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StartseiteEuropa heuteAuf in den Norden!18.12.2015

Italienische GastarbeiterAuf in den Norden!

Im deutschen Wirtschaftswunderland der 50er Jahre wurden händeringend Arbeitskräfte gesucht besonders im Bergbau und am Band. In Italien dagegen waren viele Menschen arbeitslos, und so unterzeichneten beide Länder vor 60 Jahren das deutsch-italienische Anwerbeabkommen. Besonders aus dem armen Süden Italiens folgten damals viele junge Männer dem Ruf nach Deutschland, einige sind wieder zurückgekehrt.

Von Tilman Kleinjung

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Contursi hat überlebt. Anders als viele Ortschaften im Süden Italiens, die den Aderlass in den 60er und 70er Jahren nicht verkraftet haben und heute nur noch im Sommer aufleben, wenn die ehemaligen Gastarbeiter in der alten Heimat zu Urlaubsgästen werden. Contursi liegt in Kampanien, in der Nähe von Salerno - 1955, als Deutschland und Italien das Anwerbeabkommen unterzeichneten war das eine bettelarme Region.

Der Vater von Cristina Forlenza war einer der ersten, die 1955 das Dorf in Richtung Deutschland verlassen hatten. Ehefrau und Tochter ließ er zurück.

"Ich erinnere mich an diesen Mann, als jemanden, der kam und ging. Manchmal war er da und dann verschwand er wieder."

Cristinas Vater war Saisonarbeiter in einer Ziegelei in Stade bei Hamburg. Irgendwann war er das Hin- und Herreisen zwischen Süditalien und Norddeutschland leid und wollte die Familie nachholen. Im Nachlass ihrer Eltern fand Cristina Forlenza den Brief ihrer Mutter mit der Absage:

"Meine Mutter schrieb zurück, dass sie den Esel nicht verkaufen wollte. Sie hatte diesen Esel, der ihr, sagen wir, als Beförderungsmittel diente, um auf die Felder und zu ihren Eltern zu gehen."

Die Geschichte mit dem Esel sagt viel über die bittere Armut, die in Contursi in den 50er Jahren herrschte, wo ein Lasttier zum wichtigsten Hab und Gut wurde. Franco Pignata hat die Geschichte seines Heimatortes Contursi erforscht. Die Geschichte eines Auswandererdorfes. Ende des 19. Jahrhunderts gingen die ersten nach Venezuela, Argentinien, in die USA. Nach dem Zweiten Weltkrieg verließen wieder etliche junge Frauen und Männer den Ort. Diesmal vor allem in Richtung Norden, in die Schweiz und nach Deutschland.

In Kampanien gab es kaum Industrie

"Die Italiener, die ins Ausland zogen, gehörten zur schwächsten Schicht. Sie flohen vor einer armen, wenig ertragreichen Landwirtschaft. Deutschland war für sie das Eldorado."

In der Region Kampanien gab es kaum Industrie. Von Tourismus war abseits der Küsten noch keine Rede. Weite Teile der Bevölkerung lebten von der Landarbeit und von der Hand in den Mund, wie Luciano Marotta:

"Wir hatten kein Geld, keine eigene Wohnung. Wir lebten zur Miete. Ich habe hier und da gearbeitet, aber nichts verdient. Da habe ich zu meiner Frau gesagt: Es tut mir leid, aber ich muss auswandern."

Auch der 23-jährige Marotta hat in Stade in der Ziegelei gearbeitet. Das war damals so: Einer aus dem Dorf hat das Terrain sondiert und die Freunde und Cousins nachgeholt; spätestens, wenn er im Sommer auf Heimaturlaub war.

"Mit der Rückkehr sind natürlich viele Gefühle verbunden. Alles dreht sich rund um das Fest von San Donato, dem Patron des Ortes, das am 7. August begangen wird. Hier stellen die Auswanderer ihren erreichten Wohlstand zur Schau, zeigen mit ihrer ausgesuchten Kleidung, mit ihren teuren Autos, wieviel Geld sie verdienen."

Einige sind nach Italien zurückgekehrt

Antonio Delia ist mit einer anderen Gruppe in Rottweil in Baden-Württemberg gelandet. Textilindustrie. 17 Jahre war er damals alt. Fast noch ein Kind. Umso größer die Überraschung im Dorf, als er Jahre später mit einem großen deutschen Auto zurückkehrte.

"Die Leute staunten, wenn man zu der Zeit, in den 70er Jahren, mit einem 7er BMW ankam - ich meine, ich als einfacher Arbeiter, ohne Ausbildung oder irgendetwas.. Da war ich einfach stolz."

Antonio Delia ist vor sechs Jahren nach Contursi zurückgekehrt, nach mehr als 40 Jahren in Deutschland. Der Vater von Cristina Forlenza kam bereits in den 60er Jahren wieder, als unterhalb des Ortes Arbeiter für den Bau der Autobahn nach Salerno gesucht wurden. Später entstanden noch Thermalbäder in Contursi und damit eine Menge Arbeitsplätze. Doch die Wirtschaftskrise, in der Italien seit Jahren steckt, trifft auch diesen Ort. Und so findet gerade eine (wenn auch nicht ganz so starke) dritte Auswanderungswelle statt. Diesmal sind es gut ausgebildete, junge Menschen, Akademiker, die auf der Suche nach anspruchsvollen Jobs das Weite suchen.

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