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Israelische Lebensform

Zwölf junge Leute aus Russland, zehn jüdische Männer und zwei Frauen, kamen 1908 an das Südufer des Kinneret, des Sees Genezareth im damaligen Palästina. Sie wollten gemeinsam leben und arbeiten, niemand von ihnen sollte ausgebeutet werden und sie wollten niemanden ausbeuten. Ein Traum von einem gerechten Leben.

Von Gretel Rieber | 17.10.2010
    Die jungen Leute hatten sich vorübergehend bei dem arabischen Dorf Umm Juni niedergelassen, in einer baumlosen Ödnis.

    Ein Foto aus dieser Zeit zeigt die jungen Siedler, die Frauen in langen Kleidern und mit aufgetürmter Haarpracht, die Männer mit weißen, am Hals offenen Hemden. Es waren romantische Idealisten, die zurückkehren wollten zur Natur, die das Land mit eigener Hand bestellen und von seinen Früchten leben wollten, alles sollte allen gehören, sie wollten eine sozialistische Kommune gründen und das vernachlässigte Land am Kinneret, eine malariaverseuchte Ödnis, zum Blühen bringen.
    Vermutlich hatten sie das Wort des vor 150 Jahren in Pest geborenen Theodor Herzl im Ohr, das er als Geleit seinem utopischen Roman "Altneuland" vorangestellt hatte:

    "Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen".

    Der Jüdische Nationalfonds, der um die Jahrhundertwende in Basel gegründet worden war, wollte dazu beitragen, dass Herzls Utopie kein Märchen blieb. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kaufte der Fonds im Land Palästina mit Geld, das in den Jüdischen Gemeinden in der ganzen Welt gesammelt wurde, Farmland. Am Südufer des Kinneret erwarb der Fonds 1909 von einer persischen Familie Grund und Boden und übergab das Land den jungen Juden aus Russland. Am 28. Oktober 1910 schrieben die zwölf Gründungsmitglieder von Degania dem Direktor des Jüdischen Nationalfonds, dem glühenden Zionisten Dr. Arthur Ruppin diesen Brief:

    "Wir informieren Euer Ehren hiermit, dass wir unsere neue Siedlung 'Degania' genannt haben, nach den fünf verschiedenen Getreidesorten, die hier gedeihen. "

    Als Degania ein Jahr und acht Monate alt war, beschlossen zwei der Gründungsmitglieder zu heiraten. Im kleinen Museum des Kibbuz kann man die Erinnerungen der Braut, Miriam Baratz, an ihren Hochzeitstag lesen:

    "Es wurde beschlossen, dass wir am Ende der Erntezeit und dem Bezug des neuen Hauses heiraten würden. Ich hatte Zeit, zum Jordan zu gehen, um das rituelle Reinigungsbad zu nehmen, dann kam die Huppa, die religiöse Hochzeitszeremonie. Nach der Huppa haben die Leute von Degania und ihre Gäste gesungen und getanzt bis zum Morgen. Ich hörte mit dem Tanzen erst auf, als es für mich Zeit war, die Kühe zu melken."

    Seit 1920 trägt der Kibbuz den Namen Degania Alef, Degania A, denn eine Gruppe von Siedlern hatte sich abgespalten und gleich nebenan einen eigenen Kibbuz errichtet, Degania Bet, Degania B.

    Viele der 800 Bewohner von Degania Alef sind miteinander verwandt oder verschwägert. Ich treffe Enkel und Urenkel der Gründer, Neffen und Nichten, angeheiratete Verwandtschaft. Die Atmosphäre ist familiär und herzlich, aber natürlich gibt es auch Reibereien wie in jeder größeren Gemeinschaft, auch Probleme. Manchmal mussten und müssen schwierige Entscheidungen getroffen werden, die die Gemeinschaft betreffen. Eine Großnichte der Gründerin Miriam erzählt mir, dass die ältere Tochter von Miriam sehr gut und gern Klavier spielte. Doch dann, so fügt sie nicht ohne Stolz hinzu:

    "Als sie fünfzehn war, sagte ihre Mutter zu ihr: Du musst Dich entscheiden, entweder das Klavier oder die Kühe. Die wurden nämlich damals noch mit der Hand gemolken. Und das Mädchen wählte die Kühe."

