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StartseiteKultur heuteUntersuchung der Machtlosigkeit24.06.2015

Jérôme Bels "Gala" im HAUUntersuchung der Machtlosigkeit

Das Theaterfestival "The Power of Powerlessness" am Berliner Hebbel am Ufer widmet sich einem der derzeit vermutlich vorherrschendsten Lebensgefühle: der Einflusslosigkeit. Der französische Choreograph Jérôme Bel hat dazu sein Stück "Gala" beigesteuert – und macht daraus einen gemütlichen Wohlfühlabend.

Von Michael Laages

Theater Hebbel am Ufer (HAU) Berlin (dpa/picture alliance/Paul Zinken)
Das Berliner Theater Hebbel am Ufer (HAU) (dpa/picture alliance/Paul Zinken)

Jeder und jede kann ... irgendwas. Und darum darf auch jede und jeder - in diesem Fall tanzen. Oft schon waren die Kreationen des Choreographen Jerome Bel das akkurate Gegenteil dessen, was speziell von dieser ausgefeiltesten aller Bühnenkünste erwartet wird - nicht auf's Präziseste strukturierte Bewegungsabläufe prägen Bels Phantasien, sondern das Hin und Her und Auf und Ab des Alltags. 18 Berlinerinnen und Berliner mit überwiegend nicht gar so ausgeprägtem Tanz-Potenzial sind die Heldinnen und Helden von Bels "Gala"; und wo auch immer diese Produktion gastiert (ihr Weg begann beim Kunstenfestival in Brüssel), wird eine jeweils neue Kompanie lokal sortiert.

Zwei sehr kleine Kinder sind in Berlin dabei und ein Rollstuhlfahrer, eine junge Frau mit Behinderung neben einem Mädchen aus der staatlichen Ballettschule sowie einem Tanz-Profi, einige noch junge und einige schon reifere Jahrgänge aus verschiedensten Kulturen neben Zazie de Paris, die vor drei Jahrzehnten in einigen Produktionen von Peter Zadek für Glanz und Glamour zwischen den Geschlechtern sorgte. Sie alle betreten zunächst allein die Bühne und probieren Schritte aus, Bewegungen – erst zwei einfache Drehungen, dann einen kleinen Sprung. Sie erforschen so sich selber in einer neuen Rolle. Und die Bühne hilft mit - ungezählte von ihnen hat Bel zu Beginn im Dia gezeigt, vom antiken Epidauros bis zum Barock-Bühnchen, vom edlen Theatertempel bis zum Rasenfleck unter Bäumen, den ein Dutzend Stühle drum herum zur "Bühne" werden lässt. Die Bühne ist die Bühne ist immer die Bühne – und jede, noch die nicht so elegante Bewegung wird auf ihr zum Ereignis; erst solo, dann im Walzer-Duett.

Ohne Ziel und Zukunft

Sie tun, was sie können – und auch der Rollstuhlfahrer findet eine Bewegungsstrategie für sich und das Gefährt zum Beispiel für Michael Jacksons "moonwalk", den berühmten Effekt der rückwärts-vorwärts steppenden Pop-Ikone. Dann, nach einigen wenigen Übungen, die alle jeweils für sich und nacheinander bestreiten, wird die Verbeugung probiert – und die Pause auch.

Danach steht das Thema "Solist und Kompanie" auf dem Stundenplan -– eine (oder einer) tanzt vor, alle anderen nach. Und hier wandelt sich Jerome Bels recht schnell durchschautes Strukturprinzip (wer will, der kann) doch merklich zur Amüsiermaschine – denn die Reproduktion vorgegebener Ideen wackelt und kracht natürlich in Fugen. Und wie wohlwollend auch immer das Publikum speziell den Phantasien der behinderten Jung-Künstlerin wie denen der Kinder folgen mag, auch das Scheitern wird ausgestellt. Aber Becketts berühmtes Wort "Wieder scheitern, besser scheitern!" gewinnt hier sehr alltägliches, in speziellen Momenten allemal mitreißendes Profil.

Und für die Pflege des Berliner Publikums taugt das Prinzip auch - wenn Liza Minelli, vor- und nachgetanzt, nicht mehr die Sinatra-Hymne über „New York, New York", sondern statt ihrer die Kompanie "Berlin, Berlin" hochleben lässt ...

Unübersehbar ist das ein eher gemütlicher Wohlfühl-Abend zum Finale – von den "Strategien zur Selbstermächtigung" in politisch angeblich alternativlosen Zeiten hat das Festival auch weitaus pointierter erzählt. Und in eher kleinen Produktionen (wie in "What happened to the Seeker?" kurz vor Festival-Schluss, einer Mischung aus Video, Installation und Performance aus der Werkstatt der Kanadierin Nadia Ross) kommt viel eigener Schmerz zum Vorschein in der Dokumentation des eigenen Verlustes an Orientierung. Denn ohne Ziel und Zukunft, ohne Hoffnung und -wer will, mag sagen:- ohne Utopie vom anderen Ich, vom anderen Wir, lohnt der Kampf um den Alltag wohl nicht.

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