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StartseiteGesichter EuropasInsel der letzten Feudalherren16.06.2007

Insel der letzten Feudalherren

Sark im Ärmelkanal

Knapp 600 Menschen leben auf Sark – die zweitkleinste der Kanalinseln ist nur fünf Quadratkilometer groß, ein Stück blühender Landschaft mitten im Meer, am südlichen Ende des Ärmelkanals, wenige Kilometer von der französischen Küste entfernt. Ökologisch: eine Idylle. Ökonomisch: ein Finanzparadies. Historisch: ein Geschichtslabor. Und kulturell: eine alte Ehe aus britischer Höflichkeit und französischem Savoir vivre.

Reportagen von Ruth Rach; Moderation: Simonetta Dibbern

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Eine Botanikerin auf der kleinen Kanalinsel Sark, die nebenher auch als Touristenführerin und Kutscherin arbeitet, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen:

"Es gibt keine soziale Sicherheit. Jeder sorgt für sich. Für seine Gesundheit, seine Altersrente. Das Arbeitsethos ist sehr ausgeprägt. Fischer können nicht herumsitzen und nichts tun, wenn das Wetter schlecht ist. Dafür werden sie nicht bezahlt."

Und der Seigneur von Sark, der viele Privilegien genießt und von jahrhundertealten Regelungen profitiert:

"Ich verwalte die Insel als Lehnsgut von der Krone. Die Pacht wurde seit 1565 nicht mehr erhöht. Sie steht bei umgerechnet zweieinhalb Euro pro Jahr. Ziemlich günstig."

Ankunft im Hafen von Maseline - Der Kutscher Fred, Saisonarbeiter auf der autofreien Insel, über die Freundlichkeit der Sarkesen

Kantig. Wuchtig. Bizarr. Granitbrocken. Felsfinger. Zerwühlte See. Fast hundert Meter türmen sich die Klippen über dem Hafen von Maseline. Der ‚Bon Marin de Serk’ schaukelt an der Mole. Das Meer schäumt. Ein Häufchen Passagiere klettert mit wackligen Beinen an Land.

"Hello, welcome to Sark."

Ein Mann lädt das Gepäck auf seinen Traktor. Dann hilft er einer alten Dame in einen Anhänger: darauf steht mit dicken Lettern: Ambulanz. Die übrigen Ankömmlinge wandern durch einen dunklen Tunnel, in den Fels geschlagen. Auf der anderen Seite: im gleißenden Sonnenlicht, üppige Blumenwiesen. Ein Feldweg. Und ein Stück weiter oben: Pferdekutschen.

"I’m George and this is Fred."

Fred der Kutscher und George sein Pferd. Ein französisches Pärchen klettert auf den Ledersitz. Der Traktor knattert vorbei, die Ambulanz im Schlepptau.

"C’est exceptionel, c’est pas normal"

"Come on boy!"

Auf Sark sind Autos verboten. Motorräder ebenfalls. Und Flugzeuge sowieso. Der Feldweg wird eine Spur breiter. Die Hauptstraße. Sie heißt "Avenue". Ein Cafe, ein Juwelier, zwei Lebensmittelläden. Ein sehr blauer Briefkasten. Dahinter – ebenfalls in blau – das Postamt. Im Schaufenster Souvenirs, Dünger, Eisenwaren. Ein Häuschen in knallrosa. Blumenkübel. Neben dem Besucherzentrum ein winziges Steinhäuschen mit einer niedrigen Tür.

"This is the local prison."

Das örtliche Gefängis – das kleinste der Welt. Es hat zwei Zellen
Wenn Missetäter übers Wochenende einsitzen, werden in der Kirche Betstühle reserviert. Auf Sark gibt’s zwei Polizisten. Einer ist eine Frau. Aber Verbrechen sind äußerst selten – höchstens, dass jemand mal über den Durst trinkt und ausrastet...

Schirmmütze, Fliege, Frack - und ein waschechter Cockney Akzent. Fred ist im Londoner EastEnd geboren und aufgewachsen. Jahrzehntelang hat er dort als Brauereikutscher gearbeitet. Dann wurde die Brauerei geschlossen. Jetzt kommt er als Saisonarbeiter nach Sark.

"It’s like a step back in time."

Eine andere Welt. Als würde man die Zeit zurückdrehen. Ich schau ständig über meine Schulter, weil ich erwarte, dass ein Auto kommt.
Fred deutet auf einen Steinturm.

"This ’ere, this mill."

Diese Mühle wurde 1571 gebaut. Die Deutschen benutzten sie während der Besetzung als Wachposten. Dies ist der höchste Punkt auf den Kanalinseln. 110 Meter über dem Meeresspiegel.

"Hi Richard! ...and there’s the ambulance crew fire engine."
Die Sanitäter und Feuerwehrleute sind Freiwillige. Die Polizisten ebenfalls. Sie werden auf zwei Jahre gewählt. Alle haben natürlich einen Beruf. Aber sie sind rund um die Uhr abrufbar.

Ab und zu holpert jemand auf einem Fahrrad vorbei. Summt ein Flugzeug, hoch über den Wolken. Der Feldweg wirkt wie eine Privatstraße: still, sauber, von schmucken Hecken gesäumt. Plötzlich eine scharfe Kurve, ein tiefer Einschnitt in den Fels gesprengt. Dahinter nur noch Himmel und Meer, und ein langer schmaler Isthmus, der die beiden Inselhälften miteinander verbindet. La Coupee. Die Reisenden blicken bestürzt in die Tiefe.

"The concrete road was build 1945."

Die Straße wurde 1945 von deutschen Kriegsgefangenen befestigt. Sie haben auch die Eisenbrüstung angebracht.

La Coupee darf nur zu Fuß überquert werden. Fred führt George vorsichtig auf die andere Seite. Am liebsten würde er das ganze Jahr auf Sark bleiben. Aber im Winter gibt’s keine Arbeit.

