IsraelBarta’a: Ein Dorf, zwei Corona-Welten

Das Dorf Barta’a ist gespalten: Eine Hälfte liegt in Israel, die andere im Westjordanland. Während die Menschen auf der israelischen Seite zu mehr als 90 Prozent gegen das Coronavirus geimpft wurden, ist die Impfquote auf der palästinensischen Seite weiterhin niedrig. Mit spürbaren Folgen.

Von Benjamin Hammer | 17.04.2021

Eine Moschee im Westteil vom israelisch-palästinensische Dorf Barta’a.
Blick in Richtung des Westteils des israelisch-palästinensischen Dorfes Barta’a (Benjamin Hammer / Deutschlandradio)
Mittagsgebet in Barta’a. Die Moschee steht im Westteil der Stadt. Und damit in Israel. Etwa 100 Meter östlich von der Moschee steht mitten auf der Straße ein ausgeblichenes Schild. Gäbe es dieses Schild nicht, man würde die Grenze nicht erkennen. Die Grenze zwischen Israel und dem Westjordanland.
Mitten im Dorf Barta’a verläuft die Grenze zwischen Israel (rechts) und dem Westjordanland (links), hier verbunden durch einen Fußgängertunnel.
Mitten im Dorf Barta’a verläuft die Grenze zwischen Israel (rechts) und dem Westjordanland (links), hier verbunden durch kleine Brücken über einem Flusslauf, der die Grenze markiert (Benjamin Hammer / Deutschlandradio)
Der Kiosk von Bhassem Kabaha direkt hinter der Grenze. Er liegt in Ost-Barta’a und damit im Westjordanland. In dem Dorf mit etwa 10.000 Einwohnerinnen und Einwohnern können ein paar Meter entscheidend sein. Bhassem Kabaha hat einen palästinensischen Ausweis. In Corona-Zeiten wird das zum Problem. Nein, sagt der Mann, er habe noch keine Impfung gegen das Virus erhalten.
Vor einer Woche habe ich es auf der israelischen Seite versucht. Da haben sie mir gesagt, dass sie den Menschen dort schon die zweite Impfdosis verabreichen und für mich nichts mehr übrig ist."
Die Menschen auf der westlichen Seite des Dorfes sind arabische, manche sagen auch palästinensische Israelis. Sie haben blaue, israelische Ausweise und von ihnen sind bereits 95 Prozent der über 16-Jährigen geimpft. Im Ost-Teil des Dorfes leben Palästinenser mit grünen Ausweisen. Wie viele hier geimpft sind, kann keiner genau sagen. Mehr als 20 Prozent sind es aber wohl nicht.

Kontrolle ja, impfen nein

Die jüngere Geschichte von Barta’a wurde durch Kriege bestimmt. Nach dem Krieg von 1948 einigten sich Israel und Jordanien auf eine Waffenstillstandslinie. Sie verläuft bis heute genau durch Barta’a. 1967, im Sechstagekrieg, eroberte Israel das Westjordanland. Seitdem kontrolliert Israel das ganze Dorf. Die Sperranlage, die Israel in der Hochzeit von palästinensischen Terroranschlägen baute, befindet sich hinter Barta’a. Auch der palästinensische Teil des Dorfes liegt somit auf der israelischen Seite. Doch die israelischen Behörden impfen offiziell nur die Bevölkerung von West-Barta’a.
Besuch beim Vize-Bürgermeister von Ost-Barta’a. In einem großen Büro hängen palästinensische Flaggen und Fotos von Präsident Machmud Abbas und dessen Vorgänger Yassier Arafat. Doch die Palästinensische Autonomiebehörde hat hier kaum etwas zu sagen. In diesem Teil des Westjordanlandes ist Israel sowohl für die Sicherheit als auch für die Verwaltung zuständig.
Abdullah Kabaha, Vize-Bürgermeister von Ost-Barta’a im Westjordanland
Abdullah Kabaha, Vize-Bürgermeister von Ost-Barta’a im Westjordanland (Benjamin Hammer / Deutschlandradio)
Das Rathaus ist schon etwas in die Jahre gekommen. Aus dem Büro des Bürgermeisters geht der Blick bis an die israelische Mittelmeerküste. Israel wirkt deutlich näher als das restliche Westjordanland. Doch ohne Genehmigung dürfen die Bewohner von Ost-Barta’a Israel gar nicht betreten. Offiziell noch nicht einmal den westlichen Teil ihres Dorfes. Wenn die Bewohner von Ost-Barta’a schwer an Covid-19 erkranken, müssen sie einen israelischen Kontrollposten passieren und werden in Krankenhäuser im Westjordanland gebracht. Die sind aktuell überlastet. Im Westjordanland wütet die Corona-Pandemie. In Israel kehrt dank der hohen Impfquote immer mehr Normalität ein. Barta’a zeigt wie unterm Brennglas, wie unterschiedlich die Corona-Welten von Israel und den palästinensischen Gebieten sind.
"Das ist alles völlig verrückt", sagt der palästinensische Bürgermeister. "Hier leben Verwandte fünf Meter voneinander entfernt. Einer hat einen israelischen Ausweis, der andere nicht. Und was die Impfungen betrifft: Israel muss das übernehmen. Israel ist als Besatzungsmacht verantwortlich für alle Belange der Palästinenser."

