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Jeff BuckleyDas verlorene Album

Jeff Buckley hat nur ein einziges Album zu Lebzeiten veröffentlicht: „Grace“, sein Debüt von 1994. Drei Jahre später ertrank er bei einem nächtlichen Schwimmausflug. Jetzt ist „You And I“ erschienen, ein sogenanntes „verlorenes Album“ - mit Material, das in den Archiven der Plattenfirma wiederentdeckt wurde.

Von Marcel Anders | 15.03.2016

"Da war dieser dürre, kleine Typ, der vor gerade mal vier Leuten gespielt hat. Und wenn ich mich recht erinnere, stand Sinead O´Connor hinter der Theke, die mit dem Besitzer des Ladens befreundet war. Was eine ziemlich verrückte Szene ergab: Hier dieser Typ, der wie ein Engel sang – und dort Sinead, die wie ein Engel aussah und Kaffee kochte. Es war ein bemerkenswerter Abend und ich saß einfach nur da und hörte Jeff zu. Ich dachte: 'Der ist ja unglaublich.'"
Ein Erlebnis, von dem Steve Berkowitz bis heute schwärmt - und Buckley im Oktober 1992 für Columbia Records unter Vertrag nahm. Dort war man vom Talent des Mittzwanzigers aus Los Angeles begeistert, wusste aber gleichzeitig nicht viel mit ihm anzufangen. Er klang nicht wie sein Vater, Folkrocker Tim Buckley. Er liebte Blues, Soul, Funk und französische Chansons und hatte nicht einmal ein Demo-Tape. Also schickte man ihn zu Probeaufnahmen ins "Shelter Island Studio" von Steve Addabo, wo er drei Tage lang alles aufnahm, was er im Repertoire hatte. Ein ganz normales Prozedere, so der Tontechniker:
"Damals hat man Künstler engagiert, nachdem man sie live gesehen hatte. Anschließend stellte sich dann die Frage, wie man ein Album mit ihnen macht. Insofern war die Idee der Session, ihn nicht zu produzieren, ihm nicht zu sagen, was er tun soll, sondern ihn einfach machen zu lassen. Das Ziel war, zu erkennen, was am besten zu ihm passte."
Fünf Stunden Audio-Material
Das Ergebnis sind fünf Stunden Audio-Material, das live im Studio eingespielt wurde - ohne Band, ohne Nachbearbeitung – und dann 20 Jahre im Archiv schlummerte. Bis es 2015 wiederentdeckt wurde, und sich als musikalische Goldmine erweist. Schließlich zeigt es Buckley ganz am Anfang seiner Mini-Karriere. Mit viel Leidenschaft, einem Gesang, der mehrere Oktaven umfasst und einem unorthodoxen Gitarrenspiel. Wobei die elf Stücke auf "You And I" nur zwei Eigenkompositionen umfassen, aber neun Cover – etwa von Bob Dylan, Led Zeppelin, The Smiths, Bukka White und Sly & The Family Stone. Ein Indiz für Buckleys Vielfalt und Fähigkeiten.
"Hat man ihn gefragt, ob er etwas von Sly And The Family Stone beherrscht, dann hat er das einfach so hinbekommen. Wobei er nicht ein exaktes Cover von Sly And The Family Stone gebracht hat, sondern seine Version – so, wie er sich daran erinnerte. Sprich: Er hat viel improvisiert und auch mal die Backgroundsänger oder den Pianisten nachgeahmt."
Weil das Material so frisch klingt, rechnet Berkowitz mit weiteren Alben aus der Session, die schon Ende des Jahres folgen könnten – zum 50. Geburtstag des Ausnahmemusikers, der nur 30 wurde. Und mit "Grace" eines der nachhaltigsten Alben der 90er schuf. Ein Werk, das bis heute immer neue Fans findet. Das Nachfolgealbum wollte Buckley im Mai 1997 in Memphis aufnehmen. Doch ein nächtliches Bad in den Fluten des Mississippi endete tödlich. Seine Mutter, Mary Guibert, war die erste, die von seinem Tod erfuhr.
Tragischer Tod im Mississippi
"Ich saß am Computer, als das Telefon klingelte. Es war eine Polizistin, die wissen wollte, ob ich allein wäre und ob es jemanden in meiner Nähe gebe, den ich herbeirufen könnte. Ich sagte nein und wollte wissen, was passiert sei. Sie meinte, es hätte einen schrecklichen Unfall gegeben. Das ist das Letzte, woran ich mich erinnern kann."
Seitdem kümmert sich Mary Guibert um den Nachlass ihres Sohns. Eine Herzensangelegenheit, so die 68-jährige Polit- und Umweltaktivistin aus Orange County, denn Buckleys Verträge seien schlecht gewesen. Und wäre er heute noch unter uns, hätte er der Musikindustrie mittlerweile längst den Rücken gekehrt und umgeschult – zum Tierpfleger im Zoo von Memphis. Sein heimlicher Lebenstraum.
"Er wollte die Löwen- und Tigerkäfige ausmisten. Das hatte er wirklich vor. Deswegen habe ich später eine Gedächtnisplakette bei den Sumatra-Tigern anbringen lassen. Ein Pärchen, das letztes Jahr zwei Junge hatte. Das männliche davon heißt Jeffrey und ist wunderschön. Es ist sehr egoistisch, bringt aber gleichzeitig alle zum Lachen und ist sehr romantisch, wenn es um das andere Geschlecht geht. Das erinnert mich sehr an meinen Sohn."