"It reminds me of when I was a kid… in the war"."

Das Leben hier erinnert mich an meine Kindheit. Während des Kriegs wurde ich aufs Land evakuiert, auf einen Bauernhof. Schon damals war ich ein Pferdenarr. Im EastEnd fühle ich mich nicht mehr zuhause. Da leben inzwischen so viele Migranten, dass ich mir wie ein Fremder vorkomme. Hier fühle ich mich als Teil der Community. Die Leute sind sehr freundlich– und das ist gar nicht selbstverständlich für eine so kleine Gemeinschaft auf einer so abgeschiedenen Insel.

***

Knapp 600 Menschen leben auf Sark – die zweitkleinste der Kanalinseln ist nur fünf Quadratkilometer groß, ein Stück blühender Landschaft mitten im Meer, am südlichen Ende des Ärmelkanals, wenige Kilometer von der französischen Küste entfernt. Ökologisch: eine Idylle. Ökonomisch: ein Finanzparadies. Historisch: ein Geschichtslabor. Und kulturell: eine alte Ehe aus britischer Höflichkeit und französischem Savoir vivre.

"Die Kanalinseln sind ein Stück Frankreich, das ins Meer gefallen ist und von England wieder aufgesammelt wurde" – so beschrieb der französische Dichter Victor Hugo die Lage der Inseln im Ärmelkanal. 18 Jahre lang lebte Hugo auf Sarks größerer Schwester Guernsey im Exil und verfasste in dieser Zeit unter anderem seinen Roman "Die Arbeiter des Meeres". Ein Roman, der in den 20er Jahren des 18. Jahrhunderts spielt, als hier das allererste Dampfschiff verkehrte – es ist die Geschichte von Gilliatt, einem ebenso mutigen wie selbstlosen Insulaner, der im Kampf mit den Naturgewalten sein Leben aufs Spiel setzt, um die Maschine zu retten – und schließlich doch auf die erhoffte Liebe verzichten muss.

Seinem Roman vorangestellt hat Hugo ein essayistisches Vorspiel: "Der Archipel der Kanalinseln" – wissenschaftliche Beobachtungen eines Dichters.

Literatur:

Der Atlantik zernagt unsere Küsten. Der Druck der vom Pol kommenden Strömung verformt unsere westliche Steilküste. Gewaltige Brocken stürzen herab, das Wasser wälzt ganze Wolken von Kieseln vor sich her, unsere Häfen versanden oder verschottern, Barren schieben sich vor unsere Flussmündungen. Täglich reißt ein Stück normannischer Erde ab und verschwindet in der Flut. Diese ungeheure Arbeit, die heute langsamer vonstatten geht, ist schrecklich gewesen. Einen Begriff von der Kraft dieser polaren Strömung und der Gewalt dieser Auswaschung kann man sich anhand der Bresche machen, die sie zwischen Cherbourg und Brest geschlagen hat. Diese Entstehung des Ärmelkanals auf Kosten französischen Bodens datiert in vorgeschichtliche Zeit zurück. 709, siebzig Jahre vor der Thronerhebung Karls des Großen, hat eine Sturzsee Jersey von Frankreich losgerissen. Weitere Gipfel des zuvor untergetauchten Festlandes sind nun, wie Jersey, sichtbar. Diese aus dem Wasser ragenden Spitzen sind Inseln, die insgesamt den normannischen Archipel bilden. Es gibt dort einen arbeitsamen menschlichen Ameisenhaufen. Dem Fleiß des Meeres, der ein Zerstörungswerk vollbracht hat, ist der Fleiß des Menschen gefolgt, der ein Volk geschaffen hat.


Genaue Jahreszahlen zur Frühgeschichte gibt es nicht. Doch die Großsteingräber auf Sark weisen auf eine Besiedelung bereits in der Jungsteinzeit hin, auch die Römer waren wohl auf der Insel – im Jahre 565 dann begann der Heilige Magloire zusammen mit 62 Mönchen, die Insel zu kultivieren. Die Besitzer von Sark wechselten: erst kamen die Wikinger, dann die Normannen, später die Engländer. Im 16. Jahrhundert übergab Königin Elisabeth die Erste das Eiland einem Lehnsherren. Sein Auftrag: Sark zu kolonisieren – das war die billigste Weise, die Insel vor fremden Eindringlingen zu schützen. Die Siedler bekamen ein Stück Land und jeweils eine Stimme im Inselparlament, die von Generation zu Generation vererbt wurde.

Bis heute steht der Seigneur der Insel vor, bis heute ist Sark allein der englischen Krone unterstellt, bis heute ist das Chief Pleas das wichtigste Verfassungsorgan, der sogenannte Seneschall zugleich Parlamentspräsident wie oberster Richter, bis heute sind die Pächter der 40 Tenements automatisch Mitglieder des Inselparlaments. Die Neuerung in den 1920er Jahren, dass zusätzlich 12 gewählte Abgeordnete mit abstimmen dürfen, galt und gilt immer noch als unerhörte Neuerung. In diesem Jahr nun werden – auf Geheiß der EU-Menschenrechtskommission - zum ersten Mal in der Geschichte der Insel demokratische Wahlen zumindest vorbereitet.

Die Sarkesen hängen an den Relikten aus feudaler Zeit. Sie hängen an ihren eigenen Gesetzen. Sie haben zwar britische Pässe, dürfen aber in Großbritannien nicht wählen, und auch mit der Europäischen Union ist Sark nur locker assoziiert. An diesem Sicherheitsabstand zur übrigen Welt hält nicht nur die feine Gesellschaft von Sark gerne fest. Und wer als Gast hierher kommt, will ebendies: eintauchen in die altmodische Abgeschiedenheit von Sark.

