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StartseiteAus Religion und GesellschaftZwischen Mohammed und Erdogan05.12.2018

Islamischer Religionsunterricht in Deutschland Zwischen Mohammed und Erdogan

Der Putschversuch in der Türkei hat auch den Islam-Unterricht in deutschen Klassenzimmern ganz ordentlich durchgerüttelt. Seit Präsident Erdogan immer autoritärer regiert, fragen sich die Behörden in Deutschland: Wer ist auf muslimischer Seite unser Ansprechpartner? Das macht es nicht leichter.

Von Michael Hollenbach

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Eine Schülerin mit Kopftuch sitzt am 05.02.2015 an der Johann Hinrich Wichern-Schule in Frankfurt am Main (Hessen) bei einer Unterrichtsstunde zum Thema Islam.  (dpa / Frank Rumpenhorst)
Islamischer Religionsunterricht wird vielerorts kritisch betrachtet (dpa / Frank Rumpenhorst)
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Religionsunterricht im vierten Jahrgang an der Albert Schweitzer-Schule in Hannover-Linden. Die Lehrerin Tünay Aygün behandelt die Geschichte von Josef und seinen Brüdern, eine Geschichte, die in der jüdischen Tora, im Alten Testament der Christen und in der Sure 5 des Korans zu finden ist. Ihre Fragen an der Tafel machen deutlich: Hier geht es um islamischen Religionsunterricht:

"Muss jeder Moslem den Koran lesen?" / "Warum hat Allah den Koran geschickt?" / "Wer hat den Koran geschrieben?" / "Warum ist der Koran wichtig?"

Lernziel: Reflektion

"Eines der Hauptthemen der islamischen Religionspädagogik ist das Ziel, muslimische Kinder zu befähigen, über ihren Glauben zu sprechen, darüber zu reflektieren, dass man in einer pluralen Gesellschaft lebt, aber dass es auch innermuslimische Vielfalt gibt."

Erläutert die Göttinger Islamwissenschaftlerin Riem Spielhaus. Und Nurgül Altuntas, im hessischen Bildungsministerium zuständig für den Religionsunterricht, betont:

"Erstens ist es aus gesamtgesellschaftlicher Sicht ganz wichtig, dass die Schüler keine religiösen Analphabeten sind; zweitens dass die Schüler muslimischen Glaubens, die hier aufgewachsen sind, dass sie wissen, was steht im Koran, dass sie argumentationsfähig sind, dass sie über ihre eigene Religion reflektieren können."

Gratwanderung im Grundgesetz

Doch noch immer steckt der islamische Religionsunterricht in Deutschland in den Kinderschuhen. Und das, obwohl der Religionsunterricht der einzige Unterricht ist, der - außer in Berlin und Bremen - durch das Grundgesetz garantiert wird. In Artikel 7, Absatz 3 heißt es:

"Der Religionsunterricht ist in den öffentlichen Schulen ordentliches Lehrfach. Unbeschadet des staatlichen Aufsichtsrechtes wird der Religionsunterricht in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften erteilt."

Hans Markus Heimann von der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung. (picture alliane / dpa / Marijan Mura)Der Staatsrechtler Hans Markus Heimann (picture alliane / dpa / Marijan Mura)

"Religionsunterricht im Grundgesetz bedeutet nichts anderes als eine Möglichkeit, die der Staat Religionsgemeinschaften offeriert, dass sie sagen können, wir würden gern Religionsunterricht in der Schule stattfinden lassen. Sie müssen sagen, was religiös gelehrt werden soll und dann kann der Staat das organisieren."

