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StartseiteKultur heuteIntrigen, Zoff, Liebe und Verzweiflung07.10.2013

Intrigen, Zoff, Liebe und Verzweiflung

Premiere des Stücks "Der nackte Wahnsinn" am Thalia Theater Hamburg

Nach Köln und Trier ist "Der nackte Wahnsinn" von Michael Frayn nun auch am Thalia Theater in Hamburg zu sehen. Regisseur Luc Perceval präsentiert in seiner Inszenierung Akteure, die voller schauspielertypischer Psycho-Macken stecken.

Von Michael Laages

Szene aus dem Stück "Der nackte Wahnsinn" im Hamburger Thalia Theater (picture alliance / dpa / Markus Scholz)
Szene aus dem Stück "Der nackte Wahnsinn" im Hamburger Thalia Theater (picture alliance / dpa / Markus Scholz)
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So viel in Kürze vorweg – auch Luk Perceval hat sich nicht getraut. Auch er lässt sich nicht ausschließlich auf die mitreißende Motorik dieses unvergleichlichen Komödienmaschinchens ein, das ja in einer Reihe steht mit Filmen der Marx Brothers oder "Hellzapoppin", der absolut radikal albernsten Kino-Klamotte aller Zeiten. Weil das aber so ist, das heißt, weil mit der Szenen- und Ablaufanalyse von Michael Frayns Stück "Der nackte Wahnsinn" einerseits mindestens ein komplettes Semester Unterricht in Theater-Dramaturgie zu absolvieren wäre, das aber andererseits in der Inszenierung und auf der Bühne niemand so empfinden darf, schon gar nicht das Publikum, bleibt diese Komödie so etwas wie der Nanga Parbat des ulkigen Theaters, bezwingbar nur mit ganz viel Sauerstoff im Gepäck.

Im Hamburger Programmheft ist ein schöner Text des Autors selber nachzulesen; und darin auch das Detail, dass er den jeweiligen Rechteinhabern eigentlich nicht gestattet, Änderungen vorzunehmen. Auch deshalb ließ der nicht so bekannte Münchner Gerhard Pegler Verlag in den vergangenen Tagen genau beobachten, wie "Der nackte Wahnsinn" erst in Köln und dann in Trier beim jeweiligen Saisonauftakt aussah; und nun auch in Hamburg. Da war viel zu berichten.

Ein Haufen Kleinigkeiten vor allem - mit Details jonglieren Regisseurinnen und Regisseure hier und dort und überall gewohnheitsmäßig großzügig. Aber auch bei den "großen Linien" hat Luk Perceval in Hamburg spezielle Pläne gehabt - er will die Selbstironie des Schauspiel- und Schauspielerbetriebs forcieren; deshalb haben die Ensemblemitglieder die ursprünglich englischen Namen verloren und spielen nun mit den eigenen. Victoria Trauttmannsdorff heißt nun "Traute von Dorffmannstraut", Odo Thormeyer "Elena Meyerthor", Barbara Nüsse "Barbara Mütze" (weil sie fast immer eine trägt), und so weiter und sofort. Und weil Wolfdietrich Sprengers Name auch nach ganz viel schütteln keinen neuen ergibt, heißt Sprenger als Inspizient schlicht "Sprenger". Deutlicher geht’s nicht. Und ein schöner Scherz, gewiss - aber nur für Programmheftleser und/oder Kenner des Ensembles ...

Außerdem hat Perceval ein grooviges Swing-Trio um den Hamburger Top-Gitarristen Lothar Müller hinzugefügt; das klingt zwar tendenziell gut, lärmt aber speziell im zweiten Teil ziemlich viele Szenen zu, für deren Verständnis das Publikum schon extrem genau zuhören dürfen müsste; wie im Ulk-Seminar eben. Da wird nämlich im umgedrehten Bühnenbild nach hinten, also von uns weg, das originale Stück gespielt (oder was davon noch übrig ist) und vorn, also zu uns her, sämtliche Hinterbühnenaktivität: Intrigen, Zoff, Kräche, Liebe, Streit, Verzweiflung. Wie im richtigen Leben. Musik ist da eher hinderlich. Autor Frayn hat auch keine vorgesehen. Er weiß warum.

Das Stück ist bekanntlich eine fürchterlich dämliche, aber (wie gesagt) mit den Mitteln eines Ulk-Generators gefertigte Klamotte; das Publikum bekommt die letzte Probe vor der Premiere eines Stücks fürs Boulevard-Tourneetheater zu sehen, dann (mit gedrehter Bühne) die 42. Vorstellung in schlimmster Reise-Routine und schließlich (wieder richtig rum) die allerletzte, in der das ursprünglich geprobte Stück in Trümmern liegt und nur noch an Bruchstücken zu erkennen ist - an Betttüchern und Aktentaschen, Allzweckkleber und klippklappenden Türen sowie an den (im Original) Sardinen, die in Hamburg zu Rollmöpsen mutierten und von allen Beteiligten irgendwann mal irgendwohin hinaus und wieder herein getragen werden sollen. Was Blödsinn ist, aber eminent wichtig - denn nur mit den richtigen Möpsen (oder Sardinen) am richtigen Ort kann das Stück überhaupt weiter gehen. Und: "The show msut go on", da hilft nix.

Das Personal im Stück steckt voller schauspielertypischer Psycho-Macken; und leider verschärft Perceval die noch - durch Übertreibung. Lachen, lachen, lachen, bis der Arzt kommt - das ist das Ziel fast jeder Inszenierung. Aber nicht unbedingt des Stücks, eigentlich - Frayns Text würde wahrscheinlich auch funktionieren, wenn das Personal genau so klein und spießig und beschränkt agieren und das Bühnenego vor sich her tragen würde, wie auch Schauspielerinnen und Schauspieler das gelegentlich tun, und erst recht wir, das Publikum.

Gerade das aber traut sich niemand zu zeigen. Das ist schade. Erst dann bekäme der Verzweiflungswahnsinn all der Verrückten auf der Bühne ein wenig von all den unerfüllten Sehnsüchten, mit denen unsereins den Rollmöpsen hinterher hechelt … Und wir machen ja auch immer weiter, wenn nix funktioniert wie es soll. "Das ist Spaß. Das ist Theater. Das ist Leben!" schwadroniert das Ekelpaket von Regisseur im Stück - wenn das doch bloß mal ernst genommen würde.

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