La Sablonnerie: Englisches Cottage mit französischer Küche - Elisabeth Perree, Nachfahrin der ersten Siedler, bietet Aussteigern auf Zeit ein "Hideaway"

Plüschteppich mit Rosenmustern. Samtvorhänge. Dunkle Balkendecke. Sträuße aus Feldblumen und Lilien. Kellner huschen zur Anrichte, schreiten feierlich zu den Tischen: wie Gourmet Priester, die ihre Monstranz vor sich her tragen.

Feuillette aus Wachteleiern, zartestes Lamm, Seeteufel. Die Sablonnerie auf Little Sark. Ein 400 Jahre altes Bauern-Cottage mit französischer Cuisine. Besitzerin: Elizabeth Perree: Blaugrüne Augen, dunkles Haar. Bestes Queens English.

Ihre Vorfahren kamen schon im 16. Jahrhundert auf die Insel, mit Helier de Carteret, dem ranghöchsten Seigneur von Jersey. Sein Auftrag: Sark vor Piraten und Franzosen zu schützen.

""Hello!"

Elizabeth Perree begrüßt ihre Gäste wie alte Freunde – viele kommen seit zwanzig, dreißig Jahren. Die Insel mache regelrecht süchtig.

"It’s their little paradise, their hideaway…"

Das ist ihr kleines Paradies, ihr Versteck.
Das Personal kommt aus Polen. Allesamt Saisonarbeiter. Von Elisabeth Perree selbst ausgebildet. Auch sie kommen jedes Jahr. Spielen Tischlein Deck Dich – kaum ist ein Wunsch ausgesprochen, schon ist er erfüllt. Durchs offene Fenster, im Abendlicht, ein leuchtend grüner Rasen. Wege voller Zen-Muster. Sobald ein Gast seine Fußspuren hinterlässt, eilen Gärtner mit dem Rechen herbei und bringen das Design wieder in Ordnung. Drinnen feiert eine Pariser Großfamilie diskret ein Jubiläum.

Nach dem Dinner die Bar. Tiefe Ohrensessel, ein offenes Kaminfeuer. Elizabeth Perree erzählt gern von ihrer Kindheit. Jeden Tag ritt sie auf dem Pony zur Schule. Sark war ein einziger Spielplatz. Die Gäste lauschen, als würde ihnen aus einem Enid Blyton Buch vorgelesen.

"Als Prinz Charles nach Sark kam – übrigens ein reizender Mensch – sehr umweltbewusst, sagte er: 'Hüten Sie sich vor Veränderungen'."

Elizabeths Vater inspiziert die Gäste: Phillip Perree ist ungekrönter Seigneur von Little Sark. Ende 80. Schwache Stimme, scharfer Geist.

"Vor dem Krieg war alles in bester Ordnung. Es gab viele Pferde und kaum einen Traktor. Jeden Tag kamen mindestens 400 Besucher. Wir hatten große Fährboote. Heute fliegen die Urlauber nach Spanien."

Philip Perree schimpft: junge Narren im Inselparlament hätten beschlossen, die Straße zu asphaltieren. Prompt rutschten die Pferde aus. Jetzt mußten sie den Asphalt wieder aufbrechen.

Philip Perree spendiert eine Runde Schlehenwein, selbst gebrannt:
"Wir Sarkesen sind unabhängig". Seine Zuhörer nicken, im Hintergrund läuft Frank Sinatra. Er kramt in Erinnerungen. Sark war fünf Jahre unter deutscher Besatzung.

"Wir versuchten, die deutschen Soldaten zu ignorieren. Ich sprach mit meiner Frau nur Sark-Patois. Manchmal lachten wir. Manchmal mussten wir uns in Acht nehmen. Die anderen Kanalinseln wurden evakuiert. Wir sind geblieben – wir wollten unser Vieh nicht im Stich lassen."

Noch ein Schlückchen Schlehenwein. Nach dem Krieg kaufte Philip Perree mehr Land auf Little Sark. Jetzt sind auch seine Tochter, und seine Frau im Inselparlament vertreten.

"Ich glaube nicht, dass sich die Dinge hier groß verändern. Europa ist weit, England ebenfalls. Die andern sollen erst mal warten, bis wir soweit sind. Und ich hoffe, wir werden nie soweit sein."

Literatur :

Es existiert das Erstgeburtsrecht, es existiert der Zehnte, es existiert der Grundherr (Seigneur), der Lehnsherr und der Burgherr; es existiert das tourische Pfund, das Besitzrecht eines Erben und die Enthebung von diesem Besitzrecht, es existiert das Recht der Lehenseinziehung, der Lehensfolge, das Einstandsrecht Geschlechtsverwandter, es existiert die Vergangenheit. Weihnachten, Pfingsten, Johannistag und Michaelistag sind die gesetzlichen Verfalltage. Es gibt Freigüter und königliche Rechte.

Volles Mittelalter, sagt ihr; nein, volle Freiheit. Kommt her, lebt, existiert. Geht, wohin ihr gehen wollt, macht, was ihr tun wollt, seid, die ihr sein wollt. Niemand hat das Recht, euren Namen zu erfahren. Habt ihr einen eigenen Gott? Betet ihn an. Habt ihr eine eigene Flagge? Hißt sie. Wo? Mitten auf der Straße. Sie ist weiß. Nun gut. Sie ist blau. Sehr gut. Sie ist rot. Rot ist auch eine Farbe. Es gefällt euch, die Regierung anzuprangern? Steigt auf den Eckstein und sprecht. Wollt ihr euch öffentlich zusammenschließen? Tut das. (...) Und wenn ich die Monarchie angreifen würde? Das betrifft uns nicht. Ich möchte Plakate anschlagen. Hier sind die Mauern. Denkt, redet, schreibt, druckt, haltet Ansprachen, das ist eure Sache. Alles hören und alles lesen auf der einen Seite, das impliziert auf der anderen alles sagen und alles schreiben. Daher absolute Rede- und Pressefreiheit. Wer es will, ist Drucker, Priester, wer es will Pontifex. (...)


Viel hat sich nicht geändert in den 140 Jahren, seit Victor Hugo seine Beobachtungen auf den Kanalinseln machte – am wenigsten auf Sark. Das Inselparlament tritt dreimal im Jahr zusammen: am ersten Mittwoch nach dem 15. Januar, am Mittwoch nach Ostern und am Mittwoch nach Michaeli im Oktober. Krankenversicherung oder Altersversorgung gibt es nicht, dafür ist jeder Sarkese selbst verantwortlich. Dafür braucht er andererseits auch so gut wie keine Steuern zu zahlen – abgesehen von der Steuer auf so genanntes sichtbares Vermögen, wie etwa ein neues Fahrrad. Die genaue Höhe wird von der inseleigenen Steuerkommission festgelegt, nach dem alljährlichen Schätzungsrundgang auf der Insel – die Höchstgrenze liegt bei 6000 Euro pro Jahr.


Ansonsten lebt die Insel von den Touristen: 1,50 Euro Landegebühr pro Person sind bei der Ankunft auf Sark zu zahlen. Von den Einnahmen werden Lehrer und Straßenarbeiter bezahlt, auch Bedürftige erhalten eine Unterstützung. Alle anderen brauchen mehrere Jobs, um über die Runden zu kommen. Doch sie arbeiten gerne – im Dienst für ihre Insel: ehrenamtlich.

Klippenspaziergang durch Wildblumenwiesen - Penny Prevel, Botanikerin, Wanderführerin und Kutscherin, über das Arbeitsethos auf Sark

Rote Haare, rundliche Figur, vernünftige Schuhe. Penny Prevel organisiert den Wildblumenspaziergang. Über Bäche, durch Wiesen und Haine – da geht leicht ein Besucher verloren. Wenn da nicht Psyche wäre, der Sweeper. Wörtlich übersetzt mit: Kehrbesen. Psyche Veall fegt die Spaziergänger zusammen. Sie ist unerlässlich, auch wenn sie wie heute vom Zipperlein geplagt wird.

"Die Pfade sind sehr verwirrend – vor allem für Botaniker, die jedes Blättlein inspizieren, oder Birdwatcher. Die geraten im Nu auf Abwege."

Der dritte im Bunde: ein Herr mit Gehstock, Backenbart und Jesussandalen. Roger Veall, 83. Ehemaliger Seemann, langjähriger Psychiater, Amateur-Botaniker. Roger ist der ehrenamtliche ‚plant recorder’ von Sark: er registriert jede Pflanzenart.

"Die Vielfalt nimmt zu –die Bewohner setzen immer mehr fremde Blumen und Bäume in ihre Gärten. Das hat Vor- und Nachteile."

Penny deutet auf eine Wiese, über und über mit tiefblauen Glockenhyazinthen übersät. Ihnen drohe eine Invasion aus Spanien.

"Spanische Glockenhyazinthen haben gerade Stengel und lang kein so leuchtendes Blau. Die englischen neigen sich wie ein scheues Maid, während mir die spanischen wie stolze Flamencotänzerinnen vorkommen, die ihren Rocksaum lüften."

Heute sind’s nur zwei Ausflüglerinnen: Daphne und Rosemary, zwei resolute englische Damen im Wanderoutfit.

"Im Mittelalter war Sark nur selten besiedelt, manchmal kamen Piraten. Sie holzten die Insel ab, um Schiffe zu bauen, bis es keinen Baum mehr gab. Erst der Seigneur und seine Siedler begannen, die Insel zu bepflanzen, sie waren fest entschlossen, jedes Stückchen Land fruchtbar zu machen."

Penny deutet auf ein massives Gebäude aus dunklem Granit. Le Manoir, Um das Jahr 1565 erbaut.

"Oben auf dem Dach ist ein extra Sitz für Hexen. Damit sie nicht durch den Kamin fahren und drinnen Unheil anrichteten. Das Besucherzentrum war zu viktorianischen Zeiten eine Schule. Damals wurden Mädchen und Jungs getrennt unterrichtet, von der 'Dame', einer alten Jungfer. Heute gibt’s etwa 60 Schulkinder auf Sark. Nicht schlecht für eine Bevölkerung von rund 600. Sie haben ein nagelneues Gebäude, und sind per Videolink mit einer Schule in Norfolk verbunden."

Penny Prevel kam als junges Mädchen nach Sark. Das war Mitte der 70er Jahre. Gleich in der zweiten Woche verliebte sie sich in einen Sarkesen. In den Sommermonaten arbeitete sie als Kutscherin. Im Winter ging sie nach England zurück um in einer Autowerkstatt zu arbeiten. Nebenbei studierte sie Botanik. Seit ein paar Jahren ist sie verheiratet. Mit dem Sarkesen. Der hat es sich reichlich lang überlegt.

Viele Sarkesen haben – wie Penny – mehrere Jobs. Aus gutem Grund.

"Es gibt keine soziale Sicherheit. Jeder sorgt für sich. Für seine Gesundheit, seine Altersrente. Der Arbeitsethos ist sehr ausgeprägt. Fischer können nicht herumsitzen und nichts tun, wenn das Wetter schlecht ist. Dafür werden sie nicht bezahlt."

Dafür sind aber die Steuern ausgesprochen niedrig. Geradezu paradiesisch für reiche Engländer, die einen sicheren Hafen für ihr Geld suchen.

"Immer wieder wird ein Tenement verkauft, für ein, zwei Millionen Pfund. Vielleicht weil die Familie keine Nachkömmlinge hat, oder wegen finanzieller Probleme – das Leben auf Sark ist ausgesprochen teuer. Aber auf Sark gibt’s ja nur 40 Tenements, und nach dem überlieferten System ist jeder Landeigentümter im Inselparlament vertreten. Das führt dazu, dass immer mehr Outsider das Sagen haben. Inzwischen sitzen glaube ich nur noch 6 Sarkesen drin : die Tenements werden aus Steuergründen aufgekauft."

