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StartseiteCampus & KarriereWo Schule an ihre Grenzen stößt12.04.2019

Integration durch BildungWo Schule an ihre Grenzen stößt

In der Schule lernt man lesen, schreiben, rechnen - und das Zusammenleben mit anderen. Bildungseinrichtungen sollen auch einen Beitrag zur Integration von Migranten leisten. Ein Anspruch, der derzeit aber sowohl das Bildungssystem als auch die Zuwanderer überfordere, warnt der Philosoph Julian Nida-Rümelin.

Von Manfred Götzke

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Der Lehrer Florian Schempp unterrichtet an der Friedenauer Gemeinschaftsschule in Berlin in einer Willkommensklasse Deutsch.  (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)
Schulen leisten wichtige Integrationsarbeit: Im Unterricht werden nicht nur fachliche Kompetenzen, sondern auch gemeinsame Normen vermittelt (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)
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Für den Münchner Philosophen Julian Nida-Rümelin ist die Sache klar: Die Schule kann und muss Werte, Normen, kulturelle Praktiken der Mehrheitsgesellschaft vermitteln. Für ihn ist sie der Austragungsort, wenn es um die Frage der Integration von jungen Migrantinnen und Migranten geht:

"Wir brauchen eine kulturelle Entwicklung, die den Respekt gegenüber auch anderen Auffassungen, anderen Traditionen, anderen Herkünften entwickelt. Und dann hat die Schule aber als der große gemeinsame Raum staatlich verantwortet, indem alle sich begegnen, alle miteinander umgehen können, müssen, miteinander kooperieren lernen müssen, Respekt vor Lehrkräften auch gelegentlich lernen müssen, auch wenn es sich um junge Frauen handelt. Das ist dann die zusätzliche Herausforderung." 

Klare Regeln als Hilfe bei der Integration

Und zwar nicht nur im Ethik- oder Politikunterricht, sondern auch immer mal wieder in der Sporthalle oder im Schulhallenbad: Beim gemeinsamen Schwimmunterricht von Jungen und Mädchen – ob nun mit oder ohne Burkini. 

"Da gibt es konkrete Fragen, wie zum Beispiel: Darf man es erzwingen, dass Mädchen am Sportunterricht teilnehmen, auch wenn die Kultur aus der sie kommen, dies als indezent empfindet?"   

Nida-Rümelin sagt da ganz klar ja:

"Der säkulare Staat sollte ganz klare Botschaften formulieren. Da bin ich nah an der französischen Lösungen, dass die da sehr rigoros sagt: Das sind Normen und Werte und kulturelle Praktiken, zum Beispiel gemeinsamer Sportunterricht oder keine Verhüllung verschiedenster Art aus religiösen Motiven im Öffentlichen Raum. Wenn das alle wissen, dann hat das auch eine befriedende Funktion. Also dann wissen eben die Eltern, es hat gar keinen Sinn, dagegen zu opponieren."

Gemeinsame Normen statt gemeinsame Werte

Der Ethnologe Christoph Antweiler würde nicht unbedingt so weit gehen. Auch er ist der Überzeugung: Ja, die Schule ist wichtig, ist entscheidend für die Integration. Aber für die Vermittlung grundleger Werte ist sie der falsche Ort.

"Ich glaube, dass die Schule eine wesentlich geringere Rolle spielen sollte in der Vermittlung ganz grundlegender Werte. Ich glaube nämlich nicht – und da gibt es empirische Hinweise zu, dass man sich überhaupt über ganz grundlegende Werte wie Nächstenliebe uns solche Dinge, die meistens aus den Religionen kommen, überhaupt einigen kann, in einer vielfältigen Gesellschaft. Aber man sollte sich einigen über bestimmte Normen zum Beispiel im Umgang mit Gleichheit zwischen den Geschlechtern oder zwischen Armen und Reichen."

Der Ostasienwissenschaftler hat lange in Indonesien gelebt und geforscht, gelernt hat er dort:

"Dass nicht immer auf grundlegende Werte, ganz tief liegende, emotional besetzte Dinge eingegangen wird, sondern dass in Gesprächen, durchaus auch in politischen erstmal eine Annährung stattfindet. Man schwingt sich erstmal ein, wie der andere tickt." 

Nicht so weit, wie erhofft

Wie gut die deutschen Schulen nun sind, wenn es um diese Vermittlung von Regeln und Normen geht, lässt sich nicht wirklich messen. Was sich besser messen lässt:  Abschüsse, schulischer und beruflicher Erfolg von Zuwanderern, von Geflüchteten. Und da ist Deutschland 2019 längst nicht so weit, wie sich viele Politiker und Bürger das vor gut drei Jahren erhofft haben, sagt der Bildungsökonom Ludger Wößmann:  

"Unter den erwachsenen Geflüchteten sind bisher nur zehn Prozent im Bildungssystem angekommen. Die Fortschritte sind doch eher langsam. Man hat sich das zu Anfang schon zu einfach vorgestellt. Mich überrascht das überhaupt nicht, und ich habe schon im Herbst 2015 darauf hingewiesen, was für eine große Herausforderung das sein wird, dass das Kompetenzniveau, was die Leute in ihren Heimatländern erworben haben, nicht dem deutschen entsprechen werden." 

Zwar sind von den Geflüchteten, die seit 2015 nach Deutschland gekommen sind, inzwischen zwei Drittel am Arbeitsmarkt angekommen. Die meisten hätten aber nur gering- oder unqualifizierte Jobs, sagt Wößmann: "Das wissen wir, dass das spätestens in der nächsten Rezession oder mittelfristig, nicht sehr stabile Beschäftigungsverhältnisse sein werden."

Da kann es dann auch schnell wieder vorbei sein mit der Integration durch Bildung und Arbeit. Damit sie also gelingt, die Integration, dürfe man beide Seiten auch nicht überfordern – weder die Geflüchteten noch die Schulen. Doch genau das passiert zurzeit, sagt Philosoph Nida Rümelin: "Wir tendieren etwas dazu, dem Bildungssystem die Gesamtverantwortung zu überlassen."  

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