Sie beruft sich im Falle von Frédéric Chopin auf den Komponisten und argumentiert: Der Meister selbst habe seine Klavierkonzerte, aber auch seine vier übrigen großen Konzertstücke nicht nur in der Orchesterfassung zu Papier gebracht, sondern auch in Ausgaben für Klavier solo. Nur wisse das kaum jemand. Heute soll das anders werden. Falk Häfner begrüßt Sie recht herzlich am Mikrofon.
CD Michna II
Tr. 3 Frédéric Chopin: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1, e-Moll
daraus: Rondo
2:30 Fassung für Klavier solo
Der Pianist als Orchester, Dirigent und Solist in Personalunion: Den Kulturpolitikern, die hier finanzielles Sparpotenzial wittern, sei umgehend der Wind aus den Segeln genommen: Solofassungen wie diese haben musikalisch ihre Grenzen. Und sind nicht in erster Linie dazu gedacht, Geld zu sparen, sondern, die Musik populärer zu machen und auch außerhalb des Konzertsaales zum Klingen zu bringen. Das war zu Chopins Zeit gängige Praxis. Üblicherweise gab es Konzerte für Klavier und Orchester auch als in Fassungen für Streichquartett (oder -quintett) und Klavier; für zwei Klaviere oder eben für Klavier allein. Chopin selbst hat einige solcher Einrichtungen angefertigt oder autorisiert, andere stammen von Komponisten aus seinem Freundeskreis. Nur, bekannt und gebräuchlich sind sie heute kaum noch. dass man Chopins e-Moll-Klavierkonzert auch ohne Orchester, dafür aber mit dem Segen des Urhebers spielen kann, darauf kam die polnische Pianistin Joanna Michna per Zufall. Während einer Konzertreise in Warschau fiel ihr ein Plakat ins Auge, auf dem für Chopins 1. Klavierkonzert geworben wurde, gespielt nur von einem Pianisten. Michna besorgte sich die Noten von den Herausgebern der polnischen Urtextedition. An ihr arbeitet der polnische Pianist und Musikwissenschaftler Jan Ekier seit 1959. Einst, im Jahre 1937, war er selbst Gewinner des berühmten Chopin-Wettbewerbs in Warschau. Später machte er sich die kritische Werkausgabe der Kompositionen Frédéric Chopins zur Lebensaufgabe. In Hinblick auf die Bearbeitungen vermutet Ekier, dass mit dem Verkauf der Werke an seine Verleger auch die Einwilligung des Komponisten zu jeder Art von Neu-Arrangement verbunden war. In die neue polnische Ausgabe aufgenommen wurden aber nur die Fassungen, die nachweislich das Placet des Meisters hatten.
CD Michna II
Tr. 3 Frédéric Chopin: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1, e-Moll
daraus: Rondo
0:45 Fassung für Klavier solo
Bis heute ist es weithin üblich, Chopin nach der von Ignaz Paderewski herausgegebenen Ausgabe zu spielen. Die tatsächlichen Bearbeiter aber waren aber Jozef Turczynsky und Ludwik Bronarski. Und die, so überzeugte sich Joanna Michna beim Vergleich der unterschiedlichen Ausgaben, nahmen sich doch recht große Freiheiten, was Phrasierung, Pedalisierung, Dynamik und sogar die Harmonien betrifft.
Für die neue polnische Ausgabe griffen die Mitstreiter um Jan Ekier auf alle verfügbaren Quellen zurück: auf Autografe, auf von Chopin korrigierte Stichvorlagen und von ihm benutztes Unterrichtsmaterial. Insgesamt sind dies über 4000 Quellen, was erklärt, warum die Arbeit an der Ausgabe seit 1959 andauert.
Die polnischen Musikwissenschaftler unterscheiden bei ihrer Ausgabe in A-und B-Serie. In der A-Serie sind alle die Werke versammelt, die bereits zu Lebzeiten von Chopin erschienen und von ihm selbst für den Druck vorbereitet wurden, 162 an der Zahl. In der B-Serie finden sich alle diejenigen Werke Chopins, die erst posthum herauskamen. Hier sind es immerhin 69. Und noch etwas ist speziell bei dieser sogenannten National-Edition: Das polnische Team macht Chopins Originaltext kenntlich, indem es für die Herausgeber-Einlassungen eine andere Schriftart wählt. Außerdem wird der Notentext von Kommentaren begleitet. Darüber hinaus sollen Briefzitate und Schilderungen von Chopins Schülern dem Pianisten ein möglichst umfassendes Bild der Quellenlage liefern.
Noch immer sind die polnischen Urtextausgaben nicht vollständig im Druck erschienen. Joanna Michna hat aber Einblick in die Druckfahnen bekommen und danach die Werke eingespielt. Hier jetzt ein direkter Vergleich: Zuerst ein Ausschnitt aus der Solofassung des Krakowiak in F-Dur von Chopin, danach die gleiche Passage mit Klavier und Orchester...
