Freitag, 03. Dezember 2021

Archiv

Jens Gieseke: Die hauptamtlichen Mitarbeiter der Staatssicherheit. Personalstruktur und Lebenswelt 1950 - 1989/90

Fast elf Jahre nach der Wende in der DDR mutet es erstaunlich an, auf wieviel nostalgische Verklärung des SED-Staates man noch immer stößt - und mit welcher Unbefangenheit gerade einstige Repräsentanten des Repressionsapparates an einer solchen Idyllisierung mitwirken, anstelle einfach zu schweigen. Besonders augenfällig ist dieses Phänomen in letzter Zeit bei den ehemaligen hauptamtlichen Mitarbeitern der DDR-Staatssicherheit zu beobachten - und insofern kommt Jens Giesekes Analyse über die Personalstruktur und Lebenswelt dieser Kader gerade zur rechten Zeit. Hören Sie Karl Wilhelm Fricke über ein Buch, das anhand von Akten aus dem Apparat des Mielke-Ministeriums die Legende vom heldenhaften Tschekisten wissenschaftlich fundiert widerlegt.

Karl Wilhelm Fricke | 11.06.2001

Sie kommen aus ihren Schlupfwinkeln hervor. Sie melden sich wieder zu Wort, fordernd und herausfordernd - die einst führenden Männer des ehemaligen DDR-Ministeriums für Staatssicherheit. Jedenfalls veröffentlichten unlängst 23 Stasi-Veteranen - die meisten über siebzig - in der Jungen Welt (ausgerechnet) eine mit Namen und früherem Dienstgrad unterzeichnete Erklärung, der sich rund dreihundert anschlossen. Sie reklamierten ihre Ehre und die ihrer einstigen IM, ihrer Inoffiziellen Mitarbeiter:

Sie erfüllten Verfassungspflichten und trugen zur Einhaltung der Gesetze bei. Viele von ihnen haben zur Aufdeckung von Straftaten und zur Entlarvung von Spionen, kriminellen Menschenhändlerbanden, Terroristen und anderen Feinden der DDR beigetragen.

Die unsägliche Sprache - unverwechselbar. Nach dem Plädoyer für einen Schlussstrich schließlich ein Rundumschlag:

Unter Verwendung von falschem Zahlenmaterial, Verdrehung von Sachverhalten und der Erfindung von Schauermärchen wird versucht, die DDR als Unrechtsstaat darzustellen und der Anschein erweckt, dass die Bürger der DDR flächendeckend überwacht und bespitzelt wurden.

Zur Klarstellung: Flächendeckende Überwachung hat erstmals die Regierung Hans Modrow gerügt, als sie im Januar 1990 durch ihren Sprecher Manfred Sauer am Zentralen Runden Tisch in Ost-Berlin unter anderem erklären ließ:

Zu verurteilen ist insbesondere: 1. die Funktion des ehemaligen MfS bei der Verwirklichung der falschen Sicherheitsdoktrin der früheren Partei- und Staatsführung, zu verurteilen ist weiterhin: 2. die flächendeckende Überwachung größerer Personenkreise und damit im Zusammenhang die Schaffung eines überdimensionierten Sicherheitsapparates.

Davon wollen sie heute nichts mehr wissen, die einst goldbetressten Paladine Erich Mielkes. Wer über sie und ihresgleichen mehr erfahren, wer sich gründlich über die Kader und das Milieu der Staatssicherheit informieren will, wer nach genauen Daten und Fakten, nach verlässlichem Zahlenmaterial sucht, der wird in der hier vorzustellenden Monographie von Jens Gieseke fündig. In jahrelanger Forschungsarbeit hat er Personalstruktur und Lebenswelt der Stasi durchleuchtet und seine Befunde, eingeordnet in politische Zusammenhänge und historische Hintergründe, zu einem umfassenden Werk verarbeitet. Dem 37-jährigen promovierten Politologen und Historiker ist - um es rundheraus zu sagen - ein großer Wurf gelungen.

Die Studie folgt drei Untersuchungssträngen: erstens einer 'politischen Demographie' des MfS-Personals, also Rekonstruktion und Interpretation der quantitativen Entwicklung des Mitarbeiterbestandes, zweitens einer Strukturanalyse anhand von Basiskriterien wie sozialem Hintergrund, Bildung, Generationen- und Geschlechterverteilung, politischer und weltanschaulicher Bindung usw., und drittens einer Annäherung an Selbstverständnis, Mentalität und Lebenswelt der MfS-Mitarbeiter.

So der Autor, der hauptsächlich aus bislang weithin unerschlossenen MfS-offiziellen Quellen schöpft, aus Kaderakten, internen Statistiken, Analysen der ZAIG - der Zentralen Auswertungs- und Informations-gruppe -, aus IM-Berichten und nicht zuletzt aus Forschungsarbeiten der "Juristischen Hochschule" Potsdam, der Kaderschmiede des MfS. Das Ergebnis erweist sich als Entzauberung der "sozialistischen Repressionselite". Gieseke macht kenntlich, wie weit die Staatssicherheit vom Ideal einer homogenen Elitetruppe entfernt war - ungeachtet ihres elitären Selbstwertgefühls.

Der Tschekismus als handlungsleitende Ideologie war vom Grundgedanken geprägt, als Parteisoldat in einem 'kalten' Bürgerkrieg zu agieren und insofern außerhalb der Regeln zivilen Zusammenlebens zu stehen.

Damit erklärt der Autor zugleich, warum die von Mielke entscheidend geformte DDR-Staatssicherheit nicht Staat im Staate, sondern "Schild und Schwert der Partei" war, gleichviel, ob Walter Ulbricht oder Erich Honecker in der SED das Sagen hatte. Zitat:

Mielke akzeptierte die Spielregeln des Parteiprimats und damit der Gefolgschaft gegenüber dem Generalsekretär, nutzte aber alle Spielräume selbstbewusst aus, um Einfluss und Autonomie seines Apparates zu steigern. Der weite Schirm der gemeinsam getragenen Sicherheitsdoktrin bot ihm hierzu alle Möglichkeiten.

Gieseke bestimmt damit treffend das nicht immer von Spannungen freie Verhältnis von Staatspartei und Staatssicherheit. Sein Buch ist übersichtlich gegliedert. Die Hauptkapitel behandeln im historischen Längsschnitt jeweils Personalentwicklung, Kaderpolitik und Personalstruktur sowie die innere Verfassung der Staatssicherheit. Akribisch zeichnet er die Frühgeschichte des MfS nach, den Aufbau geheimpolizeilicher und geheimdienstlicher Strukturen in der SBZ/DDR unter Anleitung und Kontrolle der sowjetischen Sicherheitsorgane. Das frühzeitige Bestreben der SED-Führung, sich eine eigene Parteigeheimpolizei zu schaffen, mündete 1950 in der Gründung des MfS - und es begann, was Gieseke in einem Satz zusammenfasst:

Die Geschichte des Ministeriums für Staatssicherheit ist die Geschichte des unablässigen Ausbaus seines Apparates.

Zum Stichtag 31. Oktober 1989 war die Gesamtzahl der hauptamtlichen Mitarbeiter einschließlich des Wachregiments 'Feliks Dzierzynski' auf rund 91.000 angewachsen. Auf 180 DDR-Bürger kamen - statistisch gesehen - ein hauptamtlicher MfS-Mitarbeiter und zwei inoffizielle Zuträger. Damit übertraf das MfS bei weitem sogar die Überwachungsdichte des KGB in der Sowjetunion - Konsequenz von Mielkes Spitzel-Philosophie:

Erich Mielke: Noch einmal wiederhole ich: Wir müssen alles erfahren! Es darf an uns nichts vorbeigehen. Und das machen manche Leiter noch nicht. Die merken das noch nicht einmal, Genossen, einige unter uns. Die begreifen das sogar noch nicht richtig. Das ist eben die Dialektik des Klassenkampfes und der Arbeit der Tschekisten.

Es ist im Rahmen dieser Rezension unmöglich, alle Aspekte, die Gieseke in seiner Studie erörtert, auch nur annähernd zu umreißen. Die Persönlichkeitsmerkmale des "allseitig gebildeten Tschekisten", Rekrutierung, Nachwuchswerbung, Disziplinierung, Erziehung der Mitarbeiter, Professionalisierung und Akademisierung der Kader, die Rolle von Frauen im MfS, die Privilegierung der Tschekisten und ihre Ghettoisierung in eigens für sie bestimmten Straßen und Wohnsiedlungen, Kampfmoral und Verrat in den Reihen der Stasi, ihre Demoralisierung in der friedlichen Revolution - dies alles und mehr bringt Gieseke zur Sprache. Auf zwei Befunde sei besonders hingewiesen. Erstens auf die enge personelle Verflechtung der Stasi-Elite mit der Nomenklatura der SED:

Parteispitze und Staatsicherheit waren personell auf das engste miteinander verbunden, und gerade die große Zahl von MfS-Offizieren unter den Söhnen der ZK-Mitglieder unterstreicht nachhaltig das elitäre Sozialprestige der 'Tschekisten' im Denken der obersten Parteifunktionäre.

Zweitens auf Korruption, Amtsmissbrauch und den Hang zur Flasche:

Befugnisse und fehlende Kontrolle (führten) zu einem ausgesprochenen Sumpf von Privilegien, Amtsmissbrauch, persönlicher Vorteilsnahme usw. (...) Viele Geheimpolizisten nutzten die ihnen zugefallene Allmachtrolle nicht nur aus, um rücksichtslos den Parteiwillen zu exekutieren, sondern bereicherten sich persönlich und ergingen sich in Disziplinlosigkeiten wie Alkoholexzessen im Dienst oder Intimbeziehungen zu Spitzeln und Häftlingen.

Da Jens Gieseke diese und andere Aussagen nicht ungeschützt behauptet, sondern konkret belegt, bleibt in seiner Studie nicht viel übrig vom avantgardistischen Nimbus der Staatssicherheit. Und Ehrenerklärungen ehemaliger Stasi-Generäle, wie eingangs aus der Jungen Welt zitiert, lesen sich wie Reminiszenzen zur nostalgischen Selbstverklärung.

Karl Wilhelm Fricke über Jens Gieseke: Die hauptamtlichen Mitarbeiter der Staatssicherheit. Personalstruktur und Lebenswelt 1950 - 1989/90. Auch dieses Buch im Christoph Links Verlag Berlin, es umfasst 615 Seiten und kostet DM 48,-.