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StartseiteFirmenporträtVon „Nut Rage“ und anderen Verfallserscheinungen01.03.2019

Inside Korea: Hanjin Group (2/3)Von „Nut Rage“ und anderen Verfallserscheinungen

Die Hanjin Group gehört zu Südkoreas Familienkonzernen der zweiten Reihe. Bekannt sind die Eigentümer, denen auch Korean Airlines gehört, durch ihre Skandale. Vor allem der Ausraster der Tochter des Firmenchefs über falsch angerichtete Nüsschen sorgte weltweit für Empörung.

Von Fabian Kretschmer

Cho Hyun-Ah (EPA)
Cho Hyun-ah aus der Eigentümerfamilie der Hanjin-Group entschuldigt sich für "Nut Rage" (EPA)

"I hope you can handle this: She was serving macademia nuts in a bag instead of on a plate. I´m serious, I´m not making this up."

Anderson Cooper, der berühmte US-Fernsehjournalist, macht sich in seiner Sendung auf CNN über eine gewisse Cho Hyun-ah lustig. Doch nicht nur er: Im Dezember 2014 sorgt die Südkoreanerin weltweit für Gelächter und Schmunzeln.

Schläge für den Chefsteward

Die Tochter des Konzernleiters von Korean Air hatte in einem firmeneigenen Flugzeug den Chefsteward mit ihrer Aktentasche geschlagen, auf die Knie gezwungen und schließlich aus der Maschine beordert. Nur weil dieser es gewagt hatte, Chos Macadamia-Nüsse in ihrer Plastikverpackung zu servieren statt, wie vorgeschrieben, in einer Schale. Die Medien gaben dem Skandal schon bald einen eigenen Namen:

"She will forever be known as the person behind nut rage. The case is popularly known as nut rage ... facing a handful of charges over the so called nut rage incidence."

In Südkorea löste der "Nut-rage"-Vorfall jedoch weniger Gelächter aus als vielmehr öffentliche Erregung. Die Bevölkerung sah ihn als weiteren Beleg dafür, wie moralisch verkommen die sogenannten Chaebol-Familien sind. Chaebols, so nennt man die Firmen-Konglomerate koreanischen Zuschnitts, erklärt Christoph Heider, Leiter der europäischen Handelskammer in Seoul:

"Chaebols sind Firmengruppen, die über Anteilsquerbeteiligungen zusammengehalten werden - also nicht, wie wir es in Europa oder Deutschland eher kennen, dass man eine Holding-Gesellschaft hat, die dann die entsprechenden Tochter-Gesellschaften haben. Die Chaebols sind in unterschiedlichen Industrien unterwegs. Das heißt, man hat nicht unbedingt ein core business oder Kerngeschäft, auf dass man sich konzentriert."

Zudem sind die Chaebols allesamt riesige Familiendynastien - mittlerweile in dritter Generation. Die fünf größten von ihnen - Samsung, LG, Hyundai, SK und Lotte - zeichnen für mehr als die Hälfte des koreanischen Aktienindex.

Cho Hyun-ahs Familie gehört da nur in die zweite Liga. Ihr Vater Cho Yang-ho leitet die Hanjin-Gruppe, die neben der Fluglinie Korean Air unter anderem ein Logistikunternehmen und ein Hotelnetzwerk betreibt. Der Konzern hat in viele Geschäftsbereiche investiert: unter anderem als Besitzer des 2017 fertiggestellten Wilshire Grand Centers, mit 335 Metern das höchste Gebäude in Los Angeles. Zudem hat die Hanjin Gruppe im südkoreanischen Goyang vor über 60 Jahren eine Luftfahrtuniversität gegründet, die Studenten unter anderem in Raumfahrttechnik und Fluglogistik unterrichtet.

Der wichtigste Geschäftszweig ist jedoch die Fluggesellschaft Korean Air: Mit einer Flotte von 166 Flugzeugen, die Destinationen in 44 Ländern anfliegen, ist sie die größte koreanische Fluglinie. Sie beschäftigt über 20.000 Angestellte und hat im Jahr 2017 einen Reingewinn 850 Millionen Dollar generiert.

