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StartseiteKultur heuteDas ganze Leben in der Glasblase23.08.2019

Jan Lauwers und Needcompany bei der RuhrtriennaleDas ganze Leben in der Glasblase

Viel Glas, musikalische Poesie und die aktuellen Themen dieser Welt: Das Theaterkollektiv Needcompany mit einem überbordenden und verwirrenden, aber auch beglückenden Theaterabend in der Maschinenhalle der ehemaligen Zeche Zweckel in Gladbeck.

Von Karin Fischer

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Sarah Lutz getragen von Yonier Camilo Mejia und Elik Niv (liegend) in "All the good" in der Regie von Jan Lauwers mit Needcompany bei der Ruhrtriennale 2019 (Maarten Vanden Abeele)
Sarah Lutz, Yonier Camilo Mejia und Elik Niv in „All the good“ von Jan Lauwers mit Needcompany (Maarten Vanden Abeele)
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Das größte Teil im Raum ist ein drehbares Gestell voller gläserner kugeliger Vasen. Es sieht aus wie ein Baum oder ein Meeresungeheuer mit Tentakeln, vielleicht sind es aber auch die Tränen von Allah, wer weiß das schon? 800 Glas-Bubbles sind es insgesamt, sie stehen hier für die Fragilität, die Unbestimmbarkeit und die Schönheit, um die es in den Performances der Needcompany immer geht.

Jan Lauwers war in Hebron unterwegs und hat den letzten dort aktiven Glasbläser getroffen. Lauwers Bühnen sind immer Arbeits- und Kunsträume, in denen dem Überbordenden, Märchenhaften, Unverständlichen Raum gegeben wird. Vor allem aber dem Persönlichen. Deshalb steht seine ganze Familie auf der Bühne, Frau, Tochter, Sohn, Cousin; und deshalb kommt der ehemalige israelische Soldat Elik Niv ins Spiel, den Lauwers mal kennen lernte, mit seiner eigenen, ganz unglaublichen Geschichte: Elik war Mitglied einer Spezialeinheit, die in geheimer Mission im Libanon Mitglieder der Hisbollah tötete; jetzt ist er die - fiktive - große Liebe von Lauwers Tochter Romy. Er hat sich nach einer Verwundung als Tänzer ein zweites Leben erarbeitet. Natürlich fragt Grace Ellen Barkey, die Mutter, ihn inquisitorisch, wie viel Menschen er getötet und was er dabei empfunden hat. Außerdem spielen die Anschläge von Brüssel 2016 eine initiale Rolle, unter anderem, weil Lauwers und die Needcompany im Stadtteil Molenbeek leben, von wo die Terroristen kamen.

Die ganze Welt auf der Bühne

Es geht aber nicht um politische Kunst; auch nicht um den Nahost-Konflikt, nicht um Religion. Es geht um Liebe und Schmerz, um Leiden und Kunst, um Identität und die Frage, wer welche Geschichte erzählen darf, oder auch um ein Selbstporträt des Künstlers als "grumpy old man" auf der Suche nach Sinn und Ausdruck. Lauwers selbst spielt übrigens nur am Rande mit und lässt sich von dem bärigen und überaus präsenten Benoît Gob doubeln. Die Kunstgeschichte dient als Folie, um starke, damals vergessene Frauen ins Spiel zu holen, Camille Claudel oder Artemisia Gentileschi, die "missbrauchte Muse". Eine Spielerin verletzt sich deshalb ständig selbst - die Kunst ist wie der Krieg aus Blut gemacht. Es gibt phantastische Kopfbedeckungen; eine Musikerin tritt als graue Puscheltaube auf, ein Amerikaner mit Biberzähnen als Stimme politischer Korrektheit und Vernunft.

Die Überblendung von Kunst und Leben geht sehr weit und ist sehr explizit: Gustave Courbets "Origin du Monde" - das Bild zeigt den nackten Unterleib einer Frau und löste einen Skandal aus - wird das Innere von Romys Vagina gegenübergestellt, die sie, sehr unschuldig und poetisch, mit einer Minikamera erkundet. Lauwers Frau hat den ersten Fremd-Sex ihres Lebens via Tinder, eine herrlich unbeholfene Szene, in der endlich auch mal gespielt wird.

Ein Bilder-Rätsel voller Poesie

Man könnte sich nämlich auch ärgern über Lauwers idiosynkratischen, überbordenden und ständig überfordernden Kunst- und Familienkosmos. Am Ende aber überwiegt auch bei "All the Good" das Staunen, wie viel Geschichten, Chaos, Kunst, ja Welt da drin ist und wie viele richtige Fragen dieses Theater aufwirft, mit hohem Unterhaltungsfaktor und viel - vor allem musikalischer - Poesie. Durch diesen Umgang mit der Komplexität der Welt entsteht ein großes, zweistündiges Bilder-Rätsel, mit dem viel mehr und viel bunter ausgedrückt wird, was das Leben ausmacht, als Konzept-Kunst das je könnte. Am Ende des Stücks steht Rogier van der Weydens "Kreuzabnahme", ein berühmtes Werk aus dem 15. Jahrhundert. Der Maler, erklärt Lauwers, hat sich in den Dienst einer Sache gestellt, die seine Identität weit übersteigt. Das ist der Schlüssel wohl auch zu diesem Stück, das wild ist, "toll" im ganz altmodischen Sinne, emphatisch und voller Wärme.

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