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StartseiteTag für Tag"Christlich-jüdischer Dialog etwas behäbig geworden"28.06.2016

Interreligiöse Verständigung"Christlich-jüdischer Dialog etwas behäbig geworden"

Andreas Main im Gespräch mit Günther Bernd Ginzel

Der Kontakt zur Jugend ist im Dialog von Christen und Juden "weitgehend verloren gegangen", sagt der Publizist Günther Bernd Ginzel. Dennoch hätten Juden in Deutschland in den christlichen Kirchen starke Verbündete. "Wir stehen nicht allein", sagte Ginzel im DLF. Er sei aber "entsetzt", in welchem Ausmaß christlich-muslimischer Dialog "unter Ausschluss von Juden" betrieben werde.

Der Publizist Günther Bernd Ginzel (picture alliance / dpa - Henning Kaiser)
Günther Bernd Ginzel engagiert sich seit Jahrzehnten im jüdisch-christlichen Dialog (picture alliance / dpa - Henning Kaiser)
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Ginzel, der sich seit Jahrzehnten im christlich-jüdischen Dialog engagiert und für einen Trialog von Juden, Christen und Muslimen einsetzt, findet es "unglaublich", wenn Christen und Muslime über Frieden und Zukunft in Deutschland diskutieren und Juden "plötzlich außen vor" bleiben. Der Grund sei eine religiös oder politisch motivierte Anbiederung an Muslime. Ginzel, 1946 in Innsbruck geboren und in Köln aufgewachsen, nahm im DLF auch Stellung zu neuen Formen des Judenhasses.

Andreas Main: Wenn es um Israel geht, verkleidet sich neuer Antisemitismus oft als Israelkritik. Sehen Sie dieses Phänomen auch in den Kirchen?

Günther Bernd Ginzel: Ja. Klar. Natürlich. Es gibt linke Gruppen, es gibt rechte Gruppen, die natürlich immer auch noch nicht mit der Staatswerdung zu tun haben, die immer noch fragen: 'Was bedeutet das eigentlich, ein jüdischer Staat? Wo bleiben wir denn, wenn die Juden nicht länger die Vertriebenen sind?' Aber ehrlich gesagt, Herr Main, das sind Randerscheinungen. Viel wichtiger ist es zu sehen, was sich verändert hat. Heute wird über Juden in einer Kirche völlig anders gepredigt als noch vor 40, 50 Jahren – von weiter zurück ganz zu schwiegen. Heute ist es keine Sensation mehr, wenn ein Papst eine Synagoge betritt, also, das muss man sich mal vorstellen vor dem Hintergrund von eineinhalb Jahrtausenden von christlicher Hasspredigt, im wahrsten Sinne des Wortes, von jüdischer Entrechtung im Namen Christi. Und heute haben wir doch ein völlig anderes Verhältnis. Man mag im Detail jetzt immer noch diskutieren – und natürlich haben wir Unterschiede –, aber letztendlich war der christlich-jüdische Dialog in den zurückliegenden Jahrzehnten sehr erfolgreich, wenn er auch in den letzten 15, 20 Jahren behäbig geworden ist.

Christlich-muslimischer Dialog unter Ausschluss von Juden

Main: Woran liegt das?

Ginzel: Ich glaube, es liegt daran, dass er sich nicht verjüngt. Es liegt daran, dass es immer noch die gleichen Leute sind, die in den gleichen Vorständen sitzen. Wenn ich irgendwo in einer christlich-jüdischen Gesellschaft eingeladen werden, bin ich begeistert, dann werde ich von Senioren begrüßt, die mir erzählen, was ich ihnen vor 30 Jahren erzählt habe - und die sind immer noch Vorsitzende. Also, das ist jetzt ein bisschen polemisch, aber das ist eines der Probleme. Wir haben den Kontakt im Dialog zur Jugend weitgehend verloren, auch wenn man sich natürlich hier und da bemüht, ohne jeden Zweifel. Aber wir müssen einfach sehen, man hat viel zu lange gezögert, den Dialog zum Trialog, also zum Gespräch auch mit dem Islam zu öffnen. Ich bin entsetzt, in welchem Ausmaß man Dialog übt heute, christlich-muslimisch, unter Ausschluss der Juden. Dieses finde ich geradezu unglaublich. Wie kann man über Frieden und Zukunft in Deutschland diskutieren und lässt uns plötzlich außen vor? Das finde ich nicht gut.

"Anbiederung an muslimische Seite"

Main: Wie ist das zustande gekommen aus Ihrer Sicht?

!!Ginzel:! Das ist Anbiederung. Das ist Anbiederung an die muslimische Seite, die teils aus politischen Gründen, teils aus religiösen Gründen ein bisschen Schwierigkeiten hat, die nicht ganz klarkommen mit dem Jüdischen. Und natürlich müssen wir sehen, Herr Main, hier haben wir allerdings in den christlichen Kirchen große Verbündete, wir stehen als Juden nicht alleine. Wenn es zu Antisemitismus kommt, sind die Kirchen die ersten, die schreien und schimpfen und sich schützend vor uns stellen. Es hat sich vieles geändert, aber wir haben viel zu lange die Augen verschlossen zu dem wachsenden Antisemitismus in Teilen der muslimischen Jugend – was nicht bedeutet, dass das alles gläubige Moslems sind. Aber die Selbstverständlichkeit oder anders ausgedrückt, die Tatsache, dass man in den Schulen viel zu tolerant ist – je nach dem, was Muslime über Christen sagen oder über Juden –, das ist eine völlig falsche Form von Toleranz und von Erziehung und Bildungsarbeit. So wie wir ja umgekehrt uns auch bemühen, nicht schlecht und negativ über Muslime zu reden. Hier muss sehr viel noch mehr gearbeitet werden.

Der Jude Jesus

Main: Sie preisen und loben die Kirchen. Wenn ich in Kirchen bestimmte Rituale miterlebe oder wenn ich Christen höre – auch hier in dieser Sendung –, wie sie Jesus vom Judentum absetzen, dann frage ich mich: Wie kann das im Jahr 2016 passieren? Also, übertreiben Sie es nicht ein wenig mit Ihrem Lob?

Ginzel: Ja, das mag sein. Ich bin natürlich so lange da involviert, das mag ja sein ... Nein, ich übertreibe nicht, sondern es ist heute wohlfeil, immer das Negative herauszuziehen. Sobald irgendeiner ist, der irgendetwas sagt, stürzt sich alles drauf und alles andere fällt durch den Rost. Das finde ich nicht gut, von daher diese deutliche Betonung. Aber, was wir natürlich erleben ist, dass das Engagement in der Priesterausbildung ganz besonders, in der Theologenausbildung, nachgelassen hat. Wir haben unendlich viel erreicht, wir haben heute eine christliche, jüngere Professorenschaft in diesen Fachgebieten, die sich phantastisch im rabbinischen Judentum auskennt, aber wir haben nach wie vor die Identitätsprobleme vieler, die nicht damit klarkommen: mit Jesus, dem Juden und die die Schwierigkeit haben: 'Ja, mit Christologie kann ich nichts anfangen; mit "Messias" und "Gottes Sohn", das ist zwar die Grundlage für viele, aber so ganz kann ich das nicht glauben.' Nur, wie definieren sie dann die Tatsache, dass sie Christ sind? Dann muss das Besondere da her – und Zack Bumm, sind wir beim alten christlich-kirchlichen, Jahrhunderte alten Antisemitismus: 'Dann sind es halt die Juden!' Das waren dann nicht unbedingt die Verstockten, aber das waren ... ja, das waren die von gestern, die nicht begriffen haben die Zukunft, die Leute, die eben nicht die Feindes- und Nächstenliebe entdeckt haben, obwohl Jesus sie zitiert, weil er eben Jude ist. Dieses "mit dem Jude Jesus" alleine kriegen sie keine christliche Identität begründet. Der kann stützen, aber letztendlich sind sie geradezu dazu verdammt auf die Kernaussagen, die sie vom Judentum eben unterscheidet, und das ist der Glaube an den wahren Menschen und den wahren Gott. Woran ich nicht glaube, wo ich aber begreifen kann, dass das der christliche Weg zu Gott ist.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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