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StartseiteTag für Tag"Nicht ghettoisieren" 09.07.2018

Integration "Nicht ghettoisieren"

Klöster sollten Flüchtlinge aufnehmen, forderte Papst Franziskus schon vor Jahren. In Köln wurde aus einem Klarissenkloster ein integratives Wohnprojekt für Geflüchtete und Jugendlichen aus armen Familien. Für den Kölner Erzbischof ist das Gebäude auch ein Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit.

Von Klaus Englert

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Köln-Kalk liegt auf der rechtsrheinischen schäl Sick. Wer in der Domstadt, die ja hauptsächlich linksrheinisch ist, Kalk als Wohnort vorweist, besitzt nicht gerade die beste Visitenkarte. Tatsächlich gelten große Teile von Kalk als prekär, der viel zitierte "Migrationshintergrund" ist hier überall anzutreffen.

Jetzt ist Köln-Kalk zum Modell sozialer Integration geworden. Das Erzbistum Köln ließ das leer stehende Klarissenkloster umbauen und startete ein "integratives Wohnprojekt", das bedürftige Kölner Bürger, Jugendliche aus schwierigem sozialen Umfeld und Flüchtlinge einbezieht. Der Student Kasimir Dederichs zeigt sich schon jetzt zufrieden. Er lebt in einer Wohngruppe, die sich aus fünf Mitgliedern ganz unterschiedlicher Herkunft zusammensetzt:

"Man ist hier in Kalk in einem recht hektischen Viertel neben der Kalker Hauptstraße und hier ist es doch mit der Klosterarchitektur und den Mauern herum (…) auf jeden Fall ein Ruhepol, daneben ein Park und Grün im Innenhof, dadurch wirkt es wie eine Oase im hektischen Stadtumfeld."

Ein Aufruf des Papstes

Das Kölner Erzbistum übernahm unter Kardinal Rainer Maria Woelki die Bauherrenschaft des Wohnprojekts, das insgesamt 2500 Quadratmeter neuen Wohnraum schafft: vier Kleinwohnungen im ehemaligen Kloster, zusätzlich zehn Appartements im Pfortengebäude und 24 verschieden große Wohneinheiten in Erweiterungsbauten. Woelki kann sich auf Papst Franziskus berufen. Der hatte gefordert, ungenutzte Klöster möglichst heimat- und obdachlosen Flüchtlinge zu überlassen. Mehrere kirchliche und städtische Akteure suchten danach in Köln nach einer sozialverträglichen Lösung für das ehemalige Kalker Klarissenkloster, das in seiner intakten Gebäudestruktur in ganz Köln einzigartig ist. Auch mehrere Flüchtlinge legten Hand an, als im Sommer 2016 die Bauarbeiten begannen.

Kurz nach Einzug der ersten Bewohner vor wenigen Wochen, sagt Kardinal Woelki:

"Die Frage war ja, als 2015/6 so viele Menschen aus anderen Ländern – aus Ländern Afrikas, aus Syrien, aus Afghanistan - zu uns gekommen sind: Wie können wir diesen Menschen helfen? Das Entscheidende ist nicht nur, sie willkommen zu heißen, das Entscheidende ist auch, wie wir sie integriert bekommen. Und wie kann es in einer säkularen Gesellschaft gelingen, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft, verschiedener Kulturen, verschiedener Religionen friedlich zusammenleben? Dass das gelingt, dafür steht dieses Projekt Klarissenkloster."

Der Kardinal vergisst nicht zu erwähnen, dass die Umwandlung des Klarissenklosters kein Einzelfall bleiben wird. Auch das frühromanische Pantaleonskloster in der Kölner Südstadt wird derzeit für ähnliche Zwecke umgewandelt. Woelki erwähnt aber auch, dass die beim Kalker Projekt engagierte katholische Aachener Siedlungs- und Wohnungsgesellschaft bereits in Berlin erfolgreich war. Als man nämlich auf der Harzer Straße im Stadtteil Neukölln ein Haus für rumänische Roma sanierte und mit dem Wohnprojekt gleichzeitig die Integration der Bewohner förderte. Woelki möchte die Kölner durch die Initiative wachrütteln: "Menschen unterschiedlicher Religionen und Kulturen nicht isolieren, sie nicht ghettoisieren."

Gegen grassierende Fremdenfeindlichkeit empfiehlt der Geistliche: "Man muss etwas für die Integration tun, man darf nicht nur darüber reden. Da, wo es gelingt, Menschen, die zu uns kommen sind, auch mit der einheimischen Bevölkerung zusammenzubringen, gelingt Integration."

Die Mauer fällt

Die Bauarbeiten zielten darauf ab, ein kleines Stadtquartier zu schaffen, neue Wohnriegel im sozialen Wohnungsbau zu errichten und schließlich im 1925 gebauten neobarocken Kloster Wohnungen und Büros einzurichten. Die Kölner Architekten Regina Leipertz und Martin Kostulski entschieden sich dafür, die winzigen Wohnzellen der Nonnen zu vergrößern, so dass auch im teilprofanierten Klostergebäude Kleinwohnungen und Appartements entstehen konnten. Die sichtbarste Neuerung, auf die das Architektenpaar besonders stolz ist: Sie ließen die einst geschlossene Klosterummauerung an der Kapellenstrasse abtragen. Regina Leipertz erklärt das Ziel dieser Maßnahme:

"Das ursprüngliche geschlossene Klostergelände mit der Grundstücksmauer zurückzubauen (…) und mit einem großen öffentlichen Platz zu öffnen. Das war eine Idee, die uns von Anfang an sehr wichtig war"

Es sollten also mehr öffentliche Räume in der einstigen geschlossenen Klosteranlage entstehen. Deswegen schufen die beiden Architekten zwischen den drei neuen Wohnriegeln einen Quartiersplatz als Begegnungsstätte. Und zwar an der Stelle, wo die Klarissinnen einst ihren Klostergarten kultiviert hatten. Regina Leipertz erklärt, welche Freiräume sie für die kleine Siedlungsgemeinschaft gestaltet hat: "Und so hat man eine Platzfolge von unterschiedlichen Freibereichen, die Angebote darstellen für die Bewohner, um miteinander zu kommunizieren."

Das integrierte Wohnmodell des Kölner Erzbistums ist auch als betreutes Wohnen für Flüchtlinge und hilfsbedürftige Kölner Jugendliche angelegt. Deswegen sind in die Anlage auch Mitarbeiter der Caritas und der Stiftung "Die gute Hand" eingezogen. Regina Leipertz beurteilt abschließend, warum für sie persönlich das integrierte Wohnmodell in Köln-Kalk ein Erfolg ist: "Das ist die Idee, (…) dass Flüchtlinge und Kölner Bürger gemeinsam zusammenleben: Also 50 Prozent Flüchtlinge und Prozent Bürger, aber es wurde nie festgesetzt, wer welche Wohnung belegt, sondern das war bis zum Ende offen: Für uns war die Aufgabe, bezahlbaren Wohnraum unter den Aspekten des sozialen Wohnungsbaus zu schaffen. Erst ganz am Ende des Projektes wurde entschieden, ganz wild durcheinandergemixt, welche Wohnungen jetzt für Flüchtlinge zur Verfügung stehen und welche Wohnungen an andere Bürgerinnen und Bürger vermietet werden. Ich glaube, nur so kann Integration funktionieren."

 

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