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StartseiteCorsoInteraktion und Spontanität16.11.2013

Interaktion und Spontanität

Das musikalische Dogma-Manifest

Eine Schweizer Kulturstiftung hat ein Manifest mit dem Titel "LofiDogma" herausgegeben. Ähnlich dem dänischen Film-"Dogma 95" werden darin neun Punkte formuliert, die den Einsatz von Technik bei Popmusikaufnahmen stark einschränken. Die Hamburger Band "Die Sterne" hat dies umgesetzt.

Von Dirk Schneider

Es dürfen nicht mehr als zehn Mischpultkanäle gebraucht werden. (picture alliance / dpa / Karl-Josef Hildenbrand)
Es dürfen nicht mehr als zehn Mischpultkanäle gebraucht werden. (picture alliance / dpa / Karl-Josef Hildenbrand)
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1. Ein Song muss innerhalb eines Tages aufgenommen werden

Die Hamburger Band Die Sterne nimmt ihren Song "24/7" im Clouds Hill Studio in Hamburg auf. Produzent Johann Scherer ist entspannt, auch wenn die Aufnahmen etwas anders ablaufen als sonst: Es gilt, die neun Punkte des LofiDogmas zu beachten.

2. Alle Musiker und Instrumente müssen während der Aufnahme im gleichen Raum sein

Johann Scherer: "Ich bin noch nicht zufrieden mit dem Sound, es klingt relativ räumlich, was ja erst mal ganz gut ist, aber es hat noch so einen gewissen Proberaummumpf, den ich gerne da raus hätte. Wir hören mal … "

Erdacht wurde das LofiDogma von Sound Development, einer Kulturstiftung aus Zürich. Man wolle damit, so heißt es im Pressetext, "Risiko und Zufall in der Produktion von Musik" zurückzuerobern. In der Schweiz haben bereits 45 Bands je einen Song nach den Dogma-Regeln aufgenommen, letztes Jahr gab man fünf Bands in London die Chance, nun haben fünf Bands je einen Tag im Hamburger Clouds Hill Studio geschenkt bekommen.

3. Backline und Mikrophonierung müssen bei jeder Aufnahme gleich sein

Mitgereist ist der Schweizer Produzent Philippe Laffer, der als eine Art Schiedsrichter über die Einhaltung der Dogma-Regeln wacht.

Philippe Laffer: "Meines Erachtens ist es spannend, einfach einen Tag zu verbringen, in dem wirklich Musik gemacht wird. Man kann sich keine hundert Optionen offen lassen in der Nachbearbeitung. Und das ist, wenn man schaut, wie heute produziert wird, eigentlich wie: Man macht einen Schritt zurück, und das kann sehr erfrischend wirken."

Erfrischend, trotz "Proberaummumpf", den ein erfahrener Produzent wie Johann Scherer aber auch noch auszumerzen weiß.

4. Es dürfen nicht mehr als zehn Mischpultkanäle gebraucht werden

Scherer, der mit dem Clouds Hill ein analoges Studio betreibt und eher ein Mann der alten Soundschule ist, gefällt das Manifest:

Johann Scherer: "Ich finde das tatsächlich super, weil man hört, wie die Leute Musik machen, und man hört die Fehler, das ist etwas, was ich in der heutigen Musiklandschaft total vermisse. Man hört keine Fehler mehr, und man hört keine ungewöhnlichen Spielarten mehr, die eine gewisse Dringlichkeit und eine gewisse Verzweiflung und vielleicht auch eine gewisse Lahmarschigkeit rüberbringen, die seit einigen Jahren aus der Musik rauseditiert wurde."

5. Alle Kanäle müssen während der Aufnahme direkt auf zwei Spuren heruntergemischt werden

Doch was ist der Gewinn für die Musik?

Johann Scherer: "Gefühl. Gefühl und Einzigartigkeit."

Fehler ist also King, auch auf den Aufnahmen der Sterne. Da im Nachhinein nichts nachbearbeitet werden darf, dauert der Soundcheck mehrere Stunden. Bei den Aufnahmen gibt es dann keinen fehlerfreien Durchlauf – in der Tat wird so auf Band die Einzigartigkeit des Moments verewigt. Kategorien wie Gefühl allerdings sind subjektiv und letztendlich dem persönlichen Geschmack geschuldet: Manche mögen's live, andere bevorzugen vielleicht eher den sterilen Sound einer Band wie der Pet Shop Boys.

6. Zur Klangbearbeitung dürfen nur Equalizer und Kompressoren verwendet werden

Auch Sterne-Sänger Frank Spilker sieht die Sache eher nüchtern:

"Ich glaube, durch das enge Konzept von LofiDogma entsteht ein Sounddesign. Das ist der Punkt. Das finde ich spannend daran. Ich finde nicht, dass das eine besser ist als das andere, ich finde auch nicht, dass das LoFi ist, wenn man in so einem Studio mit so teuren Mikros und so aufnimmt, aber das ist eben ein bestimmtes Konzept, das einen Sound ausmacht."

Und er sieht sich in der Tradition großer Vorbilder wie Hank Williams, die unter noch einfacheren Bedingungen gearbeitet haben:

Frank Spilker: "Bei diesen Aufnahmen aus den 40ern, da gab es nur Mono, ein Mikrofon, und die ganze Zeit wurden Musiker in einem riesigen Raum platziert, der Schlagzeuger hundert Meter hinten, der Sänger vorne, so lange, bis der Sound stimmte, und irgendwann hat man einen Take gemacht, und das sind auch perfekte Aufnahmen geworden."

7. Bei der Mischung darf ein Effektgerät benutzt werden

Hat man es bei Aufnahmen nach LofiDogma also am Ende mit einer Art Manufactum-Recording zu tun? Es gibt sie noch, die guten Aufnahmen?

8. Nachträglich darf weder zusätzlich aufgenommen, geschnitten noch korrigiert werden

Über die Motive der Zürcher Stiftung ist nicht viel zu erfahren, doch wie schon das Film-"Dogma 95" der dänischen Regisseure um Lars von Trier handelt es sich auch beim LofiDogma wohl vor allem eine Provokation. Und die kann durchaus etwas frischen Wind in eine in vielen Punkten stagnierende Kunstform bringen.

9. Es muss etwas veröffentlicht werden

Den Sternen fällt es am Ende des Tages nicht schwer, sich für eine Aufnahme zu entscheiden, ohne allzu große Diskussion, und ohne Bauchschmerzen.

Johann Scherer: "Besser wird's doch nicht!"

Frank Spilker: "Von uns aus, wir hätten schon die erste Demo-Version genommen. Wir sind einfach nur faul."

Mehr zum Thema:
Zu hören sind die Aufnahmen der Hamburger LofiDogma-Sessions ab 6. Dezember 2013 auf der Website lofidogma.com

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