Penny riecht am blühenden Stechginster, erzählt den zwei Damen etwas über Farne, Lichtnelken, Lehmkraut und gelbe Margeriten. Und über die heftigen Stürme, die Sark im Winter von der Außen-Welt abschneiden und vor denen die Zugereisten flüchten. Außerhalb der Saison sind die Sarkesen unter sich. Eine geschlossene Gemeinschaft, mit allen Vor- und Nachteilen, so Roger Veall und seine Frau.

"Die Leute hier kennen einander in- und auswendig. Ihre Gedanken, ihre Schwächen, ihre Stärken. Natürlich verhalten sich manche daneben, geraten mit Nachbarn oder dem Gesetz in Konflikt. Aber nach einer Weile denken die Leute, nun ja, er hat seine Strafe absolviert, wir müssen miteinander auskommen, und nehmen ihn wieder in die Gemeinschaft auf."

Und was passiert, wenn sich jemand nicht anpasst?

"Der soziale Druck würde ihn zwingen sich entweder wieder einzufügen, oder Sark zu verlassen."

Für ältere Sarkesen ist im Inselhaushalt vorgesorgt. Zumindest was ihre Grundversorgung angeht. Ihre Strom- und Heizkosten werden übernommen. das ist wichtig, denn die Energiepreise auf der Insel sind um ein mehrfaches höher als in England. Nachbarn werden dafür bezahlt, für ältere Leute zu kochen. Aber meistens ist das nicht nötig – weil sich die eigene Familie um sie kümmert. Auf Sark seien die sozialen Bande noch intakt, sagt Penny. Im Gegensatz zu England.

"In England ist diese Verwurzelung, dieses Identitätsgefühl verloren gegangen. Vielleicht hat man dort deswegen so viel Probleme mit den jungen Leuten: sie können sich mit nichts identifizieren, es gibt keine Stadt, kein Dorf, wo sie sagen können, hier gehöre ich hin, hier wohnten schon meine Vorfahren, auf diesen Ort passe ich auf. Auf Sark gibt’s kaum Verbrechen. Niemand würde seinen Nachbarn beklauen - vielleicht muss er ihn ja schon bald um Hilfe bitten."

Literatur:

Die Küste im Archipel der Kanalinseln ist fast überall zerklüftet. Diese Inseln haben ein heiteres Inneres und sind nach außen hin schroff und rauh. Da der Ärmelkanal eine Art Mittelmeer ist, sind die Wogen kurz und heftig, die Flut ist ein Schwappen. Daher sind die Steilküsten so wunderlich zerhämmert und es gibt so tiefe Auswaschungen. Wer diese Küste entlang fährt, erlebt eine Reihe von Täuschungen. Andauernd versucht der Fels, einen zum Narren zu halten. Wo nisten sich diese Trugbilder ein? Im Granit. Es gibt nichts Seltsameres. Riesige Steinkröten gibt es dort, die zweifelsohne das Wasser verlassen haben, um zu atmen; gigantische Nonnen hasten dahin, über den Horizont gebeugt; die versteinerten Falten ihres Schleiers scheinen sich in den Wind zu legen; Könige mit plutonischen Kronen sinnen auf massiven Thronen, die von der Gischt nicht verschont werden; irgendwelche in den Fels vergrabene Wesen recken ihre Arme nach draußen; man sieht die Finger geöffneter Hände. All das sind Ungestalten der Küste. Kommt man näher, sieht man nichts mehr davon. Der Stein kann alles wieder zum Verschwinden bringen. Schau an, eine Festung, ein verwitterter Tempel, ein Chaos brüchiger Häuser und geschleifter Mauern, der ganze Abraum einer verödeten Stadt. Aber es gibt weder Stadt noch Tempel, noch Festung; es ist die Steilküste.

Etwa 5 Kilometer Luftlinie sind es zwischen dem nördlichsten Punkt von Sark und der Südspitze von Little Sark. Die Küstenlinie jedoch ist sehr viel länger: 65 Kilometer. Zerfranst und zerklüftet steigen die Felsen aus dem Wasser, felsige Buchten und Steilküsten wechseln einander ab, Strände gibt es nicht. Der Tidenhub im Golf von St Malo ist enorm: 12 Meter zwischen Ebbe und Flut. Und die Stürme im Ärmelkanal sind berüchtigt: viele Kapitäne, auch die erfahrensten unter ihnen, haben vor den unberechenbaren Orkanen schon kapitulieren oder sich und ihr Boot opfern müssen. Doch die Inselrundfahrt auf dem Meer ist spektakulär.

Inselrundfahrt durch riskantes Gewässer - Der Bootsführer George Guille über die Schönheit der Felsen und die Gefahr durch die modernistischen Nachbarn

Fast ein bißchen zu lebhaft schaukelt die Non Pareil im Hafen von Creux.

"Die Brise wird frischer – ich weiß nicht ob wir noch in die Höhlen kommen."

George Guille: weißer Schnauzer. Fesche Mütze. Pfiffiger Blick. 14 Leute hätten in seinem Holzboot Platz. Heute sind's nur vier.

"Eine schlechte Saison – zuviel Wind, zuwenig Besucher."

Die Non Pareil tuckert ins offene Meer. Haarscharf vorbei an gigantischen Felsbrocken. Hoch oben, auf nackten Steinsimsen hunderte von Seevögeln: Fordalken, Möwen, Kormorane.

"Schaut mal dort, eine Kolonie von Lummen – hübsche Penthäuser, nicht wahr."

Eine Ausflüglerin ist schon grün im Gesicht. Sark ist zwar nur fünf Kilometer lang und halb so breit. Die Inselrundfahrt dauert gut dreieinhalb Stunden. Aus der Brandung recken sich riesige Felstatzen, als bewege sich ein Steintier im Rhythmus der Gezeiten. Die Gesteinsadern haben die Farbe von getrocknetem Blut.

