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StartseiteSportgespräch"Ich bin nicht der Meinung, dass es zu spät war"29.03.2020

IOC-Mitglied zur Olympia-Verschiebung"Ich bin nicht der Meinung, dass es zu spät war"

Das langjährige IOC-Mitglied Richard Pound hatte es bereits vor der offiziellen Verkündung gesagt: Die Olympischen Spiele werden nicht 2020 stattfinden. Damit habe er aber keinen Druck ausüben wollen, so Pound im Sportgespräch. Den IOC-Präsidenten Thomas Bach nimmt er in Schutz.

Richard Pound im Gespräch mit Matthias Friebe

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Der ehemalige WADA-Chef Richard Pound verteidigt IOC-Präsident Thomas Bach gegen Rücktrittsforderungen (Sergei Bobylev/TASS/Imago)
Der ehemalige WADA-Chef Richard Pound verteidigt IOC-Präsident Thomas Bach gegen Rücktrittsforderungen (Sergei Bobylev/TASS/Imago)
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"Ich glaube nicht, dass es gravierende Fehler vom IOC oder seinem Präsidenten gegeben hat. Die getroffenen Maßnahmen waren koordiniert und gut kommuniziert. Es fällt mir schwer, einen Aspekt zu finden, worüber man sich beschweren könnte", sagt Richard Pound. Der Kanadier handelt seit 42 Jahren die Fernsehverträge des IOC aus und war der erste Präsident der Welt-Anti-Doping-Agentur.

Er habe mit seiner Ankündigung der Verschiebung keinen Druck ausüben wollen: "Es ging nicht darum Druck auszuüben, ich war einfach besorgt, so wie sich die Dinge entwickelten, dass das IOC und das Organisationskomitee von Tokio 2020 mit ihrem Olympia-Starttermin am 24. Juli extrem unter Druck gerieten. Ich stimme damit überein, dass man eine Entscheidung nicht zu früh treffen muss, aber irgendwann muss eine Entscheidung auf Basis der bestmöglich verfügbaren Fakten getroffen werden, ob man auf den 24. Juli hinarbeiten soll oder nicht. Und nur das habe ich erwähnt."

Pound stützt das Verhalten des IOC-Exekutivkomitees, dem eine zu späte Entscheidung vorgeworfen wird. Auch IOC-Präsident Tomas Bach habe richtig gehandelt: "Unter diesen Umständen würde niemand einen Rücktritt fordern. Noch einmal: Wenn der Nebel sich lichtet, wird man sehen, dass das IOC wie eine wichtige, zuverlässige und internationale Organisation gehandelt hat."

Der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, Thomas Bach, posiert für ein Foto in Lausanne, Schweiz. (picture alliance / Kyodo)IOC-Präsident Thomas Bach (picture alliance / Kyodo)

Pound meint, dass die späte Entscheidung auch daran gelegen haben könnte, dass die ausrichtenden Japaner die eigene Lage als hoffnungsvoll bewertet und den Rest der Welt zunächst nicht gesehen hätten.

Die Vorbereitungen für die Spiele in 2021 würden nun aufwändig: "Es gibt Tausende und Abertausende Dinge neu zu strukturieren. Man wird dafür die ganze vorhandene Zeit brauchen."

Seinen Glauben daran, dass Olympia für die Athleten da sei, habe er nie verloren, sagt Pound: "In Top-Form ist Olympia fantastisch für die Jugend und ein tolles und hoffnungsvolles Zeichen für die Welt: Wenn Olympia funktioniert, dann kann auch die Welt funktionieren. Dann kann der Sport auch der Menschheit dienen."


Lesen Sie hier das gesamte Interview mit Richard Pound:

Matthias Friebe: Guten Abend! Nicht weniger als historisch kann man aus sportlicher Sicht die vergangene Woche nennen. Zum ersten Mal in der Geschichte wurden am Dienstag Olympische Sommerspiele um ein Jahr verlegt. Die Auswirkungen der Coronaviruskrise machen, das spüren wir seit einigen Tagen, vor keinem Bereich des gesellschaftlichen Lebens Halt, natürlich auch nicht vor dem Sport.

