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StartseiteEuropa heuteEstlands Vorreiterrolle in der Cyber-Sicherheit18.08.2014

InternetEstlands Vorreiterrolle in der Cyber-Sicherheit

Estland ist ein hoch digitalisierter Staat. Sämtliche Behördengänge werden online erledigt und auch für die Stimmabgabe brauchen in Esten nur ein paar Minuten im Internet. Doch die Digitalisierung staatlicher Dienstleistungen macht nicht nur flexibel und unabhängig, sie birgt auch Gefahren.

Von Christoph Sterz

Eine Hand bedient eine Computermaus. (AFP / Robyn Beck)
Estland träumt von einem vom Staatsgebiet unabhängigen Staat dank Internet. (AFP / Robyn Beck)
Weiterführende Information

Estland - Krieg und Verrat (Deutschlandradio Kultur, Fazit, 14.08.2014)

Netzwelt - Tor zur Welt, Cloud zu Hause (Deutschlandfunk, Marktplatz, 04.09.2014)

Der Geräuschpegel der neuen estnischen ausländischen Botschaften. Der baltische Staat ist dabei Datenbotschaften aufzubauen, also eine ganze Reihe von Servern, die ab dem kommenden Jahr außerhalb von Estland, zum Beispiel in Großbritannien, aufgestellt und auf denen sämtliche Daten der estnischen Bürger gespeichert werden sollen. Das könnte für noch mehr Sicherheit sorgen – weil die Daten in einer Cloud gespeichert werden, also nicht mehr auf einem bestimmten Computer zu finden sind, meint Taavi Kotka, der IT-Beauftragte der estnischen Regierung:

"Wenn Sie alles, was der Staat macht, online über die Cloud, also über externe Server machen können, dann spielt das eigentliche Staatsgebiet keine Rolle mehr. Unser großes Ziel ist es, staatliche Dienstleistungen anzubieten oder das Land selbst dann noch funktionsfähig zu halten, wenn wir gar kein Staatsgebiet mehr haben, weil wir attackiert wurden von Hackern oder ganz real jemand in unser Land einmarschiert ist."

Kotka spricht damit Ängste an, die viele Esten haben, gerade auch mit Blick auf die Ukraine. Denn auch Estland hat eine Grenze zu Russland, und auch Estland hat eine große russischsprachige Minderheit. Außerdem hat Estland eine Geschichte, die geprägt ist von feindlichen Übernahmen – und diese Geschichte ist ein Grund, warum Kotka nun seine Idee mit den Datenbotschaften durchs Parlament bringen will.

"Es ist erst 70 Jahre her, dass die sowjetische Besatzung in Estland angefangen hat. Aber neben der für uns sehr bitteren Geschichte gibt es noch eine zweite Seite: Unser Land ist digital weit vorne – und das sorgt für weitere Herausforderungen.
Es gibt zum Beispiel keinen schriftlichen Eintrag darüber, dass mir das Haus hier gehört, in dem ich jetzt gerade sitze. Deswegen muss der digitale Eintrag besonders geschützt werden, damit nicht einfach jemand den Eintrag ändern und behaupten kann, dass ihm mein Haus gehört."

Tatsächlich ist das baltische Land ein hoch digitalisierter Staat. Sämtliche Behördengänge werden digital erledigt, innerhalb kürzester Zeit. Selbst gewählt wird online, und um ein Unternehmen zu gründen, brauchen die Esten nur ein paar Minuten im Internet. So ein digitaler Staat muss besonders geschützt werden – sagt der estnische Ministerpräsident Taavi Rõivas.

"Es gibt ein tragisches, aber sehr gutes Beispiel, dass Papier nicht sicherer sein muss als digitale Daten: Michael Schumachers Krankenakte ist vor ein paar Wochen gestohlen worden, aus dem Krankenhaus, völlig unbeobachtet. In unserem digitalen System wäre das nicht möglich gewesen, ohne Spuren zu hinterlassen.

Jeder Zugriff wird gespeichert – und jeder unberechtigte Zugriff wird hart bestraft. Digitale Daten können also tatsächlich sicherer sein. Deswegen habe ich nicht wirklich Angst davor, dass wir Sicherheitsprobleme bekommen."

Warum der Ministerpräsident bei dem Thema so gelassen bleibt, das ist am besten zu erfahren bei der estnischen IT-Behörde RIA. Sie ist zuständig für die Cyber-Sicherheit im Land. Um die 1000 staatliche Cyber-Schützer gibt es in Estland, dazu kommt ein hoch entwickeltes IT-System, das automatisch Eindringlinge abwehrt. Außerdem gibt es eine Art freiwillige IT-Feuerwehr; mit Übungen am Wochenende, für Informatiker, die im Ernstfall ihr Land unterstützen wollen.

Die IT-Behörde RIA hat unter anderem eine Eingreiftruppe, um Hacker-Angriffe schnell abzuwehren. Und sie ist vor allem lernfähig, wie der Behördenleiter Jaan Priisalu sagt.

"Wenn eine estnische Internetdomain angegriffen wird, dann können wir sehr schnell reagieren. Es geht aber vor allem um die Konsequenzen, die wir aus den Angriffen ziehen. Wir müssen von den Attacken lernen, und kommunizieren mit den Betroffenen und anderen Leuten außerhalb unserer Behörde. Es geht also nicht nur darum, Hacker einfach abzuwehren – wir denken langfristig."

Estland will bei der Cyber-Sicherheit ganz vorne sein, und bekommt dabei auch Unterstützung von der NATO. Seit einigen Jahren betreibt sie in Tallinn ein Cyber-Verteidigungs-Zentrum; und die NATO könnte schon im September entscheiden, in Estland ein Übungszentrum für simulierte Cyber-Attacken einzurichten. Spätestens dann würde beim Thema Cyber-Sicherheit wohl kein noch so großer Staat mehr vorbeikommen am kleinen, digitalen Estland.

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