Dienstag, 19.10.2021
 
Seit 09:35 Uhr Tag für Tag
StartseitePolitische Literatur (Archiv)Jedediah Purdy: Das Elend der Ironie.23.12.2002

Jedediah Purdy: Das Elend der Ironie.

Europäische Verlagsanstalt Hamburg 2002, 213 Seiten, EUR 19,90

Auch die nächste Neuerscheinung, die wir Ihnen vorstellen möchten, ist von provokantem Inhalt, und auch hier geht es um den politischen und moralischen Wertewandel im Amerika der letzten Jahre, was parallele Entwicklungen in Europa nicht unbedingt ausschließt, ja sogar eher wahrscheinlich anmuten lässt. Der Zustandsbericht, den der junge Autor Jedediah Purdy über die US-amerikanische Elite abliefert, könnte jedenfalls deprimierender nicht sein. Christina Janssen rezensiert.

Christina Janssen

Vorsicht Ironie? Mit vielem muss man bei der Lektüre rechnen - damit nicht. Der schmale Band des jungen Amerikaners Jedediah Purdy ist ein bitter ernster Feldzug - nicht gegen ein geistreiches Stilmittel, sondern gegen eine Lebenshaltung.

Was ich beschreibe, ist eine spezifische Form ironischen Verhaltens, das in den USA in den späten 90ern und Anfang des neuen Jahrhunderts besonders ausgeprägt war. Es ist eine entwürdigte Form der Ironie, gemessen an der Ironie der Klassik oder der Renaissance. Eine Ironie, die auf einen vorschnellen Sarkasmus hinauslief, auf die Vorstellung: Alles ist egal, man kann sich auf nichts verlassen und nichts ist es wert, sich dafür einzusetzen, etwas dafür zu riskieren. Das galt für alle Bereiche des Lebens: für zwischenmenschliche Beziehungen, vor allem aber für die Politik, die öffentlichen Institutionen, öffentliche Rede, das ganze öffentliche Leben.

Der Achse der Ironie stellt Purdy die Achse der Ernsthaftigkeit gegenüber. Die Ironie stilisiert er zum Sinnbild einer haltlosen Gesellschaft, die von kühler Distanzierung und Gleichgültigkeit geprägt ist. Deren Protagonisten soziale Verantwortung, Vertrauen und Pflichtbewusstsein treuherzigen Trotteln überlassen. - Das beklagt einer, der mit zarten 24 Jahren danach dürstete, dagegen anzuschreiben. Jedediah Purdy ist ein sympathischer junger Mensch. Ein bisschen bieder wirkt er, aber scharfsinnig; ein bisschen altklug zwar, aber gebildet. Mit aufrichtigem Eifer und rhetorischer Wucht verpasst er der amerikanischen Öffentlichkeit schallende Ohrfeigen:

Die Politik hat in den letzten Jahren ihre Sache schlecht gemacht. Auch dem flüchtigsten Beobachter entgeht weder die Korruption noch die Absurdität der Politik. An die sexuellen Entgleisungen, die persönlichen Kleinkriege, die Geldgier und die pompöse Selbstgerechtigkeit in der amerikanischen Politik braucht nicht erinnert zu werden. Das Problem ist aber nicht nur, dass es heute unter gewählten Politikern eine außergewöhnliche Zahl von Polit-Clowns, Heuchlern und zügellosen Elementen gibt. Vielmehr hat sich neben dem Eindruck der Absurdität von Politik die allgemeine Auffassung ihrer Vergeblichkeit etabliert. Dieselbe Regierung, die vor 35 Jahren sehr erfolgreich einen "Krieg gegen die Armut" und einen wirklichen Fortschritt auf dem Weg zur Rassengleichheit lancieren konnte, zeigt heute nur bei der Demontage ihrer eigenen früheren Initiativen Entschlossenheit.

Der da so pathetisch schreibt und im Interview dann doch ganz gerne mal lacht und gluckst, kommt aus einer kleinen heilen Welt. Ja, die gibt es noch: In den Bergen West-Virginias ist Purdy aufgewachsen, auf einer Farm. Er wurde von seinen Eltern als Heimschüler unterrichtet und lernte in jungen Jahren, anzupacken, auf eigenen Füßen zu stehen und Verantwortung zu übernehmen in einer kleinen auf nachbarschaftlicher Hilfe basierenden Gemeinde. Szenen aus der Fernsehserie "Unsere kleine Farm" drängen sich auf. Eine amerikanische Bilderbuch-Biographie. Hier also die heile Welt seiner kleinen Farm - und draußen? Am College in Harvard und als Jurastudent in Yale lernt Purdy die junge amerikanische Elite kennen: Immer cool, immer kritisch - und auf materiellen Erfolg geeicht. Es ist das fundamentale Unbehagen an einer technisierten, globalisierten Welt des Big Business, in der das Ursprüngliche, das Wahre von einer alles entweihenden Ironie überzogen wird. Keine Frage: Das Anliegen des Jedediah Purdy ist aufrecht und edel. Es gehört Mut dazu, ein solches Buch zu schreiben. Da streitet ein hochbegabter Enthusiast für eine bessere Welt. Was dabei herauskommt, ist das flammende Manifest eines hemmungslosen Konservatismus.

