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Islamische Bildwelten und Moderne

Rund 250 Werke aus den klassisch islamischen Bildwelten werden zusammen gezeigt mit Werken aus der internationalen Kunstszene von Picasso bis Rebecca Horn - in der Ausstellung "Taswir - islamische Bildwelten und Moderne".

Von Frank Hessenland |
    Es gibt Ausstellungen, die stilbildend geworden sind, gerade weil sie unklar, und rätselhaft konzipiert waren. "Taswir - islamische Bildwelten und Moderne" hat das Potenzial, eine solche Wirkung zu entfalten. Denn einerseits hat die Ausstellung, die über zehn Jahre vorbereitet wurde, den enormen Anspruch, eine Art begehbarer Kulturalmanach islamischer Kunst- und Weltanschauung zu sein. Andererseits verweigert sich Hauptkuratorin Almuth Bruckstein vom Verein ha'atelier jeder westlich-rationalen Gliederung. Taswir - ein arabisches Wort für Verschleierung - ist Titel und Motto ihrer Konzeption.

    ""Die Ausstellung ist nicht eine chronologische, nicht eine historische. Sie ordnet nicht die islamische Kunst von den Anfängen bis zur Gegenwart Bild für Bild. Sie ist auch nicht eine regional definierte Ausstellung. All das ist es nicht. Es ist vielleicht fast sogar eine nicht-museale Ausstellung. Was wir hier machen, ist im Grunde ein alternativer Atlas, der arabische, judeo-arabische, persische, osmanische und andere außereuropäische Momente einer Moderne zeigen, die nicht westlich genannt werden kann.”"

    Grundsätzlich geht Hauptkuratorin Almuth Bruckstein davon aus, dass die Kunst im islamischen Kulturkreis durch den Bildervorbehalt des Koran geprägt ist. Muslimische Künstler haben im Unterschied zu ihren westlichen griechisch-renaissance-geprägten Kollegen ihr Handwerk in den abstrakten Formen der Kalligrafie/Schriftkunst, der Ornamentgestaltung und der comicartigen figürlichen Miniaturmalerei entwickelt.

    Von den 18 Räumen im Erdgeschoss des Berliner Martin-Gropius-Baus sind entsprechend jeweils sechs diesen drei Grundtechniken gewidmet. Jeder Raum hat ein philosophisches oder religiöses Thema, das mit einem Koranzitat an der Wand angedeutet ist. Insgesamt sind 80 antike Artefakte aus Persien, Ägypten, dem Osmanischen Reich bis Indien mit modernen Videos, Fotos, Installationen von 50 modernen islamischen und westlichen Künstler zusammengebracht worden. Ko-Kurator Hendrik Budde:

    ""Für den Ornament-Raum werden sie herrliche Arbeiten, Bergkristalle, Jadearbeiten sehen. Da geht es uns nicht so sehr um das Material, es geht uns um das Ornament. Kommen wir zurück zum Raum eins. Dort die kostbarsten Dinge dieser Ausstellung: Korane aus der Bibliotheque national, der weltberühmte Purpurkoran, der Goldkoran aus der Staatsbibliothek München. Wie werden diese kostbaren Dinge, die bis zur Frühzeit der islamischen Kulturzeit zurückreichen, korrespondieren mit den zeitgenössischen Kunstwerken. Das war nicht immer einfach und es ist ein Experiment.”"

    "Taswir" präsentiert zum Beispiel ein Werk des Beuys Schülers Wolfgang Laib, "Die fünf unbesteigbaren Berge" - kleine, gefährdete Häufchen aus goldstaubartigen Haselnusspollen direkt neben dem afrikanischen Purpurkoran mit seinen roten Blättern und silbernen Lettern. Die Wirkung für den Laien ist schön, harmonisch und dekorativ.

    Für den Interessierten mit Katalog oder Führung bieten sich neue Einsichten, wie solche über die kosmologisch-mystischen Bedeutungen der Ornamenttechniken. Oder, dass das islamische Bilderverbot eine orientalische Kultur der Schriftgestaltung konstituiert hat, die überraschenderweise gar nicht davon ausgeht, dass ihre meist heiligen Texte gelesen werden sollen.

    Die am schönsten kalligrafierten Korane bieten spiralenförmige oder sonnenartig geformte Textbilder mit kunstvoll verzierten Lettern, welche allein als Textbild göttlich wirken sollen. Sie weisen merkwürdige Verwandtschaften zu Lithografien von Max Ernst oder Pablo Picasso auf, welche gleich daneben hängen. Unentzifferbare Textbilder sind bis heute fester Bestandteil von moderner Kunst muslimischer Künstler.

    ""Das Interessante ist, dass die Künstler hier mit Schriftzeichen arbeiten, die nicht zu lesen sind. Auch der Künstler kann das nicht lesen. Es ist eine nicht lesbare Schrift.”"

    Bei näherem Hinsehen ergeben sich überall Zitate und poetische Verbindungen bei "Taswir". Unverzeihlich werden Experten jedoch finden, wie Kuratorin Bruckstein mit der Authentizität ihrer Exponate umgeht. So hängt sie auch Originale und fotografische Faksimiles, für deren Ausleihung das Budget nicht gereicht hat, wild durcheinander und setzt damit die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit der Ausstellung und ihrer Institutionen aufs Spiel.

    Alles in allem erinnert "Taswir - islamische Bildwelten und Moderne" an ein anderes großes Experiment in Berlin: die Schatzkammer-Konzeption des geplanten Humboldt-Forums. Beide sind schön, inspirierend, voller Verweise, beide gehen auf Kosten der Eindeutigkeit. Beide mischen antike Artefakte und moderne Kunstwerke wild und ästhetisch. Beide wandeln auf extrem schmalen Grad zwischen Vielschichtigkeit der Perspektiven und Beliebigkeit der Wahrheit. 20 Jahre nach ihrem philosophischen Beginn ist die Postmoderne im konservativen deutschen Museumswesen angekommen.