"Die Tide kann bis zu 10 Metern steigen, Springfluten sind noch höher. Wir haben ziemlich viel Felsen, und entsprechend viele Wracks."

27 Jahre lang fuhr George als Fischer zur See. Zusammen mit seiner Frau Sue Aber die Lizenz wurde ihnen zu teuer. Heute sind beide auf den Tourismus angewiesen. Sue hat eine Teestube, George macht Bootstouren, bei schlechtem Wetter Hilfsarbeiten. Seine Söhne sind weg, wollen sie die Welt bereisen. Aber George Guille sagt: "Irgendwann kommen alle zurück."
"Schaut mal dieser Felsbrocken, der wurde nach Königin Viktoria benannt, weil er ein so mürrisches Gesicht hat."

Bizarre Felsformationen, mit fantastischen Namen. "Möwenkapelle". "Schnabelnase". "Springbrunnen", weil die Flut riesige Fontänen durch Felskamine treibt. Höhlen, die wie Kathedralen aussehen, andere wie Läden. Die Gouliot-Höhlen, nur bei Ebbe zu erreichen, mit zartesten Korallen und Seeanemonen bewachsen.

Moie de Mouton. Eine Höhlenpassage, 130 Meter tief. Mit zartem Geschick manövriert George Guille sein Boot durch die den schmalen Eingang. Zentimeterarbeit. George hat die Non Pareil selbst gebaut, unter Anleitung von Bunter, dem örtlichen Schiffsbauer.

"Die meisten Leute stehen heutzutage auf Fiberglas. Dabei sind Holzboote so praktisch: du streifst gegen eine Felswand, machst ein neues Stück Holz rein, reibst die Stelle ab, streichst sie an. Fertig. Ach ja, der Fortschritt."

"Wir sollten ein paar Jahre zurückgehen, anstatt zu schnell nach vorne preschen."

George Guille blickt mit einem Hauch von Melancholie ins Wasser. Dabei ist er gar nicht grundsätzlich gegen Neuerungen.

"Auch auf Sark müssen die Regelungen mit der Menschenrechtskonvention übereinstimmen. Das bedeutet Verfassungsreformen. Im Moment geht's leider drunter und drüber. Die Landbesitzer versuchen, an ihren überlieferten Privilegien festzuhalten – die Mehrheit will ein allgemeines Wahlrecht. Nur schade, dass alles damit begann, dass sich zwei Outsider in unsere Politik einmischten."

Mit steinerner Miene nimmt George Guille Kurs auf eine kleine Nebeninsel. Brecqou, ein dunkles Felsplateau. Ringsherum eine hohe Mauer. Riesige Scheinwerfer. Dahinter wie eine massive Filmkulisse, ein pseudo-mittelalterliche Trutzburg mit plumpen Türmen. Besitzer: die Barclay Brothers, steinreiche Zwillingsbrüder aus Großbritannien.

Der Bau dauerte fünf Jahre, mehrere hundert Männer haben um die Uhr gearbeitet. "Wie Disneyland", sagt ein Passagier: So viel Geld, und so wenig Geschmack.

Vor dreizehn Jahren brachten die Barclay Brothers Brecqou in ihren Besitz. Alsbald begannen sie eine Kampagne gegen die mittelalterlichen Regelungen auf Sark, zogen bis nach Brüssel und brachten so die Reformlawine ins Rollen. Auf Sark lassen sich die öffentlichkeitsscheuen Milliardäre nicht sehen. Auch ihre Hausbediensteten bekommt niemand zu Gesicht.

George dreht eine trotzige kleine Runde im Hafen der Barclaybrüder. Unter der Nase der Überwachungskameras, mit denen Brecqou gespickt ist. "Wenn ich ins Wasse spränge, würden sie wahrscheinlich ihre Piranhas auf mich hetzen".

George kehrt den Barclay Brüdern den Rücken zu. Die Wogen glätten sich. Die Ausflügler strahlen. Die Seekranke hat sich erholt.

"Du hast mein volles Mitgefühl"", sagt George Guille:

"Jedes Mal wenn ich eine Fähre nehme, wird mir so übel, dass ich meine, mir hätte mein letztes Stündlein geschlagen."

***

Man kennt sich auf der Insel. Und die Positionen zwischen Tradition und Moderne in dem Mini-Inselreich sind mit Personen besetzt, deren Namen jeder weiß. Der Seigneur natürlich, Michael Beaumont, der inzwischen zwar auf so manche der überlieferten Privilegien verzichten muß, aber immer noch viele Vorrechte genießt: den so genannten "treizieme" etwa. Bei jedem Immobiliengeschäft steht ihm, dem Seigneur, der dreizehnte Teil zu. Oder die erwähnten Barclay-Brüder, die diese Extra-Abgabe zwar schluckten, als sie ihre Privatinsel erwarben, aber dann erzürnt in Brüssel Klage erhoben, ob der Feudalherrschaft des Seigneurs und ob der alten Erbfolgeregelung auf Sark: seit kurzem können auch erstgeborene Töchter erben. Und der Demokratisierungsprozess scheint voranzuschreiten.

Nur Medienvielfalt wird es wohl auch in Zukunft nicht geben: "La vouair de Sercq" – der Name der einzigen Zeitung war immer schon in Patois, dem inseleigenen normannischen Dialekt. Die Artikel aber sind zum größten Teil in Englisch – der Muttersprache der Herausgeberin. Denn auch das Medienimperium von Sark hat ein Gesicht: das von Jennifer Cochrane.

Medienmogul - Jennifer Cochrane, Putzfrau und Herausgeberin der Inselzeitung "La vouair de Sercq", über Meinungsbildung auf Sark

Am Taubenschlösschen vorbei, gerade aus bis zur zweiten Glyzinie, links durch den Torbogen, die Steintreppen runter dann die rote Tür ganz links. Zweite Klingel.