Auch wenn manch ein Funktionär sehr lange an Veranstaltungen festgehalten hat. In dieser Woche also mussten auch Japan und das Internationale Olympische Komitee sich eingestehen, dass im Juli Sommerspiele in Tokio nicht zu machen sein werden. Darüber konnte ich mit Richard Pound sprechen, den ich über Skype in Kanada erreicht habe.

Der frühere Vizepräsident des IOC und Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur ist das dienstälteste Mitglied des IOC. Meine erste Frage an ihn, wann ihm klar war, dass der Termin im Juli nicht zu halten sein wird.

Richard Pound: Naja, die Thematik ist immer größer geworden, als sich das Virus weltweit immer weiter ausgebreitet hat und die Zahl der Infizierten gefährlich steil angewachsen ist. Mit meiner langjährigen persönlichen Olympia-Erfahrungen habe ich mir da schon gedacht, dass es unwahrscheinlich wird, dass wir einfach so weiter machen. Und dann habe ich mir die Diskussionen und Aussagen etwas genauer angehört.

Friebe: Aber haben Sie es vor Dienstag realisiert, dass es einen neuen Termin braucht?

Pound: Ja, in dem Sinne, das ich gewusst habe, dass man einen neuen Termin finden muss. Wir haben die Situation nicht schnell genug unter Kontrolle gebracht, als das Juli 2020 als Starttermin für die Spiele möglich gewesen wäre. Aber ich bin nicht mehr Mitglied im IOC-Exekutivkomitee, deswegen war ich nicht Teil der dortigen Diskussionen.

Friebe: Sie haben als einer der Ersten über die Verlegung gesprochen, noch bevor es offiziell wurde. Wollten Sie damit den Druck erhöhen oder warum haben Sie darüber gesprochen?

Pound: Es ging nicht darum Druck auszuüben, ich war einfach besorgt, so wie sich die Dinge entwickelten, dass das IOC und das Organisationskomitee von Tokio 2020 mit ihrem Olympia-Starttermin am 24. Juli extrem unter Druck gerieten. Ich stimme damit überein, dass man eine Entscheidung nicht zu früh treffen muss, aber irgendwann muss eine Entscheidung auf Basis der bestmöglich verfügbaren Fakten getroffen werden, ob man auf den 24. Juli hinarbeiten soll oder nicht. Und nur das habe ich erwähnt.

Friebe: Verstehen Sie, dass es viel Kritik in Europa, aber auch woanders gibt, dass diese Entscheidung zu spät kam?

Pound: Ja, ich habe davon gehört. Aber ich bin nicht der Meinung, dass es zu spät war. Als klar wurde, dass es unmöglich oder sehr unwahrscheinlich werden würde, dass die Spiele wie ursprünglich vorgesehen stattfinden würden - aber bevor man die Informationen nicht hat und zu der Übereinkunft kommt, wäre es zu früh gewesen, um eine Entscheidung zu fällen. Es sind immer noch vier Monate vor dem ursprünglichen Starttermin von Olympia.

Friebe: Aus unserer Perspektive hier in Europa, dann braucht man nicht lange nachdenken, um zu verstehen, dass die Spiele nicht im Juli starten können. Und das war viele Tage vor Dienstag klar. Warum hat es bis zur Entscheidung so lange gedauert?

Pound: Ich bin ja nun nicht mehr Teil des inneren Kreises des IOC…

Friebe: Aber Sie kennen viele Leute aus dem inneren Kreis…

Pound: Ja, ich bin schon ein paar Jahre dabei. Meine Einschätzung ist, dass die Japaner sich die Situation in Japan angeschaut haben und sie ermutigende Signale bekommen, dass sich die Zahl der Infizierten zurück entwickelt hat und dass sie geglaubt haben, wir können die Spiele immer noch durchziehen. Vielleicht waren sie einfach ein bisschen zu sehr auf Japan fokussiert und haben nicht gesehen, wie dramatisch sich der Virus im Rest der Welt ausgebreitet hat. Und man musste sie erst davon überzeugen, dass nicht Japan das große Problem war, sondern viel eher der Rest der Welt, der nicht mehr trainieren, reisen und an Wettkämpfen teilnehmen konnte, um sich damit unter Olympia-Bedingungen auf die Sommerspiele vorbereiten zu können. Als sie zu der Einsicht gekommen sind, war ziemlich klar, dass die Entscheidung gefällt werden musste und auch nicht anders lauten konnte.

Friebe: Was war am Ende der ausschlaggebende Punkt?

Pound: Ich glaube, dass der ausschlaggebende Grund am Ende die Bestätigung der WHO war, dass das Virus nicht annähernd unter Kontrolle ist und es auch nicht am Ende des Jahres sein wird. Das hat dann glaube ich die Erkenntnisse des IOC und der Japaner bestätigt, die auch von vielen Sportorganisationen und Athletenvereinigungen auf der ganzen Welt geteilt wurden.

Friebe: Würden Sie zustimmen, dass die Athleten eine entscheidende Rolle gespielt haben?

Pound: Ja, ihre Rolle war wichtig, vielleicht nicht entscheidend, aber auf jeden Fall wichtig. Es gab viel Austausch zwischen den Athletenvereinigungen, den internationalen Sportverbänden, dem IOC und den nationalen Olympischen Komitees. Um fair zu sein, das IOC hat sich vergewissert, dass sie vor ihrer Entscheidung mit möglichst vielen gesprochen hat und dass ihre Entscheidung wissenschaftlich unterfüttert war.

Friebe: Aber würden Sie zustimmen oder ist es zu viel gesagt, die Athleten haben sich die Olympischen Spiele zurückgeholt?

Pound: Ich glaube nicht, dass sie sie jemals verloren haben. Die Spiele waren immer diese fantastische internationale Bühne für die besten Sportler auf der ganzen Welt. Das ganze Konzept, die Wettkämpfe, das Zusammenkommen alle vier Jahre in einem Olympischen Dorf, das friedliche Miteinander, waren von Anfang an Teil der Olympischen Spiele und das haben sie auch nicht verloren. Heute artikulieren die Athleten einfach ihre Gefühle und ihre Rolle viel stärker. Aber es ging immer um die Athleten.

Friebe: Aber wenn Athleten nicht gesagt hätten: wir reisen nicht an, obwohl wir qualifiziert sind, wäre der Druck nicht so groß gewesen? Richtig?

Pound: Ich kenne die exakte Formulierung der Sorgen nicht, aber natürlich gab es eine wachsende Besorgnis der Athleten, dass es gefährlich ist, mit den Zuständen weltweit und gerade in Europa mit den Ausgangssperren in Italien, Spanien, Frankreich und einigen Regionen Deutschlands. Nicht nur die Logistik, sondern auch die persönliche Sicherheit und die Ausbreitung des Virus sind Sachen, die in Betracht gezogen werden müssen. Und es ist sehr sinnvoll, wenn die Athleten ihre Sorgen ausdrücken und diese auch in den Entscheidungsprozess miteinbezogen werden.

Friebe: Sie sagen, Herr Pound, dass sich die Athleten anders artikulieren als früher. Kann man sagen, das IOC hat zu lange nicht genau hingehört, was die Athleten zu sagen haben?

Pound: Nein, das ist es nicht so wirklich. Als ich ein Olympia-Teilnehmer war – und das ist sehr lange her – da war es deine Aufgabe als Sportler, dass zu machen, was dein Nationalverband, dein Nationales Olympisches Komitee dir gesagt hat und das war den Mund zu halten. Lass es die Funktionäre machen. Mit der Zeit, mit dem Konzept der Athletenrechte und der Beteiligung der Sportler, sind sie als vollwertiges Mitglied ins IOC aufgenommen worden, da hat das zugenommen. Das ist sehr gesund, denn es vergewissert, dass Leute meines Alters, keine sportrelevanten Entscheidungen treffen, ohne den Input der Athleten auf dem Feld zu kennen. Es ist wichtig, dass man diese Sorgen und Nöte kennt und man sich diese anhört. Wir haben 15 sehr aktive IOC-Mitglieder, die Sportler. Dieselbe Anzahl haben wir für Internationale Sportverbände und Nationale Olympische Komitees. Es ist ein sehr lebendiger und integrierter Bestandteil des IOC.

