Archiv


Jeder Tag ein Rhythmus

Mit dem Filzstift, im Gras oder auf der Rolltreppe - der Schweizer Schlagzeuger Julian Sartorius trommelt, was und wo das Zeug hält. 365 Tage lang hat er seine Ausflüge in die reale Welt der Rhythmen in Bild und Ton festgehalten. Das Tagebuch "Beat Diary" ist jetzt als Fotobuch mit passender MP3-Sammlung erschienen.

Von Ina Plodroch |
    Samstag, 29. Januar, 2011

    "Es ist als würde ich ein Tagebuch nochmals lesen. Es kommen immer ganz viele Erinnerungen, wenn ich einen Beat höre."

    Julian Sartorius. Schlagzeuger. Früher hat er Tagebuch geschrieben. 2011 hat er das Buch gegen ein Aufnahmegerät getauscht. Jeden Tag ein Rhythmus.

    Dienstag, 06. Dezember, 2011

    "Es ist eine Kalimba, aber auch eine Bettflasche mit so einer rauen Oberfläche, wo man so etwas wie eine Melodie spielen kann, eine komische. Meine damalige Freundin lag krank im Bett mit einer Lungenentzündung, und um das festzuhalten, habe ich die Bettflasche genommen und damit diesen Beat aufgenommen."

    "Beat Diary". Ein Buch mit 365 Fotos. Hinweise, wie die Klänge entstanden sind. Niemals eindeutig. Makroaufnahmen, Ausschnitte von Gegenständen und Instrumenten. Dazu: ein Downloadcode für 365 Dateien. Beats, Klänge, Melodien. Julian Sartorius' Tagesbuch.

    "Eigentlich bin ich am Morgen aufgestanden und habe geschaut, was mir begegnet, weil es halt am interessantesten ist für mich, wenn ich so offen bin für was, was da ist."

    Schlagzeug, Klavier, Becken, Gitarre. Sartorius verfremdet den Klang, erfindet Neues. Auch der Alltag klingt: Erdnüsse, Lichtschalter, Aufzüge. Schlagzeugsticks berühren Gras, Löffel lassen Tassen klingeln, Luft strömt in ein Schlauchboot. Banal ist das nicht. Aus allem wird Musik.

    "Ich habe halt ganz, ganz viele Gegenstände entdeckt, wo ich gar nicht auf die Idee gekommen wäre, weil oft war ich zum Beispiel in einem Hotelzimmer und hatte dort das Inventar vom Hotel zur Verfügung. All diese Sachen habe ich entdeckt, weil ich gezwungen war, in diesem Kontext etwas aufzunehmen."

    Der Januar: rhythmisch, klar, viel Schlagzeug. Manchmal nur 19 Sekunden. Der Juni klingt improvisierter, freier, flächiger. Im Dezember dann fast schon Melodien, manchmal drei Minuten. Sartorius liebt den unverfälschten Klang der Dinge.

    "Ich habe nichts geloopt, es ist jeder Schlag wirklich gespielt, aber ich habe einfach mehrspurig aufgenommen. Jeder Schlag ist immer etwas anders, wenn es gespielt ist, und das hat mich halt sehr interessiert: diese Lebendigkeit."

    Lebendig klingt es. Manchmal auch mitreißend und spannend. Klangkunst und Experiment. Kein Album mit fertigen Songs. Für Sartorius ist das Projekt abgeschlossen. 2011 ist vorbei. Remixe, Weiterentwicklungen, das sollen die anderen machen.

    "Ich bin sehr offen dafür und neugierig darauf, wenn neue Sachen daraus passieren. Das Werk ist jetzt abgeschlossen, ich mag es, wenn es weiter geht, und neue Formen annehmen kann."

    Literatur und Links
    Julian Sartorius: "Beat Diary"
    Kommode Verlag, Zürich 2012

    "Beat Diary" auf YouTube

    Julian Sartorius (Blog)