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StartseiteTag für TagEin Kampf für grundlegende Gerechtigkeit03.11.2020

Jews of Color in den USAEin Kampf für grundlegende Gerechtigkeit

12 bis 15 Prozent der amerikanischen Jüdinnen und Juden sind nicht weiß. "Jews of Color", wie sie sich nennen, erfahren auch innerhalb der Synagogen und Gemeindehäuser Rassismus. Viele von ihnen solidarisieren sich mit der Black-Lives-Matter-Bewegung. Auf den Ausgang der Wahlen blicken sie mit Sorge.

Von Rita Schwarzer

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Auf einer Demonstration von Black Lives Matter in Washington DC wird ein Schild in die Höhe gehalten. Die Aufschrift lautet: "Shabbat Sha BLM". (imago images / ZUMA Wire)
Unter den Demonstrierenden der Black-Lives-Matter-Bewegung sind auch Jüdinnen und Juden, die für soziale Gerechtigkeit kämpfen (imago images / ZUMA Wire)
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"Ich kann nicht atmen", George Floyds letzte Worte, bevor er unter dem erbarmungslosen Kniedruck eines weißen Polizisten nach acht Minuten und 46 Sekunden stirbt. Die kaltblütige Ermordung des unbewaffneten und wehrlosen Afroamerikaners versetzt nicht nur die schwarze Bevölkerung des Landes in Aufruhr.

In über 2.000 amerikanischen Städten strömen Menschen jeder Hautfarbe, Herkunft, Religion und sexueller Ausrichtung spontan auf die Straßen, um gegen Rassismus und Polizeigewalt zu demonstrieren. Trotz – oder vielleicht gerade wegen der Covid-Pandemie hat Floyds Martyrium weite Teile der US-Bevölkerung aus ihrer Lethargie gerissen. "Ich kann nicht atmen" wird der Protestruf einer ganzen Bewegung, der weitaus größten in der Geschichte der USA.

Juden bei den Black-Lives-Matter-Protesten

Unter den Demonstrierenden sind auch Zehntausende meist junger Jüdinnen und Juden, die in progressiven Gruppierungen für soziale Gerechtigkeit arbeiten. Kritik hagelt es zudem von etlichen jüdischen Verbänden und Organisationen. Kurz nach Floyds Ermordung organisiert die Black-Lives-Matter-Bewegung einen erneuten "Marsch nach Washington".

Auf den Tag genau 53 Jahre nach dem historischen Großaufmarsch, diesmal gegen Rassismus und Polizeigewalt. Black Lives Matter will nicht nur Reformen. Sie fordert einen grundlegenden Systemwandel. Am frühen Morgen der geplanten Kundgebung vor dem Lincoln Memorial erscheint in der "New York Times" eine ganzseitige Anzeige.

"Wir sprechen mit einer Stimme, wenn wir unmissverständlich sagen: Black Lives Matter."

Steht auf Seitenmitte in dicken weißen Buchstaben auf schwarzem Grund. Darum herum die Namen von über 600 jüdischen Organisationen und Synagogen aus dem gesamten religiösen, politischen und ethnischen Spektrum des Landes: von orthodoxen und zionistischen Gruppierungen über den Mainstream bis hin zur BDS-Fraktion, die Israel wegen seiner Palästinapolitik boykottieren will.

"Die Black Lives Matter Bewegung ist die aktuelle Bürgerrechtsbewegung dieses Landes," schliesst das kraftvolle Manifest. "Sie ist unsere beste Chance auf Fairness und Gerechtigkeit. Indem wir diese Bewegung unterstützen, können wir ein Land aufbauen, das sein Versprechen auf Freiheit, Einheit und Sicherheit erfüllt. Für uns alle – ohne Ausnahme."

Jüdinnen und Juden bei den Black-Lives-Matter-Protesten (imago images / Pacific Press Agency)Jüdinnen und Juden bei den Black-Lives-Matter-Protesten (imago images / Pacific Press Agency)

Ausgrenzung von "Jews of Color"

"Ein echt starkes Zeichen", erinnert sich Sandra Lawson aus Elon im Bundesstaat North Carolina:

"Es zeigt die überwältigende Unterstützung jüdischer Gemeinden, sich zur Gerechtigkeit für alle zu bekennen und die nötige Arbeit zu leisten, um vorwärts zu kommen."

Sandra Lawson ist schwarz. Und sie gehört zu jener Minderheit, die sich "Jews of Color" nennt. Wie die USA im Laufe der letzten 60 Jahre insgesamt, ist auch die jüdische Gemeinschaft des Landes immer vielfältiger geworden: Heute sind gemäss einer Studie der kalifornischen Stanford University 12 bis 15 Prozent der amerikanischen Juden nicht-weiß: ob durch Geburt, Adoption, Heirat oder Konversion. "Jews of Color" erfahren den Rassismus der Weißen nicht nur ausserhalb der jüdischen Gesellschaft, sagt Lawson, die als Rabbinerin an der Elon University tätig ist. "Jews of Color" erleben Ausgrenzung und Zurückweisung auch in ihren Synagogen und Gemeindehäusern:

"Wissen Sie, mir bricht das Herz, wenn ich Anrufe von ‚Jews of Color‘ erhalte, die in mehrheitlich weißen Synagogen beten und sich weder gehört, unterstützt, geschweige denn verstanden fühlen."

