Samstag, 15.12.2018
 
Seit 17:05 Uhr Streitkultur
StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenJenseits des Elfenbeinturms22.07.2010

Jenseits des Elfenbeinturms

Porträt des neuen Göttinger Instituts für Demokratieforschung

Die Parteien und die Demokratie kämpfen mit der politischen Verdrossenheit der Bürger. Das Göttinger Institut für Demokratieforschung möchte dazu nicht einfach nur forschen, sondern die Ergebnisse auch direkt zum Menschen bringen, auf vielen Wegen.

Von Ursula Storost

Bundesversammlung: Warum wird der Bundespräsident nicht direkt vom Volk gewählt? Solche Fragen beantwortet das Göttinger Institut. (AP)
Bundesversammlung: Warum wird der Bundespräsident nicht direkt vom Volk gewählt? Solche Fragen beantwortet das Göttinger Institut. (AP)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast

"Das ist hier der Anfang unseres Institutsflurs. Wir sind mittlerweile angewachsen auf knapp 60 Mitarbeiter."

Ein Institut mit 60 Mitarbeitern. Der Politikwissenschaftler Felix Butzlaff ist einer von ihnen. In etwa 20 Büros wird hier gearbeitet. Im Dienste der Demokratie.

"Es ist immer Prinzip des Instituts gewesen, schon möglichst früh Studenten in die Arbeit mit einzubinden. Das heißt, Studenten fangen an im zweiten, dritten Semester in Colloquien zu sitzen, bekommen schon früh Verantwortung überwiesen. Können auch mit eigene Texte verfassen. Können Mitautorenschaften übernehmen. Und insofern wachsen sie so langsam in die Arbeit mit hinein."

Hervorgegangen ist das neue Institut für Demokratieforschung aus der Arbeitsgruppe für Parteienforschung am politikwissenschaftlichen Institut der Universität. Leiter ist der Parteienforscher Franz Walter. Bei dem heißen Sommerwetter hat er sich in den Sommerurlaub verabschiedet. Derzeit ist der Chef nur virtuell im Institut anzutreffen. In einem Internet-Blog erklärt er per Video, warum das Institut eine Marktlücke füllt. Sein Credo: Demokratie ist ebenso wunderbar wie kompliziert. Und muss deshalb erklärt werden:

"Weil es so vielfältig, so bunt, so eigenwillig zugeht, ist dann das Politische hinterher ein mühseliges, langwieriges Bündel. Und am Ende kommt eigentlich nichts richtig Stringentes heraus. Kann es auch nicht. Und das hat man zu erklären. Auch alle Defizite und Probleme und Deformationen oder Defekte genau zu analysieren und auch öffentlich zu kritisieren, damit die Dinge wieder besser werden."

Auch wenn die Tonqualität noch einiger Verbesserung bedarf - der Internet-Blog ist eines der Herzstücke des Instituts. Alexander Hensel ist einer von drei Mitarbeitern der Homepage–Redaktion. Er sorgt dafür, dass die Internetseiten auf dem aktuellen Stand sind.

"Ein wichtiger Aspekt, der auch bei der Gründung des Demokratieforschungsinstituts hier ne große Rolle gespielt hat, ist eben der Vermittlungsaspekt. Also die Forschungsergebnisse, die hier produziert werden, sollen eben nicht nur für Lehrbücher produziert werden, die in Bibliotheken stehen und von Studenten und vom wissenschaftlichen Personal gelesen werden, sondern die Erkenntnisse sollen eben auch in die Öffentlichkeit transportiert werden."

Alle Mitarbeiter sind aufgefordert, bei dem Blog mitzumachen, sich dort regelmäßig mit Analysen und Kommentaren zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen zu Wort melden. Hensel:

"Und der Gedanke dahinter ist eben, wissenschaftliche Erkenntnisse, die man im Forschungsprozess gewonnen hat, eben auch auf eine Art und Weise im Internet zu vermitteln, die jedem zugänglich ist, die sprachlich dem Internet angemessen ist, um so eben eine große Anzahl von Leuten mit unseren Ergebnissen zu erreichen."

In einem Büro mit hoch aufgestapelten Papierbergen sitzt Matthias Micus. Er ist der stellvertretende Leiter des Instituts. Politische Didaktik ist uns hier besonders wichtig, sagt er. Für das nächste Jahr plant man eine Zeitschrift, die sich an die Regierungen wie an politisch Interessierte wenden soll. Und das Institut hat auch bereits Kooperationen mit Ministerien, arbeitet in Expertenkommissionen. Dort bringt man Fragestellungen und Forschungsergebnisse ein. Zum Beispiel:

"Warum eigentlich verlieren die alten Volksparteien immer stärker an unterschiedlichen Rändern. Also die Sozialdemokratie sowohl in der Neuen Mitte als auch bei Arbeiterwählern. Und wie kommt das eigentlich, dass die alte Integration der Volksparteien, die alte Stärke, dass man ganz unterschiedliche Bevölkerungsgruppen zusammenbinden konnte in einer Partei, dass das nicht mehr funktioniert."

Seit gut zwei Jahren arbeitet Matthias Micus jetzt an der Frage, wie entwickeln sich die großen Volksparteien in Deutschland, den Niederlanden und in Österreich. Das Forschungsprojekt wird von der Volkswagenstiftung finanziert. Die bisherigen Ergebnisse deuten darauf hin, dass es nicht nur an den Parteien selber liegt, an farblosem Führungspersonal und politischer Einfallslosigkeit, wenn sich keine Massen mehr binden lassen. Die Sozialstruktur habe sich verändert, so Matthias Micus.

"Weil immer unterschiedlichere Gruppen angesprochen werden müssten. Und die alten Gemeinsamkeiten, die alten homogenen Blöcke immer weiter zusammengeschrumpft sind.
Dass also insofern eine Großpartei um 40 Prozent der Stimmen zu bekommen nicht mehr nur zwei, drei relativ große einheitliche Gruppen ansprechen muss, sondern 30 oder 40. Und das klappt eben nicht mehr."

Bei der Analyse solcher Fragen wollen die Demokratieforscher vor allem die gesellschaftlichen und sozialen Bedingungen der Bevölkerung einbeziehen. Das sei der neue Ansatz des Göttinger Instituts.

"Das heißt, wir gucken eben nicht einfach nur wie das in normaler Parteienforschung gemacht wird auf die Parteien selber, sondern wir gucken auch, was hat sich gesellschaftlich verändert, was hat sich kulturell verändert, was hat sich verändert an den Einstellungen, Werten, Normen, Moralvorstellungen von bestimmten gesellschaftlichen Gruppen. Und dazugibt es auch Untersuchungen. Bisher werden aber diese unterschiedlichen Geschichten nicht miteinander verknüpft. Und das machen wir eben."

So wie bei der aktuellen Studie. Starke Volksparteien mit integrativer Kraft, sagt der Politikwissenschaftler, waren in den Nachkriegsjahrzehnten wichtig für die Stabilität, den gesellschaftlichen Zusammenhalt und den Erfolg der Demokratie.

"Das, was eben früher hergestellt wurde. Die unteren Gruppen wurden mobilisiert und eingebunden in die demokratischen Abläufe. Und oben war das Verständnis dafür da, dass es lohnen würde, in einer befriedeten Gesellschaft zu leben und dafür auch Steuern zu zahlen. Das bricht auseinander. Und das ist dann unsere Hypothese."

Alles deutet darauf hin, dass es zukünftig in der Gesellschaft weniger Zusammenhalt geben wird, glaubt Micus. Die unteren Gruppen geraten immer mehr ins Abseits. Die oberen Gruppen denken global. Der nationalstaatliche gesellschaftliche Zusammenhalt interessiert sie immer weniger. Sie verlegen ihren Wohnsitz dahin, wo die Steuersätze am niedrigsten sind. Einer Demokratie ist das wenig zuträglich. Allerdings zeigt die Studie auch, dass die demokratische Kultur durch den schrumpfenden gesellschaftlichen Konsens einen neuen Kick bekommen könnte.

"Und da ist jetzt die Frage, ist das eigentlich von Nachteil, wenn der Streit wieder verschärft wird. Denn man kann natürlich auch sagen, dass in den letzten Jahrzehnten das sogar ein Problem gewesen ist, dass es überhaupt keinen richtigen Streit mehr gegeben hat. Dass alles sich in so einem Konsensbrei zusammengefunden hat. Und überhaupt keine klaren Konturen mehr vorhanden waren. Und vielleicht ist sogar das dann auch von Vorteil, dass es wieder polarisiertere Auseinandersetzungen gibt. Wieder mehr Emotionen auch in die Politik kommen. Das kann auch von Vorteil sein. Muss nicht nur Nachteil sein."

Die Politikwissenschaftlerin Johanna Klatt beschäftigt sich in einer Studie mit der Standortbestimmung der sogenannten Unterschicht in der modernen Bürgergesellschaft. Zusammen mit sechs Kolleginnen und Kollegen hat sie in Göttingen, Kassel und Leipzig darüber geforscht. In vier sozial schwachen Stadtteilen wollte sie herausfinden, wofür sich die Menschen sich dort engagieren.

