Freitag, 12. August 2022

Archiv

Jesuiten und mexikanische Migranten
Grenzerfahrungen in Arizona

Sie haben ihr Leben riskiert, aber sie haben es nicht geschafft: lateinamerikanische Migranten, die über die mexikanische Grenze in die USA wollten. Um sie kümmert sich die katholische Sozialstation Kino Border Initiative. Der Jesuit Sean Carrol würde am liebsten Donald Trump einladen, sich mal mit den gescheiterten Einwanderern zu unterhalten.

Von Thilo Kößler | 04.11.2016

    Der Grenzzaun zwischen dem US-Bundesstaat Arizona und dem mexikanischen Sonora.
    Das Schild markiert die Grenze zwischen dem US-Bundesstaat Arizona und dem mexikanischen Sonora. (imago stock&people)
    Zwischen Nogales auf der amerikanischen und Sonora auf der mexikanischen Seite ist die Grenze wie vernagelt. Doch Pater Sean kennen die Grenzer auf beiden Seiten - sie lassen ihn mit seinem kleinen Auto unkontrolliert passieren. Sie wissen, dass Sean Carrol in der Kino Border Initiative gleich hinter der Grenze gebraucht wird.
    Die Kino Border Initiative ist eine katholische Sozialstation – benannt nach dem italienischen Jesuitenpater Eusebio Kino, der hier im 18. Jahrhundert in dieser unwirtlichen Wüstenlandschaft lebte. Sean ist auch Jesuit – und er begrüßt all die Menschen, die vor der Tür warten, als hätte er auf sie gewartet: Menschen mit müden Gesichtern oder vor Schreck geweiteten Augen; Menschen, die kaum noch laufen können oder so wirken, als wären sie abwesend.
    "This is our comedor – comedor is Spanish for soup kitchen but it's really more than a soup kitchen. I call it an outreach for migrants."
    Mehr als eine Suppenküche
    Das hier sei vielmehr als eine Suppenküche, sagt Sean Carrol: Er nennt diese Holz- und Steinhütte mit dem grünlichen Wellblechdach gleich hinter den Grenzanlagen ein Sozialzentrum für Migranten. Die Menschen hier haben alles versucht, um auf die amerikanische Seite zu kommen. Sie haben sich Schleppern anvertraut und viel Geld bezahlt. Sie haben ihr Leben riskiert, als sie durch die Wüste liefen. Sie standen schon auf amerikanischem Boden. Aber sie wurden von den Beamten der border patrol aufgegriffen und verhaftet. Kamen ins detention camp, ins Internierungslager, wo sie eine Nacht verbringen mussten. Und wurden am Morgen abgeschoben. Jetzt sind sie hier. Und bekommen ein warmes Frühstück. Pater Sean sagt: Sie sind alle traumatisiert.
    "When you are deported it's an experience of trauma: Depression, Uncertainty. Vulnerability."
    Freiwillige Helfer stellen Teller mit Rührei, Bohnen und Tortilla auf die Klapptische, die dicht an dicht in dem kleinen Raum stehen. Alle sollten erst einmal das Gefühl bekommen, dass sie hier gut aufgehoben sind, sagt Sean: Denn alle fragen sich, wie es jetzt weitergehen soll.
    "Ein Teil wird zurückkehren in die Heimat. Sie bekommen hier einen Busfahrschein für die Rückreise. Ein Teil wird hierbleiben, um von hier aus Kontakt zu Familienmitgliedern in den USA aufzunehmen. Und eine gewisse Zahl von Leuten wird es noch einmal probieren."
    Sean Carrol ist mit seinen Augen überall. Er spricht Spanisch mit den Menschen. Wirft einen Blick in die kleine Küche mit den vielen Helfern. Und fasst selbst mit an, um die Tische zu decken.
    Nach der Mahlzeit gehen Mitarbeiter ans Mikrophon - alle sollten mal ihre Hände heben, sagt eine Frau; wir machen jetzt ein Spiel – wir heben den Daumen der linken Hand und senken den Daumen der rechten Hand. Und jetzt umgekehrt.