Auch Lawson selber erhält als schwarze Rabbinerin immer wieder verletzende Signale, "nicht jüdisch genug" zu sein.

"Ja, das nervt gewaltig! Als Schwarze in den USA geboren, braucht es viel, um mich mit rassistischen Kommentaren zu überraschen. Aber naiverweise glaubte ich tatsächlich für einen Moment, es genüge, zum Judentum überzutreten. Bis mich die Realität eingeholt hat."

Gemeinden setzen sich mit Rassismus auseinander

In den letzten Monaten zeichnet sich allerdings ein Wandel ab. Landauf, landab sind jüdische Gemeinden daran, sich mit dem Rassismus in ihren eigenen Reihen auseinanderzusetzen. Keine leichte Aufgabe – versteht sich doch die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung der Vereinigten Staaten als liberal. Rund zwei Drittel stimmen regelmäßig demokratisch, sagt Marc Dollinger, Professor für Jüdische Geschichte an der San Francisco State University:

"Zum Beispiel die ständigen Fragen, mit denen dunkelhäutige Juden konfrontiert werden. ‚Warum sind Sie hier? ‘, ‚Woher kommen Sie? ‘ Und dann die ewig gleichen Geschichten, von denen die ‚Jews of Color‘ berichten: Mal werden sie mit dem Personal verwechselt, mal drückt ihnen jemand eine Abfalltüte in die Hand oder einen Teller mit der Bitte, nachzufüllen."

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"Wenn wir nicht zusammenarbeiten, gehen wir unter"

Doch nicht nur auf jüdischer Seite kommt in letzter Zeit ein ernsthafter Lernprozess in Gang. Auch in der afroamerikanischen Community, so Cheryl Greenberg, Geschichtsprofessorin am Trinity College in Hartford, Connecticut, hat die Suche nach blinden Flecken im eigenen Denken und Verhalten begonnen. Mit Ausnahme des Rappers Ice Cube haben sich in den letzten Monaten etliche schwarze Prominente aus Sport und Unterhaltung öffentlich für antisemitische Kommentare entschuldigt. Nach antisemitischen Tweets hat die schwarze Bürgerrechtsorganisation NAACP ihren Geschäftsführer in Baltimore gefeuert. Auch gemeinsame Projekte zwischen schwarzen und jüdischen Gruppen nehmen neuerdings wieder zu, wobei offenbar beide Seiten darum bemüht sind, sich nun auf Gemeinsamkeiten zu konzentrieren und Reizthemen wie den Nahostkonflikt zu meiden:

Greenberg: "Erst kürzlich kündigte das American Jewish Committee ein schwarz-jüdisches Projekt an. Im Kongress schufen Schwarze und Juden vor einem Jahr einen gemeinsamen Ausschuss. Die schwarze NAACP und die jüdische Anti-Defamation League wollen vermehrt kooperieren. Ich selber habe in einigen Synagogen gesprochen, die gezielt mit schwarzen Kirchen zusammenarbeiten möchten. Einige tun dies bereits seit Jahren. Für andere ist es neu. Aber ich sehe auf ganz unterschiedlichen Ebenen, dass beide Minderheiten sagen: Dies ist wirklich ein Kampf um unser Leben, ein Kampf für grundlegende Gerechtigkeit. Wenn wir jetzt nicht zusammenarbeiten, gehen wir getrennt unter."

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"Ich erwarte mehr Gewalt von Rechtsextremisten"

Wie ernst die Lage ist, belegen die Statistiken führender Extremismus-Fachleute: Schwarze und Juden sind nicht erst seit dem Großaufmarsch der Rechtsradikalen in Charlottesville vor drei Jahren die häufigsten Opfer von Hassverbrechen. Zudem warnte der Direktor der Homeland Security erst unlängst in einer Anhörung vor dem Senat, "dass weiße Rechtsextremisten die hartnäckigste und tödlichste Bedrohung und das größte Risiko für die amerikanische Öffentlichkeit" darstellten. Die Prognosen in Hinblick auf die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen sind daher düster.

Heidi Beirich vom Global Project Against Hate and Extremism in Ellyah, Georgia, ist eine der besten Extremismus-Forscherinnen der USA. Sie warnt:

"Ich erwarte, dass wir mehr Gewalt von rechtsextremistischen Zirkeln sehen werden, unabhängig davon, wie die Wahlen ausgehen. Gewinnt Biden, werden viele dieser weißen Rechtsextremen denken, die USA seien auf ewig an Diversität und kulturelle Vielfalt verloren und die einzige Art, dies zu bekämpfen, seien terroristische Anschläge, Hassverbrechen, etc. Gewinnt dagegen Trump, könnten sich Rechtsextremisten ermutigt fühlen und deshalb gewalttätig werden. Nach Trumps Wahlsieg vor vier Jahren sahen wir die ersten zehn Tage eine Zunahme von nahezu tausend Hassverbrechen, begangen von Leuten, die das Wahlergebnis feierten und Minderheiten zusammenschlugen. In vielen Fällen brüllten sie dabei den Namen Trump. Sie waren begeistert über das Wahlergebnis und gingen davon aus, dass der Präsident ihre hasserfüllten Ansichten teilt."

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