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StartseiteThemaWas der Begriff Triage bedeutet17.12.2020

IntensivmedizinWas der Begriff Triage bedeutet

Steigende Infektionszahlen, volle Intensivstationen: Verschlimmert sich die Corona-Lage, müssen Ärzte entscheiden, wem geholfen wird – und wem nicht. Sogenannte Triage-Systeme helfen ihnen dabei. Was genau bedeutet der Begriff und welche Richtlinien gelten? Ein Überblick.

Mehrere Ärzte stehen in Schutzkleidung am Bett eines Intensivpatienten (picture alliance/dpa/Waltraud Grubitzsch)
Verschärft sich die Corona-Lage weiter, müssen Ärzte schwerwiegende Entscheidungen treffen (picture alliance/dpa/Waltraud Grubitzsch)
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Die Corona-Pandemie könnte das Gesundheitssystem an die Grenze der Belastbarkeit bringen – wenn mehr COVID-19-Patientinnen und Patienten intensivmedizinische Betreuung benötigen, als Kapazitäten vorhanden sind. Wer wird beatmet, wenn die Geräte nicht für alle Erkrankten ausreichen? Das medizinische Personal muss entscheiden, wer eine lebensrettende Behandlung bekommt und wer nicht. Für diesen Entscheidungsprozess steht die Bezeichnung Triage.

  (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)Die Entwicklung in Deutschland – eine Chronik (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)Coronavirus in Zahlen 
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Ursprünglich bezieht sich dieser Begriff allerdings nicht generell auf eine Entscheidung über Leben und Tod, sondern lediglich über die Dringlichkeit und Reihenfolge der Behandlung von Patienten, sodass alle die bestmögliche Versorgung erhalten. Im Laufe der Corona-Pandemie ist der Begriff vielen erstmalig geläufig geworden und hat sich in dieser zugespitzten Bedeutung verbreitet.

Woher kommt der Begriff Triage?

Der Begriff Triage stammt aus dem Französischen und bedeutet Auswahl oder Sichtung. In der Medizin bezeichnet er die erste Einordnung von Patienten in Kategorien, die die Schwere ihrer Erkrankung bestimmen. Anhand dessen können Ärzte und Pfleger besser entscheiden, wie schnell eine Behandlung stattfinden muss und wer zuerst behandelt wird. In Deutschland, Österreich und der Schweiz ist das sogenannte Manchester-Triage-System am weitesten verbreitet: Medizinische Fälle werden anhand verschiedener Symptome nach ihrer Dringlichkeit sortiert und in fünf Kategorien eingeordnet. Diese reichen von "sofort" über "sehr dringend", "dringend" und "normal" bis hin zu "nicht dringend". Die Kategorie, in welche ein Patient eingeordnet wird, bestimmt, wie schnell eine Behandlung erfolgen muss.

Triagieren in der Notaufnahme

In der Notfallmedizin gehört Triagieren auch unter der Bezeichnung Ersteinschätzung zum Alltag: Patienten mit schweren oder lebensbedrohlichen Symptomen werden schnell versorgt und gegebenenfalls jenen vorgezogen, die durch eine spätere Behandlung keine medizinischen Nachteile haben. Von den Patienten wird dieses Prozedere normalerweise gar nicht bemerkt. Denn das Konzept geht davon aus, dass alle eintreffenden Patienten tatsächlich versorgt werden können, nur eben nicht alle gleich schnell. In einer Notaufnahme werden also Menschen, denen es besonders schlecht geht, auch besonders dringlich behandelt. Im Krieg, bei Katastrophen oder in anderen Ausnahmefällen wandelt sich dieses Prinzip jedoch.

Triage in Katastrophenfällen

Ursprünglich stammt der Begriff Triage aus der Militärmedizin und wurde erstmals unter Napoleon praktiziert. Kriege verursachen eine hohe Zahl an Verletzten innerhalb eines kurzen Zeitraums. Zu wenig Zeit, Personal und medizinische Mittel verhindern, dass alle angemessen versorgt werden können. In solchen dramatischen Situationen dient die Triage dazu, Behandlungsentscheidungen so zu treffen, dass möglichst viele Menschen überleben. Während im Normalfall alle Patienten bestmöglich behandelt werden, müssen Ärzte im Krieg, aber auch in Katastrophenfällen wie Epidemien oder Naturkatastrophen, die Zuteilung der medizinischen Mittel abwägen. Dabei bekommen nicht die Menschen zuerst Hilfe, die sie am dringendsten benötigen, sondern jene mit den besten Aussichten auf Genesung.

Was bedeutet Triage in der Coronakrise?

Durch die aktuelle Corona-Pandemie ist das Gesundheitssystem in besonderer Weise belastet. Sie bewirkt eine Knappheit medizinischer Kapazitäten, auf die niemand vorbereitet war, zuerst erkennbar in Italien, dann in Spanien und Frankreich. Es fehlt an Personal, Zeit und intensivmedizinischem Gerät. Und nun werden auch in Deutschland die Ressourcen knapp.