Michna, CD I/ Tr. 1
2:25 Frédéric Chopin: Krakowiak. Grand Rondo de Concert, op. 14
Fassung für Klavier solo
Joanna Michna, Klavier
Joanna Michna spielte aus der Solofassung des F-Dur-Rondos von Chopin. Und jetzt hören wir Claudio Arrau mit derselben Stelle dieser auch als "Krakowiak" bekannten Komposition, diesmal mit Orchester:
Archiv-Nr.: 6016021
Arrau CD 2 / Tr. 4
2:15 Frédéric Chopin: Krakowiak. Grand Rondo de Concert, op. 14
Claudio Arrau, Klavier
London Philhamonic Orchestra
Leitung: Eliahu Inbal
Freilich: Die Farben, die in der Orchesterfassung allein durch Zusammenspiel und Wechsel der Instrumente entstehen, diese Farben kann das Klavier allein nicht bieten. Andererseits spürt man im Orchesterpart doch deutlich, dass hier ein Solist, ein Virtuose komponierte. Anders als zum Bsp. in Mozarts Klavierkonzerten sind Solist und Orchester hier keinesfalls ebenbürtige Partner in einem gleichberechtigten Dialog. Das Orchester bietet bei Chopin in erster Linie ein harmonisches Tragwerk in konventioneller Statik und Konstruktion. Das Hauptaugenmerk gilt dem Solisten. Ihm wird musikalisch eine Art roter Teppich ausgerollt. Nichts soll ablenken vom filigranen und virtuos-eleganten Klavierpart. Chopins sechs große Orchesterwerke sind zwischen 1827 und 1831 entstanden. Dazu gehören neben den beiden bekannten Klavierkonzerten in e- und f-Moll und dem eben gehörten "Rondo à la Krakowiak, op. 14" auch die Variationen über Mozarts "Là ci darem la mano", op. 2, die Fantasie über polnische Lieder, op. 13 und die Grande Polonaise op. 22.
Werke für Klavier und Orchester zu komponieren, war wohl in erster Linie eine Maßnahme, die den Zeitgeschmack bediente, weniger eine Herzensangelegenheit Chopins. Ein junger Komponist und Pianist von Format hatte sich damals eben auch mit Konzerten seinem Publikum vorzustellen. Aber Chopin scheute den großen öffentlichen Auftritt und hat seine Konzerte nur wenige Male selbst aufgeführt. Seine Welt waren die Salons, wo sich, wie Alfred Cortot es nannte, "das seltene Wunder des Berühmtwerdens unter Ausschluss der Öffentlichkeit" vollzog. Die Solofassungen passten in diesen eher privaten Rahmen und entsprachen seinem Naturell. Und sie haben natürlich einen Vorteil: Auf einen Dirigenten, auf ein ganzes Orchester hat man hier nicht zu achten. Das weiß auch Joanna Michna zu schätzen. Sie leistet sich einige Freiheiten, die wohl im Zusammenspiel mit einem Orchester kaum möglich wären, ohne dass das Ensemble auseinander bricht. Auch den Orchesterpart behandelt sie teilweise recht "solistisch". Wenn allerdings Chopins Kompositionen in diesen Solofassungen als sehr intime Musik erscheinen, liegt das auch an der Aufnahmetechnik. Die Künstlerin und ihr Tonmeister haben sich für einen akustisch kleinen Raum entschieden und einen Klang kreiert, der eher Salonatmosphäre transportiert als die eines großen Konzertsaals. Ausgesprochen rhapsodisch legte Chopin seine Variationen über Mozarts "Don Giovanni"- Thema an. Wer dieses "Reich mir die Hand, mein Leben" selbst zum Leben erwecken will, braucht nicht nur pianistisch versierte Finger, sondern auch langen Atem (das Stück dauert immerhin fast 23 Minuten...!), und er braucht Mut zum freien Spielen. All das bringt Joanna Michna mit.
CD 1 / Tr. 4 Michna
4:10 Frédéric Chopin: Variationen über "La ci darem la mano", op. 2
Joanna Michna, Klavier
In jedem Falle sind die Solobearbeitungen dieser ursprünglich für Klavier und Orchester gedachten Literatur eine Bereicherung. Sie sind leichter aufzuführen als die originalen Konzertstücke, sie bieten mehr interpretatorische Freiheit und sie machen teilweise mit Repertoire bekannt, das kaum gespielt wird. Ein außergewöhnlicher und auch musikalisch überzeugender Beitrag zum Chopin-Jahr 2010. Gesorgt hat dafür die polnische Pianistin Joanna Michna. Beim Label ELISIO ist diese Gesamtaufnahme aller Kompositionen für Klavier und Orchester in der Solofassung für Klavier herausgekommen. Diese Ersteinspielung empfohlen hat Ihnen Falk Häfner.