"Das Wort Politik ist eigentlich ganz weit weg. Politik machen ist höchstens das, was man vom Fernsehen kennt. Ist eigentlich auch immer negativ. Ist per se ganz furchtbar. Damit möchte man nichts zu tun haben. Auch mit Parteien. Auch mit Gewerkschaften. Das ist alles weit weg. Aber sich wirklich für Dinge vor Ort engagieren. Für 'n besseren Spielplatz oder für Sauberkeit auf den Straßen oder für die eigene Community sagt man ja immer so schön. Das wird ganz häufig auch gemacht."

Johanna Klatt forschte im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Mit ihren Ergebnissen kann sie also direkt auf die politischen Akteure einwirken. Das Vorurteil, dass Menschen mit Migrationshintergrund oder Hartz 4 Empfänger sich vor allem durch destruktives Verhalten auszeichnen, sah die Politologin nicht bestätigt. Im Gegenteil. Man engagiert sich im Stadtteil für ein nachbarschaftliches Miteinander, knüpft Netzwerke, organisiert Stadtteilfeste, Kinderbetreuung, Altenpflege.

"Gleichzeitig wird aber - anders als vielleicht in der Mittelschicht - nicht so sehr darüber geredet. Also man ist sich dessen gar nicht so bewusst. Man macht es einfach, ohne viel darüber zu reden. Es ist sozusagen nicht der Rede wert."

Bürgerengagement. Ein ausgesprochenes Mittelschichtswort, so die Demokratieforscherin. Die sozial Schwachen in unserer Gesellschaft können mit dem Begriff wenig anfangen.

"Dieses Neue und Moderne, was man immer sagt. Moderne Bürgergesellschaft, dass man sich eigeninitiativ engagiert und irgendwo hingeht. Sei es bei Freiwilligenzentren oder Ehrenamtsbörsen. Und die Idee, sich aus Bürgerengagement heraus abstrakt zu engagieren, die ist hier eigentlich wenig vorhanden. Obwohl ganz viel gemacht wird. Also hier scheint es eine wachsende Kluft zu geben zwischen Mittel- und Unterschichten. Auch in dieser Zivil- und Bürgergesellschaft. Die unbedingt weiter beobachtet werden müsste."

Ein Phänomen, das Johanna Klatt beobachtet hat, ist der hohe Bildungsabschluss vieler Migranten. Aber ihre Abschlüsse werden in Deutschland häufig nicht anerkannt. Deshalb haben sie oft keine Arbeit und leben in sozial schwachen Quartieren. Tragisch für die Einzelnen, positiv für den Stadtteil. Denn aufgrund ihrer Bildung sind diese Menschen in der Lage, Erstaunliches auf die Beine zu stellen. Und das dient der Demokratie.

"Die Idee, dass Zivil- und Bürgergesellschaft als Schule der Demokratie fungieren, die ist ja ganz alt. Und die Idee, dass man im Engagement, in der Aktivität bestimmte individuelle Ressourcen lernt, sich mit anderen auseinanderzusetzen, aktiv zu sein. Menschen zu helfen. Dass das Ideale und Ziele sind und wichtige Grundpfeiler einer Demokratie. Dies ist implizit in der gesamten Zivil- und Bürgergesellschaft und auch in der Demokratieforschung ganz, ganz wichtig und vorhanden."

Allerdings, so Johanna Klatt, sei zu befürchten, dass das Engagement der sozial Schwachen in Zukunft gesamtgesellschaftlich immer weniger ins Gewicht fallen wird.

"Es gibt quantitative Forschungen von politologischen Kollegen, die belegen, dass Wahlen immer noch das am wenigsten sozial ungleiche Partizipationsmedium sind. Und dass alles, was neu ist, Unterschriftenaktionen, oder Partizipation über das Internet sozial ungleicher verteilt ist. Und rein qualitativ können wir diese Untersuchung nur bestätigen. Wenn diese Dinge, die sich gerade im Wachstum befinden, so weitergehen. Und da nur noch Mittel- bis Oberschichten dran partizipieren, dass das natürlich fatale Folgen auf die Repräsentativität unserer demokratischen Beteiligung hat."

Felix Butzlaff's Büro ist im Erdgeschoss fast neben der Eingangstür zum Institut. Der junge Wissenschaftler hat sich mit der Politikwahrnehmung der Mittelschichten in Deutschland beschäftigt. Dafür haben er und eine Kollegin 75 Menschen mit guten Bildungsabschlüssen und guten Berufspositionen, Selbstständige und Angestellte in dreistündigen Interviews befragt.

"Wie sehen Sie ihr Bundesland, was gefällt Ihnen hier, was nicht? Bis hin zu: Wo engagieren Sie sich, engagieren Sie sich überhaupt, was erwarten Sie von der Politik? Welche Politiker kennen Sie? Welche finden Sie gut, welche finden Sie nicht gut? Warum? Und dann hatten wir immer auch zwei Themenblöcke, bei denen es a) darum ging, welche Werte sind Ihnen wichtig? Wie definieren Sie Gerechtigkeit, Familie, Zukunft?"

Das Ergebnis: Die Angehörigen der Mittelschicht erwarten heute von der Politik rein gar nichts mehr.

"Das führt aber nicht zu einer solchen Frustration wie bei den Unterschichten, weil nämlich Mittelschichten schon einen gewissen Status erreicht haben. Das heißt, sie haben in eigener Anstrengung, in eigener Arbeit einen bestimmten Berufsstatus erreicht, auch einen bestimmten Einkommensstatus erreicht. Sie haben das Gefühl, dass sie doch letztendlich mit ihrer eigenen Qualifikation eine Menge schaffen können. Sie haben das Gefühl, sie können auf ihre eigenen Qualitäten auch vertrauen. Sie haben nicht diese Art der Verletzlichkeit gegenüber von wirtschaftlichen oder sozialen Entwicklungen, wie das bei der Unterschicht der Fall ist."

Untersucht haben die Demokratieforscher auch, welche Eigenschaften eine Politikerin, ein Politiker haben muss, um diese Menschen überhaupt zu erreichen.

"Also, die haben Verständnis für die politischen Zwänge und Notlagen, dass Politik manchmal so handeln muss und nicht ganz rational. Aber sie erwarten, dass sich dann auch jemand vor den Kameras hinstellt und sagt: Ich übernehme die Verantwortung. Es war vielleicht eine falsche Entscheidung."

Für die Demokratie ist es nicht förderlich, wenn die Mittelschichten sich von dieser Parteienlandschaft abwenden, befindet der Politikwissenschaftler. Denn immerhin sind sie diejenigen, die zahlenmäßig und ökonomisch das Stützkorsett des Staates bilden.

"Es ist natürlich schon hochgradig problematisch, wenn man unterm Strich das Gefühl hat, die erwarten gar nichts mehr von Politik. Die sind nicht unbedingt hasserfüllt und frustriert und abgeneigt gegenüber allem Politischen. Aber es ist so ein Achselzucken, das Hinnehmen von politischen Geschehnissen. Dass man sagt, Politik ist eigentlich ein System, das kreist um sich selber. Das protegiert sich auch zu einem großen Teil selber. Das kann nicht mehr so richtig viel für uns machen. Insofern ist es uns so 'n bisschen egal. Das ist natürlich für eine Demokratie ein sehr problematischer Befund."

Ein Büro weiter träumt der Politikwissenschaftler Sebastian Kohlmann von seiner ersten Rundfunksendung im Herbst dieses Jahres. Neben Blog, Zeitschrift, und Politikberatung, wollen die Demokratieforscher auch im Rundfunk ihre Arbeit publik machen. Erstmal beim Göttinger Stadtradio, einem Sender mit regionaler Reichweite. Dort soll das Institut einmal in der Woche eine Stunde Sendezeit bekommen. Die politische Didaktik soll – wie überall - im Vordergrund stehen.

"Da ist es auch ganz wichtig, dass man die politische Bildung nicht außer Acht lässt und da zum Beispiel eine Wissensrubrik schafft in so einem Radio, in der einzelne Aspekte der Demokratie diskutiert werden, vorgestellt werden. Und so nach und nach ein großes Repertoire entsteht an kleinen Beiträgen über einzelne Aspekte der Demokratie."

Wer wählt den Bundespräsidenten, warum darf das Volk nicht über seinen Landesvater abstimmen? Mehr Transparenz, sagt Sebastian Kohlmann, täte der Republik wirklich gut. "Und dafür arbeiten wir. Das Institut für Demokratieforschung an der Uni Göttingen."

"Es ist ja häufig so, dass in den Politikwissenschaften, allgemein in der Wissenschaft, man in seinem Elfenbeinturm bleibt. Man häufig innerhalb dieser kleinen Gruppen diskutiert. Daraus neue Anreize nimmt, aber das Ganze in die Gesellschaft eigentlich gar nicht reinkommt. Und bei dem Radio geht es in gewisser Weise wie auch bei anderen Projekten um eine Demokratisierung der Wissenschaften, indem man neue Schichten erreicht, neues Publikum erreicht und natürlich ist es dann in gewisser Weise auch gerade bei so einem Radioprojekt, dass man da dann eine Schnittstelle schafft zwischen Politik und Gesellschaft."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk