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StartseiteTag für Tag"Ein Papier der Hilflosigkeit"27.07.2020

Instruktion der Kleruskongregation"Ein Papier der Hilflosigkeit"

Der Vatikan hat ein Papier zur Zukunft der Pfarreien veröffentlicht. Trotz Priestermangels soll es weiterhin verboten bleiben, dass Nicht-Geweihte - Laien - Gemeinden leiten. Der fehlende Bezug zu weltkirchlichen Nöten sei für ihn das eigentliche Ärgernis, sagte der Theologe Georg Essen im Dlf.

Georg Essen im Gespräch mit Christiane Florin

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Papst Franziskus geht nach der Pfingstmesse auf dem Petersplatz an Kardinälen vorbei.  (Gregorio Borgia/AP/dpa)
Leitungsfunktionen bleiben in der katholischen Kirche in klerikaler Hand (Gregorio Borgia/AP/dpa)
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Christiane Florin: Anfang Juni fand an der Universität Frankfurt eine Online-Tagung statt. "Machtkritik durch Theologie" war das Thema. Machtkritik ist einerseits nichts Neues, sie findet sich im Alten Testament, im Neuen Testament, in den Schriften der Kirchenväter Ambrosius und Augustinus. All das kam in verschiedenen Referaten zur Sprache. Andererseits ist theologische Kritik an der Macht der Institution katholische Kirche schwierig. Klerikale Macht wird zwar inszeniert, etwa in der Liturgie, aber eigentlich darf es sie nicht geben. Alle Macht ist Dienst, heißt die katholische Losung. Georg Essen ist Professor für Dogmatik am neuen Institut für katholische Theologie in Berlin. Ich habe ihn deshalb für ein Interview zur aktuellen Vatikanischen Instruktion angefragt, weil er in seinem Referat die ständische Verfassung der Kirche beschrieben und weil er vorhergesehen hat, dass der Vatikan Laien Grenzen setzen wird. Herr Essen, haben Sie prophetische Fähigkeiten? 

Georg Essen: Nein, die prophetischen Fähigkeiten habe ich nicht, aber es deutete sich doch auch an – gerade wegen des hohen Konfliktpotenzials im Miteinander von Laien und Klerikern: Der zunehmende Priestermangel, der danach fragt, wie überhaupt noch Leitung in der Kirche ausgeübt werden kann, amtliche Leitungsgewalt ist ausschließlich Priestern vorbehalten, was ist, wenn Priester so nicht mehr da sind? Das ist das eine.

Und wir kommen ja – und das war ja Hintergrund der Tagung in Frankfurt -, wir kommen ja nicht umhin, über das Thema Macht und Missbrauch in der Kirche zu sprechen, ohne über die Strukturen zu sprechen.

"Päpste zitieren Päpste, das römische Zitationskartell"

Christiane Florin: Ist für Sie das Schreiben aus Rom, diese Instruktion der Kleruskongregation, ein Machtwort?

Essen: Es will ein Machtwort sein, das ist sehr deutlich. Rom will das Konzept in der Hand haben. Aber eigentlich ist es ein Papier der Hilflosigkeit. Wenn man schaut, wer wird zitiert: Päpste zitieren Päpste, es ist das üblich römische Zitationskartell. Keine Stimme aus der Weltkirche wird zu dieser Frage gehört, die Teilkirchen kommen in dem Ganzen nicht vor. Deswegen ist es tatsächlich ein großes Dokument der Hilflosigkeit in meinen Augen.

Florin: Was ist für Sie der zentrale Inhalt dieses neuen Schreibens?

Essen: Der zentrale Inhalt ist meines Erachtens nicht das, was vielfach jetzt diskutiert wird. Im Grunde bewegt sich diese Instruktion ganz im Rahmen der geltenden Glaubenslehre und des geltenden Kirchenrechtes. Das Kirchenrecht normiert sehr deutlich auf der Basis der Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils, dass nämlich amtliche Leit- und Entscheidungsgewalt ausschließlich Klerikern vorbehalten ist, sakramental begründet ist. Und in diesen Bahnen bewegt sich diese Instruktion.