    So gab die Tochter einer der Gründerinnen ihren privaten Traum auf, um der Gemeinschaft zu dienen.

    Auch Tamar gehört zur Familie, sie ist eine Enkelin von Miriam, wurde in Degania geboren und hat ihr gesamtes Leben hier verbracht, bis auf die in Israel auch für Mädchen obligatorische Militärzeit und viele Auslandsreisen, die sie unternahm. Sie ist sehr stolz auf ihre mutige Großmutter, die dazu beigetragen hat, ein blühendes Gemeinwesen mit vielleicht utopischen Idealen zu errichten. Tamar arbeitet in der Erwachsenenbildung, auch im Management einer der Fabriken von Degania, vor allem aber züchtet sie Kühe.

    Tamar lebt mit ihren beiden Kindern und ihrem Lebensgefährten immer noch im Kibbuz. Seit einiger Zeit organisiert sie die Jubiläumsfeierlichkeiten, die ein ganzes Jahr dauern, bis zum dreitägigen Höhepunkt im Oktober, dann wird auch Präsident Peres nach Degania kommen. Und, den Idealen der Gründer treu, eine Gruppe der sozialistischen Jugend Israels.

    Tamar bewundert die Tatkraft und Visionen der Gründungsmütter und Väter, doch für sie ist Degania nicht nur ein Traum, eine Utopie und ein Symbol, sondern lebendige Heimat:

    "Manchmal erwarten die Leute von uns, dass wir entsprechend der Vision leben, Sie verstehen nicht, dass Degania für uns nicht nur ein Symbol ist, sondern vor allem unsere Heimat. Deshalb sind auch die meisten Feierlichkeiten zum 100-jährigen Geburtstag interne Ereignisse, Feiern für uns, sie sollen uns helfen, die Einheit zu stärken, das Gemeinschaftsleben. Sie sollen uns all die guten Dinge ins Gedächtnis rufen, die unsere Gemeinschaft ausmachen. Auf der nationalen Ebene aber wollen wir zur Kenntnis genommen werden, wir wollen nicht, dass man unserer nur 'gedenkt', sondern dass man uns zur Kenntnis nimmt als die Leute, die bis an die Grenzen des Landes gegangen sind, um diese Grenzen zu schützen. Die Regierung von heute will das nicht besonders betonen, wir leben nicht in den besetzten Gebieten, wir sind nicht religiös, wir sind nicht sexy, wir sind nicht attraktiv, wir sind nur einfache, gute Leute, wir tun unser Bestes und nehmen möglichst wenig."

    Auch für Jitzchak Levi ist Degania nicht nur Symbol für eine inzwischen fast verschwundene israelische Lebensform, sondern vielmehr Heimat geworden. Der 82-Jährige ist einer der ältesten Bewohner von Degania. Er wurde in Breslau geboren, damals hieß er noch Franz. Er ging in Ausschwitz zur Schule. Nach dem Einmarsch der Deutschen in Polen begann für ihn eine abenteuerliche Flucht, die ihn und eine große Gruppe anderer jüdischer Kinder über Sibirien und Samarkand nach Teheran brachte, wo sie mehr schlecht als recht in einem Lager lebten.

    Diese Teheran-Kinder, wie man sie nannte, wurden von einem Piloten der jüdischen Untergrundarmee Haganah nach Ägypten gebracht und von dort mit dem Zug und gefälschten Einreisepapieren, begleitet von einem Offizier der Haganah in britischer Offizieruniform, in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina. Von Atlit bei Haifa wurden die Kinder dann auf verschiedene Schulheime und Kibbuzim verteilt. Jitzchak , inzwischen 15 Jahre alt, kam nach Degania Alef zu einer Pflegefamilie.
    Jitzchak zeigt mir das Haus, in dem er damals 1948 während des Unabhängigkeitskrieges lebte, als syrische Truppen den Kibbuz zu besetzen drohten:

    "Hier habe ich gewohnt, 2. Stock oben, bei der Familie Noll und den Kindern, die waren nicht zu Hause, ich war auch nicht in der Wohnung , aber ich war in einem Schutzraum, nicht weit. Die Frau war mit den Kindern in Haifa, und der Mann war schon gefallen damals, syrische Flugzeuge haben bombardiert dieses Haus, wo wir gelebt haben. Ich gehörte zur letzten Gruppe, die den anderen helfen sollten zwischen den Siedlungen. Ich sollte den Zaun bewachen. Also bin ich hier geblieben. Die anderen sind weitergegangen und wer gefallen ist, ist gefallen. Ein sehr guter Freund von mir, er lebt nicht mehr, hat den Molotow gegen den Panzer gegeben."