  (picture alliance/ dpa/ Daniel Schäfer) (picture alliance/ dpa/ Daniel Schäfer)Kommt es in Sachsen schon zur Triage?In Sachsen arbeitet ein Viertel der Krankenhäuser am Rande ihrer Kapazitätsgrenzen. Der medizinische Leiter einer Klinik in Zittau sagte in einem Online-Bürgerforum, es sei dort bereits mehrmals zu Triage-Entscheidungen gekommen. Die Klinik selbst spricht davon, an die "Grenzen des Leistbaren" zu kommen. 

Diese Personal-, Zeit- und Resourcenknappheit verursacht ein praktisches und damit zugleich ein moralisches Dilemma: Nicht alle Patienten können angemessen behandelt werden. Und anders als bei anderen Katastrophen wie Massenkarambolagen, Flugzeugabstürzen oder Terroranschläge hört der Zustrom an Behandlungsbedürftigen nicht auf, sondern nimmt über einen unabsehbaren Zeitraum sogar zu. Die Ärzte müssen also nicht darüber entscheiden, wer zuerst behandelt wird, sondern wer überhaupt eine notwendige Versorgung wie etwa Beatmung erhält.

Damit das medizinische Personal mit dieser moralisch extrem schwierigen Entscheidung nicht alleine gelassen wird, muss es ein Triage-System mit festgeschriebenen Kriterien und Handlungsanweisungen geben. Die Verantwortung liegt dann nicht mehr beim einzelnen, also dem jeweils behandelnden medizinischen Personal. Zudem verhindern klare Vorgaben, dass bestimmte Peronengruppen bevorzugt oder benachteiligt werden.

Welche Leitlinien gibt es?

Medizinische Leitlinien werden in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) veröffentlicht. Diese Leitlinien dienen als Entscheidungshilfe, sind aber keine Gesetze und entsprechend juristisch nicht bindend. Gute Leitlinien bilden jedoch den medizinischen Standard ab, der wiederum für Ärzte verbindlich und rechtlich relevant ist. Sieben medizinische Fachgesellschaften haben gemeinsam klinisch-ethische Empfehlungen verfasst, nach welchen Kriterien das medizinische Personal die Behandlung von COVID-19-Patienten priorisieren soll.

Im Ernstfall sollen Ärztinnen und Ärzte diesen Triage-Empfehungen folgen. Zusätzliche Vorgaben wird es von der Politik nicht geben, da der Staat in diesen Bereich nicht eingreifen darf. 

33D-Modell des Coronavirus SARS-CoV2 (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte) (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Welche konkreten Kriterien gelten bisher?

In der aktuellen Coronakrise sollen bei knappen Ressourcen möglichst viele Menschen angemessen medizinisch versorgt werden. Die Triage-Empfehlungen greifen dann, wenn für die Anzahl der Patienten keine ausreichende Zahl an Intensivbetten verfügbar und auch in anderen Krankenhäusern kein Platz ist. Als wichtigstes Entscheidungskriterium gilt die sogenannte klinische Erfolgsaussicht: ob und wie schnell ein Mensch wahrscheinlich wieder gesund und somit der intensivmedizinische Platz für einen nächsten Patienten frei wird.

Kriterien für geringe klinische Erfolgsaussichten

Als Indikatoren für geringe Erfolgsaussichten einer Behandlung geben die Fachgesellschaften folgende Kriterien an:

  • Beurteilung der aktuellen Erkrankung: höherer Schweregrad, etwa akutes Lungenversagen (ARDS, Acute Respiratory Distress Syndrome), begleitende akute Organversagen
  • Beurteilung des allgemeinen Gesundheitszustandes, erhöhte Gebrechlichkeit
  • Prüfen von Begleiterkrankungen, die die Prognose verschlechtern können (etwa fortgeschrittene Krebserkrankung, fortgeschrittene neurologische Erkrankung oder Immunschwäche)

Je nach Beurteilung wird eine intensivmedizinische Therapie - sofern vom Patienten nicht ausdrücklich anders gewünscht - oder nicht-intensivmedizinische Behandlung beziehungsweise palliativmedizinische Versorgung angeordnet.

Einhaltung des Mehr-Augen-Prinzips

Die genannten Kriterien müssen von mehreren Fachleuten geprüft werden (interprofessionelles Mehr-Augen-Prinzip): An der Beurteilung sollen möglichst zwei intensivmedizinisch erfahren Ärzte inklusive Primär- und Sekundärbehandler sowie möglichst Vertreter der Pflege beteiligt sein. Zudem müssen Im Laufe der Behandlung die Kriterien immer wieder geprüft und möglicherweise neu bewertet werden. 

Faktoren wie Alter oder sozialer Status nicht relevant

Bei allen Entscheidungen gilt der Grundsatz der Gleichbehandlung: Explizit ausgeschlossen wird das Alter als alleiniges Entscheidungskriterium. Ebenso dürfen andere soziale Faktoren keine Rolle spielen.

"Daher verbieten sich Benachteiligungen aufgrund von zum Beispiel Alter, Geschlecht, Nationalität, Behinderung oder sozialem Status. Auch medizinisch geprägte Kategorisierungen (zum Beispiel Demenz, andere chronische Erkrankungen) dürfen nicht zu einem pauschalen Ausschluss von erforderlichen Behandlungen führen." (Bundesärztekammer)

Quellen: DIVI (Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin), AWMF (Das Portal der wissenschaftlichen Medizin), Brockhaus, Bundesärztekammer, Deutschlandfunk Kultur

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