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StartseiteStreitkulturChip im Hirn: Selbstoptimierung um jeden Preis?09.06.2018

Jan-Christoph Heilinger vs. Thomas SchulzChip im Hirn: Selbstoptimierung um jeden Preis?

Es klingt wie Science-Fiction, ist aber längst Realität: der Mikrochip im Kopf. Mit seiner Hilfe lassen sich Krankheitssymptome lindern und Körper- und Hirnfunktionen verbessern. Doch was heißt es für unsere Gesellschaft, wenn die Biotechnologie Leistungssteigerung und den Sieg über das Altern verspricht?

Moderation: Karin Fischer

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Der verbesserte Hirnschrittmacher, mit dem das rheinische Forschungszentrum Jülich am Wettbewerb um den Deutschen Zukunftspreis 2006 teilnimmt (undatiertes Handout). Anders als herkömmliche Geräte sprechen die eingepflanzten Elektroden im Gehirn Nervenzellenverbände nicht mit einem konstanten Dauerreiz an. Sie traktieren das Gewebe vielmehr im unregelmäßigen Rhythmus an mehreren Punkten. Dadurch soll nicht nur das Zucken der Parkinson-Patienten wirksamer unterdrückt werden, langfristig erhoffen sich die Forscher auch, dass die Nervenzellen durch die neue Technik "lernen", wieder normal zu funktionieren. (picture alliance / dpa / Db Ansgar Pudenz)
Ein Hirnschrittmacher kommt bei Parkinson-Patienten zum Einsatz. (picture alliance / dpa / Db Ansgar Pudenz)
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Mehr leisten, weniger schlafen, gesünder leben: Die smarte Revolution mit unzähligen Apps und Apparaten macht's möglich. Doch die Biotechnologie hat weit mehr in petto. Schon heute werden implantierte Mikrochips zu therapeutischen Zwecken genutzt. Sie können aber auch ganz anders eingesetzt werden - zur Steigerung der Konzentrationsfähigkeit, zur Verbesserung der Körper- und Hirnfunktionen, zur Verlängerung des Lebens, kurz: zur Perfektionierung und Optimierung des Menschen. Welche Folgen hat das für unsere Gesellschaft? Ist alles wünschenswert, was machbar ist? Und wer hält die Fäden des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts in der Hand? 

Der Philosoph Jan-Christoph Heilinger ist akademischer Geschäftsführer des Münchner Kompetenzzentrums Ethik der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er beschäftigt sich mit Fragen des "Human Enhancement", der Erweiterung und Steigerung der menschlichen Leistungsfähigkeit durch biotechnologische Mittel.

Technische Lösungen dürfen nicht ablenken von den großen Fragen unserer Gesellschaft

"Fortschritt in der Medizin insbesondere und auch gesellschaftlicher Fortschritt ist natürlich zu begrüßen (…). Und dennoch: Meine Überlegungen sind kritisch aus dem Grund, dass ich mich oft frage, ob die Lösungen, die mit Hilfe der Technologien angeboten wurden oder werden oder verheißen sind, ob die wirklich auf Probleme abzielen, die wir vorrangig in unserer Gesellschaft angehen sollten. Und da habe ich oft das Gefühl, dass durch die schiere Möglichkeit, eine bestimmte tolle, faszinierende Technologie zu verwenden, eine gewisse Eigendynamik entsteht, die eigentlich davon ablenkt, was die primären, größeren Aufgaben unserer Gesellschaft sind, und dass die Technologien oftmals gar nicht dazu beitragen, was ich als wirklichen Fortschritt bezeichnen würde."

Ich kann mich selbst als Mensch in der Gesamtheit verbessern

Der Journalist Thomas Schulz hat jahrelang für den "Spiegel" aus dem Silicon Valley berichtet. Seit dem Frühjahr 2018 schreibt er als Reporter über die Folgen der digitalen Revolution für Gesellschaft, Politik und Kultur. Vor Kurzem ist sein Buch "Zukunftsmedizin. Wie das Silicon Valley Krankheiten besiegen und unser Leben verlängern will" erschienen.

"Wenn man in die Geschichte guckt: Der Mensch hat sich ja schon immer seiner Umgebung angepasst. Das ist Teil der Evolution. Das wird aber in diesen Tagen und Jahren immer schwieriger, ironischerweise dadurch, dass wir den Fortschritt und die Beschleunigung dieses Fortschritts selber verursachen und eigentlich bei unserer eigenen Entwicklung nicht mehr mitkommen. Wir können immer mehr, aber irgendwie können wir damit nicht richtig umgehen. Warum uns nicht selber anpassen, um uns fitter für die selbst verursachte superschnelle Zukunft zu machen? (…) Ich kann mich selbst als Mensch in der Gesamtheit verbessern. Und der zweite große Aspekt ist natürlich: Die Technologie beginnt diese Welt zu dominieren. Die Maschinen werden immer klüger. Und vielleicht, wenn wir einen Weg haben, über Implantate, über direkte Eingriffe direkter mit der Maschine zu kommunizieren, sie auch zu kontrollieren, dann ist das vielleicht der beste, vielleicht aber auch der einzige Weg, die Kontrolle über diese technologisierte Welt und die klugen Maschinen zu behalten."

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