CD Michna II
Tr. 3 Frédéric Chopin: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1, e-Moll
daraus: Rondo
2:30 Fassung für Klavier solo
Der Pianist als Orchester, Dirigent und Solist in Personalunion: Den Kulturpolitikern, die hier finanzielles Sparpotenzial wittern, sei umgehend der Wind aus den Segeln genommen: Solofassungen wie diese haben musikalisch ihre Grenzen. Und sind nicht in erster Linie dazu gedacht, Geld zu sparen, sondern, die Musik populärer zu machen und auch außerhalb des Konzertsaales zum Klingen zu bringen. Das war zu Chopins Zeit gängige Praxis. Üblicherweise gab es Konzerte für Klavier und Orchester auch als in Fassungen für Streichquartett (oder -quintett) und Klavier; für zwei Klaviere oder eben für Klavier allein. Chopin selbst hat einige solcher Einrichtungen angefertigt oder autorisiert, andere stammen von Komponisten aus seinem Freundeskreis. Nur, bekannt und gebräuchlich sind sie heute kaum noch. dass man Chopins e-Moll-Klavierkonzert auch ohne Orchester, dafür aber mit dem Segen des Urhebers spielen kann, darauf kam die polnische Pianistin Joanna Michna per Zufall. Während einer Konzertreise in Warschau fiel ihr ein Plakat ins Auge, auf dem für Chopins 1. Klavierkonzert geworben wurde, gespielt nur von einem Pianisten. Michna besorgte sich die Noten von den Herausgebern der polnischen Urtextedition. An ihr arbeitet der polnische Pianist und Musikwissenschaftler Jan Ekier seit 1959. Einst, im Jahre 1937, war er selbst Gewinner des berühmten Chopin-Wettbewerbs in Warschau. Später machte er sich die kritische Werkausgabe der Kompositionen Frédéric Chopins zur Lebensaufgabe. In Hinblick auf die Bearbeitungen vermutet Ekier, dass mit dem Verkauf der Werke an seine Verleger auch die Einwilligung des Komponisten zu jeder Art von Neu-Arrangement verbunden war. In die neue polnische Ausgabe aufgenommen wurden aber nur die Fassungen, die nachweislich das Placet des Meisters hatten.
CD Michna II
Tr. 3 Frédéric Chopin: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1, e-Moll
daraus: Rondo
0:45 Fassung für Klavier solo
Bis heute ist es weithin üblich, Chopin nach der von Ignaz Paderewski herausgegebenen Ausgabe zu spielen. Die tatsächlichen Bearbeiter aber waren aber Jozef Turczynsky und Ludwik Bronarski. Und die, so überzeugte sich Joanna Michna beim Vergleich der unterschiedlichen Ausgaben, nahmen sich doch recht große Freiheiten, was Phrasierung, Pedalisierung, Dynamik und sogar die Harmonien betrifft.
Für die neue polnische Ausgabe griffen die Mitstreiter um Jan Ekier auf alle verfügbaren Quellen zurück: auf Autografe, auf von Chopin korrigierte Stichvorlagen und von ihm benutztes Unterrichtsmaterial. Insgesamt sind dies über 4000 Quellen, was erklärt, warum die Arbeit an der Ausgabe seit 1959 andauert.
Die polnischen Musikwissenschaftler unterscheiden bei ihrer Ausgabe in A-und B-Serie. In der A-Serie sind alle die Werke versammelt, die bereits zu Lebzeiten von Chopin erschienen und von ihm selbst für den Druck vorbereitet wurden, 162 an der Zahl. In der B-Serie finden sich alle diejenigen Werke Chopins, die erst posthum herauskamen. Hier sind es immerhin 69. Und noch etwas ist speziell bei dieser sogenannten National-Edition: Das polnische Team macht Chopins Originaltext kenntlich, indem es für die Herausgeber-Einlassungen eine andere Schriftart wählt. Außerdem wird der Notentext von Kommentaren begleitet. Darüber hinaus sollen Briefzitate und Schilderungen von Chopins Schülern dem Pianisten ein möglichst umfassendes Bild der Quellenlage liefern.
Noch immer sind die polnischen Urtextausgaben nicht vollständig im Druck erschienen. Joanna Michna hat aber Einblick in die Druckfahnen bekommen und danach die Werke eingespielt. Hier jetzt ein direkter Vergleich: Zuerst ein Ausschnitt aus der Solofassung des Krakowiak in F-Dur von Chopin, danach die gleiche Passage mit Klavier und Orchester...
