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StartseiteForschung aktuellWie das Aye-Aye nach Madagaskar kam22.08.2018

InselbesiedlungWie das Aye-Aye nach Madagaskar kam

Struppiges, schwarzes Fell und lange, dünne Finger: Aufgrund des sonderbaren Aussehens ranken sich viele Mythen um das madagassische Aye-Aye oder Fingertier. Wie es die Vorfahren der Primatenart auf die Insel verschlagen hat, war bislang unklar. Eine Studie bringt Licht ins Dunkel.

Von Michael Stang

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Das madagassische Aye-Aye setzt seine langen Finger zur Nahrungssuche ein. (David Haring/Duke Lemur Center)
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Mitte der 1960er Jahre wurden in Kenia drei kleine versteinerte Unterkiefer gefunden. Nach der Untersuchung der Fossilien kam der US-amerikanische Paläontologe George Gaylord Simpson zu dem Schluss, dass sie zu einer neuen Primatengattung gehören, die er Propotto nannte. Kurz darauf untersuchte ein weiterer Experte namens Alan Walker die 20 Millionen Jahre alten Versteinerungen, beschrieb sie aber als Knochenreste früher Flughunde - und sein Wort überwog, schließlich war letzterer einer der großen Primatenexperten. Und so wurde die Beschreibung von Propotto als unbedeutender Flughund Jahrzehnte lang nie infrage gestellt.

"Vor zwei Jahren reiste mein Kollege Gregg Gunnell nach Nairobi, Gregg ist Experte sowohl für die Bezahnung von Flughunden als auch von Primaten. Im Museum dort untersuchte er die Zähne von Propotto und kam zu dem Schluss, dass dieses Tier definitiv kein Flughund ist, sondern ein Primat."

Ähnliche Zähne besitzen die heute auf Madagaskar lebenden Aye-Ayes

Also war doch die Ursprungsbeschreibung richtig gewesen? Gregg Gunnell hatte Erik Seiffert von der University of Southern California in Los Angeles kontaktiert. Gemeinsam untersuchten sie die Fossilien und kamen zu demselben Schluss.

"Propotto verfügt über sehr lange, gebogene Schneidezähne, die wie eine Art Stachel aussehen. Das ist innerhalb der Primaten sehr selten und etwas Derartiges gibt es nicht bei Flughunden. Aber, ähnliche Zähne besitzen die heute auf Madagaskar lebenden Aye-Ayes."

Das Aye-Aye genannte Fingertier gilt nicht nur wegen seines seltsamen Äußeren als Kuriosum. Sein struppiges Fell und die extrem langen Finger des nachtaktiven Primaten verleihen ihm ein befremdliches Aussehen. Evolutionsbiologisch betrachtet ist das Fingertier etwas Besonderes, denn es hat keine lebenden Verwandten mehr. alle anderen Primaten auf Madagaskar gehören zu den Lemuren. Bislang galt die Lehrmeinung, dass irgendwann vor 55 bis 50 Millionen Jahren eine Primatengruppe auf die Insel kam. Dort waren sie isoliert und haben sich in viele Arten aufgespaltet. Eine der ersten Abzweigungen war demnach jene Linie, zu der das Fingertier gehört.

Zwei Einwanderungswellen von Primaten nach Madagaskar

"Wir haben nach Verbindungen zu afrikanischen Fossilien gesucht und Hinweise gefunden, dass Propotto mit dem viel älteren Primaten Plesiopithecus aus Ägypten verwandt ist. Und plötzlich entdeckten wir immer mehr Propottofossilien, die zuvor nie als solche erkannt worden waren. Als wir alle Informationen zusammengetragen hatten, wurde deutlich, dass nicht nur Propotto und Plesiopithecus miteinander verwandt sind, sondern beide auch in der Ahnenreihe des Fingertiers stehen. Das bedeutet, dass es zwei Einwanderungswellen der Primaten von Afrika nach Madagaskar gegeben hat und das ist wirklich eine erschütternde Entwicklung."

Demnach gab es zwei Primaten-Einwanderungswellen nach Madagaskar – einmal die Lemuren und dann die Vertreter aus der Gruppe des Fingertiers. Und die Besiedlung fand erst viel später statt, frühestens vor 30 Millionen Jahren. Damit ging die Entwicklung der Lemurenvielfalt auch viel schneller als bisher bekannt vonstatten. Diese Erkenntnis zeigt, wie wichtig ein unvoreingenommener Blick auf Fossilien ist, mahnt Erik Seiffert.

"Kritischer Blick auf seltsame Fossilien"

"Wir brauchen immer einen kritischen Blick auf die seltsamen Fossilien. Gelegentlich tauchen sie auf, aber da sie meist nicht zu den Hypothesen der Paläontologen passen, wurden sie ignoriert und genau das ist mit Propotto passiert."

Damit ist klar, dass der Erstbeschreiber der Propotto-Fossilien George Gaylord Simpson 1967 doch richtig lag. Aber er war kein ausgesprochener Primatenexperte und die Schlussfolgerung eines Außenstehenden war nicht viel wert. Das ändert sich nun fast ein halbes Jahrhundert später – dank Gregg Gunnel von der Duke University in North Carolina, der Erstautor der Studie im Fachblatt NATURE Communications. Die Veröffentlichung hat der Paläontologe aber nicht mehr erlebt. Gregg Gunnel verstarb nach kurzer Krankheit im vergangenen September.

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