Erläutert Hans Markus Heimann, Professor für Staatstheorie an der Hochschule des Bundes für Öffentliche Verwaltung in Brühl, zwischen Köln und Bonn. In Schulen sollen also, so der Wille der Mütter und Väter des Grundgesetzes, die Glaubensgrundsätze einer Religionsgemeinschaft vermittelt werden. Für die theologischen Inhalte sind die Religionsgemeinschaften zuständig. Die staatlich ausgebildeten Lehrer können nur mit Zustimmung der Religionsgemeinschaften unterrichten - eine Gratwanderung. Hans Markus Heimann sagt:

"Die Voraussetzungen sind schwierig: Vor dem Hintergrund dessen, dass der Staat ja religiös neutral sein muss, darf er eigentlich religiöse Inhalte nicht vermitteln."

An institutionellem Wandel führt kein Weg vorbei

Die Theorie ist schon heikel; die Praxis, vor allem des islamischen Religionsunterrichts, noch mehr. Um zum Beispiel den Religionsunterricht für Muslime zu organisieren, braucht der Staat Partner, braucht islamische Organisationen, mit denen er Vereinbarungen abschließen kann. Diese Organisationen gibt es nur in Ansätzen. Denn Muslime kennen keine Kirchen als Institutionen; sie kommen - wenn überhaupt - in Moscheevereinen zusammen.

"Das Dilemma, was wir da haben, besteht darin, dass der Islam in Deutschland zwar gegenwärtig fordert, auf Augenhöhe respektiert zu werden, aber gleichzeitig sich scheut von den rechtlichen Gestaltungsmöglichkeiten, die ihm angeboten werden, auch Gebrauch zu machen."

Sagt der evangelische Alt-Bischof Wolfgang Huber.

"Aber da gilt, dass es legitim ist, von einer Religionsgemeinschaft auch zu erwarten und zu fordern, dass sie in der Rechtsordnung heimisch wird, in der die Menschen auf Dauer leben wollen. Und dazu gehört auch, die Rechtsordnung zu akzeptieren. Es wird kein Weg daran vorbeiführen, dass man eine Religionsgemeinschaft braucht, bei der die Regeln der Mitgliedschaft eindeutig sind und eindeutig ist, wer für diese Religionsgemeinschaft spricht."

"Die Zahl der Studierenden wächst"

Solange es keine legitimierten, überregionalen Ansprechpartner gibt, setzen die Bundesländer auf Übergangslösungen. Knapp 60.000 Schülerinnen und Schüler nehmen deutschlandweit am islamischen Religionsunterricht teil. Der Bedarf ist zehnmal so groß: Nach einer Studie der Deutschen Islamkonferenz würden drei Viertel der muslimischen Schülerinnen und Schüler gern einen islamischen Religionsunterricht besuchen. Aber es fehlen die Lehrkräfte. Zu unsicher waren lange Zeit die Berufsperspektiven für islamische Pädagogen:

"Das liegt daran, dass viele Frauen, die überlegt haben, dieses Fach zu studieren, unsicher waren, ob sie nun mit Kopftuch arbeiten können. Das ändert sich langsam. Sie haben langsam Vertrauen, weil sie wissen, dass die Kopfbedeckung keine Rolle mehr spielt. Ich sehe, dass immer mehr Muslime den Mut haben und die Zahl der Studierenden wächst."

Lehrer und Schüler der Drei-Religionen-Grundschule in Osnabrück bei der Eröffnungsfeier im September 2012  (imago stock&people)Für Annett Abdel-Rahman (hinten l.) ist die Kopftuchdebatte ein Grund für den Lehrermangel (imago stock&people)

Sagt Annett Abdel-Rahman, Islamlehrerin an der Drei-Religionen-Schule in Osnabrück. Das Angebot ist in den einzelnen Bundesländern sehr unterschiedlich: In den fünf östlichen Bundesländern gibt es bislang kein Angebot für muslimische Schülerinnen und Schüler.