Jennifer Cochrane, rundlich, lebhaft, dunkle Haare, ein paar Silbersträhnen. Herausgeberin der Sark Voice. Die Inselzeitung wird einmal im Monat veröffentlicht. Ganz schön stressing.

"Ich muss nur noch das Schafsrennen in den Terminkalender eintragen"."

Jennifer klettert über Bücherstapel, Kleiderhaufen und Berge von Manuskripten zurück zum PC. Topfpflanzen Geburtstagskarten, Steifftierchen. Offener Kamin: ihr Wohnzimmer ist auch Redaktion und Archiv.

""Wir veranstalten ein Ascot Wochenende, aber statt Pferden haben wir Schafe, und statt Reiter Teddybären."

Sämtliche Artikel werden von Jennifer recherchiert, geschrieben und redigiert. Auflage 280 Stück. Es dauert drei Tage, bis sie alle Exemplare gedruckt gefaltet - und höchstpersönlich, mit dem Fahrrad – ausgeliefert hat.

"Ich bin hier der Medienmogul - außer Sport, für so was hab ich keine Zeit."

Jennifer Cochrane ist weit über 70. Eigentlich hat sie Zoologie studiert. Eine Weile arbeitete sie im Londoner Naturkundemuseum - Spezialgebiet Schlangen. Nebenbei schrieb sie Kinderbücher. Sie kramt im Regal: Die Vielfalt des Lebens, heißt ein Band, ins deutsche übersetzt. Seit 1975 lebt sie auf Sark. Ihrer Trauminsel.

"Die Kinder hier wissen gar nicht was sie hier für ein Glück haben. Wenn eins vom Fahrrad fällt, kann es jeder aufheben, abstauben und trösten, jeder kennt jeden, jeder wird mit Tante oder Onkel tituliert. Eine echte Gemeinschaft."

Jennifer kann sich nicht erinnern, wann das eine der beiden Gefängniszellen zuletzt besetzt war. Aber heißt das nicht auch, dass der Stimme von Sark – nun ja - die Schlagzeilen ausgehen? Resolutes Kopfschüttlen.

"Ich hab keinen Platz für Balkenüberschriften. Ich hasse es, wenn Redakteure eine Story verzerren, nur damit sie gute Schlagzeilen macht."

(Ein Handy klingelt.) Jennifer schaltet ihr Handy ab. Leserzuschriften bekommt sie kaum – wenn die Leute ihre Meinung ausdrücken wollen, reden sie miteinander.

"Auf meinem Titelbild ist stets ein schönes Foto – hier z.B. unsere Gouliot Höhlen, vor kurzem zum Weltnaturschutzgebiet erklärt. Auf Seite zwei der Kommentar, diesmal höchst politisch: über die künftige Zusammensetzung des Inselparlaments."

"Darüber reden sich die Leute die Köpfe heiss. Die Sarkesen sind nicht aggressiv veranlagt. Sie lassen es zu, dass Eindringlinge die Insel in ihre Macht bringen. Ich schreibe: um Himmelswillen, junge Sarkesen: wehrt euch. zieht ins Parlament."

Überhaupt macht sich Jennifer Cochrane um die junge Generation Sorgen. Früher hätten alle Kinder auf Sark wunderbare Manieren gehabt - das hätten sie auf der Inselschule gelernt. Heutzutage schicke man sie weg, ins Internat – angeblich, um eine höhere Ausbildung zu erhalten. Aber...

"Wenn sie heimkommen, hängen sie an Straßenecken herum und sagen, wir haben nichts zu tun. Der örtliche Patois gerät in Vergessenheit. Überlieferte Werte und der Gedanke, ihrer Insel freiwillig zu dienen, gehen ebenfalls verloren."

An einer Tradition werden die Insulaner allerdings festhalten, sagt Jennifer Cochrane: dem Autoverbot. Aus einem einfachen Grund.

"Bis zu richtig Gas gegeben hast, bist du bereits über den Klippen."

Jennifer spurtet zur Tür. Sie muss gleich zum Seigneur. Dort ist sie nebenamtlich Putzfrau.

"Auf Sark haben wir keine Zeit zum Altwerden. Wir sind viel zu beschäftigt. Solange mich die Arthritis nicht total verkrüppelt, geht’s mir gut."

Literatur:

Volles Mittelalter, sagt ihr; nein, volle Freiheit. Jeder ist sein eigener Souverän, nicht durch das Gesetz, sondern durch die Gebräuche. Gleichzeitig ist man loyal. Das sind Bürger, die sich etwas darauf einbilden, Untertanen zu sein. Im großen und ganzen regiert und herrscht das 19. Jahrhundert, es dringt durch alle Fenster dieses stehengebliebenen mittelalterlichen Gebäudes ein. Durch die alte normannische Gesetzestreue weht nach und nach der Wind der Freiheit. Dieses Gemäuer ist von Licht erfüllt. Nie war Anachronismus so wenig widerspenstig. Die Geschichte macht diesen Archipel mittelalterlich, der Fleiß und die Intelligenz machen ihn heutig. Er entgeht der Erstarrung ganz einfach dadurch, dass das Volk seine Lungen bläht. Eine Feudalgesellschaft dem Recht nach, eine Republik den Gegebenheiten nach. Das ist das Phänomen.

Victor Hugo hat das Selbstverständnis der Insulaner auf den Punkt gebracht. Auch heute noch sind sie dem Gesetz nach stolze wie zufriedene Untertanen. Allerdings wohl nicht mehr lange. Mit dem Jahr 1970, als Sark der europäischen Menschenrechtskommission beitrat, begannen die Veränderungen. Die Klagen der Barclay-Brüder trieben sie noch voran.

Der derzeitige Seigneur von Sark nimmt die revolutionären Demokratiebestrebungen mit Gelasssenheit hin. Seit nunmehr 33 Jahren genießt der letzte Feudalherr Europas seine Privilegien. Nicht zuletzt das, in der historischen Seigneurie zu wohnen, dem schönsten Anwesen der Insel.

