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StartseiteEuropa heuteIntellektuelle unter Polizeischutz01.02.2007

Intellektuelle unter Polizeischutz

Nationalisten in der Türkei drohen nach Dink-Mord mit weiteren Attentaten

Es geht die Angst um in der Türkei. Nach dem Mord an dem türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink fürchten viele türkische Intellektuelle um ihr Leben. Jüngstes Beispiel: der türkische Nobelpreisträger Orhan Pamuk, der seine geplante Deutschlandreise aus Angst vor einem Attentat abgesagt hat. Gunnar Köhne berichtet aus Istanbul.

Eine alte Frau legt Blumen vor einem Foto des ermordeten Journalisten Hrant Dink am Tatort nieder. (AP)
Eine alte Frau legt Blumen vor einem Foto des ermordeten Journalisten Hrant Dink am Tatort nieder. (AP)
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Orhan Pamuk sagt Deutschlandreise ab

"Der Rücken eines Türken lässt sich nicht verbiegen", heißt es in diesem Schlager. Das Nationalistenlied dient als Untermalung eines schockierenden Videos, das derzeit in einem Internetportal gezeigt wird: Unter dem Titel "Diese Botschaft sollte endlich jeder verstehen" sind zunächst Fotos des ermordeten armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink und Porträts des mutmaßlichen 17-jährigen Täters zu sehen. Dann folgen Aufnahmen derjenigen, denen diese Botschaft offenbar gelten soll: Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk und seine Schriftstellerkollegin Elif Safak. Beide hatten sich in der Vergangenheit kritisch mit dem Völkermord an den Armeniern während des Ersten Weltkrieges auseinandergesetzt und waren dadurch zur Zielscheibe der Ultranationalisten geworden. Für den Film verantwortlich zeichnet eine Gruppe namens "Türkische Rache-Brigaden".

Die türkische Rechte zeigt sich immer aggressiver. Seit dem Mord an Hrant Dink stehen neben Orhan Pamuk ein halbes Dutzend Intellektuelle unter Polizeischutz. Besonders das Internet entwickelt sich zu einem Marktplatz türkischer Faschisten. Zehn Monate vor den Parlamentswahlen liegt die Graue-Wölfe-Partei MHP Umfragen zufolge bei 15 Prozent der Stimmen. Besonders unter türkischen Jugendlichen ist rechtsradikale Gesinnung wieder salonfähig. Am vergangenen Wochenende trugen zahlreiche Fans des Fußball-Erstligisten Trabzon demonstrativ eine weiße Wollmütze. Eine solche hatte auch der mutmaßliche Mörder Hrant Dinks am Tag des Attentats getragen. Auch die Besucher eines Jugendcafés im Istanbuler Stadtteil Besiktas lässt der Mord an Hrant Dink kalt:

"Ich glaube nicht, dass der Täter ein Türke war. Dahinter stecken ausländische Kräfte, aus Amerika oder Frankreich - die wollen die Türkei mit der Geschichte vom angeblichen Völkermord an den Armeniern aufhetzen."

"Ich habe gelesen, dass dieser Journalist geschrieben hat, das türkische Blut sei vergiftet."

Unter dem Slogan "Wir sind alle Armenier" geriet die Beerdigung Hrant Dinks in der vergangenen Woche zu einer großen Demonstration gegen Rassismus , an der über 100.000 Menschen teilnahmen. Das scheint die extreme Rechte des Landes zusätzlich provoziert zu haben. Dazu der Anwalt Kemal Kerincsiz, Vorsitzender einer nationalistischen Anwaltsvereinigung, die Hrant Dink, Orhan Pamuk und etliche andere mit Klagen wegen "Beleidigung des Türkentums" vor Gericht brachte:

"Als ob hier nicht die Türkei ist, wurde auf der Demonstration nicht eine einzige türkische Fahne getragen. Das zeigt doch, dass die Teilnehmer genauso denken wie der Verstorbene."

Die Forderungen nach Abschaffung des inzwischen berühmt-berüchtigten Strafrechtsparagrafen 301 werden immer lauter. Erst durch die Anklagen wegen "Beleidigung des Türkentums" seien Hrant Dink, Orhan Pamuk und etliche andere zur Zielscheibe der Nationalisten geworden.

Doch die Regierung zeigt sich zögerlich: Ministerpräsident Erdogan hat Kritiker zu einem Dialog über eine Reform des Paragrafen eingeladen - eine vollständige Streichung des Straftatbestandes lehnt er allerdings ab. Offenbar möchte Erdogan vor den Parlamentswahlen im November alles vermeiden, was von der nationalistischen Opposition alles Zugeständnis an die Europäer ausgeschlachtet werden könnte.

Die Aufklärung der Hintergründe des Mordes an Hrant Dink hat Erdogan als "heilige Pflicht" bezeichnet. Doch auch da geht es nicht recht voran. Vielmehr werden immer mehr Details bekannt, die nahe legen, dass der 17-jährige Täter im Staatsapparat Helfer hatte. So arbeitete einer seiner Freunde als informeller Polizeimitarbeiter. Die Beteiligten prahlten offenbar schon vor Monaten mit ihrem Plan, den "Vaterlandsverräter" Hrant Dink zu erschießen - nachzulesen in einem geheimen Polizeibericht, der allerdings unter ungeklärten Umständen in einer Schublade verschwand.

Doch die Debatte über die Konsequenzen aus dem Mord an Hrant Dink geht in der Türkei mittlerweile über die Forderung nach Polizeischutz für kritische Intellektuelle und Gesetzesreformen hinaus. Wir müssen unsere Kinder anders erziehen, fordert die Istanbuler Erziehungswissenschaftlerin Neyyir Berktay:

"Wir sind es gewohnt, in dem Anderen, dem Ausländer immer zuerst einen Feind und Schuldigen zu sehen. Außerdem fehlt uns das kritische Denken. Ohne zu hinterfragen, glauben wir sofort, was wir hören. Gepaart mit Armut und Hoffnungslosigkeit unter Jugendlichen sind solche Einstellungen eine große Gefahr."

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