Michna, CD I/ Tr. 1
2:25 Frédéric Chopin: Krakowiak. Grand Rondo de Concert, op. 14
Fassung für Klavier solo
Joanna Michna, Klavier
Joanna Michna spielte aus der Solofassung des F-Dur-Rondos von Chopin. Und jetzt hören wir Claudio Arrau mit derselben Stelle dieser auch als "Krakowiak" bekannten Komposition, diesmal mit Orchester:
Archiv-Nr.: 6016021
Arrau CD 2 / Tr. 4
2:15 Frédéric Chopin: Krakowiak. Grand Rondo de Concert, op. 14
Claudio Arrau, Klavier
London Philhamonic Orchestra
Leitung: Eliahu Inbal
Freilich: Die Farben, die in der Orchesterfassung allein durch Zusammenspiel und Wechsel der Instrumente entstehen, diese Farben kann das Klavier allein nicht bieten. Andererseits spürt man im Orchesterpart doch deutlich, dass hier ein Solist, ein Virtuose komponierte. Anders als zum Bsp. in Mozarts Klavierkonzerten sind Solist und Orchester hier keinesfalls ebenbürtige Partner in einem gleichberechtigten Dialog. Das Orchester bietet bei Chopin in erster Linie ein harmonisches Tragwerk in konventioneller Statik und Konstruktion. Das Hauptaugenmerk gilt dem Solisten. Ihm wird musikalisch eine Art roter Teppich ausgerollt. Nichts soll ablenken vom filigranen und virtuos-eleganten Klavierpart. Chopins sechs große Orchesterwerke sind zwischen 1827 und 1831 entstanden. Dazu gehören neben den beiden bekannten Klavierkonzerten in e- und f-Moll und dem eben gehörten "Rondo à la Krakowiak, op. 14" auch die Variationen über Mozarts "Là ci darem la mano", op. 2, die Fantasie über polnische Lieder, op. 13 und die Grande Polonaise op. 22.
Werke für Klavier und Orchester zu komponieren, war wohl in erster Linie eine Maßnahme, die den Zeitgeschmack bediente, weniger eine Herzensangelegenheit Chopins. Ein junger Komponist und Pianist von Format hatte sich damals eben auch mit Konzerten seinem Publikum vorzustellen. Aber Chopin scheute den großen öffentlichen Auftritt und hat seine Konzerte nur wenige Male selbst aufgeführt. Seine Welt waren die Salons, wo sich, wie Alfred Cortot es nannte, "das seltene Wunder des Berühmtwerdens unter Ausschluss der Öffentlichkeit" vollzog. Die Solofassungen passten in diesen eher privaten Rahmen und entsprachen seinem Naturell. Und sie haben natürlich einen Vorteil: Auf einen Dirigenten, auf ein ganzes Orchester hat man hier nicht zu achten. Das weiß auch Joanna Michna zu schätzen. Sie leistet sich einige Freiheiten, die wohl im Zusammenspiel mit einem Orchester kaum möglich wären, ohne dass das Ensemble auseinander bricht. Auch den Orchesterpart behandelt sie teilweise recht "solistisch". Wenn allerdings Chopins Kompositionen in diesen Solofassungen als sehr intime Musik erscheinen, liegt das auch an der Aufnahmetechnik. Die Künstlerin und ihr Tonmeister haben sich für einen akustisch kleinen Raum entschieden und einen Klang kreiert, der eher Salonatmosphäre transportiert als die eines großen Konzertsaals. Ausgesprochen rhapsodisch legte Chopin seine Variationen über Mozarts "Don Giovanni"- Thema an. Wer dieses "Reich mir die Hand, mein Leben" selbst zum Leben erwecken will, braucht nicht nur pianistisch versierte Finger, sondern auch langen Atem (das Stück dauert immerhin fast 23 Minuten...!), und er braucht Mut zum freien Spielen. All das bringt Joanna Michna mit.
CD 1 / Tr. 4 Michna
4:10 Frédéric Chopin: Variationen über "La ci darem la mano", op. 2
Joanna Michna, Klavier
In jedem Falle sind die Solobearbeitungen dieser ursprünglich für Klavier und Orchester gedachten Literatur eine Bereicherung. Sie sind leichter aufzuführen als die originalen Konzertstücke, sie bieten mehr interpretatorische Freiheit und sie machen teilweise mit Repertoire bekannt, das kaum gespielt wird. Ein außergewöhnlicher und auch musikalisch überzeugender Beitrag zum Chopin-Jahr 2010. Gesorgt hat dafür die polnische Pianistin Joanna Michna. Beim Label ELISIO ist diese Gesamtaufnahme aller Kompositionen für Klavier und Orchester in der Solofassung für Klavier herausgekommen. Diese Ersteinspielung empfohlen hat Ihnen Falk Häfner.