Friebe: Aber ist das genug? Ohne die Athleten würden die Spiele gar nicht existieren…

Pound: Ja, man könnte aber auch andersherum argumentieren, ohne die Spiele hätten die Athleten nicht dieselbe Plattform. Darum muss man sich wirklich nicht auseinandersetzen. Die Athleten sind jetzt ein anerkannter Teil der Leitungs- und Führungsebene der Olympischen Bewegung. Sie sind das seit 1999/2000, als die IOC-Reformen umgesetzt worden sind. Aus meiner Sicht ist das eine sehr erfolgreiche Ergänzung, um zu einer ausgewogenen Entscheidung bei einer so schwierigen, komplexen und miteinander verwobenen Thematik, wie den Olympischen Spielen zu kommen.

Friebe: Würden Sie sagen, man nimmt die Äußerungen der Athleten beim IOC anders wahr?

Pound: Ich wüsste nicht, was das sein könnte. Sicher, wenn sie jetzt sagen, die Athleten sollten ein Vetorecht haben, auf alle Entscheidungen die mit Hinblick auf die Olympischen Spiele getroffen werden sollten, dann würde ich nicht so weit gehen. Nein.

Friebe: Ich werde Ihnen sagen, was Max Hartung, der deutsche Athletensprecher gesagt hat. Er hat die Werte des Sports reklamiert und gesagt, es sei unverantwortlich zu starten, auch wenn ihm das Herz blute, weil er ja vier Jahre darauf hingearbeitet hat. Die Werte des Sports hält sonst das IOC immer hoch. Glauben Sie, das tut weh, so etwas von einem Sportler vorgeworfen zu bekommen?

Pound: Das ist eine persönliche Meinung dieses einen bestimmten Sportlers. Wenn die Athleten meinen, dass sie wirklich nicht an den Olympischen Spielen unter den gegenwärtigen Bedingungen teilnehmen sollten, dann hat man immer die persönliche Freiheit zu sagen: Meine eigenen Wertevorstellungen sind so, dass meine Teilnahme - unter den aktuell gegebenen Rahmenbedingungen -, die Ausbreitung des Virus weiter verschlimmern würde. Deswegen werde ich nicht teilnehmen. Dieses Recht existiert ja für jeden Athleten in jeder Austragung der Olympischen Spiele.

Friebe: Aber ist das eine Lehre aus diesen herausfordernden Wochen im März, dass man dem Wort der Athleten mehr Gewicht geben muss?

Pound: Nun, ich denke, dass die Stimme der Athleten, als ein Bestandteil der Olympischen Bewegung, es verdient hat, gehört zu werden und wir haben versucht, das möglich zu machen. Jede Anregung oder jeder Ratschlag eines IOC-Athletenmitglieds wird sehr ernst genommen vom gesamten IOC, weil alle IOC-Mitglieder verstehen, dass die Athleten den direkteren Bezug zu den Wettkämpfen, zu den Trainingsvorbereitungen haben und in manchen Fällen auch finanziell davon profitieren können. Sie sind ein wesentlicher Bestandteil der Olympischen Bewegung und wurden auch so behandelt.

Friebe: Und Sie würden nicht sagen, dass die Athleten viel, viel mehr Stimmen bekommen sollten bei wichtigen Entscheidungen, bei Ausrichterstädten oder ähnlichen Dingen?

Pound: Das würde ich nicht sagen. Alles in allem haben sie die gleiche Stimme, wie die internationalen Verbände und die 206 Nationalen Olympischen Komitees. Ich denke, dass sie gut und fair repräsentiert sind. Ehrlicherweise ist die Erfahrung der Athleten heute auch umfangreicher, weil sie heute bis Ende 20, Anfang 30 sportlich aktiv bleiben können und dann einfach eine größere Lebenserfahrung haben. Das steht im Kontrast zu den Athleten, die Sportarten betreiben, wo man seinen sportlichen Höhepunkt schon sehr viel früher erreicht, wo man aber noch nicht so viel Erfahrung hat. Man will natürlich aber auch die Stimmrechte der Athleten richtig gewichten, die noch nicht die Erfahrung mit den ganzen komplizierten und komplexen Aspekten der Olympischen Bewegung haben.

Friebe: Herr Pound, es war eine historische Woche mit der Verlegung der Olympischen Sommerspiele in Tokio. Was sind Ihrer Meinung nach die Lehren aus dem März 2020?

Pound: Also da gibt es, glaube ich, viele Lehren. Die erste ist, dass man erst eine Entscheidung treffen sollte, wenn man alle verlässlichen Informationen zur Verfügung hat. Weil es ein miteinander verwobenes Vorgehen ist, muss man sich mit allen Olympia-Geschäftspartnern austauschen und sie ebenfalls mit den nötigen Informationen versorgen. Man muss sich mit seinen Sponsoren, Werbepartnern und TV-Sendern zusammensetzen. Wenn wir alles zusammenfassen und zurückblicken, dann werden wir wahrscheinlich zu dem Schluss kommen, dass wir das richtige zur richtigen Zeit aus den richtigen Gründen gemacht haben.

Friebe: Und was sollte man daraus für die Zukunft lernen?

Pound: Also die Lehre Nr. 1 dürfte sein, dass dies wahrscheinlich nicht die letzte Pandemie sein dürfte. Wir haben jetzt gesehen, wie schnell und dramatisch, sich das alles entwickeln kann.

Friebe: Man braucht also einen Plan B für alle Spiele der Zukunft?

Pound: Man muss sich darüber im Klaren sein, dass man eventuell einen Plan B braucht. Man muss wissen, wie die wichtigsten Elemente eines solchen Plan B aussehen. Aber man sollte Plan B nicht an die Öffentlichkeit ausgeben, bevor es nicht soweit ist. Alles andere wäre für niemanden hilfreich.

Friebe: Und was kann man noch für die Zukunft lernen?

Pound: Das erste ist, dass man frühzeitig vorbereitet sein sollte, wenn es Anzeichen für eine Pandemie von Organisationen, wie der WHO gibt. Darauf sollte man schnell Antworten haben, denn die Prävention und die Eindämmung eines solchen Virus ist unerlässlich. Wir sind nicht mehr in den Tagen von 1918/19, als die Spanische Grippe grassierte, als die Menschen noch nicht so viel über Krankheiten wussten und der wissenschaftliche Hintergrund fehlte, um sich impfen zu lassen usw. Alle diese Bereiche sind heutzutage viel weiterentwickelt. Die Kommunikation ist heute viel besser, man kann heute blitzschnell kommunizieren. Es ist nur wichtig, dass man es hinbekommen muss, dass das was kommuniziert wird, richtig und keine Pseudowissenschaft ist.

Friebe: Muss man etwas an der Kommunikation ändern, an der Art, wie man mit der Situation umgeht?

Pound: Man muss die Wichtigkeit der Kommunikation verstehen und dann muss man die richtigen Dinge, an der richtigen Zeit zu den passenden Leuten kommunizieren.

Friebe: Hat das IOC verstanden?

Pound: Ja, das glaube ich schon. Es gab eine steile Lernkurve, aber sie haben sich schnell angepasst, als sie gemerkt haben, dass es eine Pandemie ist. Da haben sie ganz schnell die Kommunikationskanäle mit der WHO aufgebaut und sie haben sich täglich ausgetauscht. Und erst als die Kurve der Ausbreitung rasant angestiegen ist und klar war, dass das Virus bis Juli nicht eingedämmt werden kann, wussten sie, dass sie schnell handeln müssen.

Friebe: Was ist mit Präsident Thomas Bach? Es gibt einige Rücktrittsforderungen. Hat er nicht schwere Fehler in der Einschätzung gemacht?

