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StartseiteCampus & KarriereLernen in maroden Schulgebäuden10.04.2015

InvestitionsstauLernen in maroden Schulgebäuden

Der Sanierungsbedarf in deutschen Schulen sei sehr hoch, sagte der Schul-Architekt Ernst Klein im DLF. Nicht nur seien vielerorts die Fenster zugig, die Dächer undicht und die Toiletten unhygienisch. Mit der Inklusion gebe es auch ganz neue räumliche Anforderungen.

Ernst Klein im Gespräch mit Kate Maleike

Schüler lernen im Geschichtsunterricht an einer Hauptschule in Arnsberg (Sauerland).  (dpa / picture alliance / Fabian Stratenschulte)
Konventioneller Klassenraum einer Hauptschule in Arnsberg: Mit der Inklusion werden auch neue Raumkonzepte notwendig. (dpa / picture alliance / Fabian Stratenschulte)

Kate Maleike: In vielen Bundesländern ist heute letzter Tag der Osterferien. Montag geht die Schule wieder los, und bis dahin müssen auch viele Handwerker fertig sein, denn in vielen Schulgebäuden ist die Zeit genutzt worden für Sanierungen und Renovierungen. Manche Schulen sind allerdings so marode, dass nur die Abrissbirne helfen kann. In Köln zum Beispiel hat jetzt sogar die Feuerwehr veranlasst, eine Gesamtschule abreißen zu lassen, weil es so große Sicherheitsbedenken gab. Marode Schulen sind auch ein großes und auch ernstes Problem in Gesamtdeutschland, denn die Städte und Kommunen müssen bekanntlich sparen. Und das wissen auch die Architekten. Allerdings wissen diese auch, dass modern gestaltete Lernräume bessere Lernergebnisse erzielen können. Nur, wie kann man eben modern gestalten, wenn überall der Rotstift kreist? Das wollen wir jetzt besprechen mit Ernst Klein. Er ist Architekt aus Bochum und hat sich auf Schulbauten spezialisiert. Guten Tag, Herr Klein!

Ernst Klein: Guten Tag!

Maleike: Ich hab gerade das aktuelle Beispiel aus Köln genannt: Aus Sicherheitsgründen soll da also abgerissen werden. Ist das ein Einzelfall oder eher der Regelfall?

Klein: Das ist schon ein spezieller Fall, der nicht die Regel darstellt, aber vielleicht auf ein Problem hinweist, dass die Schulen, wie sie im Bestand existieren, diese Mängel doch in großem Maße aufweisen.

Maleike: Und welche Mängel sind das? Was erleben Sie, wenn Sie an die Baustellen kommen?

Klein: Man müsste hier vielleicht in zwei prinzipielle Mängel unterscheiden. Das eine ist sicherlich der bauliche Zustand, also, in welchem baulichen Zustand die einzelnen Oberflächen eines Schulgebäudes sind. Und das Zweite sind eigentlich die räumlichen Zuschnitte des Schulgebäudes und damit die Möglichkeiten für die neuen pädagogischen Überlegungen, die, bezogen auf Bestandsgebäude, neu gedacht und vielleicht auch neu organisiert werden müssen.

Maleike: Also dann fangen wir mal mit dem ersten Teil an. Warum sind die Gebäude so marode? Weil lange nicht saniert wurde?

Klein: Das ist der Fall. Man redet hier auch vom sogenannten Sanierungsstau, der in vielen Kommunen über die letzten, muss man sagen, denke ich, Jahrzehnte existiert. Und das Ergebnis ist, dass wir heute natürlich mit dem sowieso doch sehr schlechten Zustand der Schulen, wie Sie das gerade für Köln beschrieben haben, zu tun haben.

Maleike: Und das andere sind die neuen Konzepte, die beschlossen worden sind, zum Beispiel die Inklusion, also die barrierefreie Schule? Das ist eine riesige Baustelle.

Klein: Ja, das ist sicherlich aber auch wieder speziell ein Thema für die Bestandsgebäude, weil man natürlich in der Vergangenheit das Thema Inklusion, insbesondere Barrierefreiheit, nicht in dem Maße erkannte und auch in den Bauten berücksichtigt hat. Bei Neubauten, denke ich, ist dieses eine Selbstverständlichkeit und sollte eigentlich kein Thema mehr sein.

Maleike: Wie ernst ist also der Sanierungsbedarf aus Ihrer Sicht?

Klein: Der Sanierungsbedarf insgesamt ist sehr ernst. Ich kann Ihnen jetzt leider natürlich keine Zahlen liefern, aber wenn wir mit Kommunen darüber reden, so wissen wir zumindest in Nordrhein-Westfalen, dass doch jede Kommune über einen doch immensen Sanierungsstau immer wieder spricht.

Maleike: Wie erklären Sie sich denn den Sanierungsstau und vielleicht auch den, sagen wir mal, nicht so großen Elan der Städte und Kommunen, an den Gebäuden tatsächlich was zu verändern?

Klein: Das ist schwierig zu beurteilen. Zunächst hängt es, wie immer in so einem Fall, auch mit der finanziellen Situation der Kommunen zusammen. Und da ist es leider so, gerade auch im Ruhrgebiet, dass hier ja natürlich sehr viele Kommunen unter sehr starken finanziellen Belastungen und Druck stehen. Das ist sicherlich die eine Erklärung. Die andere ist, vielleicht doch den Blick auf die Bedeutung der Schule als Lern- und Lebensort, wie wir ja heute sagen, doch nicht immer so gerichtet zu haben und hier sozusagen über die permanente Betreuung und auch Pflege der Schulen dieses auch versäumt hat.

Neue Raumkonzepte für Schulen

Maleike: Was sind dann, sagen wir mal, die Hauptansatzpunkte? Also, wo krankt es?

Klein: Beim Sanierungsstau krankt es, soweit wir damit konfrontiert werden, zunächst natürlich am baulichen Zustand. Um es mal vereinfacht zu sagen, man redet über vielleicht Dächer, die nicht dicht sind, man redet über Fenster, die zugig sind, man redet über fehlenden Sonnenschutz und man redet auch über eine doch sehr schlechten Zustand der sanitären Räume in den Schulen, was natürlich auch ein hygienisches Problem darstellt. Das ist das eine. Damit haben wir noch nicht das Problem der Pädagogik angesprochen.

Maleike: Was ist das Problem, das pädagogische?

Klein: Das pädagogische Problem sollte so gelöst werden, dass man zunächst natürlich über das, was heute unter dem neuen Begriff vom Lern- und Lebensort der Schule diskutiert, und hier redet man in der Regel von drei neuen Prinzipien, wenn ich das mal kurz erwähnen darf. Das eine ist das Modell Klassenraum plus. Hier redet man von einem sogenannten Tandem-Prinzip, wo man zwischen zwei Klassenräume einen zusätzlichen Gruppen- oder Mehrzweckraum schaltet, sodass hier überall die Möglichkeit besteht, einen bisherigen Unterricht auch in Einzel- oder Kleingruppen so differenziert auszuführen. Das wäre das einfache Modell des Prinzips Klassenraum plus. Man redet dann von dem anderen Modell, das ist schon ein sicherlich fortschrittlicheres, das Modell Cluster. Hier werden zum Beispiel vier Klassenräume einer Jahrgangsstufe um einen gemeinsamen Aufenthalts- und Lernbereich organisiert, sodass auch hierdurch eine flexible Zugangsgestaltung der Räume in diese Aufenthalts- und Lernbereiche hinein eine viel größere Möglichkeit für die Pädagogik darstellt. Wenn Sie über den Schulneubau reden, so werden diese Modelle sicherlich heute diskutiert und auch zur Bedingung von neuen Schulüberlegungen. Wir haben noch ein drittes Modell vergessen, das wäre sicherlich noch wichtig. Man redet hier von den sogenannten offenen Lernlandschaften, die noch offener gestaltet sind, die ein stärkeres individuelles und eigenverantwortliches Lernen fördern sollen. Hier ist es so zu verstehen, dass die offenen Lernlandschaften, sagen wir mal, gestaltet oder organisiert sind über Gruppenräume, über Klassenräume, zusätzlich die Lehrerarbeitsräume, vielleicht auch ein gemeinsames Auditorium. Dass vielleicht auch hier noch eine größere Flexibilität hergestellt wird. Dieser letzte Bereich ist sicherlich noch nicht so durchgedrungen in den aktuellen Raum- und Planungskonzepten, wird aber oder ist Bestandteil der Diskussion im Schulbau, das muss man schon sagen, aber doch eher die Seltenheit.

Maleike: Lernen in maroden Gebäuden. Sanierungsstau an Schulen. Was einen Architekten dazu umtreibt, der sich auf diesen Bereich spezialisiert hat, das hat uns Ernst Klein vom Architekturbüro Klein und Neubürger in Bochum erzählt. Vielen Dank für das Gespräch!

Klein: Danke!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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