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Sie ist da auch sehr überraschungsfrei. Man wundert sich über manche Kritik - als ob die Römer nicht in diesen Bahnen denken. Sie tun es! Das ist für mich nicht wirklich das eigentliche Ärgernis. Und auch nicht, dass das Verhältnis von Klerikern und Laien in den Pfarrgemeinden nach den Vorstellungen Roms ständehierarchisch strukturiert sein muss. Das ist geltende Glaubenslehre.

Das Irritierende ist, dass das Zueinander von Weltkirche und Ortskirche einfach aus den Fugen geraten ist. Ein so klerikerfixiertes Papier, das ist doch wirklich sehr merkwürdig. Also der fehlende Bezug zu weltkirchlichen Nöten, das ist für mich das eigentliche Ärgernis.

"Dem Papst kommt es als absoluter Monarch zu, die Strukturen zu ändern"

Florin: Es gab vor nicht allzu langer Zeit eine Amazonas-Synode, es gab danach ein Schreiben des Papstes, in dem immerhin stand, dass auch Laien mit Vollmachten ausgestattet werden könnten. Das war zwar sehr vage gehalten, aber Laie und Vollmacht klingt zunächst mal ausbaufähig. Wie bringen Sie es denn zusammen, dass nun aus dem Vatikan ein Papier kommt, das sagt: Nö, ihr Laien, ihr kriegt keine Vollmacht?

Essen: Das kriege ich nicht mehr zusammen. Weil in der Tat gibt es beinah schon im Modus paradoxer Interventionen seitens des Papstes immer wieder Ermutigungen, die Strukturen sozusagen zu verflüssigen, über bestehende, auch erstarrte Strukturen hinwegzugehen, dem Gewissen zu folgen, an die Ränder der Kirche zu gehen, zu den Armen zu gehen, missionarisch zu sein. Das sind alles Ermutigungen, die Menschen doch vor Ort sehr ernst nehmen.

Und wenn sie es tun - und dann kommt gewissermaßen aus der Zentrale Roms der Gegenschlag. Etwas überspitzt formuliert möchte man den Papst doch tatsächlich manchmal daran erinnern, dass er auch der oberste Gesetzgeber dieser Kirche ist. Ihm kommt es zu als dem wirklich absoluten Monarchen dieser Kirche, die Strukturen entsprechend auch zu ändern wie er es immer wieder rhetorisch einfordert.

Ein Porträt von Georg Essen (Gmeiner-Winder Fotografie)Georg Essen (Gmeiner-Winder Fotografie)

Florin: Das heißt, der Papst sollte das Kirchenrecht ändern, wenn er es ernst meint?

Essen: Wenn er es ernst meint, müssen wir tatsächlich über eine Weiterbildung und Reform des geltenden Kirchenrechtes einfach nachdenken. Ich sehe zurzeit nicht, dass die geltende Rechtsordnung, die wir in der Kirche haben, noch in der Lage ist, produktiv und konstruktiv Wirklichkeit zu gestalten. Und dann verliert Recht seine Wirksamkeit und konterkariert sich selbst.

Angstvoll um die klerikale Identität bemüht

Florin: Im ersten Drittel dieses Schreibens steht eine Situationsanalyse, die zutreffend ist – es steht da, dass es wie bisher nicht mehr weitergehen kann, dass Gemeinden in ihrer bisherigen Gestalt nicht mehr erhalten werden können. Was ist denn daran so falsch, was ist denn daran so schlimm, wenn der Vatikan das feststellt?

Essen: Das ist überhaupt nicht schlimm, sondern das wäre ja der Auftakt gewesen, in weltkirchlichem Maßstab zu vielen verschiedenen Konzepten und Plänen zu kommen, wie es mit pastoralen Räumen, wie es mit den Pfarreien auch weitergeht. Also, dass das so deutlich herausgestellt wird, das ist nicht falsch.

Aber der Text ist in sich darin widersprüchlich, dass sogar auch ermutigt wird, Strukturen aufzubrechen und neu zu finden, aber eigentlich muss man sich eingestehen: Das geltende Kirchenrecht ist nicht mehr das geeignete Instrument zurzeit, um diese Strukturreformen auf den Weg zu bringen.

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Florin: Kann es nicht sein, dass der Priesterberuf attraktiver wird, wenn man nicht dauernd diese lästigen Laien an der Backe hat?