Berliner Schulen sagen: "Wir sind überlastet"

In Berlin gibt es islamischen Religionsunterricht nicht als ordentliches Lehrfach, sondern als einen freiwilligen Zusatzunterricht - in Verantwortung der Islamischen Föderation Berlin. Die Föderation gehört zum islamischen Verband Milli Görüs, der jahrelang vom Verfassungsschutz beobachtet wurde. Koordinator in Berlin ist Burhan Kesici, Generalsekretär des "Islamrats für die Bundesrepublik Deutschland":

"Es ist so, dass die Schulen kooperieren müssen. Da haben wir in Berlin große Probleme mit der Kooperation der Schulen. Zum einen liegt es an der Stimmung, zum anderen an den ganzen Konzepten, dass die Schulen sagen, wir sind überlastet."

Nicht die besten Zeiten, um einen islamischen Religionsunterricht zu etablieren: Fast 60 Prozent der Deutschen empfinden den Islam als Bedrohung. In Berlin wird islamischer Religionsunterricht lediglich an 33 Grundschulen angeboten.

Bayern und Schleswig-Holstein im Verfassungskonflikt

In Bayern und Schleswig-Holstein gibt es so etwas wie eine islamische Religionskunde in staatlicher Verantwortung.

"Die haben einen Islamkundeunterricht, der aus Sicht eines Verfassungsrechtlers nicht ganz grundgesetzkonform ist. Der ist nicht bekenntnisorientiert und keine islamische Religionsgemeinschaft ist eingebunden. Möglicherweise wird es mal zum Gerichtsverfahren kommen können, und dann wäre die Frage, ob das durchhaltbar ist."

Mutmaßt die Göttinger Islamwissenschaftlerin Riem Spielhaus.

Hamburg und Bremen setzen auf Inklusion

In den Stadtstaaten Hamburg und Bremen wird ein "Religionsunterricht für alle" angeboten. Bislang unter Federführung der evangelischen Kirche gehen in Hamburg alle Schüler in einen gemeinsamen Religionsunterricht. Jochen Bauer ist bei der Hamburger Schulbehörde zuständig für dieses Projekt:

"Der eine Vorteil besteht darin, dass es ein pädagogisches Konzept ist, das in die heutige Wirklichkeit der Schüler passt. Sie leben in einer multireligiösen Welt, die Schule ist multireligiös, sie lernen gemeinsam mit anderen Schülern in allen Fächern, warum nicht auch in Religion? Der 'Religionsunterricht für alle' bietet die Chance, eine dialogische Grundhaltung zu vermitteln, die für unsere Gesellschaft ganz wesentlich ist. Nur wenn ich mit muslimischen, christlichen, jüdischen und auch nicht-religiösen Menschen zusammenlebe und das einübe in der Schule, kann ich auch in der Gesellschaft friedlich und produktiv zusammenleben."

Prof. Dr. Riem Spielhaus, Inhaberin des Lehrstuhls für Islamwissenschaft an der Georg-August-Universität Göttingen, auf der Bundespressekonferenz zu Migrations-, Flüchtlings- und Integrationspolitik im September 2017 (imago stock&people)Riem Spielhaus findet das Hamburger Modell charmant - es sei aber nicht überall umsetzbar (imago stock&people)

Und auch bei den muslimischen Verbänden der Hansestadt stößt das Modell auf Zustimmung. Demnächst sollen die Muslime gemeinsam mit den Protestanten die Verantwortung für den Religionsunterricht übernehmen. Riem Spielhaus sagt:

"Was am Hamburger Unterricht so charmant ist, ist, dass die anderen Religionsgemeinschaften eingebunden sind: die sitzen sowohl zusammen in der Ausbildung der Lehramtsstudierenden als auch in der Entwicklung von Curricula und Übungen. Und das ist was, wo sich nicht nur die Schüler im Klassenraum begegnen, sondern auch die Religionsgemeinschaften in der Erarbeitung zusammenkommen. Jetzt kommt ein großes 'Aber': Das kann gut im Staatstaat funktionieren, aber wenn man auf das platte Land geht, dann kann es schwierig sein, einen muslimischen Lehrer zu finden, der mal ein halbes Jahr den Unterricht übernimmt."

Kritik am Hamburger Modell

Aber auch in Hamburg stößt der gemeinsame Religionsunterricht für alle auf Kritik. Die Katholiken machen bei dem Modell nicht mit. Und die Berliner Burhan Kesici und Wolfgang Huber halten ebenfalls wenig von dem Hamburger Modell:

Burhan Kesici: "Die Erfahrung zeigt, wenn jemand sich in der eigenen Religion auskennt, dann wird er mehr Akzeptanz und Toleranz gegenüber anderen Religionen hervorbringen."

Wolfgang Huber: "Das wäre der Abschied von einem Religionsunterricht, der die Chance enthält, Schüler zu befähigen, von ihrer Religionsmündigkeit einen eigenständigen Gebrauch zu machen. Dafür muss man Religion von innen kennenlernen, und nicht nur von außen. Man bekommt einen Zugang nur, wenn man sich auf die Unterschiede der Religionen einlässt - und das muss von innen geschehen und nicht von außen."

Modellversuche im Süden und Westen

In Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und dem Saarland finden Modellversuche statt - gemeinsam mit islamischen Verbänden. So arbeitet das Schulministerium in Düsseldorf mit einem achtköpfigen Beirat, dessen Mitglieder zur Hälfte vom Ministerium berufen werden. Was nicht so ganz der grundgesetzlichen Vorstellung eines bekenntnisorientierten Unterrichts entspricht. Das Modell läuft eigentlich im kommenden Jahr aus. Doch solange es keine legitimierten, überregionalen Ansprechpartner gibt, wird die Übergangslösung mit den Beiräten wohl fortgesetzt.

"Pragmatisch hat die Politik die Beiräte erfunden. Warum war sie da so pragmatisch? Weil sie in diesen Fällen ein klares Kontrollinteresse hat."

Ulrich Willems von der Universität Münster (Sarah Batelka)Ulrich Willems sieht Parallelen zum preußischen Staat (Sarah Batelka)

Der Münsteraner Politikwissenschaftler Ulrich Willems zieht einen Vergleich zu den vom preußischen Staat misstrauisch beäugten Katholiken:

"Wie im 19. Jahrhundert ist der Religionsunterricht dazu da, dass man weiß, was im Religionsunterricht passiert. Das ist besser als wenn er außerhalb des Schulunterrichts stattfindet. Faktisch ist es die Kontrolle einer gefährlichen sozialen Macht der Religion, die über hohe Mobilisierungsfähigkeit verfügt."

In NRW gibt es rund 400.000 muslimische Schüler. Gut fünf Prozent erhalten momentan islamischen Religionsunterricht.

Hessen und Niedersachsen arbeiten mit Schura und Ditib

Einen anderen Weg gehen Hessen und Niedersachsen. Gemäß den Vorgaben des Grundgesetzes findet in beiden Ländern ein bekenntnisorientierter Religionsunterricht statt, an dem muslimische Verbände beteiligt sind. In Niedersachsen bilden die Schura, ein Zusammenschluss muslimischer Moscheevereine auf Landesebene, und der Ditib-Landesverband einen Beirat, der den Unterricht theologisch verantwortet.

In Hessen kooperiert das Bildungsministerium seit fünf Jahren unmittelbar mit dem Ditib-Landesverband sowie der kleineren Ahmadiyya-Gemeinde, die in Hessen offiziell als Religionsgemeinschaft anerkannt ist. Nurgül Altuntas vom hessischen Kulturministerium betont:

"Federführend ist das hessische Kultusministerium. Wir legen die Unterrichtsinhalte fest, dass wir darauf achten, dass es nicht verfassungswidrig ist. Aber die Glaubensgrundsätze werden von den Kooperationspartnern festgelegt. Aber wir sind die letzte Instanz, die es entscheidet und auf den Weg bringt."

Die Lehrkräfte für islamische Religion müssen zwei Staatsexamina ablegen und zumindest eine Weiterbildung in islamischer Religionspädagogik an der Universität Marburg vorweisen können.

"Was auch noch wichtig ist: dass wir von staatlicher Seite eine Unterrichtserlaubnis geben. Und die Kooperationspartner müssen ihnen die Idschaza erteilen, analog zur evangelischen vocatio und zum katholischen missio canonica."

So ist er also: der islamische Religionsunterricht von Hessen bis Berlin, von NRW bis Bayern. So weit so gut.

"Die Ditib hat sich nicht bewegt"

Doch dann kam der Putschversuch in der Türkei dazwischen. Und Recep Tayyip Erdogan, der immer autoritärer regierte. Das wirkt sich auch auf die Ditib aus, die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion - und somit auch auf deutsche Schulbänke. Ahmet Ünalan vom Institut für Turkistik an der Universität Duisburg-Essen:

"Die Ditib hat leider Gottes trotz vieler Versprechungen nun gerade in den letzten zwei Jahren sich nicht bewegt zu einer Emanzipation aus der Türkei hin zu einer eigenständigen Religionsgemeinschaft, sondern hat sehr stark untermalt, dass sie im Grunde sehr stark kooperiert mit der Diyanet, dass sie Direktiven aus der Türkei erhält."

Unterstützer von Präsident Erdogan versammeln sich um einen Panzer nach dem gescheiterten Putsch (dpa / picture-alliance / Str)Seit dem gescheiterten Putsch hat sich Erdogans Politik radikalisiert (dpa / picture-alliance / Str)

Bundesweit steht Ditib stark unter Druck. Das Land Hessen hat dem Landesverband ein Ultimatum gestellt, sagt Nurgül Altuntas.

"Ditib muss bis Ende des Jahres bestimmte Vorgaben erfüllen. Das ist einmal ein Mitgliedsregister zu erstellen, zweitens verbindliche Verwaltungsstrukturen aufzubauen und drittens die Unabhängigkeit in Bezug auf die Regierung Türkei und Diyanet."

Doch Ditib taucht ab. Trotz mehrmaliger Interviewanfragen und der Bitte um eine Stellungnahme äußert sich weder die Ditib-Zentrale in Köln noch der hessische Ditib-Vorsitzende Salih Özkan. Ein Interviewtermin wird wieder abgesagt; auf Mails erfolgt keine Reaktion. Der Tenor ist in fast allen Bundesländern der gleiche: wenn sich Ditib nicht unabhängig macht von der türkischen Regierung, gibt es keine Perspektive für Kooperationen.

"Man sollte pragmatisch mit der Situation umgehen"

Der Münsteraner Politikwissenschaftler Ulrich Willems und der Göttinger Staatsrechtler Hans Michael Heinig dagegen beklagen auch Versäumnisse der deutschen Politik:

Ulrich Willems: "Die Erwartung, dass wir solange warten, bis wir Partner haben, die perfekt unseren Ansprüchen entsprechen, ist völlig irrsinnig. Das wird nicht passieren, und insofern sollte man pragmatisch mit der jetzigen Situation umgehen."

Hans Michael Heinig: "Die deutsche Mehrheitsgesellschaft hat eine Idealvorstellung eines deutschen Islam, der sich von ethnischen Herkünften löst, eher nach religiösen Strömungen hin sich orientiert, und komischerweise geschieht das nicht. Das mag man beklagen, aber das ist die Realität. Wir können auch nicht verordnen in Anlehnung an den preußischen Kulturkampf, wie Gläubige sich zu verhalten haben."

Statt auf Ditib zu setzen, sollte sich die Politik nach anderen Partnern umschauen, meint Riem Spielhaus:

"Es gibt andere islamische Organisationen und es passiert auch etwas, dass nämlich diese Kräfte, die in der Ditib waren und auch aus anderen Organisationen, neue Organisationen bilden und dann langfristig auf Deutschland orientiert sind und über die Herkunft hinaus organisiert sind. Also dass das Deutschsein das Verbindende ist und das deutsche Muslimsein vor allem die verbindende Kraft ist und sich auf der Basis organisiert."

"Die Schüler sind so was von heterogen"

Aber auch ohne den politischen Streit um Ditib und die Einflussnahme Erdogans ist der islamische Religionsunterricht kein Selbstläufer.

"Wenn man bisher gedacht hat, dass der islamische Religionsunterricht vor einer homogenen Schülerschaft erfolgt, dann hat man sich geirrt."

Ein Mädchen mit Kopftuch zwischen anderen Mädchen ohne Kopftuch beim Islamunterricht in einer Bonner Realschule (picture alliance / Ulrich Baumgarten)Die Schülerinnen und Schüler bringen ganz unterschiedliche Voraussetzungen mit in den Unterricht (picture alliance / Ulrich Baumgarten)

Sagt Musa Bagrac, Religionslehrer an der Geschwister-Scholl-Gesamtschule in Lünen und Vorsitzender des Islamlehrerverbandes.

"Die Schüler sind so was von heterogen. Angefangen von Schülern, die deutsch-deutsch sind und in Deutschland sozialisiert sind, und zugleich haben wir Schüler, die als Flüchtlingskinder hierhergekommen sind. Und wiederum haben wir Schüler, die türkisch sozialisiert sind, obwohl sie in Deutschland aufgewachsen sind, oder Schüler, die bosnisch oder arabisch sozialisiert sind."

"Gerade mal ein Drittel besucht eine Moschee"

"Wir haben da im Klassenzimmer Muslime sitzen, die einen wissen vielleicht ganz viel über ihre Religion, die sind, seit sie drei sind, regelmäßig in der Moschee und haben mindestens einmal in der Woche Koranunterricht. Und die anderen haben noch nie was davon gehört. Und diese unterschiedlichen Tonalitäten zusammenzubringen und dann auch noch aus unterschiedlichen religiösen Strömungen, also das alles in einem Klassenzimmer zusammenzuhaben, das stellt Lehrerinnen vor eine große Herausforderung. Das ist schon mal sicher."

Sagt Riem Spielhaus. Auch wenn der öffentliche Eindruck vielleicht ein anderer ist: die meisten muslimischen Jugendlichen seien nicht religiös sozialisiert. Musa Bagrac sagt:

"Ich kann für meine Schule sprechen, dass gerade mal ein Drittel meiner muslimischen Schülerschaft eine Moschee besucht und zwei Drittel haben bislang noch keine Moschee besucht."

"Die ersten Schritte einer freien Entfaltung des Islams"

Vor 15 Jahren seien die Relationen noch umgekehrt gewesen. Ahmet Ünalan hat den islamischen Religionsunterricht in Nordrhein-Westfalen wissenschaftlich begleitet:

"Die wissenschaftliche Evaluation zeigt, dass die Akzeptanz des islamischen Religionsunterrichts bei Eltern und Schülern sehr groß ist. Sie zeigt auch, dass die Eltern sehr wohl wissen, wo sie ihre Kinder hinschicken, denn sie erwarten von dem Religionsunterricht, dass er moralisch-ethische Werte vermittelt. Sie verwechseln das nicht mit einem katechetischen Unterricht in den Moscheeräumen."

Für Ahmet Ünalan und Riem Spielhaus hat der islamische Religionsunterricht eine herausragende Bedeutung:

Ahmet Ünalan: "Das sind die ersten Schritte einer freien Entfaltung des Islams in Deutschland. Der Weg ist ein etwas mühsamerer als bei anderen Religionsgemeinschaften, weil der Islam in einem Diskussionssog ist und beschattet ist von weltweiten Diskussionen, aber das macht den islamischen Religionsunterricht umso wichtiger für die Beheimatung des Islam in Deutschland."

Riem Spielhaus: "Islamischer Religionsunterricht ist der Ort, wo Islam in Deutschland, Muslim-Sein in Deutschland heute ausgehandelt wird."

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