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StartseiteDeutschland heuteEhepaar aus Eutin hilft gefüchteten Afghanen15.01.2019

IntegrationEhepaar aus Eutin hilft gefüchteten Afghanen

Die Integration von Flüchtlingen kostet Mühe - auf Seiten der Gastgeber und auf Seiten der neu Hinzugewanderten. Keiner weiß das besser als Anne und Hartmut Klütz aus Eutin: Das Rentner-Ehepaar hilft drei jungen Afghanen, sich in Deutschland zurechtzufinden.

Von Johannes Kulms

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Vier Personen blicken in die Kamera (Johannes Kulms)
Ali Ismaili (vorne), Hartmut Klütz, Ghambar Gorbani und Anne Klütz (Johannes Kulms)
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Eutin liegt auf halber Strecke zwischen Kiel und Lübeck. 17.000 Einwohner zählt die Kreisstadt in Ostholstein, die für Ghambar Gorbani und Ali Ismaili zur neuen Heimat geworden ist. Auch wenn es hier deutlich ruhiger zugeht als in der Großstadt, fühlen sich die beiden jungen Afghanen wohl in Eutin.

"Wenn man Arbeit hat, ist kleine Stadt und sauber und alles…", sagt der 25-jährige Ali Ismaili.

Vor acht Jahren kamen die beiden als minderjährige unbegleitete Flüchtlinge nach Deutschland. Inzwischen haben sie fest Fuß gefasst. Sie haben ihren Hauptschulabschluss erlangt, eine Ausbildung gemacht und arbeiten inzwischen als Tischler und Bäcker. Seit Kurzem haben beide auch die deutsche Staatsbürgerschaft.

Ehrenamtliche Hilfe

Geholfen hat ihnen auf diesem langen Weg vor allem ein Eutiner Ehepaar: Anne und Hartmut Klütz. Wenn er sie sehe, fühle es sich an wie ein Besuch bei seiner Familie, sagt Ghambar Gorbani:

"So wie in Afghanistan als ich bei meiner Mutter war. Das ist genau das gleiche. Das Essen ist sowieso immer lecker – immer!"

Ersatzfamilie

Anne und Hartmut Klütz sitzen mit ihren "Jungs" wie sie selber sagen am Eutiner Küchentisch. Eigentlich gehört dazu auch noch Mohammad Hadji-Sadeh – aber der muss an diesem Nachmittag arbeiten. Unzählige Stunden haben die beiden 78-jährigen Rentner in den letzten Jahren hier verbracht und den Jugendlichen Nachhilfe gegeben. In Deutsch und Mathe ebenso wie in Wirtschaft und weiteren Fächern, sagt Anne Klütz, die früher selber Lehrerin war.

"Sie hatten in Afghanistan keine Schule besucht. Sie waren also vollkommen unbeleckt von Schule."

Durch einen Zeitungsartikel erfuhr das Ehepaar 2010, dass der Kinderschutzbund dringend nach Ehrenamtlern für die Hausaufgabenbetreuung von Flüchtlingen suchte. Zum Beispiel für afghanische Jugendliche, sagt Hartmut Klütz.

Schöne Erinnerungen an Afghanistan

"Und dann haben wir gesagt, Afghanen, das ist top, denn wir haben zweieinhalb Jahre in Afghanistan gelebt und gearbeitet. Ein ganz tolles Land ist dieses Land damals gewesen, das war von 1972 bis Ende `74 waren wir dort. Also, wir konnten uns keine besseren Menschen eigentlich vorstellen. Und das, was daraus geworden ist, ist etwas ganz Fürchterliches und Trauriges."

Schon immer hatten sich Anne und Hartmut Klütz ehrenamtlich engagiert – in der Kommunalpolitik, bei Sportvereinen oder im Berufsverband. Doch dieses Ehrenamt sollte etwas Besonderes werden. Zum Teil drei bis vier Mal pro Woche luden die beiden Rentner die afghanischen Jugendlichen nach Hause ein. Häufig dauerten die Nachhilfesessions mehrere Stunden.

"Bis abends um sieben, bis sie gesagt haben, jetzt ist aber Schluss, uns raucht schon der Kopf, wir können nicht mehr!

Das habe für beide Zeiten viel Geduld und Nerven gekostet, macht Anne Klütz deutlich und auch ihre Schützlinge müssen da grinsen.

Dass er eines Tages mal einen Schulabschluss und eine Tischlerausbildung schaffen würde – das habe er damals nicht gedacht, sagt der 23-jährige Ghambar Gorbani:

"Nee. Weil die Sprache war so schwer. Ich konnte gar nichts. Ich konnte nicht schreiben, nicht lesen und im Laufe der Zeit wird ein bisschen leichter."

Integrationarbeit

Auch Ali Ismaili hat durch die vielen Nachhilfestunden viel gelernt. Unter allen Bäcker-Azubis im Kreis Ostholstein schaffte er 2016 die beste Abschlussprüfung.

Im Laufe der Jahre ist ein enges Verhältnis entstanden. Kürzlich habe ihre Tochter im kleinen Familienkreis geheiratet, sagt Anne Klütz . Eines war dabei klar: "Die drei mussten dabei sein!"

Eben weil die Verbindung zu Ghambar Gorbani, Ali Ismaili und Mohammad Hadji-Sadeh so eng geworden ist, hat ihnen das Rentnerpaar auch bei vielen Behördenangelegenheiten geholfen. Sei es nun mit der Arbeitsagentur, dem Jobcenter oder dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, kurz BAMF. Mitte Oktober erhielt Ghambar Gorbani ein Schreiben des BAMF. Darin wurde mitgeteilt, dass Gorbani "gesund und arbeitsfähig" sei. Es werde beabsichtigt, sein Abschiebeverbot zu widerrufen.

Drohende Abschiebung

Hartmut Klütz schickte daraufhin als Gorbanis Bevollmächtigter einen gepfefferten Brief ans BAMF. Darin schilderte er, dass der junge Mann schlaflose Nächte habe, die Sicherheitslage in Afghanistan weiterhin verheerend sei und dass im übrigen Ghambar Gorbani zehn Tage nach dem Erhalt des BAMF-Schreibens die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen habe. Damit wäre könne Gorbanis Akte im BAMF ja nun geschlossen werden.

"Und das darf eigentlich nicht sein, so geht man mit Menschen nicht um!"

Ghambar Gorbani und Ali Ismaili wissen, dass das Leben in Eutin sehr weit weg ist vom Alltag in Afghanistan. Er glaube nicht, dass er irgendwann nochmal dorthin zurückkehren wird, sagt Ali Ismaili.

"Das wird niemals Sicherheit in Afghanistan geben, da bin ich mir sicher. Denn seitdem ich geboren bin, ich bin mit dem Krieg aufgewachsen bis jetzt. Das wird immer schlimmer."

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