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Jeder gegen jeden?

Ins Ruhrgebiet gehören keine Universitäten und keine Soldaten. Diesem Ausspruch von Kaiser Wilhelm trug Europas größter Ballungsraum bis in die 60er Jahre hinein brav Rechnung. Dann begann sich das Ende der Industrialisierung abzuzeichnen und es begann der Strukturwandel. Heute hat das Revier eine der dichtesten Hochschullandschaften in Europa - und das ist auch wieder nicht richtig. 1999 hat die SPD-Landesregierung einen Qualitätspakt beschlossen um Kooperationen und Synergieeffekte zu fördern. So empfahl eine Gutachterkommission die Schließung von Fakultäten um die Auslastung der anderen zu erhöhen. Prominentestes Beispiel der Gutachtertätigkeit: die Fusion der Universitäten Duisburg und Essen.

    Eine Hochschule ist ja nicht schon deshalb besser, weil sie größer ist. Und wenn zwei Hochschulen zu einer zusammengelegt werden, ist das noch kein Qualitätssprung. Im Gegenteil, man könnte sogar überlegen, ob eine große Hochschule überhaupt noch leitungsfähig und steuerfähig ist, im Sinne einer vernünftigen Qualifizierung im Detail.

    Die Kritik an der Fusion der Universitäten Essen und Duisburg kommt weder aus dem einen noch aus dem anderen Lager - sie kommt von Peter Schulte, dem Rektor der Fachhochschule Gelsenkirchen. Die FH Gelsenkirchen ist die jüngste Hochschulgründung des Landes NRW im Ruhrgebiet; sie besteht gerade mal elf Jahre und hat inzwischen zwei Zweigstellen. Eine in Recklinghausen und eine in Bocholt.

    Es ist so ein bisschen Zielrichtung der Regierung gewesen - nicht nur in Nordrhein-Westfalen - wohnortsnahe Hochschulangebote zu bekommen, um in Regionen, in denen die Studier- und Abiturientenquote geringer war, sie auf einen Landesdurchschnitt angehoben zu bekommen.

    Dortmund, Bochum, Essen, Duisburg - wie Perlen auf einer Kette reihen sich die Universitätsstädte entlang des Ruhrschnellwegs B1. Dazu kommt die Privat-Uni Witten-Herdecke, die Folkwang-Hochschule für Musik, Theater und Tanz und noch mindestens fünf Fachhochschulen. Die Zahl der Fächer, die man im Ruhrgebiet nicht studieren kann, ist sehr überschaubar. Doch das Expertengutachten der NRW-Landesregierung sorgt dafür, dass es mehr werden. Gerhard Wagner, Rektor der Uni Bochum.

    Der Expertenrat hat bei uns auf die sogenannten kleinen Fächer abgehoben. Und da haben wir eine Reihe von Maßnahmen eingeleitet. Das ist für manche Studierende im Augenblick schmerzhaft. Also dass wir zum Beispiel die Skandinavistik hier aufgeben, weil in Münster ein ähnlicher Block war, wie bei uns und dann geben wir unsere Skandinavistik nach Münster.

    Die Bochumer Ruhr-Uni ist die älteste und größte Hochschule im Revier. 1962 war sie die erste Hochschulneugründung der Bundesrepublik. 40.000 Studierende hat sie gegenwärtig; auch in diesem Semester hat es Zuwächse bei den Einschreibungen im Vergleich zum Vorjahr gegeben. Einbrüche der Studierendenzahlen erwartet die Uni-Leitung in naher Zukunft nicht. Zwar gehe die Bevölkerungszahl zurück, gleichzeitig gebe es aber immer mehr Abiturienten, so der Rektor. Die Ruhr-Uni kooperiert mit nahezu allen Hochschulen in der Region. Ob Pflanzenlieferungen für den Botanischen Garten der Uni Essen, gemeinsame Lehrveranstaltungen mit den Maschinenbauern in Dortmund oder Vereinbarungen über die Nutzung von Bibliotheken. Auch mit den Fachhochschulen gibt es Kooperationen. Und davon gibt es allein in Bochum schon drei. Gerhard Wagner:

    Auch da haben wir unter dem Label Bochum hoch vier, das unser Bürgermeister immer so gerne nach außen darstellt, weil er sagt, hier vertragen sich alle, haben wir eine lockere Zusammenarbeit, die sich auf Öffentlichkeitsarbeit, auf Tage der Forschung, Tage der offenen Tür und andere Kooperationen erstreckt. Durchaus bewusst die unterschiedlichen Gewichtungen oder Bedeutungen der einzelnen Hochschularten, aber dass man in diesem gemeinsamen Auftreten am Standort Bochum sich gegenseitig stärkt.

    Ein gemeinsames Auftreten der Revierhochschulen zum vermehrten Nutzen aller, darin liegt nach Ansicht des Bochumer Rektors Gerhard Wagner die Stärke der dichten Hochschullandschaft im Ruhrgebiet. Die Fakultäten für Maschinenbau der Universitäten Bochum und Dortmund haben beispielsweise gerade ihre Prüfungsordnung vereinheitlicht. Auf diese Weise können die Studierenden praktisch jederzeit ihren Schwerpunkt von der Konstruktion in Bochum zur Fertigung in Dortmund verlagern. Dergleichen Beispiele ließen sich viele aufzählen. Das ist der richtige Weg, meint auch Peter Schulte, Rektor der FH Gelsenkirchen.

    Wichtig ist nur, dass nicht alle dasselbe machen, dass sie eigene Profile bilden, dass es da auch Wettbewerb gibt, auch für die Forschung aber auch für die Lehre, und das auf dieser Grundlage Kooperationen stattfinden. Ich verhehle aber nicht, dass Kooperationen durchaus zunehmen müssten. Das ist sicherlich richtig.

    Der politische Druck durch den Qualitätspakt der Landesregierung hat die Bereitschaft zur Kooperation bei den einzelnen Hochschulen sicher beschleunigt. Darin sind sich die Rektoren der FH Gelsenkirchen und der Ruhr-Uni Bochum einig. Wenn alle Revierhochschulen gemeinsame Anstrengungen unternehmen, für jeden einzelnen Standort einen intelligenten Mix aus regionaler und internationaler Zusammenarbeit und eigener Profilbildung herzustellen, dann müssten eigentlich alle nebeneinander bestehen könnten.

    [Autorin: Andrea Lueg]