Essen: Es mag Priester geben, die genau so denken, angstvoll um ihre klerikale Identität sich mühend. Solche Priester gibt es. Aber es gibt doch eher die vielen anderen Priester, die auch überfordert sind. Und das sind ja alles Priesterbilder, die uns heute noch geläufig sind aus teilweise noch den 50er-, 60er- oder 70er-Jahren, also unter den Bedingungen von Volkskirche.

Ich glaube, dass die Klugen unter den Priestern, die auch nicht ängstlich um ihre Identität sich bemühen, dass die doch einfach sehen, dass sie selber ihren Dienst nicht mehr so weiterführen können.

"Der Mut besteht im Tabubruch"

Florin: Deutsche Bischöfe haben der Instruktion offen widersprochen, manche haben sie für überflüssig erklärt oder gesagt, dass sie weitermachen wie bisher – egal, was Rom sagt. Einige, zum Beispiel der Erzbischof von Köln, haben die Instruktion gelobt. Was bewirkt bischöflicher Protest in einer Monarchie, in einem Feudalsystem, wie Sie es vorhin genannt haben?

Essen: Also, dass heute, sozusagen innerhalb von einer Woche, eine doch große Anzahl von Bischöfen so vehement, so explizit widerspricht, das wäre in den 70er-, in den 80er-, in den 90er-Jahren einfach schier nicht möglich gewesen. Und das zeigt einfach, wie brisant die innerkatholische Situation ist.

Ich erwarte eigentlich von einem Bischof, dass er derjenige ist, der erst doch einmal den Papst und damit auch Rom unterstützt – und dann differenziert. Aber dass heute die positiven Stimmen auch in dem, was man wahrgenommen hat, in der Minderheit sind, dass die Mehrheit der Bischöfe protestiert und sagt: "Wir wollen nichts ändern", daraus spricht doch wirklich auch Sorge für ihre Teilkirche.

Mir gefällt das sehr, weil hier eigentlich Bischöfe doch auch mit einem gewissen Mut sagen: Ich bin der Bischof von Essen, von Bamberg und so weiter, und ich habe Sorge zu tragen für das Heil der Seelen. Von dieser Aufgabe kann man einen Bischof in seiner Diözese nicht dispensieren.

Florin: Worin besteht der Mut? Es ist doch kaum zu erwarten, dass der Papst die Bischöfe, die widersprechen, entlassen wird?

Essen: Der Mut besteht im Tabubruch. Dass öffentlich so deutlicher Widerspruch überhaupt geäußert wird, ist in der Hermetik der römisch-katholischen Kirche und in den Amtsstrukturen einfach nicht vorgesehen. Deswegen ist es eher der Mut. Nicht Angst um den Arbeitsplatz – die müssen diese Herren gewiss nicht haben. Aber es bedarf offenbar immer noch des Mutes, aus einer bestimmten konfliktscheuen Umgangskultur auszubrechen.

"Rom lässt das abprallen"

Florin: Bewirkt es mehr, wenn Bischöfe widersprechen als wenn Laienverbände protestieren?

Essen: Die realen Machtverhältnisse sind tatsächlich so, dass den Bischöfen wird Gehör gegeben, auch in der Öffentlichkeit, natürlich aber innerkirchlich auch; den Bischöfen sind auch die Wege geöffnet in den Kongregationen, sie können dort vorsprechen, sie können im Hintergrund wirken.

Wir müssen immer daran denken: So stark das Selbstbewusstsein von Laien gerade auch in Deutschland geprägt ist – Laien haben in dieser römisch-katholischen Kirche allein die Funktion, den Amtsinhabern, also den Klerikern zu helfen und zu beraten. Mehr nicht. Und das lässt diese Instruktion noch einmal sehr deutlich spüren. Auch in der Aufreihung, wer für was verantwortlich ist: Die Laien werden immer zum Schluss genannt.

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Florin: Das ist klar. Aber glauben Sie, dass Bischofsworte etwas in eine andere Richtung bewirken, dass Laien wirklich Leitungsfunktionen übernehmen können oder dass sie Teil eines Leitungs-Teams werden können? So verstehe ich manche Bischöfe, dass sie durchaus wollen, dass das so ist. Lässt Rom das nicht abprallen?

