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Jeder zweite Bio-Apfel wird importiert

Bioprodukte sind kaum mehr wegzudenken aus dem deutschen Einzelhandel. Die Nachfrage steigt. Aber anscheinend stellen die deutschen Bauern nicht um. Deswegen werden Bioerzeugnisse zunehmend importiert. Das hat jetzt eine Studie der Uni Bonn im Auftrag der Grünen ergeben.

Sina Fröhndrich im Gespräch mit Jule Reimer (DLF-Wirtschaftsredaktion) | 07.05.2013

Sina Fröhndrich: Jule Reimer, hat Sie das Ergebnis der Studie überrascht?

Jule Reimer: Nicht so sehr. Aber erst einmal die Zahlen: 7 Milliarden Euro Handelsvolumen umfasst der Biomarkt in Deutschland – er hat sich seit dem Jahr 2000 verdreifacht. Die Zahl der Biobetriebe hat zugenommen, auch die Fläche, die sie bewirtschaften: Ökobauern ackern jetzt auf 6,5 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche. Aber dieser Zuwachs bleibt weit hinter dem Zuwachs des Biomarktes zurück. Und so werden Kartoffeln, Obst, Gemüse, Schweinefleisch und Milchprodukte munter importiert. Bei Obst und Gemüse mag das wetterbedingt einleuchten – wer nicht den ganzen Winter über diverse Kohlsorten, Möhren, Rote Beete etc. essen möchte, sondern auch Zucchini und Tomaten, der muss auf Importware zurückgreifen. Bei Schweinefleisch wäre das nicht nötig. Sicher haben auch andere Länder rund um Deutschland beim Bioanbau aufgeholt. Bioanbau ist in der Regel weniger energieintensiv und arbeitsintensiver als konventioneller Anbau, da haben Staaten Wettbewerbsvorteile, in denen niedrigere Löhne gezahlt werden.

Fröhndrich: Schauen wir uns die Studie im Detail an – die Deutschen kaufen gern Bio, aber die Bauern reagieren nicht so richtig darauf – lohnt sich der Ökolandbau nicht oder was sind die Gründe?

Reimer: Es braucht Pioniergeist, um auf Bio umzustellen, auch die Absatzwege müssen neu erschlossen werden. Eine wichtige Rolle spielt die Förderpolitik. Die EU fördert, die Bundesregierung fördert und die Bundesländer fördern die Umstellung bzw. den Bioanbau als solchen – auf unterschiedliche Art und Höhe. Insbesondere die Bundesländer tun dies ziemlich wankelmütig, je nachdem wer gerade regiert. Ein Landwirt muss aber langfristig planen können. Auf EU-Ebene wird gerade darum gerungen, wie die Fördermittel bis 2020 neu verteilt werden und bisher kommt da die Förderung einer stärker auf Artenvielfalt und Gewässerschutz bezogenen Landwirtschaft eher zu kurz. Es gibt noch andere Gründe: Wir hier im DLF haben kürzlich über einen Landwirt berichtet, der zurück auf konventionell umstellt und sagt, die erzielten Preise seien nicht mehr so gut und mit Bioanbaumethoden komme er auf seinen mageren brandenburgischen Böden nicht weit.

Fröhndrich: Bioprodukte kommen stattdessen aus dem Ausland – wie viel Bio ist das dann noch, wenn wir einen Bioapfel aus China importieren?

Reimer: Sehr lange Transportstrecken sind nicht gerade bio. Andererseits bietet der Bioanbau Entwicklungsländern auch Chancen, um Armut zu bekämpfen, mehr Umweltschutz umzusetzen. Bioanbau bietet auch kleineren Bauern Absatzchancen. Es kommt auch auf das Produkt an: Wenn Sie einen Apfel aus der Region essen statt eines Bioapfels aus Lateinamerika, tragen Sie zum Klimaschutz bei, egal ob Bio oder nicht.

Fröhndrich: Was tun?

Reimer: Eigentlich hat die Bundesregierung das Ziel 20 Prozent Anteil Bioanbau in der Landwirtschaft. Dazu müsste sie aber die Förderpolitik überprüfen, und zwar auch die, die indirekt auf die Landwirtschaft wirkt. Über das Erneuerbare-Energien-Gesetz - die EEG-Umlage – werden zum Beispiel Biogasanlagen in großem Stil subventioniert. Die lassen sich prima mit Mais betreiben – als Folge hat der konventionelle Maisanbau stark zugenommen. Außerdem fördert die Bundesre¬gierung über mehrere Wege sehr stark den Export von Fleisch- und Milchprodukten aus konventioneller Tierhaltung – da kann man sich auch fragen, ob das der richtige Weg ist.