Artenvielfalt, sagt Corinna Hölzel vom BUND. In Workshops berät sie Städte und Gemeinden dabei, wie sie ihre Grünflächen pestizidfrei pflegen.

"Das Schönheitsideal ist echt im Wandel gerade. Es ist ein absolutes Thema in den Kommunen. Die Frage, wen stört es, wenn der Löwenzahn auf dem Gehweg wächst? Ist das wirklich schlimm, muss alles 100 Prozent clean und bereinigt sein oder darf auch was wachsen, ist Natur schön, wollen wir Natur ertragen? Diese Fragen, das ist ein ganz heißes Thema, das diskutieren die Kommunen, und da gibt es auch eine starke Veränderung."

Zum Beispiel sollten abgeblühte Stängel auf dem Balkon stehen- und das Herbstlaub im Garten liegen bleiben dürfen. Denn in den toten Pflanzenteilen überwintern Insekten und legen ihre Eier ab. Jeder, der einen Balkon oder Garten hat, kann etwas dafür tun, damit im neuen Jahr vielleicht wieder mehr Insekten in Stadt und Land herumschwirren.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk