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StartseiteKultur heuteUmwandlung der Hagia Sophia typisch für politischen Islam19.07.2020

Islamwissenschaftler KhorchideUmwandlung der Hagia Sophia typisch für politischen Islam

Die geplante Umwandlung der Hagia Sophia in Istanbul von einem Museum in eine Moschee ruft international heftige Kritik hervor. Der österreichische Soziologe und Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide sprach im Dlf von einer "zugespitzten Form der Instrumentalisierung des Islam".

Mouhanad Khorchide im Gespräch mit Michael Köhler

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Die Hagia Sophia in Istanbul, Wahrzeichen der Stadt, ist heute ein Museum.  (picture alliance / dpa / Kyodo)
Die Hagia Sophia in Istanbul soll zu einer Moschee werden (picture alliance / dpa / Kyodo)
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Die Hagia Sophia in Istanbul, einst wichtigste Kirche des Christentums und seit 1934 Museum, wird wieder in eine Moschee umgewandelt. Die geplante Umwandlung am kommenden Freitag sieht für den Soziologen Mouhanad Khorchide von außen betrachtet wie ein kultureller Kampf zwischen dem Islam und dem Christentum aus, also zwischen Moschee und Kirche: "Wer setzt sich durch? Wer erniedrigt den anderen?"

Zugleich spricht Khorchide von einem Kampf der religiösen Symbole und stellt fest: "Dies ist typisch für den politischen Islam, der versucht, die Religion zu instrumentalisieren, um daraus eine politische Ansage zu machen."

Streit um Wahrheitsansprüche

In der Debatte spielt für den Soziologen und Islamwissenschaftler eine ähnliche Auseinandersetzung zur Zeit des Propheten Mohammed eine Rolle. Dabei sei es um zwei muslimische Gruppen gegangen: Die eine Gruppe habe eine Moschee gebaut, um die andere Gruppe zu bekämpfen - "eine Auseinandersetzung um Wahrheitsansprüche: Wer sind die richtigeren Muslime?" Mohammed habe die Moschee damals als "eine unheilige Moschee" bezeichnet, in der das Gebet nicht angenommen werde.

Auf der Grundlage dieser Stelle im Koran diskutieren islamische Gelehrte laut Khorchide heute darüber, ob überhaupt ein muslimisches Gebet in der Hagia Sophia stattfinden darf, wenn sie in eine Moschee zurückverwandelt ist. Viele ägyptische Gelehrte seien der Meinung: Nein. Ein Gebet dort würde nicht angenommen, weil es sich nicht um eine Moschee handele, sondern um politische Symbolik auf Kosten des Islam. Und der Islam müsse vor dieser Instrumentalisierung geschützt werden.

Mit der Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee wird laut Khorchide der Schritt zu einer friedlichen Koexistenz durch den türkischen Präsidenten Mustafa Kemal Atatürk von 1934 rückgängig gemacht. "Kulturelle Symboliken werden eingesetzt, um die Weltgemeinschaft zu spalten entlang religiöser, weltanschaulicher, kultureller Kategorien." Durch die "zugespitze Form der Instrumentalisierung des Islam" wird für den Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide die Rhetorik des gemeinsamen Dialogs in den Hintergrund gerückt.

Mouhanad Khorchide im Oktober 2018 auf der Frankfurter Buchmesse.  (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi) (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)Mouhanad Khorchide ist ein österreichischer Soziologe, Islamwissenschaftler und Religionspädagoge. Er ist Professor für islamische Religionspädagogik am Centrum für Religiöse Studien und Leiter des Zentrums für Islamische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sein jüngstes Buch heißt "Gottes falsche Anwälte. Der Verrat am Islam."

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