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StartseiteKalenderblattJean-Paul Sartre besucht Andreas Baader in Stammheim04.12.2004

Jean-Paul Sartre besucht Andreas Baader in Stammheim

Der französische Denker trifft den RAF-Mitbegründer am 4. Dezember 1974 mitten im Hungerstreik

Als Jean-Paul Sartre den deutschen Stadtguerillero und RAF-Mitbegründer Andreas Baader am 4. Dezember 1974 für eine Stunde in seiner Zelle im Hochsicherheitsgefängnis in Stuttgart-Stammheim besuchen durfte, kochten die Emotionen in Deutschland hoch. Der baden-württembergische Ministerpräsident Hans Filbinger, CDU, brachte die Stimmung insbesondere der konservativen Öffentlichkeit in seinem Statement vor der Presse auf einen klaren Begriff:

Von Oliver Tolmein

Baader-Anwalt Klaus Croissant (li.), Jean-Paul Sartre und Daniel Cohn-Bendit in Stuttgart, 4. Dezember 1974 (AP Archiv)
Baader-Anwalt Klaus Croissant (li.), Jean-Paul Sartre und Daniel Cohn-Bendit in Stuttgart, 4. Dezember 1974 (AP Archiv)

Ich möchte sagen, der Besuch von Sartre bei diesem Häftling ist eine Instinktlosigkeit gegenüber den Opfern dieser kriminellen Bande, die skrupellos zu Gewalt gegriffen hat und die ja immer noch skrupellos zu Gewalt greift.

Gegen den Willen des Generalbundesanwalts Siegfried Buback hatte das Oberlandesgericht Stuttgart den Besuchsantrag Sartres, einem der berühmtesten zeitgenössischen Denker, nach mehreren ablehnenden Entscheidungen schließlich bewilligt. Sicherheitsbedenken, begründete das Gericht die Erlaubnis, gäbe es keine. Zudem befürchteten die Richter, dass eine Ablehnung des Besuchs die deutsche Justiz in einem trüben Licht erscheinen lassen könnte.

Auf einer Pressekonferenz teilte Sartre nach seinem einstündigen Besuch den über 150 Journalisten seine Eindrücke über Andreas Baader mit - sein Übersetzer auf dieser Pressekonferenz war Daniel Cohn-Bendit, damals einer der führenden Köpfe der Spontiszene, heute Europapolitiker der Grünen:

Ich bemerkte während des Gesprächs, dass er sehr schwach war, er war mager und er hat 15 bis 20 Kilo verloren, er hatte viele Falten und jedes Mal wenn er sprach, sah man mehr Falten, sein Gesicht war zusammengedrückt, er hat das Gesicht gehabt eines gefolterten Menschen, der ausgehungert war. Er hat gesagt, er würde einen Hungerstreik machen, um gegen die Haftbedingungen zu protestieren, denen sie unterworfen sind.

Der dritte Hungerstreik der RAF-Gefangenen hatte am 27. August 1974 begonnen. Knapp drei Wochen bevor Jean-Paul Sartre Baader besuchte, war Holger Meins an den Folgen dieser Unterernährung gestorben. Kurz darauf war der Berliner Kammergerichtspräsident von Drenkmann bei einem Entführungsversuch von Angehörigen der "Bewegung 2. Juni" erschossen worden. Sartre zögerte in einem Interview vor seinem Besuch nicht, die Todesschüsse auf von Drenkmann als Verbrechen zu bezeichnen. Er wandte sich dagegen, Baader einen Kriminellen zu nennen, sparte aber auch nicht mit Kritik an der RAF:

Ich möchte noch mal sagen, warum ich diesen Besuch bei Baader gemacht habe, weil viele von euch Baader nur als Kriminellen ansehen. Aus französischer Sicht kann ich sagen, dass die Politik, die ich für richtig halte, keine Baaders benötigt, dass man eine Einheit der proletarischen Massen heute und in den nächsten Jahren herstellen kann, dass man dazu aber eine solche Politik nicht braucht. Man kann diskutieren, ob diese Position der RAF vielleicht auch irrelevant ist, aber diese Gruppe, und das sage ich aus der Sicht meiner A-priori-Sympathie für die Linke, dass Baader versucht hat, eine andere Gesellschaft herbeizuführen, diese Position scheint mir nicht skandalös. Es gibt keinen reinen Kriminellen. Es scheint mir wichtig, dass man sie kennt.

Eine linke Kritik an der RAF war allerdings in der deutschen Öffentlichkeit nicht gefragt. Sartre wurde vielfach vorgeworfen, sich zum Werkzeug der Sympathisanten gemacht zu haben. Aber das war nicht der Grund, warum auf den spektakulären Besuch des 69-Jährigen kein nennenswertes weiteres Engagement folgte. Die Sartre-Biografin Anni Cohen-Solal beurteilt das Zusammentreffen von Baader und Sartre im Stammheimer Hochsicherheitstrakt kritisch. Sie berichtet, dass Baader Sartre - wegen seiner Kritik an den Methoden der RAF - eher als Richter seiner Position empfand und nicht als Freund. Eine linke Kritik ihrer Attentate und Bombenanschläge wollte auch die RAF nicht hören. Insofern geriet Sartres Reise, auch wenn sie viel Öffentlichkeit bewirkte und Diskussionen hervorrief, zur vertanen Chance. Ein offener Dialog war längst nicht mehr möglich.

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