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StartseiteTag für TagIslam und Demokratie – ein Spannungsverhältnis23.10.2012

Islam und Demokratie – ein Spannungsverhältnis

In der Debatte um das Verhältnis von Islam und säkularem Staat zeigt sich eine Asymmetrie. Für die westlichen Demokratien ist der säkulare Staat das Ziel des Zusammenlebens. Für die Rebellen des Arabischen Frühlings bildete er die Ursache des Widerstands: Sie kämpften gegen säkulare Regime und deren Unrechtsherrschaft.

Von Hans-Joachim Neubauer

Der Koran stellt eine religiöse Offenbarung und ein Gesetzbuch in einem dar. (picture alliance / dpa / Roos Koole)
Der Koran stellt eine religiöse Offenbarung und ein Gesetzbuch in einem dar. (picture alliance / dpa / Roos Koole)

"Aus meiner Sicht müsste die Frage heißen: Wie viel Demokratie kann der Islam vertragen? So rum macht das mehr Sinn. Beziehungsweise die Frage: Kann man Islam mit einem demokratischen Kontext versöhnen? Wenn man daran arbeitet, schon. Wenn man nicht daran arbeitet und bestimmte Strömungen sich entwickeln lässt, dann kann es passieren, dass man antidemokratische Strömungen fördert, die dann natürlich genau dagegen wirken."

Marwan Abou-Taam denkt oft über das Verhältnis von Islam und Demokratie nach. Das ist sein Beruf. Beim Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz arbeitet er in der Abteilung Analyse und strategische Auswertung. Doch wenn er öffentlich auftritt, spricht er als Politik- und Islamwissenschaftler. An der Berliner Humboldt-Universität forscht Marwan Abou-Taam über Identitätskonstruktionen bei Muslimen der dritten Generation. Passt der Islam in eine demokratische, säkulare Gesellschaft? Radikale Gruppen wie die Salafisten lassen daran zweifeln. Die Extremisten sind so präsent, weil sie ein Schema verkörpern.

"Das sind die, die sämtliche Etikettierungen den Muslimen gegenüber visualisieren. Und, verdeckt, genau das reproduzieren, was man dem Islam immer wieder vorwirft. Und insofern ist es so, dass die dann entsprechend medial gut ankommen und eigentlich die wahren Diskurse innerhalb der islamischen Gemeinschaft verfälschen zugunsten einer Eindeutigkeit, die dann letztendlich mit ihrer salafistischen Ideologie zustande kommt."

Die meisten in Deutschland lebenden Muslime haben kein Problem mit der Demokratie. Doch auf welche islamischen Traditionen können sie ihr demokratisches Bewusstsein stützen? Der Koran ist religiöse Offenbarung und Gesetzbuch in einem. Muss sich also das Gesetz der Religion anpassen – oder muss sich die Religion dem säkularen Gesetz unterstellen? Diese Fragen werden in Deutschland in der Regel von Vertretern politischer Verbände diskutiert. Marwan Abou-Taam vermisst dabei eine spezifisch islamische Intellektualität.

"Wir brauchen intellektuelle Muslime, also das ist meines Erachtens ein bisschen das Problem, wir brauchen Menschen, die tatsächlich innerhalb ihrer Religion, innerhalb des Islams diejenigen Prinzipen reproduzieren können beziehungsweise aktivieren können, die wir in einer friedlichen Gesellschaft brauchen."

Um diese Prinzipien aus dem Islam heraus zu begründen, brauche es, meint Abu Taam, nicht Politiker, sondern Theologen. Wenn es darum geht, Islam und Demokratie zusammenzudenken, argumentieren viele historisch. Im Jahr 622, vor fast 1500 Jahren, beginnt der Prophet Mohammed in Medina seine politische Tätigkeit. Es kommt zur Gründung des ersten islamischen Staates der Geschichte – für die politische Theorie des Islam ein demokratisches Utopia. Muslime und Juden unterschrieben die Verfassung von Medina, in der ein Konsens-Prinzip politische Spannungen mindern sollte. Die Islamwissenschaftlerin Liselotte Abid forscht am Institut für Orientalistik der Universität Wien. Sie lobt den Geist dieser Abmachung.

"Gemäß diesem Vertrag waren Muslime und Nichtmuslime gleichberechtigte Bürger des islamischen Staates, Bürger mit gleichen Rechten und Pflichten. Gemeinschaften mit unterschiedlicher religiöser Ausrichtung genossen religiöse Autonomie. Diese Idee reicht im Grunde weiter als die moderne Vorstellung von Religionsfreiheit."

Ein Gesellschaftsvertrag, Gleichheit vor dem Gesetz, Pluralismus: Ist der Ur-Islam eine Chance für das heutige Verhältnis von Demokratie und Religion? Kann der Blick zurück Muslimen eine demokratische Perspektive geben? Zumindest gab es in der Frühzeit des Islams eine lebhafte Debatte über "Good governance" und die Legitimität von Herrschaft. Geführt wurde sie an über 100 Rechtsschulen. Heute sind nur noch vier sunnitische, eine schiitische und ein paar kleinere Rechtsschulen aktiv. Dabei wusste schon Mohammed: Meinungsverschiedenheiten sind eine Gnade Gottes. Liselotte Abid:

"Die weitgehend egalitären Strukturen im Stadtstaat von Medina werden heutzutage von vielen Muslimen und Musliminnen als ein idealisiertes und idealtypisches Beispiel islamischen Gemeinwesens angesehen. Man muss natürlich sich vor Augen halten, dass diese Gemeinschaft leicht überschaubar war, eine kleine Gemeinschaft, und ein wichtiger Aspekt demokratischer Verfahren, nämlich die Kontrolle der Macht, konnte damals noch sehr direkt von allen Bürgern und Bürgerinnen wahrgenommen werden. Heutige Institutionen der Kontrolle der Macht sind also aus dieser Sicht durchaus mit dem Islam zu rechtfertigen."

Lässt sich wirklich so leicht aus der Geschichte lernen? In der Debatte um das Verhältnis von Islam und säkularem Staat zeigt sich eine bedeutsame Asymmetrie. Für die westlichen Demokratien ist der säkulare Staat das Ziel des Zusammenlebens. Für die Rebellen des arabischen Frühlings bildet er die Ursache des Widerstands. Sie kämpften gegen säkulare Regime und deren Unrechtsherrschaft. Die religiösen Kräfte, die jetzt in der arabischen Welt an der Macht sind, beziehen ihre politische Legitimation aus den frühen Kalifaten. Doch die Geschichte ist ein zweifelhafter Ratgeber. Das allerdings ist kein akademisches Problem. Das oft prekäre Verhältnis von Islam und Demokratie, sagt Marwan Abou-Taam verdankt sich nicht einem Zuviel an Religion, sondern einem Zuwenig an theologischer Reflexion.

"Wir haben Diskurse von Verbänden. Das sind politische Verbände, das sind politische Diskurse, aber wir haben keine theologischen Auseinandersetzungen mit gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, keine theologischen Dispute und Diskurse über die Gestaltung von Gesellschaft, über die Gestaltung von muslimischem Leben in Deutschland. Das ist im Prinzip der Tatsache zu schulden, dass uns tatsächlich die religiöse Intellektualität fehlt."

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