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StartseiteKalenderblattInszenierte Allmacht31.08.2012

Inszenierte Allmacht

Vor 2000 Jahren wurde der römische Kaiser Caligula geboren

Das Bild Caligulas ist das des grausamen, sadistischen Herrschers, der sein Pferd zum Konsul ernennen wollte. So weit, so teils richtig: Doch die psychotischen Züge dieses Regenten brachen sich Bahn in einer Zeit, in der ein Kaiser seinen Senat notgedrungen überleben - und zügeln musste.

Von Bernd Ulrich

Blick auf die Augenpartie eines Bronzeporträts des römischen Kaisers Caligula (picture alliance / dpa / Udo Bernhart)
Blick auf die Augenpartie eines Bronzeporträts des römischen Kaisers Caligula (picture alliance / dpa / Udo Bernhart)

Das Leben Caligulas war kurz – aber folgenreich. Am 31. August des Jahres 12 nach Christus als Sohn des Heerführers Germanicus geboren, wurde er im Alter von 24 Jahren zum Imperator ausgerufen. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich bereits jener Name für ihn eingebürgert, der ihm als Kind von den Soldaten seines Vaters gegeben worden war: Caligula – Stiefelchen, nach den speziell für ihn angefertigten Stiefel-Sandalen der einfachen Krieger, die er im Lager seines Vaters trug.
Das "Stiefelchen" machte seinem zärtlichen Spitznamen keine Ehre. Der Althistoriker Udo Hartmann:

"Lang ist die Liste der Scheußlichkeiten, die in den antiken Quellen über dieses Monstrum berichtet werden: Wahllos ließ er Senatoren foltern und hinrichten, trank in Essig aufgelöste Perlen, hatte inzestuöse Beziehungen mit seinen Schwestern und betrieb im Palast ein Bordell."

Vor allem die ersten, rund 100 Jahre nach dem Tod des Kaisers entstehenden Chroniken haben das Deutungsmuster vorgegeben: Ein sadistischer, enthemmter Irrer sei Caligula gewesen, dessen vierjährige Herrschaft zwischen 37 und 41 n. Chr. folgerichtig mit dem Tyrannenmord enden musste. Das wirkte nach bis weit ins 19. und 20. Jahrhundert hinein. Bereits 1894 prägte der spätere Friedensnobelpreisträger Ludwig Quidde in seiner Broschüre über Caligula den Begriff "Cäsarenwahnsinn". Damit war eigentlich der Regierungsstil Kaiser Wilhelms II. gemeint, aber diese Bestimmung hielt sich zäh auch in der Beurteilung des römischen Imperators.
Als einem der wenigen gelang es dem polnischen Lyriker Zbigniew Herbert, die Monstrosität des überlieferten Bildes ironisch zu brechen. Dabei bedient er sich einer der berühmtesten Anekdoten, die sich mit Caligula verbinden, wonach er sein Lieblingspferd Incitatus, was so viel wie der "Aufgeregte" heißt, zum Senator, gar zum Konsul ernennen wollte:

"Caligula sagt: Unter allen Bürgern von Rom/Liebte ich einen nur:/ Incitatus, das Pferd./ Kam er in den Senat,/ dann glänzte die/ unbescholtene Toga seines Fells/ inmitten der feigen, purpurbenähten Mörder:/ Makellos!/ ( ... ) Gleichgültig nahm er die Würde des Konsuls an./ Die Macht übte er vorbildlich aus./ Das heißt: Überhaupt nicht!"

Das Gedicht Herberts, von dem wir einen kurzen Ausschnitt hörten, ist auch deshalb erstaunlich, weil es früh andeutet, was in der Forschung zu Caligula spätestens seit der wegweisenden Biografie von Aloys Winterling Standard geworden ist: Der junge Imperator hatte sich in einer äußerst instabilen, von Intrigen und Verschwörungen beherrschten Atmosphäre zu behaupten. Sie wurde vor allem bestimmt durch eine rituell eingeübte, geradezu inflationäre Schmeichelei vonseiten des Senats gegenüber dem Kaiser und dessen Kunst, sich nicht als das zu geben, was er war: als allmächtiger Herrscher.
Der Althistoriker Winterling verdeutlicht das Prinzip der daraus resultierenden, doppelbödigen Kommunikation an der von Caligula für sich reklamierten Gottgleichheit:

"Die Senatoren wissen, dass der Kaiser weiß, dass er kein Gott ist. Der Kaiser weiß, dass die Senatoren wissen, dass er kein Gott ist. Und die Senatoren wissen, dass der Kaiser weiß, dass sie wissen, dass er kein Gott ist. Aber trotzdem tun sie`s. Und wenn man jetzt diese verrückten Kaiser anschaut, gerade bei Caligula: dass er diese doppelbödige Kommunikation, diese Unterwürfigkeit, die dann eben einhergehen konnte mit der gleichzeitigen Planung von Verschwörung, dass er da systematisch gegen vorgeht."

Dabei bediente sich Caligula durchaus unüblicher Methoden, die teils von sadistischer Grausamkeit, teils von üppigem Luxus geprägt waren. So ließ er etwa, um dem Senat seine Allmacht zu zeigen, eine fünf Kilometer lange Schiffsbrücke errichten, die er, gerüstet mit dem Brustpanzer Alexander des Großen, überquerte.

Aber nach einer aufgedeckten Verschwörung gegen ihn konfrontierte er die versammelten Senatoren in einer Rede auch direkt mit ihrem von Lüge, Verschwörungs- und Mordlust geprägten Verhalten. Und brachte damit die prekäre Machtbalance zwischen Prinzipat und Kaisertum vollends aus dem Gleichgewicht. Klar, dass so jemand nur durch Mord zu beseitigen war.
Caligulas gewaltsames Ende ähnelte dem mancher seiner Verwandten – und auch mancher seiner Nachkommen. Seine Tragik bestand darin, dass er zunächst versucht hatte, es seinem Urgroßvater Augustus gleichzutun, dem es nach einem Wort Winterlings gelungen war:
"... ein Herrscher zu sein, ohne zu befehlen, und ein Machthaber zu sein, ohne als solcher in Erscheinung zu treten."

Gegen einen Senat aber, der aus unterschiedlichen Interessen beständig daran arbeitete, den Kaiser zu beseitigen oder zu schwächen, fand er nur das Mittel einer inszenierten Allmacht. Einer Allmacht, deren psychotische Züge das Bild Caligulas bis heute bestimmen.

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