Unser Zuhause war gleichzeitig der Arbeitsplatz, und die Arbeit, die wir und unsere Eltern verrichteten, war sichtbar und greifbar darauf gerichtet, ein Zuhause aufzubauen und zu erhalten. Das Haus war auch der Schauplatz des politischen Lebens der Gemeinde, wo Versammlungen für unsere Einkaufsgenossenschaft stattfanden, die Nachbarn bei einem Kasten Bier zusammenkamen, um recht halsbrecherisch die Dachsparren auf unserem Fachwerkhaus einzuhängen, und wo Plakate gemalt und dringende Versammlungen abgehalten wurden [...]. West-Virginia war kein ironischer Ort, vielleicht weil unsere Gespräche so viel mit diesen dauerhaften, gewissen, stabilen Dingen zu tun hatten. Man redete nicht viel über Vertrauen, Hoffnung oder Verlass; sie waren so sehr und in reichem Maße gegenwärtig, dass es nicht nötig war, sie zu benennen. Sie waren mit den Dingen selbst verwoben.

Das "Elend der Ironie" ist ein Plädoyer für einen ländlichen Kommunitarismus. Purdy schwankt zwischen Kindheitserinnerung und literarischem Proseminar, zwischen Utopie und Dystopie, zwischen Kultrhetorik und Wanderprediger. Seine Analyse ist trotz allem nie pessimistisch, sie ist ein messianischer Aufruf, die Verhältnisse umzukehren: Die allgemeine Politikverdrossenheit geht einher mit einem Rückzug ins Private. Was zählt, sind Spaß, Geld, Karriere. Medien und Werbung überlagern die öffentliche und die private Sphäre, löschen das Individuelle, das authentische Erleben geradezu aus:

Gerade in unseren wichtigsten Augenblicken bewohnen wir ein kulturelles Vakuum. Allgegenwärtige TV-Promis, dröge politische Erklärungen und ein populärer Spiritualismus haben den Effekt, dass sie praktisch alles zum Klischee erstarren lassen, was man Wichtiges zu sagen hätte. [...] Noch bevor wir unsere Gefühle ausdrücken, manchmal sogar, bevor wir sie empfinden, haben wir den Verdacht, dass sie irgendwie banal sind - sogar jene, die wir für die intimsten halten. Wenn wir verliebt sind, denken wir alle an das bilderbuchmäßig vollkommene, romantische Werben aus "Love Story", an seine Parodien in satirischen Liebeskomödien und an ironische Aufgüsse einer möglichen Vollkommenheit, bei denen die Vollkommenheit selbst der Witz ist. Hand in Hand mit der Liebsten spazierend, werden wir selbst filmreif. Die Worte von Drehbuchautoren im Mund und die Rhythmen der Parfümwerbung im Kopf, kopieren wir tausend sorgfältig einstudierte Bilder von spontaner Freude.

So bringt Purdy die postmoderne Existenz auf den Punkt: Das Leben als Zitat. Doch so scharf seine Analysen mitunter gelingen, so verschwimmen in anderen Passagen die Begrifflichkeiten. Und immer wieder lässt er sich zu Übertreibung, zu unzulässigen Verallgemeinerungen hinreißen:

Da ist die Versuchung zu verallgemeinern, der ich in diesem Buch manchmal erliege. Ich muss aber sagen, das spiegelt die Methode wider: Mein Buch ist nicht soziologisch oder statistisch, sondern beschwörend oder - wenn Sie so wollen - phänomenologisch. Sein Erfolg muss sich daran messen, ob die Leser sich in meinen Beschreibungen wiederfinden. Es soll eine Anleitung zum Beobachten und Nachdenken sein, und eine Bestandsaufnahme unserer Zeit.

Purdy ist die Antwort auf die amerikanische Spaßgesellschaft. Ach, wenn das doch wenigstens ein bisschen Spaß machen würde. Allzu bleiern, allzu pädagogisch kommt der Text oft daher. Einen weiteren Schönheitsfehler kann man dem Autor dagegen nicht anlasten: Dass dieses Buch, das deutlich der Zeit vor dem 11. September 2001 geschuldet ist, erst jetzt in der deutschen Übersetzung erschienen ist. 1999 hat es Purdy in der amerikanischen Version unter dem Titel "For Common Things. Trust, Irony and Commitment in America Today" vorgelegt. Heute, sagt er, hätte er es wohl anders geschrieben. Der 11. September habe die Menschen in den Staaten enger zusammenrücken lassen und soziale, politische Fragen wieder in den Fokus der Wahrnehmung gerückt. Doch es bleiben genügend Gründe, das Buch zu diskutieren: Allein das jugendliche Alter des Autors garantiert den Wunderkind-Bonus. Doch sind die Geradlinigkeit und die intellektuelle Disziplin dieses jungen Menschen tatsächlich nicht nur bemerkens-, sondern auch bewundernswert. Man mag von Purdys Buch also halten, was man will - darüber reden muss also man auf jeden Fall. In den USA jedenfalls hat er die Kritikerszene gründlich wachgerüttelt. Enthusiastisches Lob kam von den einen, von den anderen - the Empire strikes back - beißende Ironie. Auch in Deutschland hat Purdy eine Debatte ausgelöst: Folgt auf die Fun-Generation nun die Earnest-Generation? Vielleicht. Doch inzwischen gesteht Purdy selbst, dass ein bisschen mehr dessen, wogegen er anschreibt, seinem Buch ganz gut getan hätte:

Wenn da etwas fehlt, in meinem Buch, wenn es da EINE Einschränkung im Ausdruck gibt - dann kommt es daher, dass es das Werk eines 24-Jährigen ist. Ein Teil der Persönlichkeit, der Stimme des Autors fehlt. Es ist ein Buch mit einem sehr spezifischen Anliegen: Es argumentiert für eine bestimmte Art von Ernsthaftigkeit und gegen eine unangebrachte Frivolität. Aber ja, sicher...

Das Elend der Ironie ist eben da am größten, wo sie fehlt.

Christina Janssen über Jedediah Purdy: Das Elend der Ironie. Europäische Verlagsanstalt Hamburg, 213 Seiten für 19 Euro und 90 Cent.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk