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Integration von Flüchtlingen
Qualifikationen für den deutschen Arbeitsmarkt nötig

Auch wenn Flüchtlinge ein Hochschulabschluss und Berufserfahrung aus ihrem Heimatland mitbringen, brauchen sie Qualifikationen für den deutschen Arbeitsmarkt. An der Technischen Universität in Hamburg hat deswegen ein Pilotprojekt begonnen, dass Ingenieure aus dem Nahen Osten auf den Einstieg in den Arbeitsmarkt vorbereiten soll.

Von Axel Schröder | 27.04.2016

    Eine Studentin der Schulpädagogik schreibt am 17.10.2012 während einer Vorlesung in einem vollen Hörsaal in der Universität in Tübingen (Baden-Württemberg) mit.
    Im sogenannten Integral-Programm an der Technischen Universität Hamburg sollen Flüchtlingen Qualifikationen vermittelt werden. (picture alliance / dpa - Jan-Philipp Strobel)
    Zamer Rasheed ist voller Hoffnung. Vor einem Jahr hat er Damaskus verlassen und ist nach Deutschland geflohen. Nun sitzt der studierte Ingenieur auf einer der Bänke auf dem Campus der TU Hamburg, an einem kleinen Teich und gehört, mit 43 Jahren, wieder dazu, zur Studentenschaft.
    "Ich habe Maschinenbau studiert und ich habe als Maschinenbauer gearbeitet. In verschiedenen Firmen: bei Jungheinrich, Volvo, Atlas Copco – das ist eine internationale Firma. Auch in einer Stahl-Firma habe ich gearbeitet. Ich habe viel Erfahrung."
    15 Jahre Berufserfahrung liegen hinter dem Syrer. Und ein Praktikum beim Hamburger Unternehmen Beiersdorf. Nun ist er einer von acht Teilnehmern am sogenannten Integral-Programm der Technischen Uni in Hamburg-Harburg.
    "Ich will weiterlernen und finde das interessant und es ist eine gute Erfahrung für mich."
    Das Programm basiert auf drei Säulen
    Konzipiert hat das Angebot der TU Sebastian Timmerberg. Er arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Umwelttechnik und Energiewirtschaft:
    "Wir haben jetzt ein Programm aufgebaut, das auf drei Säulen basiert, die jeweils eine Problemstelle angehen beim Einstieg in den Arbeitsmarkt. Das beginnt bei der fachlichen Weiterbildung – das ist die erste Säule -, dann die sprachliche Weiterbildung. Und die dritte Säule ist der Arbeitgeberkontakt. Der Geflüchtete weiß vielleicht nicht, wie er an den Arbeitgeber herantreten kann und der Arbeitgeber weiß eventuell nicht, was er zu erwarten hat. Und dafür haben wir halt eine Arbeitgeberkontakt-Säule eingeführt."
    Dafür arbeitet die TU Hamburg mit der Handelskammer der Stadt zusammen, mit Instituten, die Deutsch-Kurse anbieten oder mit der Initiative W.I.R., mit Work and Integration for Refugees, die von der Behörde für Soziales und Arbeit initiiert wurde und mit Jobcenter der Hansestadt zusammenarbeitet. Von der Hamburger Wissenschaftsbehörde wird das Pilotprojekt an der Technischen Uni mit rund 300.000 Euro unterstützt. Bekannt gemacht wurde das Projekt über die E-Mail-Verteiler von Flüchtlings-Initiativen, ausgewählt wurden dann Kandidaten mit guten Deutschkenntnissen, mit passenden Studienabschlüssen aus ihren Heimatländern und gesichertem Aufenthaltsstatus. Nun geht es darum, den Geflüchteten die richtigen Angebote zu machen, erklärt der Leiter des Instituts Umwelttechnik und Energiewirtschaft, Martin Kaltschmitt:
    "Welche Ausbildung bringt er mit? Wo sehen wir Defizite im Bereich der Grundlagen und im Bereich der angewandten, also der fortgeschrittenen Technologie? Und dann kann man praktisch ein personenspezifisches Programm ausarbeiten: die Defizite, die diese spezielle Person hat, da würden wir empfehlen, dass die mit diesen Vorlesungen, mit diesen Übungen, diesen Seminaren, diesen zusätzlichen Maßnahmen entsprechend überwunden wird."
    Kein Abschluss, aber eine Auflistung des Geleisteten
    Schon heute, so Martin Kaltschmitt, arbeite die TU Hamburg mit der University of Jordan in Amman und drei weiteren Hochschulen in Libyen zusammen. In beiden Ländern hätten die Ingenieur-Wissenschaften eine starke Stellung und das deutsche Know-how sei sehr gefragt, erklärt der Professor. Am Ende werden die Absolventen der Weiterbildung zwar keine Abschlüsse machen können, die denen der Master-Studierenden entsprechen.
    "Was wir aber können, ist hinterher eine Auflistung dessen machen, was die Leute zusätzlich gemacht haben zum Studium, was sie sowieso schon gemacht haben, damit sie dann praktisch auch gegenüber potenziellen Arbeitgebern nachweisen können, zeigen können, dass sie bestimmte Bereiche vertieft haben und zusätzlich weiterentwickelt."
    Und in den Abschlusszeugnissen sollen auch die Noten der Seminararbeiten vermerkt werden. Zamer Rasheed ist begeistert von den Möglichkeiten, die ihm die TU Hamburg nun bietet. Und er hat auch schon ein Ziel vor Augen:
    "Ich habe eine Traum: dass ich hier in der Uni arbeite, dass ich ein Lehrer oder Professor werde. Ich habe viel Erfahrung und ich möchte das an die anderen Studierenden weitergeben. Und ich kann gut erklären."