Essen: Ich lege mich mal fest: Ja, Rom lässt das abprallen. Und dann kommen wir in die sehr, wie ich finde, bedrückende Situation von gewissermaßen Paralleluniversen in unserer Kirche: Wir haben die offiziellen Regularien, die sehr zentralistisch-hierarchisch statuiert sind, und wir haben – ich sage es mal überspitzt – rechtsfreie Räume, wo unter Missachtung des geltenden Kirchenrechtes vor Ort in Gemeinden beziehungsweise in Diözesen anderes möglich gemacht wird. Manchmal auch so, dass man den Eindruck hat, hier ist doch mehr Etikettenschwindel als reale Strukturveränderung, was man erlebt.

Aber ich würde tatsächlich sagen: Wir stehen innerkirchlich an einem wirklichen Bruch, wo die Durchsetzungseffizienz Roms immer weiter abnimmt – und zwar, wie ich finde, auch zum Teil zu Recht, weil die Wirklichkeit einfach nicht wahrgenommen wird. Aber ich halte das für eine sehr ungute Situation.

Der Stiftungswille des Gründers

Florin: Wenn man es von außen betrachtet – und da muss man ja schon sagen, dass diese innerkatholischen Konflikte außen kaum noch interessieren -, aber wenn man es von außen betrachtet, dann fragt man sich ja erst recht: Wie kann es sein, dass eine Institution, der die Menschen davonlaufen und die auch ein sehr überschaubares Maß an Priesterweihen hat, also auch dieser vielgelobte Klerus scheint ja jetzt nicht auf unabsehbare Zeit gesichert zu sein, also wie kann es sein, dass eine Institution dann behauptet: Es muss (den Klerus betreffend) alles so weitergehen wie bisher? Wenn man das jetzt nicht mit bloßer Macht- und Selbststabilisierung erklären will, was kann ein Grund dafür sein?

Essen: Ich denke, zum einen tatsächlich die tiefe Überzeugung, dass die Kirche in ihrer realen Verfassungsordnung, in ihrer jetzigen Gestalt eins zu eins dem Stiftungswillen ihres Gründers Jesus Christus entspricht. Ich finde auch nicht, dass man sich darüber lustig machen sollte – obwohl wir im Grunde exegetisch, dogmenhistorisch und theologisch natürlich wissen, dass das auch selbst-immunisierende Konstrukte sind. Aber wenn wir tatsächlich Kirchenfürsten verstehen wollen, müssen wir das sehr ernst nehmen, dass sie tatsächlich zutiefst davon überzeugt sind, und deswegen für sich nicht das Mandat in Anspruch nehmen wollen, diese Strukturen zu ändern, weil sie davon überzeugt sind, sie sind Gottes Wille und Gottes Recht.

Braucht die katholische Kirche eine Verfassung?

Florin: Auch, wenn sie damit messbar keinen Erfolg haben?

Essen: Ich denke, dass vor allen Dingen dort, wo unser Grundgesetz auf dem Prinzip der Volkssouveränität aufruht, ist immer der Grundsatz maßgebend, dass es das Freiheitsstreben von Menschen ist, dass sie nur die Macht über sich zulassen, die sie selber legitimieren und begründen können. Mit anderen Worten: Moderne Verfassungen, ein moderner Rechtsstaat, Demokratie, sind um der Freiheit der Menschen willen äußerst sensibel für Legitimitätsfragen. Und wenn eine Legitimität nicht mehr hinreicht, um eine Rechtsordnung noch zu stabilisieren und zu normieren, dann haben wir wirklich einen Verfassungsnotstand in säkularen Gemeinwesen.

Diese Art von Legitimationsbeschaffung, also ein wirkliches normierendes Hinhören, die wirkliche Verpflichtung, zu hören, was das "Volk" will, das gibt es in der römisch-katholischen Kirche nicht. Sie kann tatsächlich ihre Strukturen aufrechterhalten ohne sich einen Deut zu scheren um die Sozialordnung und die Sozialgestalt dieser Kirche, die massivst abweicht.

Petersplatz in Rom (AFP/Andreas Solaro)Die Macht ist in der katholischen Kirche klar verteilt - der Papst herrscht als absoluter Monarch (AFP/Andreas Solaro)

Florin: Sie haben bei Ihrem Vortrag in Frankfurt eine Verfassungsdebatte gefordert. Das klingt sehr danach, als hätten Sie sich den säkularen Staat zum Vorbild genommen. Wie sollte so eine Verfassungsdebatte für die katholische Kirche aussehen?

Essen: Es gab sie ja schon mal. Im unmittelbaren Auftakt nach dem Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils, wo deutlich war, dass das Kirchenrecht von 1917 reformiert, auch neu verfasst werden musste, gab es große Ansätze, dem einfachen Kirchengesetz und -recht eine Verfassung vorzuschalten. Das ist im Sande verlaufen, wurde irgendwann nicht mehr weiter verfolgt. Die Gründe sind auch nur hinreichend klar.

"Interesse an einer Verfassungsdebatte besteht nicht"

Florin: Welches Interesse sollte denn die Leitung der katholischen Kirche an einer Verfassung haben, die ja, zum Beispiel wenn es Grundrechte des Einzelnen gibt, Abwehrrechte des Einzelnen gegenüber der Institution gibt, die Rechte und auch die Macht der bisherigen Alleinmächtigen beschränken würde? Welches Interesse soll der absolute Monarch daran haben, nicht mehr absoluter Monarch zu sein, sondern konstitutioneller Monarch?

Essen: Ja, wenn man in die Verfassungsgeschichte hineinschaut, wünscht man sich tatsächlich den Übergang von der absoluten Monarchie in eine zumindest konstitutionell gebundene Monarchie, in der sozusagen der Papst zur Kollegialität verpflichtet ist. Aber es wäre immer nur der Weg einer freiwilligen Selbstbindung. Auf diesem Wege wäre das in die Wege zu leiten.

Nein, ich würde auch tatsächlich sagen, ein wirkliches elementares Interesse, an dem Punkt eine Verfassungsdebatte auch im hierarchischen Kontext zu wollen, besteht nicht.

"Die katholische Kirche ist auf dem Weg zur Sekte"

Florin: Sie haben bei Ihrem Vortrag in Frankfurt Ihre Position als resignativ bis depressiv beschrieben. Sind Sie das immer noch? Oder sagen Sie nach der Instruktion, na jetzt erst recht kämpfen?

Essen: Ich bleibe mal dabei. Doch ich bin in einer Art auch resignativ. Ich komme sozusagen aus einem Wallfahrtsort, aus Kevelaer, ich komme aus volkskirchlichen Strukturen. Das sitzt in mir so tief. Und dann einfach auch zu sehen, in welche Sackgassen sich diese Kirche manövriert hat, da würde ich mal sagen: Das hat sie nicht verdient.

Aber ich sehe analytisch jetzt als Wissenschaftler, dass vermutlich der protestantische Theologe Ernst Troeltsch im Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert recht hatte. Er hat eine große Analyse aufgemacht: die Zukunft der Sozialgestalt der Kirchentümer, katholisch und protestantisch.

Die protestantische Variante ist, er nennt das Mystik, also eine institutionenfreie Innerlichkeit gelebten Glaubens. Und jetzt kommt ein schreckliches Wort, was Troeltsch im Blick auf die römisch-katholische Kirche am Anfang des 20. Jahrhunderts laut werden lässt – und das ist für ihn der Ausweg der römisch-katholischen Kirche nach dem Ende der Volkskirche: die Sekte.

Und diese kognitive Sektenmentalität, sozusagen Identität nach innen stabilisieren, nach außen abgrenzen, also diese Ghetto-Mentalität, das ist ein höchst attraktives Deutungsangebot, das zurzeit jedenfalls immer noch auch stabilisierend wirkt in weiten Teilen.

Florin: Das heißt, diese Prognose, die katholische Kirche wird eine Sekte, die riskiert nicht nur Troeltsch, die riskiert auch der Theologe Georg Essen?

Essen: Ja. Ich würde das tatsächlich sagen, wenn man sich davon befreit, dass Sekten immer kleine Splittergruppen sind – das ist natürlich die römisch-katholische Kirche nicht. Aber sie ist so gefangen in den Strukturen, in der Hermetik des 19. Jahrhunderts. Und wir müssen auch, wie ich finde resignativ, sagen: Es ist dem Zweiten Vatikanischen Konzil nur unzureichend gelungen, das 19. Jahrhundert hinter sich zu lassen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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