    Eine Aufmerksamkeitsübung, die dabei helfen soll, den Schock zu überwinden und sich selbst wieder wahrzunehmen. Dann fragen die Helfer, ob jemand seine Geschichte erzählen wolle – manchmal tue es gut, sie an andere weiterzugeben, sagen sie. Ein Mann in der letzten Reihe mit sonnenverbranntem Gesicht und aufgequollenen Lippen erzählt, er komme aus Honduras, sei deportiert worden und habe seine Kinder seit acht Jahren nicht mehr gesehen. Er beginnt zu weinen …
    Irgendjemand hat eine Abendmahlsszene an die Stirnwand gemalt – in groben Strichen, sehr naiv. Vor dieser Kulisse versuchen die Helfer, Trost zu spenden und Mut zu machen. Und sie geben Ratschläge: Zeigt niemandem Euer Geld. Geht nicht an die Mauer. Da herrschen die Gesetze des Kartells - der Schlepper und der Drogenschmuggler. Das ist zu gefährlich. Eine Frau sagt später, sie traue auch hier niemandem – hier hätten sich Leute unter die Menge gemischt, die ihr Angst machten.
    "Ich tue es für meine Kinder"
    Sie ist Mitte 40. Maria kommt aus dem Süden Mexikos, wo sie in einer Kleinstadt einen kleinen Schreibwarenladen hatte. Bis die Mafia kam und ihr Schutzgeld abverlangte. Da brachte sie ihre drei Kinder zur Großmutter und machte sich auf den Weg.
    Ich tue es für meine Kinder, sagt Maria, ich muss Arbeit finden in den USA. Sie sei drei Tage durch die Wüste gelaufen. Wurde von den sogenannten Coyotees, den Schleppern, zurückgelassen, als sie nicht mehr mitkam. Und erreichte doch noch allein und völlig erschöpft die amerikanische Grenze. Die amerikanischen Grenzbeamten brachten sie ins Internierungslager, in dem sie furchtbar gefroren habe, wie sie sagt. Ein Beamter brachte ihr Decken. Er war sehr, sehr gut zu mir, sagt die kleine Frau. Und wirkt dabei sehr tapfer.
    Als er ihr anbot, für sie einen Asylantrag zu stellen, habe sie abgelehnt: das hätte bedeutet, ihre Kinder nicht nachholen zu dürfen. Also wurde Maria abgeschoben. Und was jetzt?
    Sie müsse für ihre Kinder sorgen. Ihr bleibe nichts anderes übrig, als es noch einmal zu versuchen. Noch einmal Schlepper bezahlen. Noch einmal durch die Wüste laufen. Noch einmal Todesangst und Ungewissheit. Der Jesuit Sean sagt, er würde alles dafür tun, um dieses System der amerikanischen Einwanderungsgesetze zu durchbrechen. Es trenne Familien. Und bedeute, dass Männer, Frauen und Kinder zurückgeschickt würden in ihre Heimat, wo es Gewalt und Unrecht gebe, aber kein Leben in Würde.
    Wenn es nach Donald Trump ginge, dem Präsidentschaftskandidaten der Republikaner, dann würde auch hier in Nogales noch alles viel rigider werden. Dann würde die Mauer noch höher, die Grenze noch dichter, die Strafen noch härter. Auch für all die Leute hier, die aufgegriffen wurden und abgeschoben und nun nicht mehr weiter wissen. Trump hat sie allesamt und pauschal zu Vergewaltigern, Mördern und Verbrechern erklärt, weil sie illegal in die USA kommen wollen.
    Er redet so schlecht über uns, sagt Maria. Er verletzt und demütigt die Menschen.
    Sean hat ihr aufmerksam zugehört. Er würde Donald Trump am liebsten einladen. Nach Nogales, in dieses kleine Zentrum seiner Grenzinitiative. Wer niemals Kontakt zu Migranten hatte, sagt er, sei auch nicht in der Lage, die menschliche Seite ihres Schicksals sehen.