Feudalherr: Das ist eine Position - Michael Beaumont, seit 33 Jahren Seigneur von Sark, sieht den Demokratiebestrebungen gelassen entgegen

Dicke Mauern, schmale Schießschlitze - und ein zierliches Eisentor weit offen. Aus Baumkronen lugt ein Eremitenturm, neben der Allee ein verwunschenes Taubenschlösschen. Im lauschigen Grün, zwei dunkle Teiche. Ein Rosengarten mit Springbrunnen, Labyrinth und Schattenuhr. Und ein Herrenhaus, direkt aus dem Märchenbuch: mit schrulligen Butzenfenstern, Giebelchen, Zinnen.

"Michael Beaumont, Seigneur von Sark. Ich verwalte die Insel als Lehnsgut von der Krone. Die Pacht wurde seit 1565 nicht mehr erhöht. Sie steht bei umgerechnet zweieinhalb Euro pro Jahr. Ziemlich günstig."

Milde Augen, bescheidenes Lächeln, aufrechte Haltung. Ende 70.. Der Seigneur machte gerade Kaffeepause in der Küche. Zusammen mit dem Gärtner und seiner Frau. Er trägt eine weinrote Windjacke und ein kariertes Hemd. Im Hintergrund brummt ein altertümlicher Kühlschrank. Auf dem wackligen Holztisch Magazine für Blumen- und Vogelfreunde. Man redet über Glyzinien, goldene Adler und den bevorstehenden Besuch von Prinzessin Anne.

"Seigneur, das ist eher eine Position als ein Job", erläutert Michael Beaumont. Und kaum mehr als ein grandioser Titel. Michael Beaumont hat den vordersten Platz in der Kirche, ein Stimmrecht im Inselparlament, kann Gesetzesvorlagen mit seinem Veto hinauszögern. Und genießt historische Privilegien wie die Haltung von Tauben und einer nicht sterilisierten Hundedame. Insgesamt sorge er dafür, dass alles mit rechten Dingen zugeht, sagt er vage. Aber wann kommen eigentlich die heiß diskutierten politischen Reformen?

"Wenn ich das wüsste. Alle Parlamentssitze werden künftig demokratisch gewählt. Dafür hat sich die Mehrheit der Bevölkerung bei einer Umfrage ausgesprochen. Und das finde ich auch richtig."

Der Seigneur öffnet kurz das Fenster. Er liebt stürmisches Wetter.

"Die Besitzer der Pachtgüter, die bislang automatisch einen Sitz im Parlament hatten, wehren sich natürlich mit Händen und Füßen - zumeist sind das Leute, die gar nicht von der Insel sind: sie haben den Sarkesen ihr Land abgekauft und nun schreien sie am lautesten, obwohl sie erst fünf Minuten hier sind."

Jemand will ein Fax schicken. Aber der Seigneur hat jetzt nicht den Kopf dafür.

"Sagen Sie einfach, das Gerät hat eine Panne."

Das Empfangszimmer ist kalt und groß. Der Seigneur zieht erst mal die Vorhänge auf. Hier hält sich er nur zu formellen Anlässen auf. Auf dem Sekretär, dem Kamin, den stilvollen Regalen: Fotos der Königsfamilie. Jedes Mal, wenn die Royals vorbeischauen, bekommt er noch eins dazu, als Souvenir, mit persönlicher Widmung. In diesem Raum hat seine Großmutter auch noch andere Gäste empfangen: Dame Sybil war eine Furcht erregende Dame.

"Als die Deutschen die Insel besetzten, zog Dame Sybil den Mussolini-Trick ab. Sie setzte sich hinter einen riesigen Tisch, und die Deutschen mussten zu ihr vorgehen und salutieren. Als sie versuchten, untereinander zu flüstern, sagte sie: 'Bitte vergessen Sie nicht, ich spreche Deutsch'."

Gedankenverloren spielt der Seigneur mit einer alten Pistole. Der frühere Besitzer – ein Herr auf einem Ölbild – lässt ihn nicht aus den Augen.

"Die Pistole gehörte meinen Urururururgroßvater, ein – sagen wir mal –Privatier, der sich nicht allzusehr darum scherte, unter welcher Flagge er segelte. Ich weiß, dass er während der napoleonischen Ära jede Menge russischer Schiffe versenkte, denn er hinterließ einen Riesenhaufen Rubel. Hinter dem Haus hab ich eine nette kleine Kanonensammlung – ein paar stammen auch von seinem Schiff. Damals lebten die meisten Bewohner der Kanalinseln von der Piraterie. Manche segelten bis nach Südamerika."

Verglichen mit seinen wilden Vorfahren führt der heutige Seigneur ein ruhiges Leben. Wenn er nicht gerade ein Mitglied der Königsfamilie empfangen muss, verfolgt Michael Beaumont zwei Leidenschaften: Gärtnern und Basteln. Im Moment baut er das Modell einer Windmühle, die von den deutschen Besetzern auf Sark während des Zweiten Weltkriegs als Wachturm benutzt worden war. Und wie sieht der Seigneur seine eigene Zukunft?

"Dann werde ich noch viel unwichtiger werden. Wenn das allgemeine Wahlrecht eingeführt wird, werde ich zwar im Inselparlament noch meine Meinung kundtun können, aber ich kann künftig nur abstimmen, wenn ich demokratisch ins Parlament gewählt werde. Feudalherr von Sark werde ich allerdings bleiben - schließlich ist mein Land weiterhin Lehnsgut der Krone. Den allgemeinen Parlamentswahlen werde ich mich sicherlich nicht stellen. Es wäre schlichtweg zu demütigend, zu verlieren."

Literatur:
Victor Hugo: "Die Arbeiter des Meeres". Aus dem Französischen übersetzt von Rainer G. Schmidt. Achilla Presse Verlagsbuchhandlung 2003

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