Pound: Ich glaube nicht, dass es gravierende Fehler vom IOC oder ihrem Präsidenten gegeben hat. Die getroffenen Maßnahmen waren koordiniert und gut kommuniziert. Es fällt mir schwer, einen Aspekt zu finden, worüber man sich beschweren könnte.

Friebe: Ein Beispiel nur, Herr Pound, ein Beispiel. Stichwort Box-Qualifikation in London, Experten haben davor gewarnt, aber nun gibt es mehrere Corona-Fälle bei den Trainern und Athleten…

Pound: Ja, davon habe ich auch gehört. Ich bin mir aber nicht sicher, ob sie den positiven Corona-Fällen richtig nachgegangen sind, ob sie sich in London infiziert haben oder eventuell schon davor. Aber um es noch einmal klar zu sagen, die Geschwindigkeit eine Entscheidung zu treffen, hat sich dramatisch zugespitzt genau zum Ende dieser bestimmten Woche.

Friebe: Um es klar zu machen, Thomas Bach ist der Richtige als IOC-Präsident?

Pound: Weil sie sich genau auf diese Thematik fokussieren: Man ist sehr gut mit der Situation umgegangen, sowohl der Präsident, als auch das Exekutivkomitee. Jeder hat an einem Strang gezogen und jetzt sollte der Fokus bei denjenigen darauf liegen, die die Entscheidung der Verschiebung getroffen haben, die sollten sehr glücklich mit dem Ergebnis sein. Es rettet die Spiele, es unterbindet die weitere Ausbreitung des Virus, die Sportler müssen nicht befürchten, sich im Training oder Wettkampf anzustecken. Wenn der Nebel sich lichtet und man alle Fakten nüchtern betrachtet, dann wird man zum Ergebnis kommen, dass man aus sportlicher Sicht, im Hinblick auf die Geschäftspartner, aber auch mit Sicht auf die Ausrichter in Japan, außerordentlich gut mit der Situation umgegangen ist.

Friebe: Verzeihen Sie, Herr Pound, lassen Sie mich noch einmal nachfragen. Thomas Bach wurde bei einer Pressekonferenz gefragt, ob er einen einzigen Gedanken an seinen Rücktritt verwendet habe und seine Antwort war nur ein Wort: Nein! Wären Sie da auch so klar?

Pound: Zuallererst weiß ich nicht, wer ihn gefragt hat oder ob es nur eine Frage in einer Pressekonferenz war. Aber die Antwort und die Umstände waren ziemlich korrekt: Nein! Unter diesen Umständen würde niemand einen Rücktritt fordern. Noch einmal: Wenn der Nebel sich lichtet, wird man sehen, dass das IOC wie eine wichtige, zuverlässige und internationale Organisation gehandelt hat.

Friebe: Schnell genug?

Pound: Mit Sicherheit schnell genug. Es fanden ja noch einige Wettbewerbe statt, es waren ja noch immer vier Monate vor den Spielen. Es gab noch ausreichend Zeit. Bach hat abgewartet, bis die Kurve der Ausbreitung unvermeidbar nach oben ging. Selbst wenn die Lage in Japan okay war, aber der Rest der Welt war in Aufruhr und es wäre unverantwortlich gewesen, jemand weiter anzutreiben, zum Training zu gehen, für einen Wettkampf der nicht am geplanten Termin stattfinden wird.

Friebe: Am Ende lassen Sie uns nach vorne schauen. Wie geht es nun konkret weiter? Noch längst sind ja nicht alle Fragen gelöst. Stichwort Olympisches Dorf…

Pound: Die wichtigste Frage wird jetzt sein, auf welchen Termin wir uns für die Olympischen Spiele festlegen werden. Da gibt es verdammt viel zu tun, mit dem Verlegen der Spiele. Das ist schrecklich kompliziert. Meine persönliche Meinung ist, dass wir es im selben Zeitraum 2021 machen sollten, wie es dieses Jahr hätte stattfinden sollen. Es wird so lange dauern, um alle Teile in einen neuen Zeitplan sortiert zu kriegen. Da gibt es noch viele Fragen. Das Olympische Dort ist eines davon. Sind alle geplanten Sportstätten für 2020 auch im nächsten Jahr noch verfügbar? Werden wir die Infrastruktur und die Sicherheitsmaßnahmen zur Verfügung haben? Wir müssen die Kommunikationsplattformen aufsetzen. Es gibt Tausende und Abertausende Dinge neu zu strukturieren. Man wird dafür die ganze vorhandene Zeit brauchen.

