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StartseiteKultur heuteProteste aus Unverständnis31.03.2014

Jean Genets "Die Neger" Proteste aus Unverständnis

Bei den Wiener Festwochen im Juni steht Jean Genets 1959 erschienenes Stück "Die Neger" auf dem Spielplan. Nach Vorwürfen der mangelnden politischen Sensibilität war Regisseur Johan Simons in vorauseilendem Gehorsam zu einer Umbenennung bereit. Sven Ricklefs über einen Fall von leicht hysterischer Political Correctness.

Von Sven Ricklefs

Bild von Jean Genet vom September 1981. (dpa / DB AFP)
Der französische Schriftsteller in einer Aufnahme vom September 1981. (dpa / DB AFP)

Er hat sich als "Neger" empfunden, Zeit seines Lebens, als Outcast eben, als Schwuler, der er war, als Künstler, dessen Leben und Werk eine Revolte sein sollte gegen ein verlogenes Bürgertum.

"Neger", das war für Jean Genet das Synonym für Außenseiter der Gesellschaft, ein Wort, das immer auch schon die Diskriminierung durch eben diese Gesellschaft in sich trug. In seinem 1959 erschienenen und von ihm als Clownerie bezeichneten Stück "Die Neger" sollte das Groteske dominieren und so wird der Mord an einer Weißen durch drei Schwarze gezeigt, die sich weiße Masken aufgesetzt haben.

Schwarze also spielen Weiße, erfüllen dabei aber zugleich die rassistischen Klischees Weißer über Schwarze. Eine vielschichtige und überaus intelligente Maskerade also, die noch einmal eine weitere Ebene dazu erhielt, als Jean Genet seine Forderung fallen ließ, seine Schwarzen seien ausschließlich mit schwarzen Darstellern zu besetzen.

Peter Stein durfte 1983 mit Erlaubnis des Autors die Schwarzen mit weißen Darstellern besetzen. Nun also spielen schwarzgeschminkte Weiße die rassistische Version von Schwarzen, die als Weiße eine Weiße ermorden.

Dass Jean Genets "Die Neger" antirassistisch ist, muss schon jedem klar werden, der sich ausschließlich mit dem Stück auseinandersetzt.

Wer sich zudem noch das Leben anguckt des immer auch politischen Aktivisten Jean Genet, wer bedenkt, dass er sich etwa in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts intensiv für den Kampf der "Black Panther" in den USA einsetzte, nicht ohne allerdings die schwarzen Kämpfer immer wieder auf ihre eigene, rassistische, weil homophobe Ausdrucksweise aufmerksam zu machen.

Wer all dies in Betracht zieht, den muss die Forderung nach Absetzung des Stücks bei den kommenden Wiener Festwochen mehr als erstaunen. Und so handelt es sich wohl wieder einmal um einen dieser Fälle von leicht hysterischer Political Correctness, die gerade auch im Zusammenhang mit dem sogenannten Blackfacing in letzter Zeit en vogue ist.

Das Schminken weißer Darsteller mit schwarzer Gesichtsfarbe wird pauschal als Fortführung der Tradition der sogenannten Minstrel-Shows gesehen, die im 19. Jahrhundert in den Vereinigten Staaten entstand und tatsächlich eine rassistische Unterhaltungsmaskerade war, in denen das Klischee des ebenso schwachsinnigen wie immer fröhlichen Negers perpetuiert wurde. Und so fordert PAMOJA - die Bewegung der jungen Afrikanischen Diaspora in Österreich: Das "N ... "-Wort und die rassistische Inszenierung aus dem Programm der Wiener Festwochen zu entfernen.

Während sich der Regisseur der besagten Inszenierung Johan Simons in vorauseilender Vorsicht schon um ein Entgegenkommen bemüht hat, indem er vorschlug, das Stück – nicht ohne Ironie – in: "Die Weißen" umzutaufen, muss man annehmen, dass die Verfasser der Petition nicht nur das Werk von Jean Genet nicht wirklich kennen, sondern auch nicht die Regiearbeiten von Johan Simons, sonst wüssten sie, wie absurd gerade in diesem Fall der Vorwurf mangelnder politischer Sensibilität ist.

Bei allem Verständnis für die Sensibilitäten und Empfindlichkeiten diskriminierter Gruppen: diese Überreaktion hat mit Jean Genet, mit Johann Simons und mit den Wiener Festwochen 2014 nichts zu tun.

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