    Der für heutige Verhältnisse kleine syrische Panzer steht heute noch, mit rotem Anstrich gegen den Rost versehen, genau an der Stelle, wo er von dem Molotow-Cocktail getroffen wurde, knapp vor dem Tor zum Kibbuz.

    Tamar:
    "Er ist ein Symbol für eine der größten Schlachten von Menschen gegen Maschinen, vielleicht so wie bei David und Goliath, und für die Kraft des Glaubens an die Heimat und der Liebe für die Heimat .Unsere Frauen und Kinder waren nach Haifa evakuiert worden, nur die Männer und die Jugendlichen blieben hier. Der erste syrische Panzer erreichte das Tor von Degania, und jemand warf einen Molotowcocktail und setzte den Panzer in Brand. Ein zweiter Molotowcocktail entfachte ein noch größeres Feuer, die Syrer sprangen aus dem Panzer, die anderen Panzer drehten um und flohen."

    Der Fall Deganias hätte bedeutet, dass vielleicht der gesamte Norden Israels verloren gegangen wäre. So wurde Degania auch zum Symbol für die Widerstandskraft und den Überlebenswillen Israels.

    Der spätere israelische Verteidigungsminister Moshe Dayan wuchs im Kibbuz Degania auf, er war das zweite Kind, das im Mai 1915 dort geboren wurde. Doch auch andere berühmte Leute lebten in Degania, so der aus Russland stammende Zionist A.D. Gordon, der mit 47 Jahren nach einem Leben am Schreibtisch ein Bauer wurde. Er glaubte daran, dass Arbeit den einzelnen Menschen und das Judentum insgesamt erlösen und ein organisches Zusammenwirken von Mensch, Land und Kultur bewirken könne. Gordon, der Gründer der israelischen Arbeiterbewegung hat seinem religiösen Glauben nie abgeschworen, er lebte koscher und legte jeden Morgen Gebetsriemen an. Gordon ist auf dem Friedhof von Degania begraben, so wie Dr. Arthur Ruppin, der Direktor des Jüdischen Nationalfonds, der durch den Landkauf Degania erst möglich machte. Neben dem privaten liegt der große nationale Friedhof für viele gefallene Soldaten, hier finden regelmäßig offizielle Gedenkfeiern statt..

    Wir klettern in Jitzchaks kleines batteriebetriebenes Golfwägelchen und fahren auf einer Palmenallee zwischen leuchtenden Bougainvillea-Büschen durch den Kibbuz. An dem inzwischen mächtigen Baum, der am Tag der Gründung des Staates Israel gepflanzt wurde, halten wir an und setzen uns auf die Bank unter der Erinnerungsplakette an den Unabhängigkeitstag. Jitzchak reicht gekühlte Limonade. Der Blick geht auf den tiefblauen Spiegel des Kinneret und die Hügel des Golan dahinter. Auf der Uferstraße donnern Autos, LKWs, Motorräder und Touristenbusse vorbei, einige von ihnen auf dem Weg zur nördlichen Jordanbrücke, wo sich im trüben Jordanwasser gläubige Baptisten ein zweites Mal taufen lassen können .

    Pessach 2010, das Fest, das an den Exodus erinnert, die Befreiung der hebräischen Sklaven aus ägyptischer Knechtschaft. Der Speisesaal des Kibbuz Degania füllt sich langsam zum gemeinsamen Sedermahl. Auf langen weiß gedeckten Tischen sind schon Gläser und die Sederteller verteilt. Die sechs verschiedenen Speisen des Sedertellers symbolisieren die Sklaverei in Ägypten, so das Bitterkraut, das an die bitteren Jahre oder eine süße braunrote Paste, die an den roten Ton für die Ziegel erinnern soll, die die Sklaven zu formen hatten.

    Dieser Sederabend, der Abend an dem Pessach beginnt, ist eines der vielen Feste, die im Jubiläumsjahr in Degania ganz groß gefeiert werden. Viele Kibbuzmitglieder, Verwandte und Freunde aus ganz Israel sind gekommen, um gemeinsam zu essen, zu singen, dem Kibbuzchor zuzuhören. Da die meisten Kibbuzmitglieder nicht religiös sind, sieht man kaum Männer mit Kippa. Die Haggada, die Pessachgeschichte, liegt auf den Tischen bereit. Neben den wichtigsten religiösen Texten der traditionellen Haggada enthält sie auch Texte, die mit der Geschichte von Degania zu tun haben. Hier wird vor allem ein großes Familien-und Frühlingsfest gefeiert, ein Kibbuz-Seder mit Freunden und Verwandten, die nicht im Kibbuz leben.

    Doch auch im Speisesaal von Degania stellen die Kinder die vier Fragen, warum dieser Abend ein so besonderer Abend ist. Die wichtigsten Gebete werden gesprochen, die vorgeschriebenen vier Gläser Wein getrunken. Doch der Segen zum Wein ist ein bisschen abgewandelt:

    Anstatt den Segen zu sprechen, der für das zweite Glas Wein vorgeschrieben ist, hat er Degania gesegnet, weil es 100 Jahre lang an einem Traum festgehalten hat und getan hat, was nötig ist.

    Das Büro von Shay, dem Kibbuzsekretär, ist im ersten Stock des Wohnhauses der Gründer. Ein hübsches zweistöckiges, mit roten Schindeln gedecktes Gebäude aus grauem Stein, mit weiß umrandeten Fenstern und zwei schlichten weißen Säulen, die einen überdachten Balkon tragen. Daneben die ersten Wirtschaftsgebäude der Kommune. Das Ensemble wirkt wie ein größerer Gutshof, heute inmitten von üppigem Grün und rot glühenden Bougainvillea. Shay ist ein dynamischer schlanker Mann mittleren Alters, er kommt ursprünglich aus Tel Aviv, hat sich aber während seiner Armeezeit in Sigal aus Degania verliebt, eine Tochter von Jitzchak, er ist ihr in den Kibbuz gefolgt und hat sich dann in den Kibbuz verliebt, wie er erzählt. Jetzt lebt er hier mit seiner Familie. Für die Kinder – und es gibt viele hier in Degania Alef - ist der Kibbuz mit seinen Schatten spendenden Bäumen, den Blumenbeeten und den weitläufigen Rasenflächen, ein großer Garten, in dem sie sorglos spielen können.

    Die Autos der Kibbuzniks parken auf einigen zentralen Parkplätzen, ansonsten gibt es auf den Wegen nur Elektrowägelchen und Fahrräder. Von Anfang an durften die Kinder von Degania bei ihren Eltern wohnen, anders als in den wenig später gegründeten Kibbuzim, wo es zur Ideologie gehörte, dass die Kinder gemeinsam in Kinderhäusern aßen und schliefen, getrennt von ihren Eltern.

    Degania, die Mutter aller israelischen Kibbuzim, wie die Siedlung genannt wird, war also immer schon ein bisschen anders, betont der Kibbuzsekretär, hier war die Familie immer wichtig. Seit den Anfängen habe sich viel verändert, inzwischen erhalten die Mitglieder Lohn für ihre Arbeit, die Lebensmittel müssen im Kibbuzladen gekauft werden, die meisten kochen zuhause, nur noch wenige Kibbuzniks oder nur an besonderen Festtagen essen sie zusammen im Speisesaal des Kibbuz. Die Mitglieder können auch außerhalb des Kibbuz arbeiten, sie können von ihrem Ersparten Reisen machen, sich Autos, Kühlschränke, Fernseher kaufen. Dennoch, so sagt Shay, hat sich die Grundidee der Solidargemeinschaft bis heute erhalten:

    "Wir können sehr stolz sein auf unsere Gemeinschaft, auf die Solidarität unserer Leute, auf das Vertrauen, das sie ineinander haben. Natürlich gibt es auch hier, wie in jeder Gemeinschaft, negative und positive Elemente. Aber hier, wo wir in diesem Jahr den 100. Geburtstag feiern, überwiegen die positiven Aspekte. Die Pioniere des Kibbuz kamen aus Russland, Galizien, Polen und Deutschland. Sie waren sehr idealistisch, sie wollten etwas Neues schaffen. Ein neues Lebensmodell, ein neues Bild des Judentums und der Menschheit überhaupt. Sie versuchten eine Gesellschaft zu schaffen mit ziemlich utopischen Zielen, also dass alle gleich sind, dass jeder arbeitet nach seiner Möglichkeit und dafür bekommt, was er braucht. Sie haben hier wirklich daran geglaubt.
    Und selbst heute noch, nach vielen Veränderungen und Reformen im Kibbuz, glauben wir immer noch, dass wir hier mit einem hohen Grad von Solidarität zwischen den Menschen leben können.
    Die Leute, die hier leben sind überzeugt, dass ihre Kinder in einem sehr guten Schulsystem aufwachsen, dass es hier ein gutes Gesundheitssystem gibt, und sie wissen, falls sie in eine Situation geraten, in der sie wirklich Hilfe brauchen, wird die Gesellschaft sie unterstützen. Behinderte, alte Menschen, niemand muss unter der Armutsgrenze leben, sie behalten ihre Ehre, sie werden respektiert, das ist hier die Realität."

    Die Kibbuzbewegung wurde schon oft für tot erklärt. Die größte Krise erlebte sie in den 80er Jahren bis zur Jahrtausendwende, als die Hälfte der Kibbuzim die enormen Kredite, die sie aufgenommen hatten, nicht zurückzahlen konnte. Damals gaben viele auf oder entschlossen sich, die Siedlungen zu privatisieren. Schon in den 80er Jahren waren viele junge Leute nach dem Militärdienst nicht in den Heimatkibbuz zurückgekehrt.

    Heute gibt es in Israel noch 262 Kibbuzim mit insgesamt nur 106.000 Bewohnern, davon sind 20.000 Kinder. 65 Kibbuzim sind noch traditionelle Kommunen ohne Privateigentum, 188 wurden völlig privatisiert und neun teilprivatisiert, wie Degania. Einige der Kibbuzim sind jedoch inzwischen sehr reich geworden mit Industrie- und Lebensmittelproduktion. Kibbuz Degania bezieht sein Haupteinkommen aus der Tugal-Fabrik. Sie stellt Industrie-Diamanten her, die auch nach Deutschland verkauft werden. Auch Silikon wird in Degania produziert. Doch auch die Landwirtschaft spielt eine bedeutende Rolle:

    Tamar:
    "Wir sind in den letzten Jahren zur Landwirtschaft zurückgekehrt, wir haben Kühe, wir haben Hühner, die Kühe für Milch, die Hühner für Fleisch, nicht für Eier. Und wir haben viele, viele, viele Plantagen: Datteln, Bananen, Oliven, Grapefruit, Mandeln und jetzt pflanzen wir gerade Weinreben für Trauben."

    Die Bewohner von Degania besitzen ihre Häuser zwar nicht, die gehören immer noch der Gemeinschaft, aber sie erhalten Lohn für ihre Arbeit. Damit können sie gut leben, ein Auto kaufen, Reisen machen. Jetzt gibt es auch wieder Neuankömmlinge, wie in allen Kibbuzim. Junge Familien ziehen hierher, weil sie die Beschaulichkeit und Ruhe dem Großstadttrubel vorziehen und ihre Kinder im Kontakt mit der Natur aufwachsen sollen.

    Das Experiment Kibbuz ist auch nach 100 bewegten Jahren, nach radikalen Abstrichen von der ursprünglichen Idee der Gleichheit und des Sozialismus, nach Kriegen und Pleiten immer noch nicht gescheitert.
    Degania Alef lebt, blüht und gedeiht an seinem 100. Geburtstag. Am 28.Oktober wird es auf den Tag 100 Jahre her sein, seit zwölf junge Leute aus Russland den allerersten Kibbuz im Lande Israel gründeten, Hühner und Kühe hielten, Getreide pflanzten und ernteten, Eukalyptusbäume und Palmen pflanzten, die Sümpfe trockenlegten. Als sie begannen, das Land am Kinneret furchtbar zu machen.