Friebe: Sie sagen, Ihre Meinung ist, in den Juli oder August 2021 zu gehen. IOC-Präsident Thomas Bach hat durchblicken lassen, es müsse nicht der Sommer sein. Kann man jetzt die langen Diskussionen um Hitze und Klima gleich mit erledigen, in dem man beispielsweise in den Frühling geht?

Pound: Thomas (Bach, IOC-Präsident Anm. d. Red.) ist clever genug, um diese Thematik erst einmal offen zu lassen, um die Diskussionen zuzulassen. Können alle notwenigen Neuanordnungen mit den internationalen Sportverbänden, Sponsoren und TV-Sendern pünktlich abgeschlossen werden für Olympische Spiele im Frühling? Das weiß ich nicht. Diese Diskussionen laufen wahrscheinlich gerade in dem Moment, in dem wir hier jetzt reden. Ich würde annehmen, dass sie im nächsten Monat einen neuen Termin für die Spiele festlegen werden. Dann werden sie auch kommunizieren: Das sind die Maßnahmen, die wir machen müssen. Das sind die Änderungen, die im internationalen Sportkalender 2021 vorgenommen werden müssen, dies sind die Änderungen im TV-Sendeplan, die getätigt werden müssen. Es müssen verdammt viele komplizierte Sachen erledigt werden, um die Verlegung zu stemmen.

Friebe: Wie Sie wissen, wie wir alle wissen, beim IOC mag man ja große Symbole und tolle Bilder. Frühling, Kirschblüte und der zehnte Jahrestag der Katastrophe von Fukushima. Symbolträchtiger ginge es doch gar nicht als März 2021…

Pound: Das ist ein mögliches Symbol, was noch zusätzlich zum Symbol der Olympischen Spiele als größtes friedliches Zusammenkommen auf der Welt hinzukommen würde. Ob das die Terminierung der Spiele vorgeben wird? Dafür dürfte es noch zu früh sein. Man muss noch viele Sportverbände anfragen und mit ihnen den neuen Termin abklären. Aber man sollte unter allen Umständen alle möglichen Alternativen in Betracht ziehen.

Friebe: Ganz am Ende, Herr Pound, eine einfache oder vielleicht auch nicht einfache Frage. Was lässt Sie ihren Glauben an Olympia und das IOC behalten und warum glauben Sie ist es weiter eine wichtige Bewegung der Welt?

Pound: Wie ich schon gesagt habe, es ist das größte friedliche Zusammenkommen auf der Welt. Als ich 1960 selbst als Teilnehmer dort war, hatte ich so viel Spaß. Als ich meine sportliche Laufbahn dann beendet hatte, habe ich mir gesagt, wenn ich irgendetwas tun kann, damit junge Leute auch diese Erfahrung machen dürfen, dann bin ich mehr als glücklich, wenn ich daran arbeiten kann, um das umzusetzen. Und meine Einstellung dazu hat sich nicht verändert. In Top-Form ist Olympia fantastisch für die Jugend und ein tolles und hoffnungsvolles Zeichen für die Welt: Wenn Olympia funktioniert, dann kann auch die Welt funktionieren. Dann kann der Sport auch der Menschheit dienen.

Friebe: Man könnte aber auch denken, am Ende geht es nur ums Geld…

Pound: Nein, das finde ich gar nicht. Natürlich braucht man Geld, um ein internationales Sportsystem am Laufen zu halten. Es gibt viele Reisen, viel Training, viele Ausgaben. Und man muss den Ausrichtern helfen, die nötigen Gelder aufzutreiben, damit sie die Spiele ausrichten können. Aber am Ende ist es nicht das Geld, sondern das Lächeln in den Gesichtern der Athleten, die bei Olympia waren.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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