Wirtschaftliche Vorteile durch absurde Teilung

Eine Sichtweise, die Israel entschieden zurückweist. Laut den Oslo-Verträgen seien die Palästinenser für den Gesundheitssektor verantwortlich. Israel hat etwa 100.000 Palästinenser geimpft. Auch für die Bevölkerung von Ost-Barta’a wurden vereinzelt Ausnahmen gemacht. Auch der Vizebürgermeister bekam eine Impfung.
Darüber will er aber nicht so gerne reden. Es wirkt, als sei es ihm unangenehm, einer der wenigen Bewohner von Ost-Barta’a zu sein, die geimpft wurden. Und dann auch noch von Israel. Einem Land, das er scharf kritisiert. Neben dem Bürgermeister sitzt eine Mitarbeiterin des Rathauses. Sie probierte mehrfach, an den begehrten Impfstoff in Israel zu kommen und schaffte es nicht.
Auf dem Weg zum Rathaus von West-Barta’a, das in Israel liegt. Am Straßenrand befinden sich viele Geschäfte. Die absurde Teilung des Dorfes hat auch wirtschaftliche Vorteile. In Ost-Barta’a sind viele Produkte günstiger, als in Israel. Und weil das Dorf auf der israelischen Seite des Zaunes liegt, kommen viele arabische und jüdische Israelis zum Einkaufen.

Nur wenige Palästinenser geimpft

Das Rathaus von West-Barta’a ist ein schöner, moderner Bau. Im Büro von Bürgermeister Raed Kabaha wäre ein Foto von Jassier Arafat undenkbar. Kabaha war einer der ersten, die sich impfen ließen. Er sei Israel dankbar, sagt er. Aber der arabische Israeli versteht einfach nicht, warum Israel nicht auch die Bewohner von Ost-Barta’a impft.
"Das ist auf jeden Fall eine politische Entscheidung. Für Israel geht es ja nicht um eine hohe Zahl von Impfdosen. Vielleicht will die Regierung einfach keinen Präzedenzfall schaffen und damit anerkennen, dass sie eine Verantwortung hat."
Auch Israelische Epidemiologen fordern, dass Israel auch die Palästinenser impft. Dies sei einfach im Interesse beider Seiten.
"Unser Dorf spiegelt wider, was zwischen Israel und den palästinensischen Gebieten geschieht", sagt der Bürgermeister. "Wir reden hier von zwei Ländern mit sehr engen Kontakten. Wenn Sie sich hier an einem Samstag umschauen: 60 Prozent der Menschen sind jüdische Israelis, die zum Einkaufen kommen. In beide Teile von Barta’a. Warum also diese Trennung? Wenn sich Israel kümmert, wären beide Seiten geschützt."
Der arabisch-israelische Bürgermeister verhandelt mit israelischen Behörden. Er will sie davon überzeugen, auch die Menschen auf der anderen Seite des Dorfes zu impfen. Die Corona-Krise habe die Menschen des geteilten Dorfes noch enger zusammengeschweißt.