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Jagd auf Erzieher bleibt aus

Bald haben Eltern einen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz - aber einigen Kommunen fehlt noch immer das nötige Personal. Medienberichten zufolge werben sich die Städte und Kommunen jetzt ihre Erzieher gegenseitig ab, mit Geld und anderen Vorzügen. Meriem Benslim wollte wissen, ob das so stimmt.

Von Meriem Benslim | 08.07.2013

    Stuttgart, München oder das bayrische Örtchen Fürstenfeldbruck – sie alle sollen Erzieherinnen aus anderen Städten abwerben. Mit höheren Gehältern, Dienstwohnungen oder Tickets für den Nahverkehr. Ob das stimmt? Ich will es genau wissen. Und telefoniere mit Monika Niedermayer von der Stadt München.
    Meriem Benslim: "Wenn ich als Erzieherin bei Ihnen anrufen würde, was würden sie mir sagen, was bietet die Stadt München für mich?"
    Niedermayer: "Die Landeshauptstadt München bietet allen Beschäftigen, die bei Ihnen arbeiten, eine sogenannte München-Zulage. Dazu gehört auch der Lehrer, dazu gehört die Erzieherin oder auch die Altenpflegerin, das sind jetzt 114 Euro im Monat. Das ist eine Art Ballungsraumzulage, weil natürlich München einfach teurer ist, als das Leben in einem kleineren Ort, und hat jetzt nichts mit Fachkräftemangel zu tun, sondern das ist einfach Standard."

    Zu diesem München-Standard gehört auch ein günstiges Jobticket und ein Zuschuss für die Miete. Denn Wohnungen in München sind rar und teuer. Genau das wissen auch die Fachkräfte, zum Beispiel aus NRW. Nadja Dünoff ist Erzieherin in Düsseldorf. Für sie käme ein Umzug wegen einer München-Zulage nicht infrage:
    "Für mich wäre das keine Option. Es ist zwar insgesamt so, dass man mehr verdient in den Kitas, aber es ist halt so, dass die Mieten wesentlich höher sind in München und alle andere Kosten auch und es rentiert sich dann nicht."

    Nadja Dünoff weiß, wovon sie spricht. Eine Freundin von ihr, ebenfalls Erzieherin, ist für den Job nach München gezogen. Doch die Rechnung ging nicht auf.
    "Meine Freundin hat zwei Jahre in München gewohnt und hat da in einer Kita gearbeitet. Sie hat da ein wenig mehr bekommen, aber es war dann halt so, dass die Miete und die Lebenshaltungskosten so hoch waren, dass es sich für sie nicht rentiert hat und sie ist zurückgekommen."
    Auch im bayrischen Fürstenfeldbruck gibt es nur einen monatlichen Zuschuss von 75 Euro, weil das Leben dort eben teurer ist. Und in Stuttgart wird gerade erst überlegt, das Gehalt für Erzieher anzuheben – entschieden wird das aber erst im Herbst. Wenn reichere Städte Zulagen für Erzieherinnen zahlen, weil die Lebenshaltungskosten teuer sind – können ärmere Städte da mithalten? Am Telefon frage ich bei der Stadt Duisburg nach.
    Benslim: "München zahlt eine München-Zulage, wie gehen Sie in Duisburg mit so etwas um?"
    Thomas Krützberg: "Hier ist noch nie irgendwie bekannt geworden, dass an den Berufskollegs oder in den städtischen Kindertageseinrichtungen irgendwelche Abwerbeaktionen stattfinden."
    Erklärt mir Thomas Krützberg. Er ist Duisburgs Kulturdezernent. Vorher war er 13 Jahre lang Jugendamtsleiter. Auch ein regionales Abwerben von Erzieherinnen unter NRW-Städten kann sich Krützberg nicht vorstellen.
    "Ich glaube nicht, dass es hier ein Konkurrenzverhalten gibt, dass man versucht, aus Gelsenkirchen Mitarbeiter für Münster oder umgekehrt zu gewinnen. Da habe ich immer eine große Solidarität zwischen den Jugendamtsbezirken kennengelernt."
    Also doch kein Buhlen um Fachkräfte? Auch die Stadt Essen fühlt sich durch die Sonderkonditionen in Süddeutschland nicht bedroht. Trotzdem will sich Essen für Erzieher attraktiv präsentieren, erklärt mir Stadtsprecherin Jeanette Kern am Telefon.
    Benslim: "Wenn ich als Erzieherin bei Ihnen anrufe: Was können Sie mir in Essen bieten?"
    Kern: "Wir setzen hier ganz bewusst nicht auf Prämienzahlungen, sondern auf Festanstellungen und hoffen, dass die Erzieherinnen dadurch nicht in andere Städte oder in den Süden abwandern. Und wollen einfach eine andere Lebensperspektive auf Dauer bieten."
    Außerdem glaubt Jeanette Kern nicht, dass Geld allein die Menschen zum Umziehen bewegt. Auch andere Faktoren müssten stimmen.
    "Wo das soziale Umfeld ist, wo die Familie ist, wo die Freunde sind und dann machen 120 Euro da am Ende auch nicht mehr so viel aus, sondern dann guckt man lieber, wo habe ich eine langfristige Perspektive und wo habe ich meinen Lebensmittelpunkt."
    Die Städte werben einander Erzieher ab? Viel Lärm um nichts, scheint es. Um Erzieherinnen wird geworben, wie es eben für gefragte Fachkräfte üblich ist. Und auch wenn Städte wie München Zulagen zahlen, eine Abwanderungswelle in Richtung Süden wird es deshalb wohl nicht geben.