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StartseiteSport am WochenendeDie großen Werte nur in Reden29.03.2020

IOC und OlympiaverschiebungDie großen Werte nur in Reden

Bei der Verschiebung der Olympischen Spiele gab das Internationale Olympische Komitee keine gute Figur ab, kommentiert Robert Kempe: Im Gegensatz zu moraltriefenden Reden von IOC-Präsident Thomas Bach handelten die Offiziellen immer wieder gegen die Interessen der Athleten.

Von Robert Kempe

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IOC-Präsident Thomas Bach während einer Pressekonferenz in Buenos Aires. (imago sportfotodienst)
IOC-Präsident Thomas Bach während einer Pressekonferenz in Buenos Aires. (imago sportfotodienst)
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Zwei Zitate und eine Frage: Wer hat es gesagt?
"Mit unseren Werten Frieden, Einheit und Solidarität stehen wir in scharfem Kontrast zum Zeitgeist unserer Zeit."
oder:
"Wir sind eine wertbasierte Organisation. Wir sind eine solidarische Organisation."

Papst Franziskus? Nein. Es war Thomas Bach, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees in seiner Rede auf der IOC-Session im Januar. So sieht Bach sich und seine Organisation. Er hielt in den vergangenen Jahren etliche dieser Vorträge, triefend vor Ethik und Moral. Nun, drei Monate später, geht eine Woche zu Ende, die für immer in die Olympische Geschichte eingehen wird. Und die zementiert, wie es das Internationale Olympische Komitee wirklich hält mit dem immer so gepriesenen Humanismus.

Wochenlang hielt Thomas Bach rigoros an den Spielen in Tokio fest und die Athleten im Unklaren. Er forderte von ihnen bis zuletzt ein, zu trainieren und sich auf Olympia vorzubereiten, als ganze Länder schon in den Pandemie- Krisenmodus schalteten, Krankenhäuser an ihre Belastungsgrenzen kamen, die Zahl der Covid-19-Toten rasant steigt.

Paradebeispiel: Boxqualifikation

Erst, als die Athleten dieses Spiel nicht mehr mitspielten und aufbegehrten reagierten Bach und die japanischen Veranstalter. Ausgerechnet Thomas Bach, der sich so gern an der Seite der Athleten zeigt. Seine Fürsorge für sie immer wieder betont, begründete die Absage mit der immer mehr ansteigenden Zahl an Covid-19-Infektionen weltweit. Wie ernst es Bach mit seiner Fürsorge wirklich nimmt, zeigt ein Fall aus der jüngsten Vergangenheit: Das Boxqualifikations-Turnier für die Olympischen Spiele in Tokio, ausgetragen vor zwei Wochen in London mit rund 350 Sportlern.

Veranstalter ist erstmals das IOC selbst, der skandalumtoste Weltboxverband ist derzeit suspendiert. Boxen ein Kontaktsport, wie gemacht für ein Virus, das sich über Tröpfcheninfektion rasant verbreitet. Das IOC ignoriert alle Warnungen, obwohl der Sport in Europa schon längst still steht. Der Präsident des türkischen Boxverbandes glaubt nun, dass Athleten und Betreuer sich dort mit dem Corona-Virus infiziert haben. Den Veranstaltern wirft er Ignoranz vor, bittet alle Sportler, sich testen zu lassen. Das IOC weist alle Schuld von sich, es gebe keine klare Verbindung zwischen dem Turnier und den Infektionen. So sieht sie aus, die olympische Athletenfürsorge.

Keine Solidarität mit den Athleten beim neuen Termin

Noch ein Beispiel? Die Suche um einen neuen Termin für Olympische Spiele. Im Sommer ist es in Tokio heiß, bis zu 40 Grad inklusive immenser Luftfeuchtigkeit. Dafür gab es schon für 2020 viel Kritik. Aber auch die Spiele 2021 drohen für Athleten zur Qual zu werden. Das IOC hat zur Hilfestellung einen Leitfaden dafür herausgegeben, mit dem Slogan "Beat the heat". Doch bei der internen Terminabstimmung scheint auch das keine Rolle zu spielen. Die Spiele werden wohl einfach um ein Jahr verschoben. Soviel zum Agieren einer wertebasierten Organisation - einer solidarischen Organisation.

Kampf im Rahmen des Olympia-Qualifikationsturniers der europäischen Boxer in London (Großbritannien) für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio (www.imago-images.de)Olympia-Qualifikationsturnier in London (www.imago-images.de)IOC-Turnier in London- Sechs Coronafälle nach Box-Qualifikation
Sechs Beteiligte der Olympia-Qualifikation in London haben sich mit dem Coronavirus infiziert. Darunter zwei Boxer und ein Trainer aus der Türkei. Der türkische Verband erhebt schwere Vorwürfe gegen das IOC.

Stattdessen übt man sich in Rhetorik: Bei seiner Rede in Lausanne Anfang des Jahres endete Thomas Bach mit einem Zitat von Pierre de Coubertin, dem Gründer des IOC.
"Stürmen Sie mutig durch die Wolken und haben Sie keine Angst. Die Zukunft gehört euch."
Wenn die vergangenen Wochen ein Vorgeschmack auf die Zukunft des IOC waren, dann klingt das wie ein Albtraum.

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