Das Problem der dritten Firmengeneration

Chaebols wie die Hanjin-Gruppe verkörperten einst den Nationalstolz eines Landes, das sich vom bitterarmen Agrarstaat zur elftgrößten Volkswirtschaft hinaufgeschuftet hat. Die dritte Generation der Familiendynastien fällt jedoch vor allem durch Gesetzesverstöße und Machtmissbrauch auf. Wie eben die Cho-Familie vom "Nut-rage"-Skandal.

Im vergangenen April musste sich Cho Hyun-ahs jüngere Schwester vor Gericht verantworten, weil sie bei einem Firmenmeeting ebenfalls die Fassung verlor und einen Angestellten mit einem Wasserglas bewarf. Zeitgleich tauchte ein Videomitschnitt von der Mutter der Cho-Schwestern auf. Darauf ist zu sehen, wie die ältere Dame auf der Baustelle eines Firmenhotels wutentbrannt auf eine Mitarbeiterin losgeht.  

US-Buchautor Geoffrey Cain recherchiert seit Jahren zu den koreanischen Chaebol-Familien. Er sagt:

"Die Hanjin-Familie ist berüchtigt für ihr schlechtes Verhalten. Die dritte Chaebol-Generation ist einfach außer Kontrolle, da gab es auch weitere Skandale, etwa bei der Hanhwa-Gruppe. Dieses Problem betrifft vor allem die Chaebols, die international nicht so sehr bekannt sind. Die Gründerfamilien benehmen sich wie kapitalistische Aristokraten und können im Grunde machen, was sie wollen. Ein Blick in die Akten zeigt, dass sie von den Gerichten am Ende meist laufengelassen werden."

Vorfälle wie der "Nut-rage"-Skandal haben die Einstellung der Koreaner zu ihrer Unternehmenselite nachhaltig erschüttert. Autor Cain beschreibt sie als eine Art Hassliebe:

"Fakt ist, dass die Chaebols mehr Macht in Südkorea haben als jemals zuvor. Südkoreaner sind auf sie angewesen wegen ihrer Arbeitsplätze - und doch hassen sie die Chaebols, weil sie so viel Macht haben."

Die Akzeptanz der Chaebols sinkt

Vor allem unter der politisch Linken hat sich die Einstellung durchgesetzt, dass die großen Konglomerate des Landes zwar ungemein von Steuererleichterungen profitieren, jedoch der Gesellschaft nicht mehr ausreichend zurückgeben.

Südkoreas Präsident Moon Jae-in hat bei seinem Amtsantritt im Mai 2017 versprochen, die Dominanz der Chaebols zu beschneiden, da sie das Gedeihen eines wirtschaftlichen Mittelstandes verhindern. Bislang konnte er auf diesem Gebiet keine nennenswerten Erfolge verzeichnen.

"Ich würde nicht die wirtschaftliche Power der Chaebols restriktieren, aber die koreanische Regierung muss stark genug sein, Gesetze zu lancieren, die gegebenenfalls auch mal gegen die Chaebols sind - wenn es im Gesamtinteresse des Landes ist", sagt Christoph Heider von der europäischen Handelskammer in Seoul.

US-Autor Cain glaubt jedoch nicht, dass Präsident Moon die Chaebol reformieren wird. Dafür seien sie zu mächtig. Dennoch sagt er den koreanischen Mischkonzernen eine düstere Zukunft voraus:

"Die Struktur der Chaebols - und damit auch die Struktur von dem, was Südkorea wirtschaftlich erfolgreich gemacht hat -, ist seit den letzten 30 Jahren praktisch gleich geblieben. Stellen Sie sich nur mal vor, Amerika, Deutschland oder England würden immer noch auf genau dasselbe Wirtschaftsmodell vertrauen wie noch in den Achtzigern."  

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